Sieben und Dreyssigstes Kapitel.

[133] Wie Pantagruel die Hauptleut Worstmüffel und Spaltendarm holen ließ, nebst einem lehrreichen Discurs von Leut- und Ortsnamen.


Der Schluß des Rathes war, sie wollten für alle Fäll auf ihrer Huth seyn. Da ließ Pantagruel durch Gymnasten und Karpalim die Kriegsleut von dem Stauffen-Schiff, deren Oberster Worstmüffel war, und vom Butten-Schiff rufen, deren Oberst Spaltendarm der Jüngere war. Ich werd Gymnasten die Müh ersparen, sprach Panurg; er ist euch so hie unentbehrlich. – Bey meiner Kutt! rief Bruder Jahn, du wilt dich aus dem Treffen drücken auf nimmer Wiederkehren, Cujy, so wahr ich leb! Nu, nu, der Schad wär just so groß nicht: denn Er thät doch nix als daß er jammert', heult' und schrie, und uns die guten Soldaten verschüchert'. – Doch! sprach Panurg, gewiß, ich komm wieder, Bruder Jahn, mein geistlich Vater! und bald. Nehmt nur die Schiff in Acht, daß diese widerwärtigen Würst die nicht erklettern! Während des Treffens werd ich zu Gott für euch um Sieg flehn, nach Mosis Beyspiel des tapfern Hauptmanns und Führers der Kinder Israel.

Diese Namen, sprach Epistemon zum Pantagruel, von euern beyden Obersten Worstmüffel und Spaltendarm, verheissen uns die Oberhand und gutes Siegsglück in diesem Strauß, wofern uns die Würst attakiren sollten. – Ihr deutets wohl, antwortet' ihm Pantagruel, und ist mir lieb daß ihr aus unsrer Obersten Namen uns Sieg weissagt und auguriret. Dergleichen Namens-Prognostica sind nicht von heut: schon ehedem sind sie im Brauch, und durch den Glauben der Pythagoräer geheiligt gewesen. Mehrere[133] Fürsten und hohe Herren haben weiland guten Nutzen daraus gezogen.

Octavianus Augustus, anderer Kaiser in Rom, als er einst einem Bauer begegnet' namens Eutychus, (das ist der Glückliche,) der einen Esel namens Nikon (das ist auf Griechisch, Sieger) trieb, ward durch Bedeutung dieser Namen sowohl des Treibers als des Esels, zu festem Glauben alles Glücks und Wohlergehens, und Siegs bewogen. Vespasianus, gleichfalls Römischer Kaiser, als er eines Tages ganz allein im Tempel des Serapis betet', und unversehens seinen Diener namens Basilides, (das ist der Königliche) den er krank weit hinter ihm verlassen hätt, eintreten und erscheinen sah, schöpft' aus dem Anblick dieses Menschen gewisse Hoffnung und Zuversicht daß er einst Herr von Rom würd werden. Den Regilianus zum Kaiser zu wählen bewog die Soldaten kein anderer Grund noch Anlaß als seines Namens Bedeutung. Sehet hierüber den Kratylus des göttlichen Plato. (– Bey meiner durstigen Kehl! rief hier Rhizotomus, ich will ihn auch lesen, weil ihr ihn uns so oft zitirt. –)

Bemerket, wie die Pythagoräer aus Berechnung der Namen und Zahlen schliessen: daß Patroklus durch Hektorn, Hektor durch Achillen, Achilles durch Paris, Paris durch Philokteten sterben mußt. Ich werd schier irr in meinem Verstand, wenn ich an diese wunderbare Erfindung des Pythagoras denk, der aus eines jeden Eigennamens gleich- oder ungleicher Sylbenzahl angab auf welcher Seit ein Mensch lahm, blind, contrakt, gichtbrüchig, bucklich, pleuritisch oder mit einem andern solchen Naturgebrechen behaftet wär: indem er nämlich die gleiche Zahl der linken Seit des Leibes zutheilt', der rechten die ungleiche. Davon hab ich, sprach Epistemon, meiner Treu! das Beispiel selbst in Xaintes erlebt bey einem allgemeinen Umgang im Beysein des so guten, biedern, gelahrten und gerechten Herren Präsidenten Briend Vallee von Douhet. Wenn ein Lahmer, ein Blinder, ein Bucklicher, Mann oder Weib, an ihm vorbey kam, sagt' man ihm ihre Namen an: und wenn die Zahl der Sylben des Namens ungleich war, alsbald,[134] ohn die Person zu sehen, sagt' er daß sie gebrechlich, blind, lahm, bucklich auf der rechten Seit wär; wenn aber gleich, auf der linken Seit. Und also wars auch stets ohn Ausnahm; wir habens nimmer anders erfunden.

Aus dieser Erfindung, sprach Pantagruel, haben die Gelehrten behauptet daß Paris Pfeil den knieenden Achilles in die rechte Fers verwundet; denn seines Namens Sylben sind ungleich. (Merket hie, es knie'ten die Alten mit dem rechten Fuß:) daß Venus vor Troja vom Diomedes in die linke Hand blessirt ward, denn griechisch hat ihr Nam vier Sylben: Vulkan lahm auf dem linken Fuß war, aus gleicher Ursach: Philipp König von Mazedonien, und Hannibal blind auf dem rechten Aug. Und so könnten wir auch die Brüch und Leibesschäden, Kopf- und Hüftweh auf Pythagorisch specifiziren.

Doch, wiederum auf die Namen zu kommen, bedenket wie Alexander der Grosse, des nurgedachten Philipps Sohn, durch Deutung eines einigen Namens sein Unternehmen ins Werk geführt. Er belägert' die feste Stadt Tyrus, und bestürmt' sie aus aller Macht schon viele Wochen lang; allein vergebens. Seine Wurfmaschinen und Molitionen halfen ihm nichts: ward alles von den Tyriern bald demolirt und frisch verschanzet. Also daß er die Belägrung schon voller Unmuths aufzuheben willens war, denn er sah wohl daß dieser Handel ihm seinen Ruhm bedeutend schmälert'. In dieser Klemm und Unlust schlief er ein. Im Schlaf träumt' ihm, er säh in seinem Zelt einen Satyr auf seinen Ziegenfüssen hinundwieder hopsen und tanzen. Alexander wollt ihn fahn, der Satyr aber entwich ihm allzeit. Endlich jagt' ihn der König dennoch in einen Winkel und erwischt' ihn. Damit erwacht' er, und erzählt' den Philosophen und Gelehrten an seinem Hof den Traum. Von denen vernahm er daß die Götter ihm den Sieg verhiessen und Tyrus bald würd erobert werden, denn dieß Wort Satyros, wenn man es in zwey theilt, lautet sa Tyros, das ist: Dein Tyrus. Auch nahm er in der That die Stadt beym ersten Anlauf den er thät, mit Sturm, und macht' dieß rebellische Volk durch völligen Sieg ihm unterwürfig.

Bedenket nun auch gegentheils wie über eines Namens Bedeutung Pompejus in Verzweiflung fiel. Vom Cäsar[135] im Pharsalischen Treffen geschlagen, sah er kein andres Heil mehr als in der Flucht. Er floh zur See auf die Insel Cypern. Bey der Stadt Paphos sah er am Ufer ein schönes prächtiges Schloß stehn; frug den Steuermann wie man dieß Schloß hieß: da erfuhr er, sie hiessens Κακοβασιλέα (Kakobasilea) das ist, Schlimm-König. Bey diesem Namen überfiel ihn solch Schrecken und Grausen, daß er verzweifelt'; denn es war ihm nun ausgemacht daß er nicht lang sein Leben mehr würd fristen können. Also daß alle Passagier und Schiffer sein Schreyen, Seufzen und Stöhnen hören konnten. Auch schlug ihm wirklich bald darauf ein unbekannter Bauersmann namens Achillas den Kopf herunter.

Hiebey möchten wir auch noch erwähnen was dem Lucius Paulus Aemilius wiederfuhr, als ihn der Römische Senat zum Imperator oder Feldherrn des Heeres das sie gegen Perses, König in Macedonien sandten, erwählt hätt. Als derselb' am Abend dieses Tages in sein Haus kam, zum Abzug sich zu rüsten, und sein kleines Töchterlein, mit Namen Tratia küßte, sah er daß sie ein wenig traurig war; frug also: Was ist dir meine Tratia? Warum bist du so traurig und schweigsam? – Vater, sprach sie, Persa ist todt. – Dieß war der Nam ihres Schoßhündleins. Auf dieses Wort hielt Paulus sich des Sieges über Perses versichert. Wenn es die Zeit erlaubt' daß wir die heiligen Schriften der Ebräer durchforschen möchten, wollten wir wohl hundert erhebliche Stellen finden, zu deutlichem Beweis wie fromm und gläubig sie auf Eigennamen und deren Bedeutung gehalten haben.

Als der Discurs zu End war, kamen die beyden Obersten mit den Soldaten, ganz wohl gewappnet und kampfbereit. Pantagruel ermahnt' sie kürzlich sich in dem Treffen tapfer zu halten, wenn sie ja doch gezwungen wären, (denn noch konnt er nimmer glauben daß die Würst also treulos wären) nebst Verbot den Sturm zu beginnen: und gab ihnen Karneval zur Parol.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 133-136.
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