Vierzehnter Auftritt


[403] Vorige. Astragalus aus dem Kabinette.


ASTRAGALUS. Also so werden meine Befehle respektiert? Zu Sophie. Was machst du hier? Was hat der Maler hier im Hause wollen? Wir sprechen uns schon noch.

SOPHIE. So sei nur ruhig, lieber Mann, dir ist nicht wohl, setz dich doch und nimm Arznei.


Sie reicht ihm das Glas.[403]


ASTRAGALUS wild. Wasser will ich, und sonst nichts.

SOPHIE. Du mußt, ich darf dich nicht erkranken lassen. So nimm, ich bitte dich.

ASTRAGALUS. Nein!

MALCHEN. Lieber Vater, nehmen Sie.

RAPPELKOPF. Es gehört wirklich eine Geduld dazu. Ich möcht mich selbst ohrfeigen, aber auf seinem Gesicht.

ASTRAGALUS. So gib denn her. Er nimmt das Glas. Hölle, was ist das? der Trank ist trübe. Gesteh, du hast ihn mir vergiftet.

MALCHEN. Aber Vater –

LISCHEN. Gnädger Herr!

ASTRAGALUS. Da hilft kein Leugnen mehr, der Trank ist Gift.

RAPPELKOPF. Ah, das ist noch über den Zichori.

SOPHIE. So hör doch nur, es ist ja niederschlagendes Pulver.

ASTRAGALUS. Es ist nicht wahr.

RAPPELKOPF. Ich schlag ihn noch ohne Pulver nieder.

ASTRAGALUS wirft das Glas um die Erde. Ich bin in meinem eignen Haus des Lebens nicht mehr sicher.

RAPPELKOPF. Entsetzlich! meine eigenen Worte.

ASTRAGALUS. Mein Weib ist eine Mörderin. Darum herab mit euch, ihr Früchte, die für meinen Haß gereift. Entreißt Sophien ihre Halskette, woran sein Porträt hängt. Was trägst du hier am Hals? hinweg damit, du sollst kein Angedenken von mir tragen als den Fluch, womit ich deine Bosheit krönen will. So hör mich denn, du mörderisches Weib –

RAPPELKOPF. Genug, genug! das ist der ganze Narr wie ich, ich kann mich selber nicht mehr anschauen mehr.

SOPHIE fällt in einen Stuhl. Ich unglückselges Weib!

ASTRAGALUS. Verlaß mein Schloß, ich will allein hier hausen, und mein Geschäft heißt Menschenhaß. Ich will von dir und von der Welt nichts wissen mehr, verwünsche dich, verwünsch mein Kind –

RAPPELKOPF. Nein Saprerment, jetzt wirds mir zviel. Der Mensch verflucht mir 's ganze Haus.

ASTRAGALUS. Geh hin zu deinem Maler, treib es bunt, wie[404] ein Chamäleon sollst du in allen Farben prangen, werd grün vor Galle, blau von Schlägen, rot vor Schande, weiß vor Kummer, gelb von Fieber, grau vom Alter und –

RAPPELKOPF freudig. Das ist gscheid, jetzt gehn ihm d' Farben aus.

ASTRAGALUS. Doch laß dich nimmermehr vor meinen Antlitz sehen, verleugne mich, ich bin dein Vater nicht –

MALCHEN umklammert weinend seine Knie. Vater, Barmherzigkeit, verstoßen Sie mich nicht!

ASTRAGALUS. Hinweg von mir!


Stoßt sie fort.


RAPPELKOPF. Das leid ich nicht – potz Donnerkeil und Wolkenbruch – Nun hab ichs satt, ich muß mich um meine Familie annehmen. Der Mensch ruiniert mir Weib und Kind. Saperment! Sie sind kein Mensch, ein Teufel sind Sie, der mich schwärzer darstellt, als ich bin.

ASTRAGALUS. Du kommst mir eben recht, du schändlicher Betrüger! Gib mir Genugtuung dafür, daß du Komplotte hinter meinem Rücken schmiedest. Gib Rechenschaft – Er packt ihn an der Brust. wie mein Vermögen steht.

MALCHEN. Zu Hülfe! Onkel!

SOPHIE. Zu Hülfe! Bruder!

LISCHEN. Zu Hülfe!

RAPPELKOPF. Was? anpacken? Ha, Entehrung! Satisfaktion, Duell!


Alle Hausleute.


ASTRAGALUS. Pistolen her!

RAPPELKOPF. Kanonen her!

ASTRAGALUS nimmt Pistolen von der Wand. Hier sind sie schon.

RAPPELKOPF. Das wird ein Treffen wie bei Navarin.

SOPHIE. Mann, ich bitte dich um alles in der Welt!

ASTRAGALUS. Umsonst!

MALCHEN. Onkel, sind Sie doch vernünftig!

RAPPELKOPF. Geh weg, ich hab keine Zeit dazu.

ASTRAGALUS. Fünf Schritte sind genug. Wir schießen uns zugleich. Zähl drei!

SOPHIE. Versöhnt euch doch!

RAPPELKOPF. Wir sind die besten Freund, jetzt sind wir erst[405] auf du und du. Geh fort, ich muß. Zählt und zielt. Eins, zwei –

SOPHIE fällt in Ohnmacht. Ach!

RAPPELKOPF. Die fallt schon um, ich hab noch gar nicht gschossen.

MALCHEN. Die Mutter stirbt!

RAPPELKOPF. Sie soll noch warten, sag!

ASTRAGALUS. Drück los!

MALCHEN umschlingt ihren Vater. Ach Onkel, halten Sie, sonst töten Sie zwei Menschen.

RAPPELKOPF prallt zurück. Was? Himmel, jetzt fallt mir was ein, ich kann mich gar nicht duellieren mit ihm! Wir haben nur alle zwei ein Leben. Wann ich ihm erschieß, so schieß ich mich selber tot. Wenn ich jetzt losdruckt hätt, jetzt wärs schon gar.

ASTRAGALUS. Mach fort! warum besinnst du dich?

RAPPELKOPF. Nu wenn sich einer da nicht besinnen soll, hernach gehts recht.

ASTRAGALUS. Nur einer fällt, ich oder du.

RAPPELKOPF. Das kann nicht sein, wir falln in Kompagnie.

ASTRAGALUS. Gleichviel, es geht auf Leben und Tod.


Zielt.


RAPPELKOPF. Halt, es geht auf Tod und Tod.

ASTRAGALUS geht auf ihn zu. Warum willst du nicht schießen, feiger Wicht?


Sophie hat sich indessen erholt.


RAPPELKOPF. Weil mich meine Schwester dauert – ich will sie nicht zur Witwe machen –, und ihr Kind, und ihr Schwager, und die ganze Freundschaft. Beiseite. Das ist eine Schande, ich weiß gar nimmer, was ich sagen soll.

ASTRAGALUS. Ich will mein Leben nicht für sie erhalten, und dir will ichs am wenigsten verdanken. Es gilt mir nichts, ich werf ihn weg, den unschmackhaften Rest des altgewordnen Seins, ich brauch ihn nicht.

RAPPELKOPF. Wie der mit meinem Leben herumwirft, und ihm gehts gar nichts an.

ASTRAGALUS. Doch deine Feigheit will ich nicht hier dulden,[406] du packst dich fort aus meinem Haus, sonst werf ich dich hinaus –

RAPPELKOPF. Jetzt wirft er mich gar aus meinen eignen Haus? Der Mensch spielt noch Ballon mit mir, und bring ich ihn recht in Zorn, so trifft uns alle zwei der Schlag. Ich weiß gar nicht, was er noch immer will, ich sehs ja ein, ich war ein unvernünftig Tier, ein Tiger, drum will ich wissen, was denn jetzt noch kommt.


Habakuk mit einem Brief tritt schnell ein.


HABAKUK eintönig. Ein Brief.

RAPPELKOPF. Aus Paris? Du Dummkopf!

HABAKUK. Nein, dasmal ist er aus Venedig.

ASTRAGALUS schießt darauf los. Aus Venedig? her damit!

RAPPELKOPF. Her damit! Der intressiert mich selbst.


Will hineinsehen.


ASTRAGALUS fährt ihn an. Was wollen Sie?

RAPPELKOPF erschrickt. Ja so! Jetzt darf ich meine eignen Briefe nicht lesen! Verdammter Doppelgänger du! Astragalus wird während des Lesens unruhig und bleich und zittert. Das muß eine schöne Nachricht sein.

ASTRAGALUS läßt zitternd das Blatt fallen und sagt mit Entsetzen. Ich bin verloren!

RAPPELKOPF fängt zum zittern an. So bin ichs auch.

ASTRAGALUS sinkt in einen Stuhl. Mir wird nicht wohl.

RAPPELKOPF. Und mir wird übel. Sinkt in den gegenüberstehenden Stuhl.

ASTRAGALUS. Ich geh zugrund.

RAPPELKOPF. Ich bin schon hin.

ALLE. Wasser! Wasser!


Die Weiber sind besorgt. Lischen läuft ab.


ASTRAGALUS springt auf. Wasser! Ja, ihr erinnert mich darauf. Zu Rappelkopf. Du Verräter bist an allem schuld.


Stürzt ab.


RAPPELKOPF springt auch auf. Nein, mein Schwager ist an allem schuld! Wo ist der Brief? Liest. Erstarrt. »Mein Herr, ich berichte Ihnen, daß das Handlungshaus, bei welchem Ihr Vermögen liegt, ge – ge – fallen ist.« Ich lieg schon da – ich streck schon alle vier von mir.


[407] Lischen kömmt zitternd.


LISCHEN. Hülfe! Hülfe! der gnädge Herr ist fort, er ruft, er wolle sich ersäufen, er stürzt sich in den Strom.

SOPHIE. Mein Mann!

MALCHEN. Der Vater!

ALLES. Eilt ihm nach!


Alles stürzt ab.


RAPPELKOPF kann vor Angst nicht von der Stelle. Halts ihn auf, den unglückselgen Kerl, was der Mensch mit meim Leben treibt! Ich komm aus einen Tod in den andern hinein. Die Knie brechen ihm. Ich kann nicht fort, er springt hinein. Er ist schon drin, ich fang zum schwimmen an. Schleppt sich fort. Der Himmel steh mir bei, dasmal ein Menschenfeind, in meinem Leben nimmermehr. Verzweiflung, gib mir Kraft, sonst muß ich untergehn. Ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 403-408.
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