Siebenter Auftritt


[435] Ewald.


EWALD allein. Hahaha! Ein gutmütiger Mensch, wenn er nur nicht so unerträglich einfältig wäre. Mich dauert seine[435] mißliche Lage, morgen erhalt ich die Hälfte meines Honorars, davon will ich ihn unterstützen. Doch jetzt sei wirksam, Geist!


Dichtend.


Sechzehnte Szene. Gefängnis. Artur allein.

Warum muß ich im finstern Turm hier hausen,

Um den des Meers geschäftge Wellen brausen?

Ach, während Liebe stillt ihr froh Verlangen,

Hält mich der Haß hier trauervoll gefangen.

O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst

Und sanft dein Haupt zu mir herniederneigst,

Leit mich aus meines Kerkers düsterm Bann,

Daß ich, statt nutzlos sinnen, handeln kann.


Währenddem sinkt unter sehr leisen sanften Tönen Lucine auf Wolken nieder. Ein Genius trägt die Rosenfackel.


LUCINA.

Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn,

So kann ich deines Wunsches regen Drang erfüllen.

Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn

Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kühlen.

Zu hohem Wirken hab ich deinen Mut erkoren,

Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn.

EWALD.

O glanzentzücktes Aug, zum seltnen Glück geboren,

Daß du so holder Göttin Reize darfst erspähn!

LUCINA.

Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen!

Du bist zur Rettung eines mächtgen Reichs erwählt.

Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen,

Drum werd dir auch von mir das Nötge nur erzählt.

Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen,

Ein Land, in welchem Unglück heult in jedem Haus

Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen.

Dort gibst du dich für einen Weisen aus,

Entstammend aus Ägyptens heilgen Pyramiden,

Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten.[436]

Und wenn der König enden will den Lauf hienieden,

Vergoldest du des Todes fürchterliche Ketten

Und forderst erst für diesen Dienst des Reiches Krone.

EWALD.

Wodurch ich dies vollbring, kann ich noch nicht ergründen.

LUCINA.

Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone.

Wenn du sie kräftig schwingst, wird sie sich selbst entzünden.

Der Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten,

Wird zephyrleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen,

Narkotsche Wohlgerüche um sich her verbreiten

Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen.

Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen,

Wie ihn die zartste Phantasie nur könnte malen,

Daß sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen

Und sanfte Rührung wird aus jedem Auge strahlen.


Gibt ihm die Fackel.


Verwahr sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen,

Wenn tröstet dich ihr weiterfreunder Wunderschein.

Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen,

Dem kühnen Mut muß bange Furcht zur Seite sein.

Du wirst wohl selbst wo einen feigen Dümmling kennen,

Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt?

EWALD.

Da kann ich dir, o Göttin, keinen bessern nennen

Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt.


Deutet auf Simplizius ins Haus.


LUCINA

Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln.

EWALD.

Er ist mir schon gewiß, ich weiß, was ihn bewegt.

LUCINA zeigt auf einen Fels.

Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln,

Der euch im schnellen Flug durch blaue Lüfte trägt.

Du übst, wie ichs befahl.[437]

EWALD.

Dies kann ich hoch beteuern.

LUCINA.

Wohlan! ich will voraus, hin nach Massana steuern.


Fliegt ab.


EWALD allein.

Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters würdig,

Weil echte Poesie nach einer Krone strebt.

Selbst Göttern ist durch hohen Schwung sie ebenbürtig,

Der über Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt.

Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum.

Drum wird die Kron, die ich heut wage zu begehren,

In nichts zerfließen wie der Woge flüchtger Schaum.

Nur daß ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewähren.

Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen träumen,

Kann er darüber arme Wirklichkeit versäumen!


Ab ins Haus.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 435-438.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die unheilbringende Zauberkrone
Raimundalmanach / Die unheilbringende Zauberkrone: Oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Traumnovelle

Traumnovelle

Die vordergründig glückliche Ehe von Albertine und Fridolin verbirgt die ungestillten erotischen Begierden der beiden Partner, die sich in nächtlichen Eskapaden entladen. Schnitzlers Ergriffenheit von der Triebnatur des Menschen begleitet ihn seit seiner frühen Bekanntschaft mit Sigmund Freud, dessen Lehre er in seinem Werk literarisch spiegelt. Die Traumnovelle wurde 1999 unter dem Titel »Eyes Wide Shut« von Stanley Kubrick verfilmt.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon