Zwölftes Kapitel.

[232] Wie Herr von Saugefist vor dem Pantagruel plädirt.


Drauf hub der Herr von Saugefist an wie folget: Gnädigster Herr, und ihr andern Herren, wenn die Bosheit der Menschen so leicht nach kategorischem Urtheil erkannt würd, als man die Mucken im Milchnapf sieht, so wird das Vier Ochsen-Land von den Ratzen nicht so zerfressen seyn als es ist, und manche zu schimpflich gestutzte Ohren würden annoch auf Erden seyn. Denn obschon was die Geschicht des Facti und den Buchstaben anbetrifft, des Gegners Bericht auf ein Härlein wahr ist, so sieht man doch gleichwohl, meine Herren, die Listen, Schlich und die feinen Häklein, und sieht wo der Hund begraben liegt.

Muß ich mir etwann gefallen lassen daß, wenn ich schlecht und recht mein Supp eß, nichts übels weder thu noch denk, man mit der Thür mir in das Haus fall, den Kopf toll mach und das alte Lied in die Ohren dut:


Wer trinket wann er ißt sein Supp,

Nach seinem Tod thut keinen Schluck?


Ey heilige Dam! wie viel stattliche Hauptleut haben wir nicht auf offener Wahlstatt, wenn es die eisernen Hostien regnet' vom Gnadenbrod der Confraterschaft, daß sie die Bärenhaut besser kleidet', die Cither schlagen, ärschlings blasen, und ihre kleinen Taschensprüng zu ebener Erd verführen sehen in schönen wohl zerschlitzten Schüchlein nach Krebsbartschnitt? Doch heut zu Tag hat sich die Welt gar von den Flausen der Lucester-Sarschballen entstrippt; der Ein verludert, der Ander fünf, vier, zwey. Und wenn sich der Hof nicht drein legt, giebts heuer ein so schlecht Aehrenlesen als mit den Bechern war oder seyn wird. Geht eine arme Person zum Baader, den Schnabel mit Kühmist ihr heitzen zu lassen oder Winterstiefel zu kaufen, und die Schaarwach[233] oder auch Landpatroull kriegt einen Clystier-Decoct oder den Kackstoff eines Leibstuhls auf ihre Polletter, muß man derhalb die Batzen kippen und die hölzernen Brat-Spieß schmoren? Manchmal denkt der Mensch und Gott lenkt, und wenn die Sonn hinunter ist, sitzt alles Vieh im kühlen Schatten. Man soll mir nicht glauben, wo ichs nicht handlich durch klare Mittagsleut erweis. Anno Sechs und Dreyssig hätt ich mir einen deutschen Stutzschwanz gekauft; der Schwanz stund ihm fein hoch und kurz; die Woll so ziemlich, im Grän gefärbt, wie mir die Goldschmied versicherten; aber gleichwohl hing der Notar sein Cetera dran. Ich bin kein Studirter, daß ich den Mond mit den Zähnen könnt herunter langen, aber im Buttertopf, wo die vulkanischen Instrument besiegelt wurden, ging das Gerücht, der gepökelte Ochs, der spüret den Wein in stockfinstrer Mitternacht ohn Licht aus, und wenn er gleich zu unterst im Sack des Kohlenbrenners stäk, behost und verwaldrappt mit dem Pferdschmuk und den Reiterschienen die man braucht zu einer gründlichen Fricassur des Bauerngrobes oder Schöpskopfs. Und hierauf zielet auch wohl das Sprichwort: wenn man bey der Liebsten sitzt, schauet sichs gut den schwarzen Kühen im verbrannten Holze zu. Ich gab den Fall den Herren Gelahrten zu rathen auf, die schlossen mir in Frisesomorum die Antwort draus, es ging zu Sommerszeiten nichts über das Ernten in einem mit Feder, Dint, Papier und Federmesser von Lyon am Rhonestrom wohl versehenen Keller, hum dum drum: den plötzlich, sowie ein Harnisch Lauch riecht, frißt der Rost ihm die Leber an. Dann thut man nichts als widerbelfern, dreh und duck dich, wenn man nach Tisch das Mittagsschläflein erfingern möcht, und daher kommt es daß das Salz im Preis so steiget. Glaubt mir's, ihr Herren, zu der Zeit als vorernannte brave Frau den Suppenlöffel mit Leim bestrich, des Schergen Bericht mehr zu bekleiben, und als das Worstgeschling in den Säcken der Wuchrer tergiversiret', da gab es wider die Kannibalen kein[234] probateres Mittel, als: man nahm ein Bund Zwiebeln mit dreyhundert Steckrüben gebunden, nebst etwas wenigem Kalbsgekrös vom feinster Korn der Alchymisten, calcinirt' und verkittet' sich die Pantoffeln bausback mickelmack mit einer guten Prügelsupp, und schlupft' in ein klein Maulwurfslöchel, den Speck stets wohl in Acht genommen. Und woll'n euch die Würfel nicht anders fallen, als immer zwey Aß, und die schweren Ternen, Kopf weg! das Aß kommt! frisch mit der Dam in die Bett-Eck, dudelt sie fallala, und trinket daß die Funken stieben, depiscando Froschibus mit schönen kothurnischen Reiterstiefeln: es gilt den kleinen Huschgänslein die sich am Flackerspiel ergötzen, derweil das Erz geschmiedet wird und den Confort-Schwaflern das Wachs ausschmilzet. Zwar ist an dem, daß die vier Ochsen von denen die Red ist, einigermaasen ein etwas kurz Gedächtnis hatten, doch was die Kenntniß der Skal betrifft, war ihnen kein Schlinggrab noch Savoyischer Entrich furchtbar: die guten Leut bei mir zu Haus versahen sich viel Guts zu ihnen und pflegten zu sagen: diese Kindlein bringens noch weit im Algorithmus, es verhilft uns zu einer Rechts-Rubrik, der Lupus entgehet uns nicht, wenn wir die Zäun nur oben über die Windmühl machen, davon der Gegner geredet hat. Aber der große Teuker schmollt' drein und schickt' die Deutschen von hinten her, welchs wahre Teufel mit Saufen waren: Her! Trink, trink! Das ist, kotz, verlore bigott, ein armseligs Kriegel! Denn »Stroh-Hühner wer kauft!« zu rufen, schickt sich nirgend als zu Paris auf der kleinen Bruck, und wenn ihnen gleich die Schöpf so hoch gewachsen wären als Schlamm-Widhopfen; es wär denn gar, daß man die Puffen mit frischgeschliffener Schwärz der Versalischen oder Cursivbuchstaben schröpft,[235] was mir all eins ist, wenn nur die Kinnkett nicht Würm drinn heckt. Und den Fall gesetzt, die Murrner hätten auch bey der läufischen Hundshochzeit zum Garaus geblasen eh der Notar auf kabbalistisch seinen Rapport darüber erstattet, so folgt noch nicht (Salvo des Hofes besserm Ermessen) daß sechs Morgen großklaftriges Wiesenland, wenn man nicht in den Tiegel bläst, drey Butten feiner Dinte gäben; zumal bey König Karls Begräbniß das Fell auf dem Platz ein Zweyer und eps galt, ich mein damit mein Seel das Schaaffell. Und seh's auch täglich in allen guten Schalmeyen: geht man aufs Wachtelpfeifen aus, thut drey Besenstrich im Kamin, und stellt sein Vollmacht, man schafft auch nix weiter damit als daß mans auf der Hüften spannt und ins Arßloch bläst, wenns etwann gar zu heiß drinn wär, und sie's ihm schnürt: den Augenblick, wie er nur seinen Zettel zeigt', wurden die Küh ihm dargereicht. Und ist auch Anno siebzehn schon zu Martingall in Sachen Taugnix von Schrollenstrunz also erkannt, darauf der Hof zu reflectiren gebeten sey. Ich sag zwar nicht, daß man nicht pleno jure billig diejenigen aus dem Posseß sollt werfen die das Weihwasser saufen wollten, wie man mit einem Weberbaum thut, daraus man die Stuhlzäpflein denen macht, die nicht abstehen wollen ausser für baare klingende Münz. Tunch, ihr Herren, quid juris pro minoribus? denn der gemeine Brauch des Salischen Gesetzes ist, daß der erste Mordbrenner der die Kuh schnappt, die während des simpeln musikalischen Chorgesangs muckwadelt statt die Schuster-Sohlen zu ut-re-fa-miren, zur Gauchmär-Zeit der Penuri seines Gliedes mit Moos aufhelfen muß, gelesen wenn man um Mitternacht sich bey der Metten den Schnupfen holt, um diesen weissen Anjouer Weinen, die einem nach Bretagner Art Wams wider Wams ein Beinel stellen, die Wipp zu geben. Schließlich wie oben, nebst Kosten, Zinsen und Schadenersatz.

Als nun der Saugefist ausgeredet, frug Pantagruel den vön Leckarß: Wollt ihr was repliziren, mein Freund? Er[236] aber sprach: Mit nichten, Herr, ich hab die lautere Wahrheit gesagt; und machet nun in Gottes Namen unserm Handel einmal ein End, denn unser Zehren hie ist gar theuer.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 232-237.
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