Dritte Szene

[240] Eastcheap. Ein Zimmer in der Schenke zum wilden Schweinskopf.


Falstaff und Bardolph kommen.


FALSTAFF. Bardolph, bin ich seit der letzten Affaire nicht schmählich abgefallen? verzehr' ich mich nicht? schrumpfe ich nicht ein? Wahrhaftig, meine Haut hängt um mich herum, wie das lose Kleid einer alten Dame; ich bin so welk, wie ein gebratner Apfel. Gut, ich will mich bekehren, und das geschwind, solange ich noch einigermaßen bei Fleische bin; bald werde ich ganz mattherzig sein, und dann habe ich keine Kräfte mehr zur Bekehrung. Wo ich nicht vergessen habe, wie eine Kirche von innen beschaffen ist, so bin ich ein Pfefferkorn, ein Brauerpferd. – Gesellschaft, abscheuliche Gesellschaft hat mich zu Grunde gerichtet.

BARDOLPH. Sir John, Ihr seid so ingrimmig, Ihr könnt nicht lange leben.

FALSTAFF. Ja, da haben wir's: – komm, sing' mir ein Zotenlied, mache mich lustig! Ich war so tugendhaft gewöhnt, als ein Mann von Stande zu sein braucht – tugendhaft genug; ich fluchte wenig, würfelte nicht über siebenmal in der Woche, in schlechte Häuser ging ich nicht über einmal in einem Viertel – einer Stunde; Geld, das ich geborgt, bezahlt' ich wieder, drei- bis viermal; ich lebte gut und in gehörigen Schranken: und nun lebe ich außer aller Ordnung, außer allen Schranken.[240]

BARDOLPH. Ei, Ihr seid so fett, Sir John, daß Ihr wohl außer allen Schranken sein müßt, außer allen erdenklichen Schranken, Sir John.

FALSTAFF. Beßre du dein Gesicht, so will ich mein Leben bessern. Du bist unser Admiral-Schiff: du trägst die Laterne am Steuerverdeck; aber sie steckt dir in der Nase, du bist der Ritter von der brennenden Lampe.

BARDOLPH. Ei, Sir John, mein Gesicht tut Euch nichts zu Leide.

FALSTAFF. Nein, darauf will ich schwören. Ich mache so guten Gebrauch davon, als mancher von einem Totenkopf oder einem memento mori. Ich sehe dein Gesicht niemals, ohne an das höllische Feuer zu denken und an den reichen Mann, der in Purpurkleidern lebte; denn da sitzt er in seiner Tracht und brennt und brennt. Wärst du einigermaßen der Tugend ergeben, so wollt' ich bei deinem Gesicht schwören; mein Schwur sollte sein: »bei diesem flammenden Cherub-Schwerte!« Aber du liegst ganz im Argen, und wenn's nicht das Licht in deinem Gesichte täte, wärst du gänzlich ein Kind der Finsternis. Als du in der Nacht Gadshill hinaufliefest, um mein Pferd zu fangen, – wenn ich nicht dachte, du wärst ein ignis fatuus oder ein Klumpen wildes Feuer gewesen, so ist für Geld nichts mehr zu haben. Oh, du bist ein beständiger Fackelzug, ein unauslöschliches Freudenfeuer! Du hast mir an die tausend Mark für Kerzen und Fackeln erspart, wenn ich mit dir nachts von Schenke zu Schenke wanderte; aber für den Sekt, den du mir getrunken hast, hätte ich bei dem teuersten Lichtzieher in Europa eben so wohlfeil Lichter haben können. Seit zweiunddreißig Jahren nunmehr habe ich diesen Euren Salamander mit Feuer unterhalten; der Himmel lohne es mir!

BARDOLPH. Blitz! ich wollte, mein Gesicht säße Euch im Bauche!

FALSTAFF. Gott steh' mir bei! Da müßte ich sicher vor Sodbrennen umkommen.


Die Wirtin kommt.


Nun, Frau Kratzefuß die Henne! Habt Ihr's noch nicht heraus, wer meine Taschen ausgeleert hat?[241]

WIRTIN. Ei, Sir John! Was denkt Ihr, Sir John? Denkt Ihr, ich halte Diebe in meinem Hause? Ich habe gesucht, ich habe gefragt, mein Mann hat es auch, Mann für Mann, Jungen für Jungen, Bedienten für Bedienten. Es ist sonst niemals eine Haarspitze in meinem Hause weggekommen.

FALSTAFF. Ihr lügt, Wirtin; Bardolph ist hier rasiert und hat gar manches Haar eingebüßt, und ich will drauf schwören, mir ist die Tasche ausgeleert. Geht mir, Ihr seid ein Weibsbild, geht!

WIRTIN. Wer? Ich? Das untersteh' dich! So hat mich noch niemand in meinem eignen Hause geheißen.

FALSTAFF. Geht mir, ich kenne Euch wohl.

WIRTIN. Nein, Sir John! Ihr kennt mich nicht, Sir John; ich kenne Euch, Sir John: Ihr seid mir Geld schuldig, Sir John, und nun zettelt Ihr einen Zank an, um mich darum zu betrügen: ich habe Euch ein Dutzend Hemden auf den Leib gekauft.

FALSTAFF. Sackleinewand! Garstige Sackleinewand! Ich habe sie an Bäckerfrauen weggegeben, die haben Siebbeutel daraus gemacht.

WIRTIN. Nun, so wahr ich eine ehrliche Frau bin, holländische Leinewand für acht Schillinge die Elle! Ihr seid hier auch noch Geld für Eure Zehrung schuldig, Sir John, für Getränk und vorgeschoßnes Geld, an vierundzwanzig Pfund.

FALSTAFF. Der hat auch sein Teil daran gehabt, laßt ihn bezahlen!

WIRTIN. Der? Ach Gott, der ist arm, der hat nichts.

FALSTAFF. Was? Arm? Seht nur sein Gesicht an! Was nennt Ihr reich? Laßt ihn seine Nase ausmünzen, seine Backen ausmünzen, ich zahle keinen Heller. Was, wollt Ihr mich als einen Neuling zum besten haben? Soll ich keine Ruhe in meiner Herberge genießen können, ohne daß mir die Taschen ausgeleert werden? Ich bin um einen Siegelring von meinem Großvater gekommen, der vierzig Mark wert war.

WIRTIN. O Jemine, ich weiß nicht, wie oft ich den Prinzen habe sagen hören, der Ring wäre von Kupfer.[242]

FALSTAFF. Ei was, der Prinz ist ein Hanswurst, ein Schlucker; und wenn er hier wäre, so wollte ich ihn hundemäßig prügeln, wenn er das sagte.


Der Prinz und Poins kommen herein marschiert;


Falstaff geht dem Prinzen entgegen, der auf seinem Kommandostabe, wie auf einer Querpfeife, spielt.


FALSTAFF. Was gibt's, Bursch? Bläst der Wind aus der Ecke, wahrhaftig? Müssen wir alle marschieren?

BARDOLPH. Ja, zwei je zwei, wie die Gefangnen nach Newgate.

WIRTIN. Gnädiger Herr, ich bitte Euch, hört mich!

PRINZ HEINRICH. Was sagst du, Frau Hurtig? Was macht dein Mann? Ich mag ihn wohl leiden, es ist ein ehrlicher Mann.

WIRTIN. Bester Herr, hört mich!

FALSTAFF. Bitte, laß sie gehn und höre auf mich!

PRINZ HEINRICH. Was sagst du, Hans?

FALSTAFF. Neulich Abend fiel ich hier hinter der Tapete in Schlaf, und da sind mir die Taschen ausgeleert. Dies ist ein schlechtes Haus geworden, sie leeren die Taschen aus.

PRINZ HEINRICH. Was hast du verloren, Hans?

FALSTAFF. Wirst du mir's glauben, Heinz? Drei bis vier Assignationen, jede von vierzig Pfund, und einen Siegelring von meinem Großvater.

PRINZ HEINRICH. Ein Bagatell, für acht Pfennige Ware.

WIRTIN. Das sagte ich ihm auch, gnädiger Herr, und ich sagte, ich hätte es Euer Gnaden sagen hören; und er spricht recht niederträchtig von Euch, so ein lästerlicher Mensch wie er ist; und er sagte, er wollte Euch prügeln.

PRINZ HEINRICH. Was? Ich will nicht hoffen?

WIRTIN. Wenn's nicht wahr ist, so ist keine Treue, keine Redlichkeit, keine Frauenschaft in mir zu finden.

FALSTAFF. Du hast nicht mehr Treue, als gekochte Pflaumen; nicht mehr Redlichkeit, als ein abgehetzter Fuchs; und was Frauenschaft betrifft, so könnte Jungfer Mariane, die Mohrentänzerin, gegen dich die Frau des Aufsehers vom Quartiere sein. Geh, du Ding, du!

WIRTIN. Sag, was für ein Ding? was für ein Ding?[243]

FALSTAFF. Was für ein Ding? Ei nun, ein Ding, wofür man Gotteslohn sagt.

WIRTIN. Ich bin kein Ding, wofür man Gottes Lohn sagt, das sollst du wissen. Ich bin eines ehrlichen Mannes Frau, und deine Ritterschaft aus dem Spiel, du bist ein Schuft, daß du mich so nennst.

FALSTAFF. Und deine Frauenschaft aus dem Spiel, du bist eine Bestie, daß du es anders sagst.

WIRTIN. Was für eine Bestie? Sag, du Schuft, du!

FALSTAFF. Was für eine Bestie? Nun, eine Otter.

PRINZ HEINRICH. Eine Otter, Sir John! Warum eine Otter?

FALSTAFF. Warum? Sie ist weder Fisch noch Fleisch, man weiß nicht, wo sie zu haben ist.

WIRTIN. Du bist ein unbilliger Mensch, daß du das sagst; du und jedermann weiß, wo ich zu haben bin, du Schelm, du.

PRINZ HEINRICH. Du sagst die Wahrheit, Wirtin, und er verleumdet dich aufs gröblichste.

WIRTIN. Ja, Euch auch, gnädiger Herr, und er sagte neulich, Ihr wärt ihm tausend Pfund schuldig.

PRINZ HEINRICH. Was? Bin ich Euch tausend Pfund schuldig?

FALSTAFF. Tausend Pfund, Heinz? Eine Million! Deine Liebe ist eine Million wert, du bist mir deine Liebe schuldig.

WIRTIN. Ja, gnädiger Herr, er nannte Euch Hanswurst und sagte, er wollte Euch prügeln.

FALSTAFF. Sagt' ich das, Bardolph?

BARDOLPH. In der Tat, Sir John, Ihr habt es gesagt.

FALSTAFF. Ja, wenn er sagte, mein Ring wäre von Kupfer.

PRINZ HEINRICH. Ich sage, er ist von Kupfer; unterstehst du dich nun, dein Wort zu halten?

FALSTAFF. Je, Heinz, du weißt, sofern du nur ein Mann bist, untersteh' ich mich's; aber sofern du ein Prinz bist, fürchte ich dich wie das Brüllen der jungen Löwenbrut.

PRINZ HEINRICH. Warum nicht wie den Löwen?

FALSTAFF. Den König selbst muß man wie den Löwen fürchten. Denkst du, ich will dich fürchten wie deinen Vater? Wenn ich das tue, so soll mir der Gürtel platzen.

PRINZ HEINRICH. Oh, wenn das geschähe, wie würde dir der Wanst um die Kniee schlottern! Aber zum Henker, es ist[244] kein Platz für Glauben, Treu' und Redlichkeit in dem Leibe da: er ist ganz mit Därmen und Netzhaut ausgestopft. Ein ehrliches Weib zu beschuldigen, sie habe dir die Taschen ausgeleert! Ei, du liederlicher, unverschämter, aufgetriebner Schuft! Wenn irgend was in deiner Tasche war als Schenkenrechnungen, Tagebücher aus schlechten Häusern und für einen armseligen Pfennig Zuckerkandi, dir die Kehle geschmeidig zu machen; wenn deine Tasche mit andrer Ungebühr als dieser ausgestattet war, so will ich ein Schurke sein. Und doch prahlst du; doch willst du nichts einstecken. Schämst du dich nicht?

FALSTAFF. Hörst du, Heinz? Im Stande der Unschuld, weißt du, ist Adam gefallen; und was soll der arme Hans Falstaff in den Tagen der Verderbnis tun? Du siehst, ich habe mehr Fleisch als andre Menschen, und also auch mehr Schwachheit. – Ihr bekennt also, daß Ihr mir die Taschen ausgeleert habt?

PRINZ HEINRICH. Die Geschichte kommt so heraus.

FALSTAFF. Wirtin, ich vergebe dir. Geh, mach' das Frühstück fertig, liebe deinen Mann, achte auf dein Gesinde, pflege deine Gäste: du sollst mich bei allen vernünftigen Foderungen billig finden; du siehst, ich bin besänftigt. – Noch was? Nein, geh nur, ich bitte dich! Wirtin ab. Nun, Heinz, zu den Neuigkeiten vom Hofe: Wegen der Räuberei, Junge, wie ist das ins Gleiche gebracht?

PRINZ HEINRICH. Oh, mein schönster Rinderbraten, ich muß immer dein guter Engel sein. Das Geld ist zurückgezahlt.

FALSTAFF. Ich mag das Zurückzahlen nicht, es ist doppelte Arbeit.

PRINZ HEINRICH. Ich bin gut Freund mit meinem Vater und kann alles tun.

FALSTAFF. So plündre mir vor allen Dingen die Schatzkammer, und das zwar mit ungewaschnen Händen!

BARDOLPH. Tut das, gnädiger Herr!

PRINZ HEINRICH. Ich habe dir eine Stelle zu Fuß geschafft, Hans.

FALSTAFF. Ich wollte, es wäre eine zu Pferde. Wo werde ich einen finden, der gut stehlen kann? Oh, einen hübschen Dieb[245] von zweiundzwanzigen oder so ungefähr! Ich bin entsetzlich auf dem Trocknen. Nun, Gott sei gedankt für diese Rebellen! Sie tun niemanden was, als ehrlichen Leuten: ich lobe sie, ich preise sie.

PRINZ HEINRICH.

Bardolph!

BARDOLPH.

Gnädiger Herr?

PRINZ HEINRICH.

Bring' diesen Brief an Lord Johann von Lancaster,

An meinen Bruder; den an Mylord Westmoreland!

Geh, Poins! zu Pferd! zu Pferd! Denn du und ich,

Wir reiten dreißig Meilen noch vor Tisch. –

Hans, triff mich morgen in dem Tempelsaal

Um zwei Uhr nachmittags;

Da wirst du angestellt, und da empfängst du

Geld und Befehl zur Ausrüstung des Volks.

Es brennt das Land, Percy ist hoch gestiegen:

Wir müssen, oder sie nun unterliegen.


Der Prinz, Poins und Bardolph ab.


FALSTAFF.

Schön Reden! Wackre Welt! Wirtin, mein Frühstück her!

Oh, daß die Schenke meine Trommel wär'!


Ab.[246]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 240-247.
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