Fünfzehnter Auftritt.

[35] Das Theater verwandelt sich in einen Hayn. Ganz im Grunde der Bühne ist ein schöner Tempel, worauf diese Worte stehen: Tempel der Weisheit; dieser Tempel führt mit Säulen zu zwey andern Tempeln; rechts auf dem einen steht: Tempel der Vernunft. Links steht: Tempel der Natur.


Finale.


Drey Knaben führen den Tamino herein, jeder hat einen silbernen Palmzweig in der Hand.


DREY KNABEN.

Zum Ziele führt dich diese Bahn,

Doch mußt du Jüngling! männlich siegen.

Drum höre unsre Lehre an:

Sey standhaft, duldsam, und verschwiegen!

TAMINO.

Ihr holden Kleinen sagt mir an,

Ob ich Paminen retten kann.

DREY KNABEN.

Dieß kund zu thun, steht uns nicht an –

Sey standhaft, duldsam, und verschwiegen[35]

Bedenke dies: kurz, sey ein Mann,

Dann Jüngling wirst du männlich siegen.


Gehen ab.


TAMINO.

Die Weisheitslehre dieser Knaben

Sey ewig mir ins Herz gegraben.

Wo bin ich nun? – Was wird mit mir?

Ist dies der Sitz der Götter hier?

Es zeigen die Pforten, es zeigen die Säulen,

Daß Klugheit und Arbeit und Künste hier weilen;

Wo Thätigkeit thronet, und Müßiggang weicht,

Erhält seine Herrschaft das Laster nicht leicht.

Ich mache mich muthig zur Pforte hinein,

Die Absicht ist edel, und lauter und rein.

Erzittre feiger Bösewicht!

Paminen retten ist mir Pflicht.


Er geht an die Pforte zur rechten Seite, macht sie auf, und als er hinein will, hört man von fern eine Stimme.


STIMME.

Zurück!

TAMINO.

Zurück? so wag ich hier mein Glück!


Er geht zur linken Pforte, eine Stimme von innen.


STIMME.

Zurück![36]

TAMINO.

Auch hier ruft man zurück?


Sieht sich um.


Da sehe ich noch eine Thür!

Vieleicht find ich den Eingang hier.


Er klopft, ein alter Priester erscheint.


PRIESTER.

Wo willst du kühner Fremdling, hin?

Was suchst du hier im Heiligthum?

TAMINO.

Der Lieb und Tugend Eigenthum.

PRIESTER.

Die Worte sind von hohem Sinn!

Allein, wie willst du diese finden?

Dich leitet Lieb und Tugend nicht,

Weil Tod und Rache dich entzünden.

TAMINO.

Nur Rache für den Bösewicht.

PRIESTER.

Den wirst du wohl bey uns nicht finden.

TAMINO.

Sarastro herrscht in diesen Gründen?

PRIESTER.

Ja, ja! Sarastro herrschet hier![37]

TAMINO.

Doch in dem Weisheitstempel nicht?

PRIESTER.

Er herrscht im Weisheitstempel hier.

TAMINO.

So ist denn alles Heucheley!


Will gehen.


PRIESTER.

Willst du schon wieder geh'n?

TAMINO.

Ja, ich will geh'n, froh und frey, –

Nie euren Tempel seh'n.

PRIESTER.

Erklär dich näher mir, dich täuschet ein Betrug.

TAMINO.

Sarastro wohnet hier, das ist mir schon genug.

PRIESTER.

Wenn du dein Leben liebst, so rede, bleibe da!

Sarastro hassest du?

TAMINO.

Ich haß ihn ewig! Ja. –

PRIESTER.

Nun gieb mir deine Gründe an.[38]

TAMINO.

Er ist ein Unmensch, ein Tyrann!

PRIESTER.

Ist das, was du gesagt, erwiesen?

TAMINO.

Durch ein unglücklich Weib bewiesen,

Die Gram und Jammer niederdrückt.

PRIESTER.

Ein Weib hat also dich berückt?

Ein Weib thut wenig, plaudert viel.

Du Jüngling glaubst dem Zungenspiel?

O legte doch Sarastro dir

Die Absicht seiner Handlung für.

TAMINO.

Die Absicht ist nur allzu klar;

Riß nicht der Räuber ohn' Erbarmen,

Paminen aus der Mutter Armen?

PRIESTER.

Ja, Jüngling! was du sagst, ist wahr.

TAMINO.

Wo ist sie, die er uns geraubt?

Man opferte vieleicht sie schon?[39]

PRIESTER.

Dir dieß zu sagen, theurer Sohn!

Ist jetzund mir noch nicht erlaubt.

TAMINO.

Erklär dieß Räthsel, täusch mich nicht.

PRIESTER.

Die Zunge bindet Eid und Pflicht.

TAMINO.

Wann also wird die Decke schwinden?

PRIESTER.

Sobald dich führt der Freundschaft Hand,

Ins Heiligthum zum ew'gen Band.


Geht ab.


TAMINO allein.

O ewige Nacht! Wann wirst du schwinden?

Wann wird das Licht mein Auge finden?

EINIGE STIMMEN.

Bald Jüngling, oder nie!

TAMINO.

Bald sagt ihr, oder nie!

Ihr Unsichtbaren, saget mir!

Lebt denn Pamina noch?

DIE STIMMEN.

Pamina lebet noch![40]

TAMINO freudig.

Sie lebt? ich danke euch dafür


Er nimmt seine Flöte heraus.


Wenn ich doch nur im Stande wäre

Allmächtige, zu Eurer Ehre,

Mit jedem Tone meinen Dank,

Zu schildern, wie er hier entsprang!


Aufs Herz deutend. Er spielt, sogleich kommen Thiere von allen Arten hervor, ihm zuzuhören. Er hört auf, und sie fliehen. Die Vögel pfeifen dazu.


Wie stark ist nicht dein Zauberton,

Weil, holde Flöte, durch dein Spielen

Selbst wilde Thiere Freude fühlen.

Doch nur Pamina bleibt davon;


Er spielt.


Pamina höre, höre mich!

Umsonst!


Er spielt.


Wo? ach! wo find ich dich?


Er spielt, Papageno antwortet von innen mit seinem Flötchen.


Ha, das ist Papagenos Ton.


Er spielt, Papageno antwortet.


TAMINO.

Vieleicht sah er Paminen schon,

Vieleicht eilt sie mit ihm zu mir!

Vieleicht führt mich der Ton zu ihr.


Eilt ab.[41]


Quelle:
Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte, von Emanuel Schikaneder, Wien 1791, S. 35-42.
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