Das siebende Capitel.

[112] Wo mir recht ist, war es der 1. oder der letzte April, als ich von Hr. Toffeln, den vornehmen Lord in Londen, angleichen von seiner Frau Trauten wie[112] auch von seinen Jungfer Muhmen u. meinen gewesenen Wirthe, den Alamode Töpffer, völligen Abschied nahm und mich in ein groß Last-Schiff, welches schwer mit geräucherten Hecht-Zungen beladen war und selben Tag aus Portugal kam, setzte. Auf denselben war ich nun willens, nach den Lande Spanien zu gehen und allda die schönen Spanischen Weintrauben zu kosten.

Wir segelten bey guten Wetter von Londen sehr glücklich ab, der Wind war uns auf der Spanischen See sehr favorable, und der Himmel hatte sich auch also abgeklärt, daß man der Tebel hohlmer nicht ein schwartz Fleckgen an den Wolcken gesehen hatte; wie der Schiffmann nun sahe, daß uns der Wind so wohl wolte, hieß er uns alle mit einander, so viel unser zu Schiffe waren, ein lustiges Lied anstimmen und sung auch selber mit.

Indem wir nun so in der besten Freude waren, sahe ich von ferne ein Schiff auf uns zugefahren kommen, welches ich den Schiffmanne zeigte und ihn fragte, was es vor eins wohl seyn müste? Als der Schiffmann solches gewahr wurde, fing er gleich zu uns an: Daß es frembde Flaggen führete und ihn vorkäme, als wenn es gar ein Raub- oder Caper-Schiff wäre. Sapperment! da dieses meine Cammeraden höreten, wie erschracken die Kerl! Ich aber war her, lieff flugs hinunter ins Schiff und sahe, ob auch die Stücken alle parat waren; so bald ich nun in dieselben forne hinein bließ und wolte hören, ob sie auch alle geladet stünden, so war der Tebel hohlmer nicht ein[113] eintziges zu rechte gemacht! Was war da zu thun? Ich fing zu meinen Cammeraden gleich an: Allons, Ihr Herrn, es ist Feind da! Lasset uns unsere Degen fertig halten. O Sapperment! wie stunden die Kerl da und zitterten und bebeten, so erschracken sie, als ich ihnen von Degen und fechten schwatzte.

Es wärete hierauf nicht lange, so kam der Tebel hohlmer das Caper-Schiff wie ein Blitz auf uns zugefahren, auf welchen der bekandte See-Räuber Hanß Barth mit erschröcklich viel Capers war. Derselbe fragte nun gleich, ob wir uns wolten gefangen geben? Ich antwortete denselben aber flugs sehr artig wieder und sagte hierauf: Ich gebe mich der Tebel hohlmer nicht! Ey Sapperm., wie zog der Kerl mit seinen Capers von Leder! Ich war nun mit meinen vortrefflichen Hau-Degen, welches ein Rückenstreicher war, auch nicht langsam heraus und über die Capers mit her. Da hätte man sollen schön hauen und fechten sehen, wie ich auf die Kerl hinein hieb. Den Hanß Barthe sebelte ich der Tebel hohlmer ein Stücke von seiner grossen Nase weg, daß es weit in die See hine[i]n flog und wird die Stunde noch bey ihn zu sehen seyn, daß er eine stumpffigte Nase hat; von denen andern Capers da hieb und stach ich wohl ihrer 15 über den Haufen, ohne die andern, welche ich tödtlich zu schanden gehauen[114] hatte. Alleine, was wars? wenn nicht der Kerl ihrer so schrecklich viel gewesen wären, gegen einen Mann. Ja, wenn nur meine damaligen Cammeraden mir nur ein wenig beygestanden – wir hätten die Victorie unfehlbar erhalten wollen! So aber stunden die Bärenhäuter da, hatten die Fäuste alle im Schübesack gestackt und liessen der Tebel hohlmer immer wie auf Kraut und Rieben in sich hinein hauen und regten sich nicht einmahl. Ich war der Tebel hohlmer auch so tolle auf die Kerl, daß gar keiner von den Schurcken mit Hand anlegen wolte; und das hat man sein Lebetage gehöret, viel Hunde sind eines Hasens todt. Denn Hanß Barth hatte so einen erschröcklichen grossen Anhang bey sich. Ja, wenn ihrer etwan 20 oder 30 nur gewesen wären, so hätte ich bald wollen mit sie zu rechte kommen! Allein so warens wohl auf 100 solche Kerl, die alle über mich her waren. Dennoch aber musten sie selbst gestehen, daß mir was rechts aus den Augen heraus gesehen hätte, als ich mich so resolut gegen sie gehalten und weder Hieb noch Stich davon getragen.

Wie ich nun letzlich mit fechten müde war und sahe, daß keine Möglichkeit vorhanden, die Victorie zu erhalten, muste ich der Tebel hohlmer anfangen, um pardon zu bitten. Da hätte man nun schön plündern gesehen, als die Kerl in unser Schiff kamen! Sie nahmen uns der Tebel hohl mer alles was wir hatten! Ich fing denselben an, von meiner Geburt und die Begebenheit von der Ratte zu erzehlen, sie woltens aber der Tebel hohl mer nicht einmahl gläuben, sondern zogen uns alle mit einander biß aufs Hembde aus, nahmen alles, was wir hatten und führeten[115] uns noch darzu mit sich gefangen biß nach Sanct Malo, alwo sie uns einen iedweden a part in ein heßlich Gefängniß steckten. O Sapperment! wie gedachte ich da an meinen vorigen Stand, wer ich gewesen und wer ich nun in den häßlichen Loche da wäre. Des grossen Mogols sein Bildniß mit der Kette war fort, die 1000 species Ducaten, welche mir seine Liebste verehret hatte, waren fort, mein ander gut Geld benebst den Ducatons, so ich mir zu Amsterdam in Banco zahlen ließ, war fort, mein schön verschammerirtes Kleid, worinnen die Standes-Person von Schelmuffsky sich fast in der gantzen Welt sehr artig aufgeführet hatte, war fort. Meine wunderliche Geburt, die lag da in Drecke, niemand wolte mirs glauben, daß die Historie mit der Ratte passiret wär und muste also wie der elendeste Bärenhäuter von der Welt in einen häßlichen Gefängniß da unschuldig ein gantz halb Jahr gefangen liegen.

Ey Sapperment! wie ging mirs da elende! Es waren der Tebel hohlmer Läuse in den Sappermentischen Neste, da fast eine so groß war als wie die Ratte, welche meiner Fr. Mutter das seidene Kleid zerfressen hatte. Sie liessen mir der Tebel hohlmer weder Tag noch Nacht Ruhe; ob ich nun wol gleich den Tag über auf ein paar tausend todt knickte, so stellten sich des Nachts wohl auf zehn Regimenter andere wieder dafür ein und war mein Hembde manchmal flugs so besetzt, daß kein weiß Fleckgen mehr daran zu sehen war. Ich gedachte da vielmahl an meinen vorigen Stand und an Hr. Toffeln, des Lords in Londen[116] seine Jungfer Muhmen, daß die Menscher so um mich granßten, wie ich nicht bey sie bleiben wolte. Ja, wer kan alle Dinge wissen! Und ich hätte mir der Tebel hohlmer eher was anders versehen, als daß mirs so gehen solte. Der Kerckermeister zu St. Malo tractirte mich auch sehr schlecht in den Gefängnüsse, denn er schickte mir niemals nichts anders als einen grossen Topff voll Kleyen-Brey durch seine Tochter, welche Clauditte hieß. Damit muste ich mich alle mahl 3 Tage behelffen, ehe ich wieder was kriegte. Manchmahl hatten sie mich auch wohl gar vergessen und brachten mir den 6. Tag allererst wieder was, daß ich der Tebel hohl mer vielmahl 3 Tage habe hungern müssen.

Kurtz zuvor, ehe mir der Kerckermeister gegen Auslösung 100 Rthl. die Freyheit ankündigte, so kam ein Gespenste zu mir vors Gefängniß! Sapperment, als ich das Irreding sahe, wie fing ich an zu schreyen! Das Gespenste redete mich aber sehr artig an und sagte mit diesen Worten: Anmuthiger Jüngling, du wirst zu deiner Freyheit bald wieder gelangen, gedulde dich nur noch ein klein Bißgen. Als ich diese Worte hörete, wuste ich der Tebel hohlmer nit, ob ich Mädgen oder Bübgen war! Theils erschrack ich drüber, theils freuete ich mich auch drüber, weil es von den anmuthigen Jünglinge und von der Freyheit schwatzte. Ich war her, faste mir ein Hertze und fragte das Gespenste, wer es wäre? So gab es mir sehr artig wieder zur Antwort und sagte: Es wäre der Charmante als meiner gewesenen Liebsten[117] ihr Geist, welche dort bey Bornholm zu Schiffe mit 6000 ersauffen müssen. Wie ich nun dieses hörete, daß alles auf ein Härgen so eintraff, erschrack ich gantz nicht mehr vor den Gespenste, sondern wolte es weiter fragen, wo denn die Charmante damals, als sie ersoffen, hingekommen wäre? und wo sie begraben läge? Allein indem ich so fragte, war das Gespenste der Tebel hohlmer flugs wieder verschwunden! Hierauf wärete es keine halbe Stunde, so kam der Kerckermeister zu mir vors Gefängniß u. sagte: wenn ich 100 Rthl. schaffen könte, so hätte er Befehl, mich wieder loß zu geben. Ich gab ihn zur Antw[ort], wie daß ich neml[ich] ein brav Kerl gewesen, der sonst so viel Geld nicht aestimiret hätte, aber ietzund sähe er wohl, daß ich der miserabelste Bärnhäuter wäre. Der Kerckermeister fragte mich weiter, aus was vor einen Lande und woher ich wäre? und ob ich da etwan noch Rath zuschaffen wüste? So könte ich eiligst hinschreiben und meinen Zustand den Meinigen zu wissen thun. Wie ich nun erzehlete, daß ich eine Mutter hätte und ihr eintziger lieber Sohn wäre u. daß dieselbe ein sehr gut Auskommen hätte und daß sie sich so viel Geld würde nicht lassen an das Hertze wachsen, wenn sie hören würde, daß es ihren liebsten Sohn so elende in frembden Landen ginge. Als der Kerckermeister dieses hörete, fing er zu mir an: wenn ich meiner Mutter um so viel Geld schreiben wolte, solte ich aus den Gefängniß losgelassen werden und so lang bey ihn in seinen Hause arrest halten, bis daß das Schiff mit den Gelde ankäme. Sobald als ich in sein Begehren gewilliget hatte, fing er an und sagte: Eröffnet euch,[118] ihr Bande und Ketten und lasset den Gefangenen paßiren!

Hernach nahm er mich in sein Hauß, bis das Schiff mit den 100 Thl. anmarchiret kam. Nachdem er das Lösegeld empfangen hatte, so verehrete er mir ein paar alte Schiffer-Hosen, eine alte Schiffer-Mütze, ein paar alte zerludelte Strümpffe wie auch Schuh und einen alten Caper-Rock auf den Weg und ließ mich damit wieder hinwandern.

Quelle:
Christian Reuter: Schelmuffskys kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande. Stuttgart 1979, S. 112-119.
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