Dritte Szene

[457] Das englische Lager.


Englische Truppen, Gloster, Bedford, Exeter, Salisbury und Westmoreland.


GLOSTER.

Wo ist der König?

BEDFORD.

Er ritt hinaus, die Schlachtordnung zu sehn.

WESTMORELAND.

Sie haben volle sechzigtausend Streiter.

EXETER.

Fünf gegen einen, auch sind alle frisch.

SALISBURY.

Gott sei mit uns! Die Übermacht ist schrecklich.

Lebt, Prinzen, wohl! Ich will an meinen Posten.

Wenn wir im Himmel erst uns wieder treffen,

Dann freudevoll, – mein edler Herr von Bedford,

Ihr teuren Herrn von Gloster und von Exeter,

Und liebster Vetter, – lebt, ihr Krieger, wohl!

BEDFORD.

Fahr' wohl, mein guter Salisbury! Und Heil Begleite dich!

EXETER.

Leb wohl, du biedrer Lord, ficht heute tapfer:

Doch tu' ich Schmach dir, dich daran zu mahnen;

Du hegst den echten Kern der Tapferkeit.


Salisbury ab.


BEDFORD.

Er ist so voll von Tapferkeit als Güte,

In beiden fürstlich.


König Heinrich tritt auf.


WESTMORELAND.

O hätten wir nun hier

Nur ein Zehntausend von dem Volk in England,

Das heut ohn' Arbeit ist![457]

KÖNIG HEINRICH.

Wer wünschte so?

Mein Vetter Westmoreland? – Nein, bester Vetter:

Zum Tode ausersehn, sind wir genug

Zu unsers Lands Verlust; und wenn wir leben,

Je klein're Zahl, je größres Ehrenteil.

Wie Gott will! Wünsche nur nicht einen mehr!

Beim Zeus, ich habe keine Gier nach Gold,

Noch frag' ich, wer auf meine Kosten lebt,

Mich kränkt's nicht, wenn sie meine Kleider tragen;

Mein Sinn steht nicht auf solche äußre Dinge:

Doch wenn es Sünde ist, nach Ehre geizen,

Bin ich das schuldigste Gemüt, das lebt.

Nein, Vetter, wünsche keinen Mann von England:

Bei Gott! Ich geb' um meine beste Hoffnung

Nicht so viel Ehre weg, als ein Mann mehr

Mir würd' entziehn. O wünsch' nicht einen mehr!

Ruf' lieber aus im Heere, Westmoreland,

Daß jeder, der nicht Lust zu fechten hat,

Nur hinziehn mag; man stell' ihm seinen Paß

Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:

Wir wollen nicht in des Gesellschaft sterben,

Der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tod.

Der heut'ge Tag heißt Crispianus' Fest:

Der, so ihn überlebt und heimgelangt,

Wird auf dem Sprung stehn, nennt man diesen Tag,

Und sich beim Namen Crispianus rühren.

Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,

Der gibt ein Fest am heil'gen Abend jährlich

Und sagt: »Auf Morgen ist Sankt Crispian!«,

Streift dann die Ärmel auf, zeigt seine Narben

Und sagt: »An Crispins Tag empfing ich die.«

Die Alten sind vergeßlich; doch wenn alles

Vergessen ist, wird er sich noch erinnern

Mit manchem Zusatz, was er an dem Tag

Für Stücke tat: dann werden unsre Namen,

Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte,

Heinrich der König, Bedford, Exeter,

Warwick und Talbot, Salisbury und Gloster,[458]

Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!

Der wackre Mann lehrt seinem Sohn die Märe,

Und nie von heute bis zum Schluß der Welt

Wird Crispin Crispian vorübergehn,

Daß man nicht uns dabei erwähnen sollte,

Uns wen'ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:

Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,

Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,

Der heut'ge Tag wird adeln seinen Stand.

Und Edelleut' in England, jetzt im Bett',

Verfluchen einst, daß sie nicht hier gewesen,

Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,

Der mit uns focht am Sankt Crispinus-Tag.


Salisbury tritt auf.


SALISBURY.

Mein gnäd'ger Fürst, bereitet Euch in Eil',

Schon stehn die Franken stattlich in den Reihen

Und werden schleunigst ihren Angriff tun.

KÖNIG HEINRICH.

Ist unser Mut bereit, so ist es alles.

WESTMORELAND.

Verderbe der, des Mut dahinten bleibt!

KÖNIG HEINRICH.

Ihr wünscht von England nicht mehr Hülfe, Vetter?

WESTMORELAND.

Herr, wollte Gott, daß Ihr und ich allein

Ohn' andre Hülfe föchten diese Schlacht!

KÖNIG HEINRICH.

Du hast fünftausend nun herabgewünscht,

Was besser mir gefällt, als einen wünschen. –

Gott mit euch allen! Eure Posten kennt ihr.


Trompeten. Montjoye tritt auf.


MONTJOYE.

Noch einmal soll ich hören, König Heinrich,

Ob du dich willst vergleichen um die Lösung

Vor deinem höchst unzweifelbaren Fall.

Denn sicherlich, du bist dem Schlund so nah,

Du mußt verschlungen werden. Überdies

Ersucht aus Mitleid dich der Connetable,

Dein Volk an Reu' zu mahnen, daß die Seelen

In Frieden mögen scheiden und zum Heil

Von diesen Feldern, wo die armen Leiber

Verwesen müssen.[459]

KÖNIG HEINRICH.

Wer sendet dich?

MONTJOYE.

Der Connetable Frankreichs.

KÖNIG HEINRICH.

Ich bitt' dich, nimm den vorigen Bescheid

Mit dir zurück: heiß' sie mich erst bezwingen,

Dann mein Gebein verhandeln. Guter Gott!

Warum sie arme Leute doch so höhnen?

Der Mann, der einst des Löwen Haut verkauft,

Da er noch lebte, kam beim Jagen um.

Es finden sicher unsrer Leiber viel

Hier ein natürlich Grab, worauf, so hoff' ich,

In Erz ein Zeugnis dieses Tags wird leben.

Denn, die ihr stark Gebein in Frankreich lassen,

Wie Männer sterbend, werden doch berühmt,

Obschon in euren Haufen Kot begraben.

Denn grüßen wird die Sonne nun sie dort

Und ihre Ehren dampfend ziehn zum Himmel,

Indes ihr irdisch Teil die Luft erstickt

Und sein Geruch in Frankreich Pest erzeugt.

Merkt denn das Übermaß der Tapferkeit

An unsern Englischen, daß sie, schon tot,

So wie das Streifen der Kanonenkugel,

Ausbrechen zu des Unheils zweitem Lauf,

Im Rücksprung ihrer Sterblichkeit noch tötend.

Laßt stolz mich reden: Sagt dem Connetable,

Wir sind nur Krieger für den Werkeltag,

All unsre Festlichkeit und Zier beschmitzt

Mit nassen Märschen im mühsel'gen Feld.

Kein Stückchen Feder ist in unserm Heer

(Beweis genug, daß wir euch nicht entfliegen),

Die Zeit hat unsre Sauberkeit vernutzt,

Doch unsre Herzen sind, beim Himmel, schmuck,

Und meine armen Leute sagen mir,

Sie sei'n vor nachts gewiß in frischen Kleidern,

Sonst wollen sie den fränkischen Soldaten

Kopfüber ziehn die neuen bunten Röcke

Und aus dem Dienst sie jagen. Tun sie das

(Ich hoff's zu Gott), so ist auch meine Lösung[460]

Bald aufgebracht. Herold, spar' deine Müh';

Komm du nicht mehr um Lösung, lieber Herold;

Ich gebe, schwör' ich, keine andre nicht

Als diese meine Glieder, die ich ihnen

Erst so zu lassen denke, daß sie wenig

Dran haben: sag dem Connetable das.

MONTJOYE.

Das werd' ich, König Heinrich. So leb wohl,

Du hörest nimmer nun den Herold mehr.


Ab.


KÖNIG HEINRICH.

Du kommst, besorg' ich, noch um Lösung wieder.


Herzog von York tritt auf.


YORK.

Herr, untertänig bitt' ich auf den Knie'n

Um Anführung des Vortrabs.

KÖNIG HEINRICH.

Wohl, braver York! Soldaten, auf, ins Feld!

Und ordne, Gott, den Tag, wie dir's gefällt!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 457-461.
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