Scena I

[53] Der Schauplatz präsentieret die Stadt Plißine.

Schlampampe, Camille.


SCHLAMPAMPE. Nun, Sie gläubt mir's auch nicht, Frau Gevatterin, wie ich so froh bin, daß ich keine Studenten mehr in meinem Hause habe.

CAMILLE. Sage Sie mir doch, Frau Gevatterin, was es mit den Hüpeljungen gewesen ist. Ich habe es noch keinmal recht erfahren können.

SCHLAMPAMPE. Sie gedenke doch nur, Frau Gevatterin, was die beiden losen Vögel Edward und Fidele vor Händel vorgenommen haben. Da kriegen sie ein paar Hüpeljungen und ziehen ihnen verschammerierte Kleider an, schicken sie in unser Haus eben den Tag, als mein Sohn Schelmuffsky aus der Fremde wiederkommen war. Wie wir nun über den Tische saßen und speiseten, so pochten sie draußen an. Wie meine Köchin zusiehet, wer da ist, sprechen die leichtfertigen Schelme, sie wären reisende Personen und ob sie nicht könnten Quartier bei mir haben. Meine Köchin, die kam mit großen Freuden wieder in die Stube hineingelaufen und sagte, es wären ein paar fremde Stutzer da, die ließen bitten, ob sie nicht könnten einen Abtritt bei mir nehmen. Nun, dachte ich, du kannst auch reisenden Leuten das Quartier nicht versagen, dieweil dein Haus ohndem ein Wirtshaus ist. Damit kamen sie nun anmarschieret und brachten ihre Worte sehr höflich für; der eine gab sich vor einen Baron aus und der andere vor ein Edelmann.

CAMILLE. Ich würde aber nun zum Henker gesehn haben, was ein Baron und Edelmann wäre oder was Hüpeljungen wären.

SCHLAMPAMPE. Je, herze Frau Gevatterin, wer wird sich denn flugs darauf besinnen.[53]

CAMILLE. Nun, wie lief es denn weiter?

SCHLAMPAMPE. Als wir nun vermeinten, sie wären was rechts, so bate ich sie, daß sie mit uns speisen sollten und verlieb nehmen. Sie entschuldigten sich aber und sagten, sie hätten kein Hunger; allein den Gefallen wollten sie uns wohl erweisen und Gesellschaft mit an dem Tische leisten.

CAMILLE. So satzten sie sich gleichwohl mit an Ihren Tisch?

SCHLAMPAMPE. Freilich, und fragten allerhand, was das Frauenzimmer Guts in Plißine machte, und redeten von diesen und jenen.

CAMILLE. Was sagte aber Ihr fremder Herr Sohn darzu?

SCHLAMPAMPE. Der erzählete nun von allerhand, wie er Schiffbruch gelitten hätte und wie er seine Liebste zu Schiffe eingebüßt hätte und wie er auf einem Brette über hundert Meilen schwimmen müssen, ehe er ans Land gekommen wäre, und wie er wäre in Holland und Engelland gewesen und wie er wäre gefangen genommen worden und wie ihn die großen Läuse so im Gefängnüs gefressen hätten und wie lange daß er hätte sitzen müssen und was sonsten die Rede mehr gab.

CAMILLE. Was war denn nun das Ende?

SCHLAMPAMPE. Wie sie nun gar nicht essen wollten, so ließ ich den Tisch wieder abräumen. Hernach so fingen sie wieder an zu reden, womit meine Mädchen nach Tische die Zeit pflegten zuzubringen. Damit fing meine Clarille drauf an mit allerhand Ergötzlichkeiten. Endlich so wurde vom Tanzen geredet, und beschwatzten mich, daß ich mußte Spielleute holen lassen. Wie die nun auch kamen, so fingen sie an zu tanzen; ich hatte selbsten Freude darüber, dieweil mein Sohn Schelmuffsky den Tag gleich aus der Fremde wiederkommen war, und ging dar auch ein Ehrentänzchen mit ihm herum. Wie wir nun in der besten Lust waren, so kam Edward und Fidele zu der Stubentür hineingelacht, daß man's vor dem äußersten Tore hätte hören mögen. Die Spielleute hielten mit den Geigen inne, meine Mädchen[54] fragten, was denn solch Lachen zu bedeuten hätte und sie sollten nur zu ihresgleichen gehen, sie hätten bei so vornehmer Kompagnie gar nichts zu tun. So fing der eine leichtfertige Vogel an, ob sie nicht so gut wären wie die Hüpeljungen, und rissen darauf alsobald den vermeinten Kavalieren die schöne Kleider vom Halse. Da sahen wir erstlich, wer der Herr Baron und der Junker war.

CAMILLE. Je, da hätte ich mich doch zu Tode geschämet!

SCHLAMPAMPE. Sie kann leichte denken, Frau Gevatterin, wie einem zumute ist, wann ehrlicher Leute Kinder so geschimpft werden.

CAMILLE. Ich bin eine schlechte Frau, wenn das mir oder meinen Kindern geschehen wäre, ich hätte mich zu Tode gegrämet.

SCHLAMPAMPE. Denkt Sie denn nicht, Frau Gevatterin, daß mir solch Ding nicht zu Gemüte gegangen? Ich grämte mich bald ein ganz halb Jahr drüber, daß ich auch bis dato keiner ehrlichen Frauen mehr ähnlich sehe.

CAMILLE. Je, da hätte ich mich doch zu Tode geschämet! Ich wollte lieber mit dem Henker zu tun haben, als solchen Leuten was in den Weg legen.

SCHLAMPAMPE. So wahr ich eine ehrliche Frau bin, wenn ich einem ein unschöne Wort mein Lebetage groß gesaget habe.

CAMILLE. Das glaube ich Ihr alle wohl, allein es läßt sich doch kein Studente gerne von einem Frauenzimmer verachten, und wenn er auch gleich kein Hemd da auf dem Leibe hätte, so will er doch so wohl respektieret sein als der vornehmste Stutzer.

SCHLAMPAMPE. Ich dächte aber, man müßte doch ein Unterschied machen unter vornehmer Leute Kinder, die ihr gut Auskommen haben, und unter gemeinen Kerlen, die flugs manchmal nicht ein Dreier in ihrem Leben haben.

CAMILLE. Wenngleich, Frau Gevatterin, es gehet, so wahr ich ehrlich bin, nicht an, und wenn Ihre Töchter auch noch so vornehm und reich wären und wollen ihre eigene Hausbursche[55] verachten und noch darzu übel von sie reden, als wie sie es Herrn Edwarden und Herrn Fidelen getan haben, so stehe ich nicht hier, wenn sie nicht die Studentenjungen anhetzen, daß sie letzlich auf öffentlicher Gasse mit Drecke geworfen würden.

SCHLAMPAMPE. Sie weiß aber nun, Frau Gevatterin, daß sich meine Rabenäser was Großes einbilden und stets mit vornehmen Stutzern konversieren wollen.

CAMILLE. Haben sie doch nun gesehen, mit was vor Stutzern sie sind umgegangen, daß die ganze Stadt lange genug wird davon zu reden wissen.

SCHLAMPAMPE. Es soll mir wohl leichtlich kein Studente wieder über meine Schwelle schreiten.

CAMILLE. Die rechte Wahrheit zu sagen, Frau Gevatterin, es gehet mich zwar nichts an, ich sage es aber, wie ich's meine, Sie hat Ihren Töchtern in der Jugend so sehre den Willen gelassen; nun sie bei Jahren sein, wollen sie sich nicht mehr ziehen lassen.

SCHLAMPAMPE. Redet Sie nicht wunderlich, Frau Gevatterin, wie kann sich denn eine Mutter den ganzen Tag mit den Kindern schlagen, wenn man nichts mehr zu tun hätte; und darzu kann ich ja eben nicht groß über sie klagen. Daß sich aber die Rabenäser alle Tage irgend ein paarmal mit mir zanken, das ist nun freilich nicht fein; allein wir sind im Augenblick wieder gute Freunde.

CAMILLE. Das stünde mir aber nicht an; wenn sich meine Kinder mit mir zanken wollten, ha, der potz Velten, wie wollte ich zuschlagen.

SCHLAMPAMPE. Ich wollte mich zum wenigsten nicht unterstehen und einer einen Schlag geben, ich dächte gewiß, ich bekäme den andern wieder.

CAMILLE. Was ist denn mein Sagen, als daß Sie sie sich hat lassen zu den Häuptern wachsen, und werden sie freilich schwerlich folgen; in der Jugend, da sie sind versäumt worden.

SCHLAMPAMPE. Ich kann mir nicht helfen; wollen sie[56] nicht wissen, was ihnen selbst gut ist, ich kann alles geschehen lassen.

CAMILLE. Was wollt ich doch fragen? Ja, Sie sage mir doch, Frau Gevatterin, ist's denn wahr oder ist's nur so ein ausgesprenget Wesen, ich habe von vielen Leuten gehöret, sie wollten sich adelen lassen.

SCHLAMPAMPE. Freilich haben's die Rabenäser im Willen.

CAMILLE. Es gehet mich zwar nichts an, Sie werde auch deswegen nicht ungehalten auf mich, allein wenn ich als wie Sie wäre, Frau Gevatterin, ich widerriete ihnen solch Ding, denn es kostet ja schröcklich viel Geld, wie ich gehöret habe.

SCHLAMPAMPE. Frau Gevatterin, ich werde es den Rabenäsern ja gesagt haben, wollen sie denn folgen?

CAMILLE. So gäbe ich ihnen kein Geld darzu.

SCHLAMPAMPE. Je, rede Sie doch solch wunderlich Ding nicht, ich kann ihnen ja dasjenige nicht vorbehalten.

CAMILLE. Ich täte es doch nicht, und wenn sie auch flugs töricht wären.

SCHLAMPAMPE. Sie würden mich gar nicht anlachen, sie jagten mich, so wahr ich eine ehrliche Frau bin, aus dem Hause.

CAMILLE. Wenn es aber nun alle ist, wie denn zu Rate?

SCHLAMPAMPE. Da mögen sie zusehen, wo sie bleiben; so lange als ich noch zu leben habe, will ich vor mich schon auskommen.


Quelle:
Christian Reuter: Werke in einem Band. Weimar 1962, S. 53-57.
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