Vierter Auftritt


[210] Vorige. Hermione. Gefolge.


CHOR.

Heil Hermione!

Glücklich die Zone,

In der sie thront!


HERMIONE. Ganz ungewöhnlich ist die Stunde zwar, in der ihr meine Gegenwart verlangt, doch gibt es keine Zeit, in der ich euch nicht angehörte. Stets haben unsere Wünsche freundlich sich begrüßt, daß sie sich heute feindlich trennen werden, hoff ich nicht. Sprecht aus, was ihr begehrt!

AFFRIDURO. Auf dein Geheiß, o Königin, befragt ich das Orakel des Apoll, wodurch der Übermut der Zauberschwestern sei zu bändigen und was durch sie die dunkle Zukunft unserem Lande droht.

HERMIONE. Und des Orakels Spruch –?

AFFRIDURO. Verderben, Krieg droht eurem Blumenreich, wenn ihr die Zauberschwestern nicht daraus verjagt.

ALLE. Wehe uns!

HERMIONE. Was raten meine Weisen mir?

DISTICHON tritt vor. So höre mich denn, hohe Hermione.

NARR springt in die Mitte. Um des Himmels willen, du vergißt dich ja. Die Weisen sollen sprechen. Du hast das Gegenteil verstanden. Bist denn du ein Weiser?

DISTICHON. Das bin ich – oder hältst du mich für einen Narren?

NARR bescheiden protestierend. Du hast mich eben dieser Müh enthoben.

DISTICHON. Wieso?

NARR. Du glaubst ja fest, daß du ein Weiser bist?

DISTICHON unwillig. Nun ja.

NARR. Da hältst du dich ja selbst für einen Narren, was brauch denn ichs zu tun? Für naseweis hab ich dich stets gehalten, doch eine andre Weisheit trau ich dir nicht zu.

DISTICHON. Das gedenk ich dir, Bastard des Jokus.[211]

HERMIONE. Endet euren Streit. Sprich, Affriduro. Kann Gewalt uns retten?

AFFRIDURO. Gewalt? zum erstenmal hör ich dies Wort von dir. Entsprossen aus dem Stamme deines gütgen Vaters, herrschest du durch Sanftmut stets. Wir kennen hier nur Poesie, Gesang und Tanz, der rauhe Klang der Waffen ist uns unbekannt, nur ein arkadisch Leben führten wir bis jetzt. Von einer Seite schützt des Meeres Wellenschild den blumenreichen Strand, und von der andern trennen steile Berge uns von unserm mächtigen Nachbar, dem König von Athunt. Die Waffen sind uns fremd, wir kennen nur die List.

NARR. Ich rate auch zur List, sie machen sich zu mausig hier, drum muß man sie wie Mäuse fangen. Beiseite. Ich richte eine diamantne Falle auf, und statt dem Speck häng ich zwei türksche Schals hinein.

AFFRIDURO. Doch höre des Orakels Schluß. Nicht eher wird die Macht der Zauberschwestern sich besiegen lassen, bis Hermione sich vermählt und dem Lande einen Herrscher gibt, der gleich ihr zu herrschen würdig ist. Wenn das geschieht, wird jene Macht verschwinden. Drum hör' die Bitte deines ganzen Reiches und wähle dir den König von Athunt, er strebt nach deiner Hand. Du besitzest Geist, er Mut und Macht. Erwähle ihn, bevor die Zauberschwestern noch in seine Brust des Hasses Samen streun und mit Gewalt er fordert, was du seinem Edelmut verweigert hast. Du wirst dem Schicksal nicht entrinnen, denn die Sterne prophezeien unserm Lande einen Herrscher aus dem Hause von Athunt.

HERMIONE. Als vor zwei Jahren der König von Athunt mit seinem Sohn an meinem Hof erschien, für sich um meine Hand zu werben, gestand ich ihm ja frei, daß ich vom Wert der Poesie begeistert im Tempel des Apollo ein Gelübde abgelegt, als Gemahl nur einen Sänger hoher Lieder zu umarmen, sei er der Ärmste meines Volkes auch, wenn er nur reich ist an Gemüt und hohem Geist. Der König von Athunt belächelte den Schwur, gestand, daß er die Verse nur mit blutgem Schwert zu schreiben wüßte. Er zog von[212] meinem Hof, doch hinterließ er das Versprechen mir, daß er den schönen Frieden meines Landes niemals stören wolle. Glaubst du, ich hätte meinen Schwur vergessen? Nur einem Sohn der Musen reich ich meine Hand.

DISTICHON stolz. Mein Vaterland ist der Parnaß.

NARR. Ich bin vom kahlen Berg zuhaus.

AFFRIDURO. Erwäge des Orakels Spruch, und wählest du nicht ihn, so wähle doch und rette dadurch deine Treuen.

HERMIONE für sich. Peinliche Verlegenheit. Was beginn ich? – mein Herz ist ja nicht frei.

ALLES kniet. Wir flehen zu dir, Herrscherin.

HERMIONE. Wohlan, so will ich wählen. Wenn wieder uns der Mond die goldne Sichel zeigt, so werd ich meine Hand verschenken.

ALLE. Heil Hermione!

HERMIONE. Bis dahin will ich meines Stolzes Panzer mit geschmeidigem Samt der Klugheit überziehen und durch sanfte Worte die Zauberschwestern zu gewinnen suchen. Eilet hin nach ihrem Schloß und ladet sie hieher.

ODI sieht hinaus und erschrickt. Götter, seht, dort sind sie schon. Sie streifen durch die Flur und jagen weiße Raben.

HERMIONE. So eil hinaus und rufe sie.

ODI erschrocken. Ich?

HERMIONE. Ja, du!

ODI. Verzeih, ich wag es nicht.

AFFRIDURO. So bist du ja ein ganzer Hase?

NARR. O nein, er ist ein bloßer Hasenfuß.

HERMIONE. Beschämet keiner ihn?

DISTICHON kühn, für sich. Mut, Distichon! Du stiehlst ihr Herz. Laut. Ich hole sie. Eilt ab.

NARR tut, als hebe er etwas von der Erde auf. Pst! Pst! Winkt Distichon zurückzukehren. Freund!

HERMIONE. Was treibst du, Narr?

NARR. Er hat beim Fortgehen seine Furcht verloren, ich heb ihm s' unterdessen auf. Tut, als steckte er sie in den Sack.

ODI. Er ist schon dort und spricht auf sie, – sie drohen ihm, er läuft davon.[213]

HERMIONE. Pfui!

ODI. Sie senden Pfeile nach. Schreit. Er ist getroffen.

HERMIONE ängstlich. Götter!

ODI. In dem Waden steckt ein Pfeil.

NARR. Jetzt haben wir doch einen gespickten Hasen auch.

HERMIONE. So sinkt er?

ODI. Nein, er läuft, hier ist er schon.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 210-214.
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Die gefesselte Phantasie. Original- Zauberspiel in zwei Aufzügen.
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