Fünfter Auftritt.

[169] Die Baronin, Feldkirch, Till.


BARONIN. Nun? was haben Sie ausgerichtet?

FELDKIRCH. Der Mensch ist ein wahrer Kannibale.

TILL. Man könnte sagen, ein wildes Thier.

FELDKIRCH. Recht, Commissionsrath! Solch ein Unchrist ist mir noch nicht vorgekommen.

BARONIN. O mein Gott! so erzählen Sie doch!

FELDKIRCH. Wir fanden ihn schon dort; als er hörte, daß ich von Ihnen käme, lachte er recht satanisch und fragte, ob ich Pistolen bei mir hätte. Kaum hatte ich nein gesagt, so zog er ein Paar aus seinem[169] Gürtel, und reichte sie mir grinsend hin. Was ich auch sagen mochte, er ließ sich auf nichts ein, sondern rief nur immer Blut. Blut! und wollte mir die Pistolen aufdringen.

BARONIN. Welch unglückseliges Schicksal führt mich mit diesem Wüthrich zusammen!

FELDKIRCH. Warten Sie, liebe Frau Nachbarin: Ende gut, alles gut! Ich ließ mich nicht irre machen, und – das muß wahr sein – der Commissionsrath stand mir treulich bei: so brachten wir den Rasenden doch so weit, daß er auf eine Unterhandlung einging.

BARONIN. Und das Ergebniß?

TILL. Er sagte, wenn nur die Recension nicht so unendlich geistreich wäre – –

BARONIN freudig. Sagte er das wirklich?

FELDKIRCH. Ja, das sagte er; weil sie es aber sei, so könne nur Blut – –

BARONIN. O der entsetzliche Mensch![170]

TILL. Er gestand, sie sei so reich an beißendem Spotte und schlagendem Witz – – –

BARONIN freudig. Gestand er das wirklich?

FELDKIRCH. Ja, das gestand er, und deßhalb müsse er feine Rache sättigen – und verlange Blut!

BARONIN. O hören Sie auf! Sie sinkt auf einen Stuhl.

FELDKIRCH. Nun, nun! hören Sie nur das Ende. Wir ließen uns durch seine kannibalischen Redensarten nicht aus dem Gleise bringen, und kamen denn endlich mit einem Vergleich zu Stande.

BARONIN. Gott sei Dank! Aufstehend. Und wie lautet er?

FELDKIRCH. Sie sollen erklären und es ihm schriftlich geben, daß Sie gar nicht die Verfasserin der Recension seien.

TILL. Und daß Sie gar nicht, und Ihres Erachtens überhaupt, keine Frau im Stande wäre, solch eine Recension zu schreiben. Er will die Erklärung vermuthlich drucken lassen.[171]

BARONIN nach einer Pause des höchsten Erstaunens. Erde, wandelst du noch in deiner Bahn? Leuchtest du noch durch die Himmel, ewige Sonne? Oder ist die Welt zurück gesunken in das gesetzlose Chaos, daß man mir das Unerhörte bietet? Mir, diesen entehrenden Antrag? mir, der Dichterin? Mir, der Verfasserin von Stolz und Liebe, Pflicht und Liebe, Rache und Liebe, Wahn und Liebe, Glauben und Liebe, mir diesen Antrag, und ich lebe noch? und der satanische Gedanke hat nicht auf ewig den Schlag meines Herzens gehemmt?


Sie sinkt wieder auf den Stuhl.


FELDKIRCH. Nun seh' mir mal Einer die Geschichten! Was hat die Erde und die ewige Sonne, die gar nicht einmal ewig ist, mit unserm Handel zu thun? Wo ist denn der entehrende Antrag und der satanische Gedanke?

BARONIN wieder aufstehend. Wie? die abscheulichste Lüge soll ich schriftlich bekräftigen? Mich selbst und den edelsten den schreibenden Theil meines Geschlechtes, beschimpfen? Nimmermehr! der Tod ist ein Kinderspiel gegen diese Erniedrigung.[172]

FELDKIRCH. Nehmen Sie mir es nicht übel, Frau Baronin, das sind Possen. Sie haben sich durch liebloses Richten einen bösen Handel zugezogen ich setze mich als Vermittler der Wuth eines Kannibalen aus: und nun wollen Sie den Vergleich nicht annehmen. Warum? Aus Eitelkeit. Ey, das nehmen Sie mir nicht übel, Sie sind eine hübsche gescheidte Frau, aber die Eitelkeit müssen Sie von sich thun, und die verlangte Erklärung geben.

BARONIN. Nimmermehr! Sie sollten sich schämen, einen so schmählichen Auftrag an mich übernommen zu haben. Hegten Sie wirklich für mich die Gesinnungen, deren Sie sich rühmen, so hätten Sie dem Uebermüthigen sogleich mit dem Degen oder mit Pistolen geantwortet.

FELDKIRCH. Das verstehen Sie nicht. Sie haben ihn beleidigt, er fordert Genugtuung, das ist in der Ordnung; denn er behandelt Sie wie einen Mann, weil Sie sich doch eines Männergeschäftes angemaßt. Wir haben ihn zur Sühne beredet; er fragt also: ob Sie die Beleidigung zurücknehmen wollen, das ist auch in der Ordnung.[173]

BARONIN. Ich nehme sie aber nicht zurück das ist auch in der Ordnung. Sie sind mein Kämpfer, gehen Sie hin und geben Sie ihm Genugthuung.

FELDKIRCH. Wahrhaftig? Meine Gnädige, Sie sind mir lieb und werth, und wenn jemand Ihre Ehre angriffe, – ich bin in meinem Leben kein Raufbold gewesen – aber ich würde mich nicht besinnen, sondern Degen und Pistolen zur Hand nehmen. Doch solcher Narrenspossen wegen mich herum zu schießen, das werde ich bleiben lassen, so lange ich noch bei Verstande bin.

BARONIN. Und mit diesen erbärmlichen Gesinnungen wagen Sie es, einer Frau Ihre Hand zu bieten? Wer sein Leben nicht großherzig auf das Spiel zu setzen weiß, der muß sich nicht erkühnen, um die Gunst einer edlen Frau zu werben.

FELDKIRCH. Das sehe ich nicht ein. Es steht wohl geschrieben: »Seid fruchtbar und mehret Euch«, aber nirgends: Seid großherzig und schlagt Euch todt. Kurz und gut: wollen Sie die Erklärung geben?[174]

BARONIN. In alle Ewigkeit nicht!

FELDKIRCH. Nun so leben Sie wohl. Mein Wagen is angespannt: Unterthäniger!

BARONIN. Glückliche Reise!


Feldkirch geht ab.


Quelle:
Ernst Raupach: Dramatische Werke komischer Gattung. Hamburg 1829, S. 169-175.
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