Neunter Auftritt


[479] Vorige. Vier Bewohner treten ein, bewaffnet.


SIMPLIZIUS. Jetzt kommen mir schon zu viel Knöpf zusammen. Ich weiß schon, was ich tu, ich mach einen großen, der gilt für vier. Das wird ein Massaker werden, wie ich die zusammenendeln werd.

ABUKAR. Seht ihn nur an, das ist ja die einfältigste Miene, die mir noch vorgekommen ist.

SIMPLIZIUS. Ah, jetzt muß ich doch Rebell schlagen. Laut. Was glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, daß Sie sich über meine Phisiognomie lustig machen? Was fehlt denn meinem Gesicht? Die Häßlichkeit vielleicht? die ist ja nirgends mehr zu finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben.

ALLE lachen. Ein drolliger Kerl!

SIMPLIZIUS. Nu, da haben wirs, nicht einmal ordentlich lachen können s', mit den Gsicht. Da lach ich mit den linken Ellbogen besser als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die Beleidigung angetan, eine solche Phisiognomie aufzubürden? Die Natur vielleicht? Die setz ich ab, wenn sie mir noch einmal solche Gsichter macht. Das sind Keckheiten von ihr, ich brauch sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir eine Natur? Die Welt ist lang genug unnatürlich gewesen, sie kanns noch sein.

ABUKAR. Der Bursche muß Hofnarr werden, dir macht mich schrecklich lachen.[479]

SIMPLIZIUS. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung. Satisfaktion!

OLIMAR. Er hat Mut wie ein Löwe.

SIMPLIZIUS. Löwe? Das ist gar eine viehische Beleidigung. Doppelte Satisfaktion!

ASTRACHAN. Der Kerl ist über einen Spartaner.

SIMPLIZIUS. Spartaner? Das wird wieder ein anderes Vieh sein. Ich kenn mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat! Einen muß ich spießen. Faßt Olimar. Was ists mit Ihnen? wollen Sie sich mit mir schlagen, oder wollen Sie sich schlagen lassen?

OLIMAR. Hülfe! Hülfe!

ABUKAR packt Simplizius am Genicke und beutelt ihn. Nun hast du Zeit, Bube –

ASTRACHAN. Ins Gefängnis, fort mit ihm.

SIMPLIZIUS entreißt dem Olimar den Säbel aus der Scheide. Jetzt reißt mir die Geduld. Er haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze entgegenhält, welche er ihm aus der Hand schlägt. Ihr verdammten Callidalianer! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden!


Er kämpft mit allen und jagt sie in die Flucht. Einige verlieren ihre Waffen, einer den Helm.


OLIMAR im Ablaufen. Ich habs vorausgesagt, ihr Götter, seid uns gnädig!

SIMPLIZIUS allein. Ha! Pompeja ist erobert. Sieg über die Kalmuken.

Da gibts Waffen. Er setzt sich den Helm auf. Her da mit dem Helm! Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spieß auf. Das ganze Zeughaus häng ich um. So! Jetzt ist der Stephan Fädinger fertig. Rache! Rache! Alles muß blutten. Einen Haß hab ich! Ich glaub, es dürft mich einer spießen, mir wärs nicht möglich, ihn zu küssen. Die ganze Welt ist mir zuwider.


Lied


Wenn s' mir die Welt zu kaufen gäben,

Ich weiß nicht, ob ich s' nimm.

Da müßt man ein Verdruß erleben,

Es würd eim völlig schlimm.[480]

Und ließ' man s' wieder lizitiern,

Was könnt man da viel profitiern?


Vors erste ist s' ein alts Gebäu,

Wer weiß, wie lang s' noch steht.

Das sieht man an Massana glei,

Daß s' sicher untergeht.

Und fällt eim so a Welt ins Meer,

Wo nimmt man gschwind a andre her?


Die Völker stehn mir auch nicht an,

D' Kalmuken, d'Hugenotten,

Und wem ich gar nicht leiden kann,

Das sind die Hottentotten.

Da möcht ich grad vor Wut vergehn,

Und ich hab nicht einmal ein gsehn.


Auch ists ein Elend mit den Tieren,

A bloße Fopperei,

Was kriechen s' denn auf allen vieren?

Ich geh ja auch auf zwei.

Die meisten können uns nur quälen –

Am liebsten sind mir die Sardellen.


Die Sonn, die ist schon lang mein Tod

Mit ihrer öden Pracht.

Der Mondschein macht sichs gar kommod,

Der scheint nur bei der Nacht.

Und dann die miserablen Stern,

Die weiß man gar nicht, zu was ghörn.


Kurzum, ich haß die ganze Welt,

Im Sommer wie im Winter.

Mir liegt sogar nichts an dem Geld.

Es ist nicht viel dahinter.

Ein einzgen Menschen nur allein


Deutet auf sich.


Wüßt ich – dem ich noch gut könnt sein.


Geht ab.


[481] Repetition


Das ist ein sonderbarer Spaß,

Was denn das wohl bedeut?

Verschwunden ist mein ganzer Haß,

Jetzt lieb ich alle Leut.

Mein Herz will immer mehr erwarmen,

Ich wollt, ich dürfte alls umarmen.


Sollt ich mich vorher ärgern nicht?

Das könnt ich ja nicht loben,

Die Leut belachen mein Gesicht

Und stehen da heroben.

Ah, wenn ich unten lachen hör,

Hernach ists mir die größte Ehr.


Auch's Geld hab ich vorher veracht,

Ich unerfahrnes Bübel.

Jetzt hab ichs nochmal überdacht,

's ist doch nicht gar so übel.

Und wenn ich eine Einnahm hätt,

Ich glaub, daß ich sie nehmen tat.


Ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 479-482.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die unheilbringende Zauberkrone
Raimundalmanach / Die unheilbringende Zauberkrone: Oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon