Fünfter Auftritt


[31] Zoraide. Quecksilber.


QUECKSILBER. Comment vous portez-vous, ma chère Princesse?

ZORAIDE. Oh, ich versteh! Weil Sie mich recht peinigen wollen, darum reden Sie französisch, Sie wissen schon, daß das kein Mensch aushalten kann. Hier bring ich Ihnen Ihren goldenen Stab zurück – Sie hätten ihn, auch ohne daß Sie mit Ihrer Zwergelarmee unsern Palast verwüstet haben, wieder bekommen.

QUECKSILBER. Haben Sie mir nicht das Tor vor der Nase zugeschlagen? haben Sie mir nicht sagen lassen, ich soll mich aus dem Staub machen, oder Sie lassen junge Tiger auf mich heraus?

ZORAIDE. Davon hab ich nichts gewußt. Es war ein Mißverständnis.

QUECKSILBER. Nein! Der Portier hat mirs so von Ihnen ausgericht!

ZORAIDE. Da kann ich nichts dafür, ein besonderes Zusammentreffen von Umständen –

QUECKSILBER. Die sind? –

ZORAIDE. Der Portier hat einen Rausch gehabt.

QUECKSILBER. Das ist mir auch schon einmal passiert.

ZORAIDE. Wirklich! Sie haben sich einen Rausch getrunken?

QUECKSILBER. Ja, war das nicht ein schöner Zug von mir? – Doch wir kommen von der Hauptsache ab. Was Sie mir angetan haben, will ich Ihnen großmütig verzeihen. Ich[31] hab meinen Stab wieder, und somit sind wir geschiedene Leute, und damit Ihnen meine kleine Armee in Ihrem Palaste keine Ungelegenheit mehr macht, so soll sie verschwinden. Heda! Erster Husar erscheint. Ihr könnt zum Rückzug blasen, wenn ich euch brauche, werde ich euch schon wieder rufen. Deutet aufs Horn.

ERSTER HUSAR. Ganz recht! Ab.

ZORAIDE bemerkt das Horn, für sich. Ha! dieses Horn muß ich auch haben.

QUECKSILBER. Jetzt werde ich meinen segelfertigen Kehlhammer besteigen, und somit Mademoiselle, adieu pour jamais!


Will ab.


ZORAIDE. Wie? Sie wollen mich verlassen?

QUECKSILBER. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?

ZORAIDE. Ob ich etwas dagegen einzuwenden habe, fragst du? Hast du dich denn nicht verbindlich gemacht, der Sklave meines Herzens zu sein? und jetzt sagst du mir nicht einmal den Dienst auf, wie es sich gehört, rennst davon, ohne deine vierzehn Tag abzuwarten.

QUECKSILBER. Ich bin ja keine Köchin!

ZORAIDE. Und doch willst du mir die Suppe versalzen und mich blandieren, mich, die ich so unschuldig bin wie ein Lamm.

QUECKSILBER. Wenn sie nur nicht so hübsch wäre. Ah was! Lassen Sie mich, Sie falsche Personage! Was haben Sie für Beweise Ihrer Unschuld?

ZORAIDE. Hast du den Rausch des Portier vergessen?

QUECKSILBER. Ah larifari! der Rausch ist bei mir keine Entschuldigung!

ZORAIDE. Nicht? Ist denn die Liebe nicht auch ein Rausch? und sagt darum nicht Schiller: Wer niemals einen Rausch hat ghabt, das ist kein braver Mann?

QUECKSILBER. Der Schiller sagt das bei Ihnen? Bei mir singt das der Hausmeister im Neusonntagskind.

ZORAIDE. Gleichviel! Was kümmern mich alle Hausmeister von der Welt, da die Doppeltüre deines Herzens verschlossen ist. Öffne sie deiner Zoraide![32]

QUECKSILBER. Ich habe keinen Schlüssel dazu; schicken S' um den Schlosser.

ZORAIDE. Du spottest meiner noch?

QUECKSILBER. Lassen Sie mich gehn!

ZORAIDE. Halt! Für sich. Jetzt weiß ich kein anders Mittel mehr, als ich fall in Ohnmacht. Laut. Weh mir! wie wird mir?

QUECKSILBER. Nun was ists?

ZORAIDE. Ich sinke!

QUECKSILBER. Sie sinkt schon wieder! Sie fällt in seinen Arm. Liegt schon da. Sie – so sind S' doch gscheit! – Also hier halt ich den Brillant in meinen Armen, der in Falschheit à jour gfaßt ist. – Da kann man mit Recht sagen, das ist ein Augenblick von Gewicht. – Und ich bin halt doch in sie verliebt. Aber das dauert mir schon ein wenig zu lang mit der Ohnmacht. Ich muß mich doch wieder anfragen. Sie! möchten S' nicht ein wenig aufstehen? Na, so werden S' nur munter! Ich geb Ihnen mein Wort, ich bleib bei Ihnen und will Sie wieder lieben wie vorher.

ZORAIDE erwacht. Ach, was hör ich! Ist es auch dein Ernst? Ihr Götter, ich danke euch! er ist wieder mein. Nie werd ich diesen Augenblick vergessen!

QUECKSILBER. Ich auch nicht!

ZORAIDE. Also nichts kann uns mehr trennen! Aber mein Vater ist aufgebracht; wenn er sich unserer Verbindung widersetzte?

QUECKSILBER. Oh, darum sorg dich nicht; den werd ich schon was vorblasen, daß er genug hat.

ZORAIDE. Blasen? Ich versteh dich nicht!

QUECKSILBER. Wie er sich muckst, so blase ich in mein Horn, und meine Zwergelarmee ist wieder da.

ZORAIDE. Ah, das ist schön. Das möcht ich sehen. Oh, mache mir doch eine kleine Probe damit; ich kanns nicht glauben.

QUECKSILBER. Nicht? Ich werde dir gleich eine Kompagnie herblasen.


Er nimmt das Horn herab.


ZORAIDE. Oh! laß es doch mir versuchen, ob ich es auch kann. Ich bitte dich, ich will nur einige rufen.[33]

QUECKSILBER. Meinetwegen, aber acht geben, daß kein falscher Ton ausrutscht. Da, du Schmeichelkatze.


Gibt ihr das Horn. Zoraide bläst ins Horn. Musik.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 31-34.
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