Vierzehnter Auftritt


[493] Vorige. Ewald.


EWALD. Nun hier bin ich, schnell zum Werk. Gebieterisch. Bereitet Euch, nun schön zu werden.

ALOE pathetisch. Wer wäre dazu nicht bereitet? Erwartung spannet jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz.

EWALD. Kniet Euch nieder.

ALOE. Nun ich knie.

EWALD. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schön.

ALOE steht schnell auf. Wollt Ihr mich zur Närrin machen, ich seh ja nicht die mindeste Veränderung an mir.

EWALD. Weil es hier zu dunkel ist, laßt mich erst die Leuchte schwingen. Er schwingt die Fackel und steckt sie in einen Ring des Pfeilers, doch so, daß die Halle links beleuchtet wird, die andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein junges, reizendes, rosig gekleidetes griechisches Mädchen, mit weißen Rosen geziert. Nun beseht Euch in dem Spiegel. Er hält ihr einen Handspiegel vor, der auf einem Tischgen liegt.

ALOE. Nein! unmöglich. Venus blickt aus diesem Glase. Schwört mir, daß ichs selber bin.

EWALD. Ja, Ihr seids, mein Haupt dafür.

ALOE plötzlich stolz. Nun ihr Weiber, die die Welt, blind genug, für schön erklärt, wagt es, euch mit mir zu messen! Bettlerinnen seid ihr alle. Ha, so groß ist meine Freude, daß ich dich umarmen muß. Küßt ihn.

EWALD. Sie gefällt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht verführen, denn will ich meine Lieb vernichten, lösch ich nur die Fackel aus. Gezogen. Hört mich, schöne Aloe.[493]

ALOE entzückt. Was verlangst du, holder Mann?

EWALD. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab erfüllt. Laßt Atritien mich sprechen. Ruft sie mir.

ALOE. Wartet nur, ich hab sie fest verschlossen. Na, die wird vor Galle bersten, wenn sie meine Schönheit sieht.


Sie geht durch die lichte Öffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt sie stehen, und eine andere von gleicher Größe, gekleidet wie Aloe als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentür in der dunklen Halle, schließt sie auf und geht hinein. Wie sie die Tür aufschließt, spricht.


EWALD lachend. Haha! Nun ist sie wieder alt, weil sie die Fackel nicht bescheint.


Aloe stürzt aus dem Gemache. Wie sie zu dem Pfeiler kömmt, wechseln die Gestalten.


ALOE. Wie geht das zu, daß mich Atritia nicht bewundert?

EWALD für sich. Das glaub ich gern. Laut. Ihr irrt Euch ja. Ruft. Atritia! komm doch heraus.

ATRITIA aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne auf Aloe zu achten.

ATRITIA. Ich komme! es ist seine Stimme. Sag, Fremdling, ist es wahr, soll ich dein Weibchen werden?

EWALD. So ists! Doch sieh dich um!

ATRITIA. Ach Himmel, was erblick ich! Das ist die Göttin Venus selbst. Fällt auf die Knie. Nein, solche Schönheit hab ich nie gesehen.

ALOE triumphierend. O Labsal! Honig für den Stolz! Da kniet sie jetzt, die mich so oft verlacht.

ATRITIA hält die Hände zusammen. Große Göttin, steh uns bei.

EWALD. Steh auf, es ist nur deine Muhme.

ATRITIA. Was sprichst du da? Die Muhme?

EWALD. Sie ists. Ich hab sie so verschönert.

ATRITIA steht auf. Die alte häßliche Aloe? Nicht möglich.

ALOE bricht los. Du ungezognes Kind, du wagst es, häßlich mich zu nennen? Geh mir aus den Augen, oder ich vergreife mich an dir. Der Ärger bringt mich um.

ATRITIA. Ja, du hast schon recht, sie ists. So spricht die Göttin Venus nicht. O sag, wirst du mich auch verschönern?

EWALD. Du bist mir schön genug.[494]

ATRITIA. Dann will ich auch nicht schöner sein.

EWALD. Doch nun leb wohl. Küßt sie. Kehr ich zurück, wirst du mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina! Weih ihr deinen Schutz.

ALOE noch immer zornig. Mich alt zu nennen! Du abscheuliges Geschöpf! Droht mit der Faust.

EWALD. Jetzt mäßigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schönheit. Folgt in den Tempel mir.

ALOE nimmt sich zusammen. Ja, ich will mich mäßigen, denn meine Schönheit geht mir über alles.

Ich folge Euch. Wieder auffahrend. Aber wenn ich zurückkomme! Zu Ewald. Geht nur voraus, ich bin die Sanftmut selbst. Wieder auffahrend. Gottloses Kind! ich Faßt sich. nein, du sollst mich nicht um meine Schönheit bringen. Geh nur voraus, ich folge sanft – ganz sanft. Trippelt steif und wirft einen wütenden Seitenblick auf Atritien. Mich alt zu nennen! Zittre, wenn ich wiederkomme! Ganz sanft – ganz sanft.


Geht ab.


ATRITIA allein. Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer.


Wolken fallen vor. Lulu aus der Versenkung.


LULU. Und willst du ihn darum verlassen?

ATRITIA. Das tu ich nicht. Er hat auch mich bezaubert.

LULU. So folge mir. Ich will dich ihm bewahren.


Versinkt mit ihr.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 493-495.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die unheilbringende Zauberkrone
Raimundalmanach / Die unheilbringende Zauberkrone: Oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend

Buchempfehlung

Anonym

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Die vorliegende Übersetzung gibt den wesentlichen Inhalt zweier chinesischer Sammelwerke aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert wieder, die Aufzeichnungen über die Sitten der beiden Vettern Dai De und Dai Schen. In diesen Sammlungen ist der Niederschlag der konfuzianischen Lehre in den Jahrhunderten nach des Meisters Tod enthalten.

278 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon