Elfter Auftritt


[18] Vorige. Quecksilber als Stutzer. Er trägt einen modernen Frack von Golddock, eine silberne Weste mit blaugestickten Borten und eben solche Pantalons, einen dreieckigten Hut mit Diamanten garniert.

Zum Eingang spielt die Musik das Ritornell aus der ersten Arie des Figaro im Barbier von Sevilla.


QUECKSILBER.


Rezitativ


Prinzessin! Wie soll ich dich nennen?

Für die Kalmucken selbst entbrennenn!

Euphemia, Amarantia oder Rosel?

Wie du auch heißest, gilt mir gleich.

Mich trug der Rhein und auch die Mosel

Auf einem Dampfschiff in dein Reich.


Arie

Melodie: Ich bin etwas verliebter Laune etc. etc.


Ich besitze viel tausend Millionen

Und reise durch die halbe Welt;

In den kältsten und heißesten Zonen

Hab übrall ich Schätze gestellt.


Um in England recht zu verschwenden,

Verschenk ich den Sterling in Zenten,

Denn vom Auszahln an mich wird die Bank

Auf die Letzt vor Strapazen noch krank.


In Italien recht mächtig zu werden,

Erkauft ich die herrlichsten Gärten,

Pomeranzen von Gold, das ist wahr,

Einen Wald von Salami sogar.


In Tirol auf der Alma,

Wennst zfrieden willst sein,

Da hab ich drei Hütten,

Die sind zwar nur klein,

Dort nutzen ein d' Schätz nix,

Da bringt man s' nicht an,[18]

Da macht ein treus Herz nur

Zum glücklichsten Mann.


Doch im schönen Ungarland

Bin als Krösus ich bekannt,

Auf meiner Pußta zähle ich

Zehntausend Büffel ohne mich.


Im Östreicher-Landel,

Da bin ich zu Haus,

Da geht mir das Glück

Und die Freude nie aus.

Ich besitz dorten Auen und Wälder,

Auf der Schmelz drauß die herrlichsten Felder,

Und die Brühl, die so schön wie die Schweiz,

Die ghört mir bis nach Heiligenkreuz.


Und in Wien hab ich Häuser sehr viele,

Das ist halt schon so meine Grille,

Daß ich immer in einem fort bau,

Doch die meisten sind in der Roßau.


Auf dem Thuri hab ich ganze Straßen,

Von der Wied'n kann ich d' Hälfte verlassen,

Und um ein spottwohlfeiles Geld

Hab ich zwanzig kauft im Lerchenfeld.


Die Jägerzeil lieb ich vor allen,

Dort wünsch ich den Leuten zu gfallen,

Dort hab ich ein einziges Haus,

Da zieh ich mein Lebtag nicht aus.

ZORAIDE. Also das ist der unmenschlich reiche Mann? Der sieht aus wie ein anglegter Aff.

TUTU. Man hat mir deine Ankunft auf unserer Insel gemeldet. Was suchst du hier, es ist nicht viel zu finden.

QUECKSILBER. Per du redt er mit mir? – Der Ruf von der entsetzlichen Schönheit Dero Mademoiselle Tochter hat mich hierhergelockt!

TUTU. Da kann man sehen, wie die Lugen herumkommen.[19] Schau sie an. Das Anschaun kost nix, hier steht sie, schau sie an.

ZORAIDE. Ich hoffe, du wirst mich sehr schön finden!

QUECKSILBER. Jetzt sagt die auch wieder du. Das müssen emigrierte Tiroler sein, weil s' zu allen Leuten du sagen. Laut. Prinzessin, Sie sind eine magnifique Personage wie auch Ihr Herr Vater, es tut einem zwischen ihm und dem Spadi-Do die Wahl weh. Aber wenn Sie nur die Güte haben wollten, und wollten nicht immer du zu mir sagen. Wenn Sie nicht Herr von sagen mögen, so heißen Sie mich wenigstens Sie.

ZORAIDE. Das ist ein impertinenter Patron.

TUTU. Sei stat – So lang, bis wir sehen, ob er Geld hat, sagen wir Sie – wenn er keins hat, können wir noch immer mit die Grobheiten herfürfahren.

ZORAIDE. Nun also – sagen Sie mir halt – Sie mein Sie! – weil Sie nicht mein Du sein wollen: Was wünschen Sie denn eigentlich von mir?

QUECKSILBER. Ich bin hier, um Ihre schöne Hand anzuhalten.

ZORAIDE. Dazu gehören drei Eigenschaften: Geistig wie Jamaika-Rum – reich wie ein Inka von Peru – und schön wie der griechische Adonis –

QUECKSILBER. Nu, was den Verstand und Reichtum anbetrifft, hats keinen Anstand, aber mit dem griechischen Adonis wirds ein bißl happern, da müssen Sie schon mit einem wallachischen vorlieb nehmen.

ZORAIDE. Was sind Sie denn eigentlich?

QUECKSILBER. Ich bin ein Millioneur.

TUTU. Ist keine schlechte Profession.

ZORAIDE. Haben S' studiert?

QUECKSILBER. Zweihundert Schulen.

TUTU. Das ist viel! Wir haben hier eine einzige, und zufälligerweise hab ich auch in der nichts glernt. – Wo haben Sie denn studiert?

QUECKSILBER. Ich habe eigentlich die Gymnasien am Alsterbach ferenquetiert, dann habe ich bedeutende Fortschritte[20] in der Tierarzneikunde gemacht, wenn Sie einmal unpäßlich sind –

TUTU. Ich bitte, mich rekommandiert sein zu lassen –

QUECKSILBER. Die Botanik hab ich im Krautgassel studiert, die Sternkunde bei den zwölf Himmelszeichen, und die übrigen Wissenschaften hab ich nur so im Vorbeigehen mitgenommen.

TUTU. Ja, aber wo haben Sie sich denn gänzlich ausgebildet?

QUECKSILBER. Unten in der Wallachei –

TUTU. Da haben Sie eine schöne Karriere gemacht.

ZORAIDE. Aber wie siehts denn mit den Beweisen des Reichtums aus? Denn die Dukaten, die Sie ausgworfen haben, können vielleicht Ihre letzten sein. Es sind schon allerhand Streichmacher bei uns gewesen.

QUECKSILBER. Soll ich Ihren Palast in Gold verwandeln?

TUTU. Nein! sie tragen mir ihn sonst bei der Nacht davon.

QUECKSILBER. Wenigstens die Torflügel sollen Gold sein! Er berührt das Tor, welches sich in Gold verwandelt.


Alle verwundern sich.


TUTU. Mir bleibt der Verstand aus!

QUECKSILBER. Diese Säulen sind von Holz? Ah, diese hölzernen Säulen sollen sich in Silber verwandeln.


Er berührt die Säulen, welche sich in Silber verwandeln.


ZORAIDE für sich. Das ist ein Talisman, den muß ich besitzen.

HASSAR. Der muß auf unserer indianischen Gstätten Holzversilberer werden.

QUECKSILBER zu Hassar. Ah – Sagen Sie mir, brauchen Sie Ihren Kopf notwendig?

HASSAR. Ja – ich hab halt unterdessen nur den, und man weiß halt doch nicht, ob nicht was auskommt!

QUECKSILBER. Zum Vergolden wär das ein prächtiger Schafkopf, nicht wahr, Herr Schwiegerpapa?

TUTU. Warum denn? Er braucht nix Extras, man muß nicht gleich jeden Schafkopf vergolden, ist ja der Ihrige auch nicht vergoldet.

QUECKSILBER. Sie sticheln![21]

TUTU. Oh, ich bitte, das wäre unausbleiblich – Nu, Zoraidel, wie ist dir? –

ZORAIDE. Fremdling, du hast mein Herz gewonnen. Eine unwiderstehliche Macht zieht mich zu dir hin. Ich könnte goldene Tränen weinen.

QUECKSILBER. Also – voulez-vous mein sein?

ZORAIDE. Wenn du mir die Beweise deiner Liebe gibst, die ich von dir fordere. –

TUTU. Mit Erlaubnis! Tritt in die Mitte. Der Diskurs dauert mir ein wenig zu lang. Also, mein scharmanter Herr Schwiegersohn, vulgo Goldarbeiter, au revoir! Ich werde Befehle erteilen, daß man in dem Palast Ihre Zimmer ausreibt; austapezieren können Sie sich s' schon selbst. Dann muß ich mich niederlegen und ausruhen, der gefühlvolle Auftritt hat mich zu sehr angegriffen. Leben Sie wohl! Vergolden Sie wegen meiner mein ganzes Reich, und wenn ich vielleicht heute noch munter werden sollte, so habe ich das Vergnügen, Sie zu sehen – ja – ja, so machen wirs, so – Also au revoir! – und weil mir gerade nichts Französisches mehr einfallt – nochmal au revoir! Geht ab.


Alles folgt ihm, bis auf Zoraide und Quecksilber.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 18-22.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Barometermacher auf der Zauberinsel
Historisch kritische Ausgabe Band 1: Der Barometermacher auf der Zauberinsel, Der Diamant des Geisterkönigs
Raimundalmanach / Der Barometermacher auf der Zauberinsel

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Papinianus

Papinianus

Am Hofe des kaiserlichen Brüder Caracalla und Geta dient der angesehene Jurist Papinian als Reichshofmeister. Im Streit um die Macht tötet ein Bruder den anderen und verlangt von Papinian die Rechtfertigung seines Mordes, doch dieser beugt weder das Recht noch sich selbst und stirbt schließlich den Märtyrertod.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon