Dreizehnter Auftritt


[448] Vorige. Ewald, Simplizius, beide im ägyptischen Kostüm. Hippomedon. Volk.


HIPPOMEDON. Endlich haben wir wieder das Glück, zwei Fremdlinge in unsrer Stadt zu sehen. Staunt! aus Ägypten kommen die Leute gar, um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen.

EWALD. Sei gegrüßt, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem Reiche zu verhandeln.

SIMPLIZIUS. Zu verhandeln, sagt er. Auf die Letzt halten s' uns für Juden.

THESTIUS. Seid uns gegrüßt. Wir bedauern euch.

SIMPLIZIUS macht große Augen. Der bedauert uns.

THESTIUS. Euch haben böse Sterne in dies Land geleitet.

SIMPLIZIUS. Ah warum nicht gar, wir sind ja beim hellichten Tag ankommen.

EWALD nimmt ihn auf die Seite. Sei nicht so gemein. Tu vornehm, sei klug, bescheiden, und drücke dich in bessern Worten aus.

SIMPLIZIUS. Das müssen Sie mir schriftlich geben. Denn so kann ich mir das nicht merken.

EWALD. Glaubt nicht, daß ich der Pyramiden geheimnisvollen Aufenthalt umsonst verließ, ihr werdet die Gestirne hoch verehren, die nach Massana mir geleuchtet. Denn fromme Götter haben mich zu euch gesendet.

THESTIUS. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug ist sanft und edel deine Haltung, dein Antlitz flößt Vertrauen ein, und deine kühn gewölbte Stirn mag wohl ein Thron der höchsten Weisheit sein.

SIMPLIZIUS. Nein, was an dem alles bemerken, das war mir nicht im Schlaf eingfallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da sitzt die Weisheit drauf. Macht die Pantomime des Niedersitzens. Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn alles sitzen sehen!

THESTIUS. Willst du mein Unglückshaus zur Wohnung dir erwählen, so folge meinem scheuen Tritt, doch laß die[449] Vorsicht emsig prüfen deinen Pfad und Besorgnis über deine Schulter schaun.


Er verbeugt sich tief.


EWALD. Mein Dank grüßt deines Hauses Schwelle. Mit frohem Hoffnungsgrün wird dir der Gast die Hallen schmücken. Simplizius folge bald.


Geht mit Anstand ab. Thestius folgt.


SIMPLIZIUS sieht ihm erstaunt nach. Ich empfehl mich Ihnen. Ah, was die Weisheit für eine langweilige Sach ist, das hätt ich mein Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. Zu Epaminon das. Tut nobel. Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt es denn für Spaziergänge hier?

EPAMINONDAS. Der betretenste Weg führt ins Elend.

SIMPLIZIUS. So? Das muß eine schöne Promenade sein.

HIPPOMEDON. Du wirst sie schon noch sehen.

SIMPLIZIUS. Ich freu mich schon darauf. Haben Sie auch ein Theater?

EPAMINONDAS. O ja. Seufzend. Massana heißt der Schauplatz.

SIMPLIZIUS. Was wird denn da aufgeführt?

HIPPOMEDON. Ein großes Trauerspiel.

SIMPLIZIUS. Von wem?

EPAMINONDAS. Ein Werk des Orkus ists.

SIMPLIZIUS. Den Dichter kenn ich nicht. Muß ein Ausländer sein.

HIPPOMEDON. Es währt schon sieben Jahre.

SIMPLIZIUS. O Spektakel! Da muß einer ja drei-, viermal auf die Welt kommen, bis er so ein Stück sehen kann. Wer spielt denn mit?

EPAMINONDAS. Das ganze Volk.

SIMPLIZIUS. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu?

EPAMINONDAS. Die Hölle.

SIMPLIZIUS. Da muß ja eine Hitz im Theater sein, die nicht zum Aushalten ist. Überhaupt scheinen die Leut hier nicht ausgelassen lustig zu sein. Warum weinen denn die Frauen da?

EINE FRAU. Wir beweinen euer Schicksal.

SIMPLIZIUS. Unser Schicksal? Was haben denn wir für ein[450] Schicksal? Man trägt eine mit grünem Tuch bedeckte Trag schnell über das Theater. Wen tragen s' denn da?

HIPPOMEDON. 's ist nur einer, den ein Roß erschlagen hat.

SIMPLIZIUS. Erschlagen hats ihn nur? oh, da reißt er sich schon noch heraus. Hier ist eine gesunde Luft. Wer wohnt denn in dem großen Haus?

HIPPOMEDON. Das steht leider leer. Die Leute sind alle herausgestorben.

SIMPLIZIUS. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn gfehlt?

EPAMINONDAS. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade ein gelbes Fieber.

SIMPLIZIUS. Nun, wenn es nur eine Farbe hat, ich bin mit allen zufrieden. Eine ebensolche Trag von der entgegengesetzten Seite schnell über das Theater. Sie, da tragen s' ja schon wieder einen?

EPAMINONDAS. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein gefährlicher Tag. Ihr dürft euch in acht nehmen.

SIMPLIZIUS. In acht nehmen? Ja haben Sie denn etwa die Pest?

EPAMINONDAS. Nu, jetzt nicht mehr so sehr.

SIMPLIZIUS. Nicht mehr so sehr? Hören Sie auf, mir wird völlig Angst. – Ich bitt Sie, mein lieber – wie heißen Sie?

EPAMINONDAS. Epaminondas.

SIMPLIZIUS. Epaminondas? Das ist auch ein so ein gefährlicher Nam. Also mein lieber Epaminondas, haben Sie die Güte und führen Sie mich wohin. Daß ich eine Ausheiterung hab, denn ich bin sehr miserabel.

EPAMINONDAS. Ich will dich an einen Ort führen, wo du vielleicht Bekannte findest.

SIMPLIZIUS. Ah, das war prächtig. Wohin denn?

EPAMINONDAS. Auf den Fremdenkirchhof.

SIMPLIZIUS. Wohin?

EPAMINONDAS. Auf den Fremdenkirchhof. Da liegen alle Fremden begraben, die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind.

SIMPLIZIUS. Alle? ohne Ausnahm?

EPAMINONDAS. Ja ja, alle. Du kannst dir gleich dort einen Platz bestellen.[451]

SIMPLIZIUS. Einen Platz soll ich mir bestellen? Wie auf einen Gesellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch! was fällt Ihnen denn ein? Was ist denn das für ein Land? Das ist ja eine wahre Marderfallen, wo man nicht mehr hinauskann. Und das erzählen Sie einen noch, Sie abscheul – Wie heißen S'? Ich hab Ihnen schon wieder vergessen.

EPAMINONDAS wild. Epaminondas.

SIMPLIZIUS. Der Nam bringt einem allein schon um. So widerrufen Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angst verzehrt.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 448-452.
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