Zwey und Dreyssigstes Kapitel.

[120] Fernere Specialien Fastnachts.


Man sieht und hört sein blaues Wunder, fuhr Xenomanes weiter fort, an Fastnachts Lebensart. Wenn er ausspie, warens Körb voll Artischocken.

Wenn er sich schneuzet', warens Salz-Ael.

Wenn er heult', warens Enten mit kurzer Brüh.

Wenn er zittert', warens grosse Hasenpasteten.

Wenn er schwitzt', wars Stockfisch mit frischer Butter.

Wenn er rülpst', warens Austern in Schaalen.

Wenn er niest', warens Tonnen Senf.

Wenn er hustet', warens Büchsen mit Quitten-Marmelad.

Wenn er schluchs't, warens Kressen-Bündlein.

Wenn er jähnt', warens Töpf voll Erbsbrey.

Wenn er seufzt', warens geräucherte Ochsenzungen.

Wenn er puhstet', warens Hucken voll grüner Affen.

Wenn er schnarcht', warens Kummen voll Bohnen- Stampf.

Wenn er schmollt', warens Schweinsfüß in Schmalz.

Wenn er sprach, wars grob Auvergnisch Sacktuch, und just kein' Chamois-Seid, daraus Parysatis die Wort derer, die mit ihrem Sohne Cyrus dem Perserkönig redeten, gewebt wollt wissen.

Wenn er blies, warens Ablaß-Schrein'.

Wenn er mit den Augen schielt', warens Waffeln und Oblaten.

Wenn er brummt', warens Märzkätzlein.

Wenn er mit dem Kopf lottelt', warens eingemachte Kellerstufen.

Wenn ers Maul schief zog, warens Winkelhaken.

Wenn er murmelt', warens Bazochen-Spiel'.

Wenn er strampft', warens Stundbrief und Quinquennellen.

Wenn er ärschlings ging, warens Meerkatzraben.

Wenn er geifert', warens Bannöfen.[121]

Wenn er heischer war, warens Moreskentänz.

Wenn er farzt', warens Lersen von brauner Kühhaut.

Wenn er fistet', warens Corduan-Stieflein.

Wenn er sich kraut', warens neue Edict.

Wenn er sang, warens Schoten-Erbsen.

Wenn er kackt', warens Morcheln und Erdschwämm.

Wenn er faucht', wars Kohl mit Oehl, alias Caules amb'olif.

Wenn er nachdacht, wars Schnee vom vorigen Jahr.

Wenn er sich grämt', war's ein Pfifferling.

Wenn er was gab, warens faule Fisch.

Wenn er träumt', warens steife Schwänz, die wider die Wänd im Sturm anliefen.

Wenn er dämmert', warens Pfandbrief.

Seltsam! faulenzend arbeit' er; faulenzt' arbeitend. Korybanzt' schlafend; schlief korybanzend, mit offenen Augen, wie die Hasen in Champagne, aus Furcht eines nächtlichen Ueberfalles seiner Erbfeindinnen, der Würst. Lacht' beissend; biß lachend. Hungert' fastend; fastet hungernd. Knuspert' in Gedanken; trank in der Einbildung. Badet' sich auf den höchsten Thürnen; trocknet sich in den Flüssen und Teichen. Fischt' in der Luft, und fing allda decumanische Krebs. Jagt' auf dem untersten Boden des Meers und fand da Ybschen, Steinböck und Gemsen. Allen Krähen, die man in Duckdich fing, hackt' er gemeinlich die Augen aus. Furcht sich vor nichts als seinem Schatten, und dem Geschrey der feisten Zicklein. An manchen Tagen thät er nichts als Pflastertreten. Profanirt' die Heiligenbein der Heiligen. Aus seiner Faust macht' er einen Schlägel. Schrieb auf zottlich Pergament mit seinem dicken Federkengel Kalender und Prognostica.

Seht mir den Schalk, rief Bruder Jahn: der ist mein Mann; so Einen such ich. Morgen schick ich ihm mein Cartell. – Nun wahrlich, sprach Pantagruel, ein seltsam[122] und unförmlich Stück von einem Menschen! wenn ich ihn ja Mensch nennen soll. Ihr bringt mir da die Form und Bildung des Amoduns und der Verkehrtheit ins Angedenken. – Was für 'ne Form und Bildung war das? frug Bruder Jahn; ich hab davon, verzeih mirs Gott! nie reden hören.

Ich will euch, antwort Pantagruel, erzählen was ich ehedem in alten Mähren darüber gelesen. Physis (das ist Natur) gebar in ihrem ersten Kindbett Schönheit und Harmoni, ohn fleischliche Beywohnung; wie sie von selbst gar fruchtbar und ergiebig ist. Antiphysis, von ewigen Zeiten die Widersacherinn der Natur, ward auf so schöne, würdige Kinder flugs neidisch, und gebar dagegen den Amoduns und die Verkehrtheit durch Beywohnung des Tellumon. Ihre Köpf waren kugelförmig und ganz rund wie ein Ball, nicht sanft zu beyden Seiten eingedruckt, wie bey den Menschen: die Ohren lang, und hochgereckt wie Eselsohren. Die Augen stunden ihnen weit vorm Kopf, auf Knochen gleich Fersenbeinen; ohn Augenbrauen, und so hart wie bey den Krebsen. Die Füß knäulrund; die Arm und Händ zurückgebogen nach den Schultern. Und gingen alles auf den Köpfen, schlugen Räder in einem fort, Steiß über Kopf, die Bein zu Berg.

Und, wie ihr wißt daß den Aeffinnen ihre Aefflein schöner dünken denn alles auf der ganzen Welt, also lobt' auch Antiphysis ihrer Kinder Wohlgestalt, und bestrebt' sich darzuthun, daß sie weit schöner und reizender wären als der Physis Kinder: denn so runde Köpf und Füß, meint' sie, und ein so zirkelförmiger Rad-Gang wär eben die allerschicklichste Form und die vollkommenste Bewegung, worinn ein Theil der Gottheit selbst sich widerspiegelt', die die Himmel und alle unerschaffne Ding also im Kreis umdreht'. Die Füß in Lüften, den Kopf zu unterst haben, hieß nach des Schöpfers Gleichniß thun, hinsichts die Haar am Menschen gleichsam wie Wurzeln wären, die Bein wie Aest. Denn füglicher steckt' man die Bäum mit ihren Wurzeln in die Erd, als mit den Aesten. Hieraus folgernd, daß ihre Kinder weit richtiger und besser als gerade Bäum, denn die[123] der Physis erwachsen wären, die umgekehrten Bäumen glichen. Auch was die Arm und Händ beträf, bewies sie, daß sie weit ziemlicher nach den Schultern gebogen wären, weil dieser Theil des Leibes nicht ohn Schutz dürft bleiben, in Betracht die vordre Hälft schon durch die Zähn sattsam verwahrt wär, die der Mensch nicht nur, ohn Hülf der Händ, zum Käuen, sondern auch zur Vertheidigung vor schädlichen Dingen gebrauchen möchte. Also brachte sie, unter Beyfall und Zustimmung der blöden Thier', bald alle Narren und Verrückten auf ihre Seit und ward bewundert von allen hirnverbrannten, tollen, gesunden Urtheils und Menschenverstandes ermangelnden Leuten. Nachmals heckt' sie die Meerkatz-Mucker, Schleicher, Päpler, die hirnschelligen Pistolenzer, die Teufelsbesessenen Johann Calvins voll Genferischen Leutbetrugs, die tobenden Putherbei, die Kuttner, Nollenbrüder, Esaustätzer, Kanibalen und mehr andre misgeschaffne Ungeheuer und Fratzen, der Natur zum Trutz.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 120-124.
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