Zehnter Auftritt


[292] Verwandlung.

Wolkentheater.

An der Seite eine hervorragende thronartige Wolkengruppe. Geister der Tugend, weiß gekleidet, mit weißen Rosenkränzen auf dem Haupte, Lilienstengel in den Händen, kommen unter passender Musik trauernd auf die Bühne. Ariel tritt mitten unter sie.


ARIEL.

Laßt uns um Alzinden klagen,

Die in jugendlichen Tagen

Durch der finstern Mächte Spiel

Als ein Tugendopfer fiel.


Knien nieder.


Himmel, höre unsre Bitten,

Lasse nimmer es geschehen,

Daß der Tugend reine Sitten

Durch Verfolgung untergehen.


Steht lebhaft auf.


Doch seht nur, dort schwebt mit dem Lilienstengel

Der Retter der Unschuld als tröstender Engel,

Er trug zu dem Thron des Allmächtigen hin

Das Schicksal Alzindens mit flehendem Sinn.

O himmlischer Bote, oh, tauche doch nieder

Dein silbererglänzendes Schwanengefieder!

Er nahet, er nahet, er senket die Schwingen

Und wird uns das Machtwort des Ewigen bringen.


Musik.

Der Genius der Tugend, mit einer Lilienkrone auf dem Haupte, besteigt den Wolkenthron.


GENIUS.

Hört mich an, ihr Tugendgeister,

Zu mir sprach der hohe Meister:[292]

»Nur ein Kampfplatz ist die Welt

Und das Böse hingestellt,

Daß es mit dem Guten streite

Und der Hölle werd zur Beute.

Beide treten in die Schranken

Dieser unruhvollen Welt.

Tugend darf im Kampfe wanken,

Eigne Schuld ists, wenn sie fällt.

Jedem ward die Kraft hiernieden,

Der Verführung Trotz zu bieten,

Nur der Schwache sinkt im Krieg,

Doch den Starken krönt der Sieg.

So ist es bestimmt auf Erden,

Tugend muß geprüft dort werden.

Dies ist auch Alzindens Los,

Doch ihr Lohn unendlich groß,

Denn sie wird ein Beispiel geben,

Wie der Mensch gelangt im Leben

Durch die Qual der tiefsten Leiden

Zu dem Ziel der höchsten Freuden,

Die ein groß Bewußtsein schenkt.

Drum gehe in Erfüllung Moisasurs Spruch,

Und Edelmut, den er verdammt, besiege seinen Fluch.

Unmögliches hat er von irdscher Kraft begehrt,

So werde er denn nun durch den Erfolg belehrt,

Daß Tugend, wenn sie auch im Staub sich windet,

Hoch in den Wolken ihren Retter findet.

Zu diesem«, sprach er, »will ich dich nun weihn

Und deinem Wink die Kraft verleihn,

Daß jedes Wesen, so die Erde hegt,

Was sich in ihr und was sich auf ihr regt:

Die Bewohner dunkler Klüfte

Wie die Geister blauer Lüfte,

Deinem Rufe untertänig,

Ja, daß selbst des Todes König,

Sprichst du meinen Donnergruß,

Deinem Rufe folgen muß.«[293]

Also sprach der große Meister.

Preiset ihn, ihr Tugendgeister!


Knien nieder und beugen das Haupt.


Ich will, um das Schiff zu lenken,

In Hoanghus Seele senken

Meiner Prüfung forschend Blei,

Ob sein Lieben tief auch sei.

Ihr verinnet in die Lüfte,

Hüllet euch in Blumendüfte,

Lindert in Alzindens Herz

Der Verzweiflung wilden Schmerz!


Die Geister verschwinden.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 292-294.
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