Leben

[279] Die Mutter meines Freundes war Morphinistin. Sie ließ mich einmal zu sich rufen, als es sehr schlecht mit ihr stand.

Es war mitten im Sommer.

Im ganzen Hause eine stille, eingeschlossene Kühle. Alle Fensterläden und Türen ängstlich gegen die Hitze von draußen abgesperrt.

Der alte Haushund lag von Fliegen umsummt auf einer sonnenbeschienenen Treppenstufe und knurrte verschlafen.

Drinnen ging alles auf Zehenspitzen. Jedem leisen Schritt hörte man die Angst vor dem Geräusch an, das die Kranke stören könnte.

Im Salon standen die Möbel still und schlafend umher. Der Flügel war geschlossen und bestaubt, es hatte wohl lange niemand darauf gespielt. Auf dem Tisch verwelkte Blumen in mattgetönten Majolikaschalen. Die Flügeltür nach dem anstoßenden Schlafzimmer stand offen. Es schlug mir daraus etwas entgegen, das an die kalte Atmosphäre einer Leichenhalle erinnerte, oder lag das in meiner Phantasie? Vor den Fenstern da drinnen waren schwere grüne Vorhänge dicht zusammengezogen. Wie durch weite Ferne abgeschwächt drang das Straßengeräusch von unten herauf.[279]

Neben der kranken Mutter, die mit stierem, leidendem Ausdruck in den mattweißen Kissen lag, stand die Tochter mit der Morphiumspritze. Ihr Gesicht war in dem Augenblick fast ebenso fahl wie das der Mutter, aber die eine junge Hand hielt den abgezehrten Arm ruhig und fest, während die andere das Instrument mit dem verwüstenden Lebenselixier handhabte. Dann legte sie den Arm leise wieder unter die Decke zurück, und nun lag die Mutter kaum atmend da, die Augen tief eingesunken wie bei einer Leiche, die schmalen Lippen starr geöffnet.

Als ich wieder auf die Straße kam, konnte ich nicht begreifen, daß der gewohnte Lärm des Lebens wieder um meine Ohren wogte. Ich konnte nicht glauben, daß es lebende Menschen und nicht Leichen waren, die sich an mir vorbeidrängten.

Wozu das alles, wozu ein ganzes Leben? Da oben hatte ich gesehen, was das Ende sein konnte.

Und wenn ich es ihnen erzählte, ob sie dann wohl noch ebenso weiter drängen und hasten würden allen ihren Begierden und Interessen nach.

Vielleicht würden sie mich nur auslachen und sagen: das wissen wir alles schon, oder sie würden sich gar nicht die Zeit nehmen, zuzuhören.

Und ich ging zwischen ihnen umher und konnte das Gefühl nicht wieder loswerden, daß mich der Tod selbst eisig angefaßt hatte da oben in dem dunklen Krankenzimmer, wo er neben dem Bett der Kranken wartete.

Es war so sonderbar, daß um mich her heißer Sommer war. Warum lebte ich noch, warum die anderen, warum lebte denn überhaupt noch etwas!

Mir fiel ein alter Vers ein:


– Dunkle Cypressen –

Die Welt ist gar zu lustig, es wird doch alles vergessen.[280]

Quelle:
Franziska Gräfin zu Reventlow: Autobiographisches. München 1980, S. 279-281.
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