Vierzehntes Kapitel.

[239] Wie Panurg erzählt welcher Gestalt er den Türken entkommen.


Das Urtheil des Pantagruel ward alsbald ruchbar und weltbekannt, mit Gier gedruckt, in den Archiven des Palastes hinterlegt: dergestalt daß das Volk von ihm zu sagen anfing: Salomo, welcher, auf Muthmasung, das Kind der rechten Mutter zusprach, hat bey weitem kein solches Wunder der Weisheit gethan als unser guter Pantagruel: wie glücklich sind wir, daß wir ihn bey uns im Lande haben! Und wollten ihn flugs zum Requetenmeister und obersten Präsidenten machen. Aber er schlug es alles aus, und dankt' ihnen höflich. Denn, sprach er, die Last der Dienstbarkeit bey diesen Aemtern ist allzu groß, und hält allzu schwer daß die sie Führenden seelig werden, wegen des Verderbens der Menschen. Und glaub ich, wenn die leeren Stühl der Engel mit keiner andern Art Leuten wieder besetzet werden sollen, daß wir noch keinen jüngsten[239] Tag in dreyssig Jubeljahren haben, und Herr Eusanus mit seiner Rechnung übel bestehen wird. Ich warn euch deß bey Zeiten. Habt ihr aber etwann ein Paar Maas guten Wein zur Hand, den werd ich gern zum Gotteslohn von euch annehmen. – Das thäten sie gern, und schickten ihm vom besten der Stadt: da trank er dann ganz munter. Aber der arme Panurg trank heldenmässig, denn er war hohl wie ein ausgenommener Rauchhering, auch trippelt' er so leicht auf seinen Füssen einher wie ein schmächtig Kätzlein. Und wie er so in der Hälft eines mächtigen Humpens voll Rothwein nach Luft schnappt', da ermahnt' ihn Einer und sprach: Gevatter, nur sacht! ihr ziehet ja wie ein Besessener. – Zum Teuker auch! antwort Panurg, du hast es nicht mit deinen kleinen Pariser Schluckern, die nicht mehr nippen wie ein Fink, und denen man erst die Schwänz muß streichen, wenn sie die Schnäbel nur netzen sollen, wie den Spatzen. Heisa Camrad, wenn ich so tapfer steigen könnt als ich zu Thal laß, ich wär längst überm Mondenhimmel hoch oben bey Empedokles. Aber zum Teufel, ich weiß nicht was dieß heissen soll; es ist ein sehr guter und köstlicher Wein, aber je mehr ich davon trink, je mehr mich durst. Ich glaub, der Schatten des gnädigen Herrn Pantagruel heckt durstige Leut, wie der Mond die Husten und Schnupfen. – Darüber mußten Alle lachen, die es hörten.

Als Pantagruel dieß sahe, sprach er: Nun, Panurg was giebts? was lacht ihr? – Gnädigster Herr, antwortet' er, ich erzählt' ihnen eben wie diese armen Teufelstürken so elend dran sind, daß sie auch nicht ein Tröpflein Wein zu saufen kriegen. Wenn in des Mahumeths Alkoran auch sonst nichts Unrechts weiter stünd, ich möcht seinen Glauben schon darum nicht. – Nun aber, sprach Pantagruel, erzählt mir wie ihr ihnen entkamet. – So helf mir Gott, gestrenger Herr, versetzt' Panurg, wo ich euch auch nur ein Wörtlein dran lüge.[240]

Die Türken-Lümmel hätten mich am Bratspieß gesteckt, wie ein Canikel um und um gespickt, dieweil ich so hundsdürr war, daß ohn dieß mein Fleisch fast zäh und nicht zu essen gewesen wäre; brieten mich solchergestalt lebendig. Derweil ich nun also gebraten ward, befahl ich mich der göttlichen Gnad, denn ich gedacht an den guten Sanct Laurentium, und hofft' beständig zu Gott daß er mich dieser Pein überheben würde, wie bald darauf auch wunderbarer Weis geschah. Denn während ich vom Grund der Seelen mich Gott befahl und rief: mein Herr Gott hilf mir, mein Herr Gott rette mich! o du mein Herr Gott, erlöse mich aus diesen Martern die mir hie diese Höllenhund um deines Glaubens Befolgung anthun – siehe! da entschlief der Brater nach Gottes Rathschluß, oder auch eines frommen Mercurii, der den hundertäugichen Argus schlau in Schlaf wiegt'. Wie ich nun merk daß er nicht mehr am Spiesse drehet', schau ich ihn an und seh, er schläft: itzt nehm ich einen Feuerbrand am andern End wo er nicht glühet, zwischen die Zähn, und werf ihn meinem Bratenwender in den Schoos, und einen andern, so gut ichs treffen mocht, unter ein Feldbett, das beym Kamin stund, darauf der Strohsack meines Herren Braters lag. Urplötzlich schlägt das Feuer zum Stroh, vom Stroh ins Bett, vom Bett ins Dach, das mit Tannen-Balken nach Lichtstock-Art verschlagen war. Die Lust war aber daß das Feuer, so ich dem Strauchdieb von Bratenwender erst in den Schoos geworfen hätt, ihm schier sein ganzes Bauchhaar verbrannt und in die Geilen zu schlagen anfing; aber der Stinkhals rochs nicht eher als mit der Feuersbrunst zugleich, da er dann wie ein verdutzter Bock aufsprang und was er konnt dal Baroth! dal Baroth! aus dem Fenster schrie, welches Feuer! Feuer! bedeutet, und graden Weges auf mich los, denn er wollt mich vollends gar ins Feuer werfen; hätt auch bereits die Strick zerhauen damit mir die Händ gebunden waren, und schnitt mir schon an den Beinen herum. Itzt aber kam der Herr des Hauses auf das Feuer-Geschrey und den Rauch von der Gassen, wo er eben mit etlichen andern Bascha's und Mufti's spazieren ging, so eilig er konnt zu Hülf und Rettung seiner Sachen herbeygelaufen.[241]

Und wie er kommt im vollen Schuß, zuckt er den Spieß daran ich stak, und sticht meinen Brater mitten durch; daran er starb, aus Mangel an Wartung oder sonst; denn er stach ihm den Spieß etwas weniges über dem Nabel in die rechte Seit durch den dritten Lobus der Leber, stieß dann überwärts, daß ihm der Spieß durchs Zwergfell ging und mit Zerschlitzung des Herzbeutels, über den Achseln zwischen dem linken Schulterblatt und den Rückenwirbeln wieder zu Tag kam. Ich nun, wiewohl ich, als er mir den Spieß aus dem Leib zog, bey den Feuerböcken zur Erden fiel, auch mir der Fall zwar etwas weh thät, nahm doch weiter nicht sonderlichen Schaden davon, denn der Speck hielt die Gewalt des Stosses auf. Mein Bascha aber, als er den Casus desperat, sein Haus verbrannt, sein Hab und Gut unwiederbringlich verloren sahe, ergab sich allen Teufeln, denn er rief Grilgoth, Astarot, Rappalus, und Gribullerich zu neun Malen in einem Athem.

Als ich das sahe, stund ich für mehr denn fünf Gröschel Angst aus, denn ich dacht; itzt werden gleich die Teufel kommen, den Narren da holen; wären sie auch wohl Manns genug dich mitzunehmen? halb bin ich schon gebraten: mein Speck wird mein Unglück seyn: denn diese Teufel sind auf Speck erpicht, dafür haben wir schon das Ansehen des Philosophen Jamblichus und Murmalt's in der Apologi De Buckliacis et Excretis pro magistros nostros. Aber ich schlug das Zeichen des Kreuzes und rief: Hagios, athanathos, ho theos, und keiner kam mir zu nah. Als dieß mein Lump von Bascha inn ward, wollt er sich mit meinem Bratspieß den Garaus machen und's Herz abstossen: setzt ihn sich auch an die Brust an, aber er kam nicht durch damit, weil er zu stumpf war: er stieß so derb er konnt drauf zu, schafft' aber drum nix. Also tret ich dann vor ihn hin und sprech zu ihm: Messer Bougrino, du verlierst nur dein Weil damit;[242] denn auf die Art wirst du dich niemals ums Leben bringen, wohl aber dir einen Schaden thun, daß du daran dein Leben lang wirst unter den Händen der Baader siechen. Willt du aber, so stech ich dich hie ganz ordentlich ab, daß du davon gar nicht einmal was spüren sollst: und kannst mirs glauben, denn ich hab wohl schon Andre erstochen, denen es wohl bekommen ist. – Ha, sprach er, Freund, ich bitt dich drum, und so du's thun willt, schenk ich dir auch meinen Seckel; da nimm ihn, es sind sechshundert Seraphinen und etliche feine Demanten und Rubinen drein. – Und wo sind sie? frug Epistemon. – Beym heiligen Jahn, antwort Panurg, schon ziemlich weit, wenn sie stets reisen. Wo ist der Schnee vom vorigen Jahr? das war der allergrößte Kummer des Pariser Poeten Franz Villon. – Nu mach ein End, ich bitt dich, sprach Pantraguel, daß wir endlich erfahren wie du den Bascha abgethan hast. – Auf Ehrenwort, antwort Panurg, ich lüg kein Wörtlein. Fand daselbst einen halbverbrannten Hader, damit schnür ich ihn fest zusammen, bind ihm mit meinen Stricken dann so recht auf bäurisch Arm und Bein, daß er sich weder regen noch rühren konnt; darauf jag ich ihm meinen Bratspieß durch die Gurgel, und häng ihn damit an ein Paar starken Krampen auf, woran die Hellebarden staken. Und mach ein lustig Feuer drunter, und röst euch meinen Herrn Mylourd, wie man die Pickling im Kamin dörrt. Lang mir dann seinen Seckel zu, nebst einem kleinen Jägerspieß von den Krampen, und fort im vollen Trott, und Gott bewußt ist der Bocksstank den ich von mir gab. Unten auf der Gassen fand ich das Volk bey hellen Haufen versammelt mit vielem Wasser zum Feuerlöschen, und wie sie mich halb gebraten sahen, gossen sie aus natürlichem Mitleid all ihr Wasser über mich her, und erfrischten mich auf das lieblichste, das mir ein grosses Labsal war; brachten mir dann auch was zu leben, aber ich aß nicht, denn sie gaben mir nichts zu trinken, als pures Wasser nach ihrer Art. Sonst thätens mir aber nichts zu leid, ausser ein kleiner vertrackter Türk, er war vorn bucklich, der schnappt' mir heimlich nach meinem Speck: aber[243] ich zog ihm mit meinem Spiessel ein so Feuchtes über die Finger, daß ers nicht noch einmal probirt'. Und eine junge Korinthierinn, die mir ein Tröpflein mit emblischen Beenüssen, überzuckert nach Landesart, zugesteckt hätt, die beschaut sich meinen armen verhozelten Backfisch, wie er am Feuer zusamengeschnurrt war, denn er ging mir kaum noch bis ans Knie. Ist aber wohl zu merken daß mir die Braterey ein Lendenweh aus dem Grund vertrieb, daran ich länger denn sieben Jahr schon laboriret, just an der Stell wo mich mein Brater, als er einschlief, hätt angehen lassen.

Itzt während sie so um mich stunden und mich begafften, triumphirt' das Feuer hell auf, man wußt nicht wie, und stunden schon über zwey tausend Häuser in Flammen: bis endlich Einer von ihnen es merkt' und schrie: Potz Mahoms Bauch! die ganze Stadt brennt, und wir stehen hie und gaffen. – Damit rannt dann jeder nach seinen vier Pfählen, ich aber grad aufs Thor zu, und als ich nicht weit davon auf einen kleinen Holm gekommen, schau ich hinter mich, wie Loths Weib, und seh die ganze Stadt in Feuer, darob mir so wohl zu Muth geschah, daß ich mich schier vor Freuden bekackt hätt. Aber Gott straft' mich auch dafür. – Wie so dann? frug Pantagruel. – Denn während ich, antwort Panurg, dem lustigen Feuerlein so recht fröhlich zuschaut' und mir den Bauch strich und sprach: O ihr armen Flöh, ihr armen Mäus, werd einen harten Winter han; das Feuer spukt euch schon im Stroh – siehe da schossen euch über sechshundert, ja mehr denn dreyzehnhundert eilf Hund all miteinander groß und klein, von dem Feuer gescheuchet, zur Stadt heraus und stracks im vollen Schuß auf mich, weil ihnen mein halbgar gebratnes Armsünderfleisch in die Nasen stach: und hätten mich auf der Stell verschlungen, wenn mir mein guter Engel nicht im Augenblick ein trefflich Mittel wider das Zahnweh inspirirt hätt. – Und weßhalb, frug Pantagruel, hattest du vor dem Zahnweh Furcht? Stak dir dein Fluß noch in den Gliedern? – Zum Plunder auch! antwort Panurg, giebt es auch wohl ein ärger[244] Zahnweh als wenn euch die Hund bey den Beinen haben? Aber alsbald besinn ich mich auf meinen Speck, den werf ich mitten unter sie, und meine Hund nicht faul, fallen übereinander her, hauen und reissen sich um den Speck mit Klaun und Zähnen; liessen mich mit dieser Manier meine Straß ziehen, und ich ließ sie einander zausen. Also entkam ich dann frisch und gesund, und vivat die Brätel-Braterey!

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 239-245.
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