Zweite Szene

[408] Southampton. Ein Rats-Saal.


Exeter, Bedford und Westmoreland treten auf.


BEDFORD.

Wie traut nur Seine Hoheit den Verrätern!

EXETER.

In kurzem werden sie verhaftet sein.

WESTMORELAND.

Wie gleisnerisch und glatt sie sich gebärden,

Als säß' Ergebenheit in ihrem Busen,

Mit Treu' gekrönt und fester Biederkeit.

BEDFORD.

Der König weiß von ihrem ganzen Anschlag

Durch Kundschaft, die sie sich nicht träumen lassen.

EXETER.

Nein, aber daß sein Bettgenoß, der Mann,

Den er mit Fürstengunst hat überhäuft,

Um fremdes Gold das Leben seines Herrn

So dem Verrat und Tod verkaufen konnte!


Trompeten. König Heinrich, Scroop, Cambridge, Grey, Lords und Gefolge.


KÖNIG HEINRICH.

Der Wind ist günstig, laßt uns nun an Bord!

Mylord von Cambridge, und bester Lord von Masham,

Und Ihr, mein werter Ritter, gebt uns Rat:

Denkt Ihr nicht, daß die Truppen, so wir führen,[408]

Durch Frankreichs Macht den Weg sich bahnen werden,

Der Tat und der Vollführung G'nüge leistend,

Wozu wir sie in Heereskraft vereint?

SCROOP.

Kein Zweifel, Herr, tut nur das Seine jeder.

KÖNIG HEINRICH.

Das zweifl' ich nicht; denn wir sind überzeugt.

Wir nehmen nicht ein Herz mit uns von hinnen,

Das nicht in Einstimmung mit unserm lebt,

Und lassen keins dahinten, das nicht wünscht,

Daß uns Erfolg und Sieg begleiten mag.

CAMBRIDGE.

Kein Fürst ward mehr gefürchtet und geliebt

Als Eure Majestät; kein einz'ger Untertan,

So denk' ich, sitzt in Unruh' und Verdruß

Im süßen Schatten Eures Regiments.

GREY.

Selbst die, so Eures Vaters Feinde waren,

Die Gall' in Honig tauchend, dienen Euch

Mit Herzen, ganz aus Treu' und Pflicht gebaut.

KÖNIG HEINRICH.

So haben wir viel Grund zur Dankbarkeit

Und werden eh' die Dienste unsrer Hand

Vergessen, als Vergeltung des Verdienstes

Zufolge seiner Größ' und Würdigkeit.

SCROOP.

So wird der Dienst gestählte Sehnen spannen,

Und Mühe wird mit Hoffnung sich erfrischen,

Eu'r Gnaden unablässig Dienst zu tun.

KÖNIG HEINRICH.

Man hofft nicht minder. – Oheim Exeter,

Laßt frei den Mann, der gestern ward gesetzt,

Der wider uns geschmäht hat; wir erwägen,

Daß Übermaß von Wein ihn angereizt,

Und da er sich besinnt, verzeihn wir ihm.

SCROOP.

Das ist zwar gnädig, doch zu sorgenlos.

Laßt ihn bestrafen, Herr: daß nicht das Beispiel

Durch seine Duldung mehr dergleichen zeugt.

KÖNIG HEINRICH.

O laßt uns dennoch gnädig sein!

CAMBRIDGE.

Das kann Eu'r Hoheit und doch strafen auch.

GREY.

Ihr zeigt viel Gnade, schenkt Ihr ihm das Leben,

Nachdem er starke Züchtigung erprobt.

KÖNIG HEINRICH.

Ach, Eure große Lieb' und Sorg' um mich

Sind schwere Bitten wider diesen Armen.[409]

Darf man ein klein Versehn aus Trunkenheit

Nicht übersehn, wie muß der Blick es rügen,

Erscheint vor uns, gekäut, verschluckt, verdaut,

Ein Hauptverbrechen? – Wir lassen doch ihn frei;

Ob Cambridge, Scroop und Grey, aus teurer Sorge

Und wacher Hütung unserer Person,

Gestraft ihn wünschen. Nun zu der fränk'schen Sache:

Wem wurde letzthin Vollmacht zugeteilt?

CAMBRIDGE.

Mir eine, gnäd'ger Herr,

Ihr hießt mich, heute sie von Euch begehren.

SCROOP.

Mich auch, mein Fürst.

GREY.

Mich auch, mein königlicher Herr.

KÖNIG HEINRICH.

Da, Richard Graf von Cambridge, habt Ihr Eure; –

Da Ihr, Lord Scroop von Masham; – und, Herr Ritter

Grey von Northumberland, das hier ist Eure: –

Lest und erkennt, ich kenne euren Wert.

Mylord von Westmoreland und Oheim Exeter,

Wir gehn zu Nacht an Bord. – Wie nun, ihr Herrn?

Was steht in den Papieren, daß ihr euch

Sogar entfärbt? – Seht, wie sie sich verwandeln!

Die Wangen sind Papier. – Was lest ihr nur,

Das euer feiges Blut so hat verjagt

Aus eurem Antlitz?

CAMBRIDGE.

Ich gesteh' die Schuld

Und beuge mich vor Eurer Hoheit Gnade.

GREY UND SCROOP.

An die wir all' uns wenden.

KÖNIG HEINRICH.

Die Gnade, die noch eben in uns lebte,

Hat euer Rat erdrückt und umgebracht.

Schämt euch und wagt von Gnade nicht zu sprechen:

Es fallen eure Gründ' auf euch zurück,

Wie Hunde, die den eignen Herrn zerfleischen. –

Seht, meine Prinzen und ihr edlen Pairs,

Den Abschaum Englands! Mylord von Cambridge, –

Ihr wißt, wie willig unsre Liebe war,

Mit allem Zubehör ihn zu versehn,

Das seiner Ehre zukam; und der Mann

Hat, leichtgesinnt, um wenig leichte Kronen[410]

Mit Frankreichs Ränken sich verschworen, uns

In Hampton hier zu morden! Was mit ihm

Der Ritter dort, nicht wen'ger meiner Güte

Als jener schuldig, auch beschwor. – Doch, oh!

Was sag' ich erst von dir, Lord Scroop? Du wilde.

Grausame, undankbare Kreatur!

Du, der die Schlüssel meines Rates trug,

Der meiner Seele sah bis auf den Grund,

Der mich beinah' in Gold ausprägen mochte,

Hätt'st du um Vorteil dich bei mir bemüht:

Ist's möglich, daß aus dir die fremde Löhnung

Nur einen Funken Übels konnte ziehn,

Den Finger mir zu kränken? 's ist so seltsam,

Daß, sticht die Wahrheit gleich so derb hervor,

Wie schwarz auf weiß, mein Aug' sie kaum will sehn.

Verrat und Mord, sie hielten stets zusammen,

Wie ein Gespann von einverstandnen Teufeln,

So plump auf ein natürlich Ziel gerichtet,

Daß die Verwund'rung über sie nicht schrie;

Du aber, wider alles Ebenmaß,

Läßt dem Verrat und Mord Erstaunen folgen.

Und was es für ein schlauer Feind auch war,

Der so verkehrt auf dich hat eingewirkt,

Die Hölle hat den Preis ihm zugesprochen;

Denn andre Teufel, die Verrat eingeben,

Staffieren, stutzen die Verdammnis auf

Mit Flicken, falschen Farben, Schaugepränge,

Vom Gleisnerschein der Frömmigkeit entlehnt;

Doch er, der dich gemodelt, hieß dich aufstehn,

Gab keinen Grund dir, den Verrat zu tun,

Als weil er nur dich zum Verräter schlug.

Wenn dieser Dämon, der dich so berückt,

Mit seinem Löwenschritt die Welt umginge,

Zum öden grausen Tartarus zurück

Würd' er sich wenden, um den Legionen

Zu sagen: »Keine Seele werd' ich je

So leicht als dieses Englischen gewinnen.«

Oh, wie hast du vergällt mit Eifersucht[411]

Die Süßigkeit des Zutrauns! Zeigt sich jemand treu?

Nun wohl, du auch. Scheint er gelehrt und ernst?

Nun wohl, du auch. Stammt er aus edlem Blut?

Nun wohl, du auch. Scheint er voll Andacht?

Nun wohl, du auch. Ist er im Leben mäßig,

Von wildem Ausbruch frei in Lust und Zorn,

Von Geiste fest, nicht schwärmend mit dem Blut,

Geziert, bekleidet mit bescheidnen Gaben,

Dem Aug' nicht folgend ohne das Gehör,

Und ohne reifes Urteil keinem trauend?

So, und so fein gesichtet, schienest du:

So ließ dein Fall auch einen Fleck zurück,

Den völl'gen bestbegabten Mann zu zeichnen

Mit ein'gem Argwohn. Ich will um dich weinen,

Denn dieses dein Empören dünket mich

Ein zweiter Sündenfall. – Die Schuld ist klar:

Verhaftet sie zum Stehen vor Gericht,

Und spreche Gott sie ihrer Ränke los!

EXETER.

Ich verhafte dich um Hochverrat, bei dem Namen

Richard Graf von Cambridge.

Ich verhafte dich um Hochverrat, bei dem Namen

Heinrich Lord Scroop von Masham.

Ich verhafte dich um Hochverrat, bei dem Namen

Thomas Grey, Ritter von Northumberland.

SCROOP.

Gerecht hat unsern Anschlag Gott entdeckt,

Es reut mein Fehler mehr mich als mein Tod;

Ich bitt' Eu'r Hoheit, mir ihn zu verzeihn,

Obschon mein Leib den Lohn dafür bezahlt.

CAMBRIDGE.

Mich hat das Gold von Frankreich nicht verführt,

Wiewohl als Antrieb ich es gelten ließ,

Was ich entworfen, schneller auszuführen.

Doch Gott sei Dank für die Zuvorkommung,

Der ich mich herzlich will im Leiden freun,

Anflehend Gott und Euch, mir zu vergeben.

GREY.

Nie freut ein treuer Untertan sich mehr,

Weil man gefährlichen Verrat entdeckt,[412]

Als ich in dieser Stunde über mich,

Gehindert am verruchten Unternehmen.

Verzeiht, Herr, meiner Schuld, nicht meinem Leib.

KÖNIG HEINRICH.

Gott sprech' euch gnädig los! Hört euren Spruch.

Ihr habt auf unsre fürstliche Person

Verschwörung angestiftet, euch verbündet

Mit dem erklärten Feind und habt aus seinen Kisten

Das goldne Handgeld unsers Tods empfangen.

Ihr wolltet euren Herrn dem Mord verkaufen,

Der Knechtschaft seine Prinzen, seine Pairs

Der Schmach, dem Drucke seine Untertanen

Und der Verheerung sein ganz Königreich.

Wir suchen keine Rache für uns selbst,

Doch liegt uns so das Heil des Reiches ob,

Des Fall ihr suchtet, daß wir dem Gesetz

Euch überliefern müssen. Drum macht euch fort,

Elende arme Sünder, in den Tod,

Wovon den Schmack euch Gott aus seiner Gnade

Geduld zu kosten geb', und wahre Reu'

Für eure Missetaten! – Schafft sie fort!


Die Verschwornen werden mit Wache abgeführt.


Nun, Lords, nach Frankreich, welches Unternehmen

Für euch wie uns wird eben glorreich sein.

Wir zweifeln nicht an einem günst'gen Krieg;

Da Gott so gnädig an das Licht gebracht

Den Hochverrat, an unserm Wege lauernd,

Um den Beginn zu stören, zweifl' ich nicht,

Daß jeder Anstoß nicht geschlichtet sei.

Wohlauf denn, liebe Landgenossen! Laßt

In Gottes Hand uns geben unsre Macht,

Indem wir gleich sie zur Vollstreckung führen.

Fröhlich zur See! Die Fahnen fliegen schon;

Kein König Englands ohne Frankreichs Thron!


Alle ab.[413]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 408-414.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
König Heinrich V.
Shakespeares dramatische Werke
King Henry V/ König Heinrich V. [Zweisprachig]
König Heinrich V.
King Henry V / König Heinrich V.: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung
König Heinrich V. / King Henry V (Gesamtausgabe, Band 22)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon