Neunter Auftritt


[315] Vorige. Alzinde.


HANS. Schau nur, Mirzel, unser fürstlichs Mutterl.

MIRZEL. Wenn ihr nur nichts gschieht, mir ist recht bang.

AMTMANN. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heißest du?

ALZINDE. Alzinde heiß ich.

AMTMANN. Wo geboren?

ALZINDE. Indien ist mein Vaterland.

AMTMANN. Wie alt?

ALZINDE. Zwanzig Jahre kaum vorüber.[315]

AMTMANN. Haha, Zu Rossi. ich muß unwillkürlich lachen.

AKTUAR. Das sieht man ihr nicht an. Für achtzehn hätt ich sie gehalten.

ALZINDE. Oh, spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der mit Ehren trägt den Orden hoher Jahre, womit die Zeit die Mäßigkeit belohnt.

AMTMANN verwundert. Das ist ein Wahnsinn von der nobelsten Gattung.

ROSSI. Sie dauert mich!

MIRZEL. Armes Mutterl!

AMTMANN. Was treibst du für Geschäft?

ALZINDE. Wenn Jammer ein Geschäft ist, treib ich es.

AMTMANN. Bist du verheuratet?

ALZINDE. Ich bin es. Mein Gemahl ist Hoanghu, der König eines mächtgen Reichs.

AMTMANN schüttelt den Kopf. Eigene Ideen. Wie kommst du ins Gebürg?

ALZINDE. Warum verschonest du die Frage nicht, wenn du der Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich? Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, daß mich ein böser Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschließt und unter euch mich elend macht?

AMTMANN. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe. Kennst du diese beiden? Auf Hans und Mirzel deutend.

ALZINDE stürzt freudig auf sie zu. Meine Wohltäter, ob ich sie kenne, fragst du mich? Mir ist, als ob ich in Arabiens Wüste zwei fruchtbeladne Bäume fände, deren Schatten mich erquickend kühlt. Ihr guten Menschen, wüßtet ihr doch, was ich alles hab gelitten, seit man mich von euch gerissen hat.

MIRZEL gutmütig.

Du gute Alte!

Sei die Fürstin nicht so traurig.

HANS gutmütig.

Du gute Alte!

Sei die Fürstin nicht so traurig.

AMTMANN. Das ist ein sonderbares Weib. Hieher trete! Zeigt ihr die Diamanten, die auf einer Tasse liegen. Sag. Gehören diese Tränen deinen Augen, hast du sie geweint?

ALZINDE. Wer gab Euch diese Wundertränen hier? Nein![316] So war es nicht gemeint. Euch sind sie nicht geweiht. Ihr Ärmsten, hat man euch entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie zurück, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert, was soll die Träne dir, ach, du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurück, mach mich nicht gar so arm und bring dies Aug nicht um sein schmerzlich Eigentum.

AMTMANN. Zaubertränen sinds. Ich brauche nur ein Ja von dir. Kannst du solche Tränen weinen?

ALZINDE. Nein, nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn ich diese Augen aus mit glühendem Stahl. Rühren soll die Träne, dazu hat die Sonne sie bestimmt, und könnt ich sie auf eure Herzen weinen auch, so fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos.

AMTMANN. Ich brauche deine Tränen nicht, ich will Geständnis klar und deutlich, ob du sie geweint?

ALZINDE. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur, wenn euer Geiz hier Tränen preßt aus der Bedrückten Auge, deren Wert nur in der Größe ihrer Wehmut liegt, oh, wie unendlich muß die Wollust sein, mit der ihr diamantne fallen seht!

AMTMANN. Vergiß die Achtung nicht, die du mir schuldig bist. Sehr zornig, doch edel durchaus. Sie ist nicht wahnsinnig, der Satan spricht aus ihr. Zum letztenmal, hast du die Tränen hier geweint? Wenn du nichts antwortest, so werd ich anders dich behandeln.

ALZINDE fährt empor. Anders? Stolz. Vergiß dich nicht, du Sklave! denke, ich bin eine Königin! Sinkt in einen Stuhl, an dem sie steht. Ach, – Matt. ich war eine Königin! Du beweisest mir, daß ich es nicht mehr bin. Nicht länger will ich mich entweihen. Stark. Ja, ich habe sie geweint, ich schwör es bei der ewgen Sonne dir.

AMTMANN. So beweisest du mir, daß du eine Hexe bist. Ins Gefängnis, fort, das Landgericht wird bald dein Urteil fällen, und vielleicht ist schon die nächste Sonne die dein Blick begrüßet, auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes Weib?[317]

ALZINDE. Ha, seht den stolzen Pfau, wie er mit schönen Federn prahlet und wie so häßlich seine Stimme tönt. Leb wohl und glaube nicht, du hättest mich gerichtet, die Götter sinds, und du ein Werkzeug ihres großen Plans, darum vergeb ich dir, du übtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube mir, daß ich zu diesen sprechen darf. Zu diesen, deren schlichtes Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland erwählt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, daß ihr mich aufgenommen und getröstet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer Schwelle stieß? O Sonne, deren Strahl beglücken kann! Tritt in ihre Mitte und nimmt sie beide an der Hand. wenn du vergelten willst, was ich erdulden muß, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden ihren Herzen und laß ihre Ehe glücklich sein, wie es die meine war – Bricht plötzlich ab, mit Schmerz. lebt wohl, ich bin bewegt, Leise. ich will bewegt sein, muß es sein, o ihr Götter, laßt mich weinen, Weint, leise. seht, es fließen meine Tränen, hascht sie heimlich auf, damit es jene nicht bemerken. Hans hält den Hut auf und Mirzel die Schürze. Im Vordergrund sind alle drei, damits der Amtmann nicht bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des Komischen. So – so – behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht mehr bin, erinnert euch der unglücklichen Königin Alzind. Zu den Gerichtsdienern stolz. Nun folg ich ins Gefängnis euch.


Mit zwei Gerichtsdienern ab.


AMTMANN steht auf und sagt um Aktuar. Schließen Sie und legen Sie es auf mein Pult.


Der Aktuar geht ab.


ROSSI der bewegt war unter dem Schluß der Szene. Was geschieht mit diesem Weib, Herr Amtmann?

AMTMANN. Sie wird verbrannt, wie sies verdient. Zu Hans und Mirzel. Geht jetzt nach Hause und nehmt ein Beispiel euch an diesen unglückselgen Menschen hier.

HANS. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir lang schon gwußt, Herr Amtmann, aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das Weib ist gwiß[318] ein gute Seel, und in mein ganzen Leben werd ich die gute Fürstin nicht vergessen.

MIRZEL. Und wenn s' verbrennt wird, lieber Gott, so laß nur regnen Tag und Nacht, damit sies sehen, daß du ihrn Tod nicht willst, und wenns doch gschehen soll, lieber Hans, so nehmen wir ihr Aschen und bauen s' in unsern Gartel an, da werden viel tausend schöne Blumen draus entstehn.

ROSSI. Ihr wackern Leute, nehmet dies Gold, ich gebe es euch, weil es mich innig freuet, daß ihr das alte Mütterchen bedauert, denn das muß ich auch.

HANS. Wir küssen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und Euer Gnaden Herrn Amtmann 's Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein trüber Tag.

MIRZEL. Heut schmeckt mir gwiß kein Bissen, lieber Hans.


Beide ab.


ROSSI. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann.

AMTMANN. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen?

ROSSI. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der Auftritt hat mich angegriffen, ich will die grüne Wiese suchen und den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so edel sein kann und so schuldig auch. Geht ab.

AMTMANN allein. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt ich denn nicht Recht geübt an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein spreche, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters noch des Menschen Pflicht und hast deinen Platz behauptet, auf den Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle Menschen fragen. Hier steht ein altes Weib, mit tätger Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug voll Glut, spricht wie ein Xenophon und gilt für wahnsinnig, ist eine Bettlerin und schwärmt von einer Krone, hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart wie Stein, beschwört die Sonne und verklagt die Hölle, und alles dies bestätigt durch vier unparteiische Zeugen, eigne Augen, eigne Ohren: nun setz ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht sprechen wird: »Dies Weib ist eine Hexe.« Philipp! trag Er auf. Geht ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 315-319.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Moisasurs Zauberfluch
Raimundalmanach / Moisasurs Zauberfluch

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon