Fünfte Szene

[784] Die Straße bei Olivias Garten. Junker Tobias und Junker Christoph kommen.


JUNKER TOBIAS. Ja, Freund, er ist ein Teufelskerl: ich habe niemals solch einen Haudegen gesehn. Ich machte einen Gang mit ihm auf Klinge und Scheide, und er tut seine Ausfälle mit so 'ner höllenmäßigen Geschwindigkeit, daß nichts[784] dagegen zu machen ist; und wenn er pariert hat, bringt er Euch den Stoß so gewiß bei, als Euer Fuß den Boden trifft, wenn Ihr auftretet. Es heißt, er ist Fechtmeister beim großen Mogul gewesen.

JUNKER CHRISTOPH. Hol's der Henker, ich will mich nicht mit ihm schlagen.

JUNKER TOBIAS. Ja, er will sich aber nun nicht zufrieden sprechen lassen: Fabio kann ihn da drüben kaum halten.

JUNKER CHRISTOPH. Hol's der Kuckuck! Hätte ich gewußt, daß er herzhaft und so ein großer Fechter wäre, so hätte ihn der Teufel holen mögen, eh' ich ihn herausgefodert hätte. Macht nur, daß er die Sache beruhn läßt, und ich will ihm meinen Hans, den Apfelschimmel, geben.

JUNKER TOBIAS. Ich will ihm den Vorschlag tun; bleibt hier stehn, und stellt Euch nur herzhaft an! Beiseit. Dies soll ohne Mord und Totschlag abgehn. Mein' Seel', ich will Euer Pferd so gut reiten als Euch selbst.


Fabio und Viola kommen.


JUNKER TOBIAS zu Fabio. Ich habe sein Pferd, um den Streit beizulegen. Ich habe ihn überredet, daß der junge Mensch ein Teufelskerl ist.

FABIO zu Junker Tobias. Der hat eben solch eine fürchterliche Einbildung von dem andern: er zittert und ist bleich, als ob ihm ein Bär auf der Ferse wäre.

JUNKER TOBIAS zu Viola. Es ist keine Rettung, Herr, er will sich mit Euch schlagen, weil er einmal geschworen hat. Zwar wegen seiner Händel mit Euch hat er sich besser besonnen, er findet sie jetzt kaum der Rede wert; zieht also nur, damit er seinen Schwur nicht brechen darf: Er beteuert, er will Euch kein Leid zufügen.

VIOLA beiseit. Gott steh' mir bei! Es hängt nur an einem Haar, so sage ich ihnen, wie viel mir zu einem Manne fehlt.

FABIO. Wenn Ihr seht, daß er wütend wird, so zieht Euch zurück!

JUNKER TOBIAS. Kommt, Junker Christoph, es ist keine Rettung: der Kavalier will nur ehrenhalber einen Gang mit Euch machen; er kann nach den Gesetzen des Duells nicht[785] umhin, aber er hat mir auf sein ritterliches Wort versprochen, er will Euch kein Leid zufügen. Nun frisch daran!

JUNKER CHRISTOPH. Gott gebe, daß er sein Wort hält! Er zieht.

Antonio kommt.


VIOLA.

Glaubt mir, ich tu' es wider meinen Willen!


Sie zieht.


ANTONIO.

Den Degen weg! – Wenn dieser junge Mann

Zu nah Euch tat, so nehm' ich es auf mich;

Tut Ihr zu nah ihm, fodr' ich Euch statt seiner.


Er zieht.


JUNKER TOBIAS.

Ihr, Herr? Wer seid Ihr denn?

ANTONIO.

Ein Mann, der mehr für seine Freunde wagt,

Als Ihr ihn gegen Euch habt prahlen hören.

JUNKER TOBIAS.

Wenn Ihr ein Raufer seid, gut! ich bin da.


Er zieht.


Zwei Gerichtsdiener kommen.


FABIO. Bester Junker Tobias, haltet ein! Hier kommen die Gerichtsdiener.

JUNKER TOBIAS zu Antonio. Wir sprechen uns nachher!

VIOLA. Ich bitt' Euch, steckt Euern Degen ein, wenn's Euch gefällig ist!

JUNKER CHRISTOPH. Mein' Seel', Herr, das will ich, – und wegen dessen, was ich Euch versprochen habe, halte ich Euch mein Wort. Er geht bequem und ist leicht in der Hand.

ERSTER GERICHTSDIENER. Dies ist er: tu' deine Pflicht!

ZWEITER GERICHTSDIENER.

Antonio, ich verhaft' Euch auf Befehl

Von Graf Orsino.

ANTONIO.

Ihr irrt Euch, Herr, in mir.

ERSTER GERICHTSDIENER.

Nicht doch, ich kenne Eu'r Gesicht gar wohl,

Ob Ihr schon jetzt kein Schifferkäppchen tragt.

Nur fort mit ihm! Er weiß, ich kenn' ihn wohl.

ANTONIO.

Ich muß gehorchen. – Dies entsteht daraus,

Daß ich Euch suchte; doch da hilft nun nichts.

Ich werd' es büßen. Sagt, was wollt Ihr machen?

Nun dringt die Not mich, meinen Beutel wieder

Von Euch zu fodern; und es schmerzt mich mehr

Um das, was ich nun nicht für Euch vermag,[786]

Als was mich selbst betrifft. Ihr steht erstaunt;

Doch seid getrost!

ZWEITER GERICHTSDIENER.

Kommt, Herr, und fort mit uns!

ANTONIO.

Ich muß um etwas von dem Geld Euch bitten.

VIOLA.

Von welchem Gelde, Herr?

Der Güte wegen, die Ihr mir erwiesen,

Und dann durch Eure jetz'ge Not bewegt,

Will ich aus meinen schmalen, armen Mitteln

Euch etwas borgen; meine Hab' ist klein,

Doch will ich teilen, was ich bei mir trage:

Da! meine halbe Barschaft.

ANTONIO.

Leugnet Ihr mir ab?

Ist's möglich, braucht denn mein Verdienst um Euch

Der Überredung? – Versucht mein Elend nicht,

Es möchte sonst so tief herab mich setzen,

Daß ich Euch die Gefälligkeiten vorhielt,

Die ich für Euch gehabt.

VIOLA.

Ich weiß von keinen,

Und kenn' Euch nicht von Stimme, noch Gesicht.

Ich hasse Undank mehr an einem Menschen

Als Lügen, Hoffart, laute Trunkenheit,

Als jedes Laster, dessen starkes Gift

Das schwache Blut bewohnt.

ANTONIO.

Gerechter Himmel!

ZWEITER GERICHTSDIENER.

Kommt, Herr! Ich bitt' Euch, geht!

ANTONIO.

Hört einen Augenblick! Der Jüngling da,

Halb riß ich aus des Todes Rachen ihn,

Pflegt' ihn mit solcher Heiligkeit der Liebe,

Und seinem Bild, das hocherhabnen Wert,

Glaubt' ich, verhieße, huldigt' ich mit Andacht.

ERSTER GERICHTSDIENER.

Was soll uns das? Die Zeit vergeht: macht fort!

ANTONIO.

Doch oh! wie wird der Gott zum schnöden Götzen!

Sebastian, du entehrest edle Züge.

Gesinnung schändet einzig die Natur,

Und häßlich heißt mit Recht der Böse nur.

Tugend ist Schönheit: doch der Reizend-Arge

Gleicht einem glänzend übertünchten Sarge.[787]

ERSTER GERICHTSDIENER.

Der Mann wird rasend: fort mit ihm! Kommt! kommt!

ANTONIO.

So führt mich weg!

Antonio mit den Gerichtsdienern ab.


VIOLA.

Es zeigt der Ungestüm, womit er spricht,

Er glaubt sich selbst; ich glaube mir noch nicht.

O möchtest du, Vermutung, dich bewähren,

Mein Bruder! daß wir zwei verwechselt wären!

JUNKER TOBIAS. Komm her, Junker! komm her, Fabio! Laßt uns unsre Köpfe zusammenstecken und einen weisen Rat pflegen!

VIOLA.

Er nannte den Sebastian: lebt ja doch

Des Bruders Bild in meinem Spiegel noch.

Er glich genau nach allen Zügen mir,

Und trug sich so in Farbe, Schnitt und Zier,

Denn ihn nur ahm' ich nach. Oh, wenn es ist, so sind

Die Stürme sanft, die Wellen treu gesinnt!


Ab.


JUNKER TOBIAS. Ein recht ehrloser lumpiger Bube, und so feig wie ein Hase. Seine Ehrlosigkeit zeigt sich darin, daß er seinen Freund hier in der Not verläßt und ihn verleugnet, und wegen seiner Feigheit fragt nur den Fabio!

FABIO. Eine Memme, eine fromme Memme, recht gewissenhaft in der Feigheit.

JUNKER CHRISTOPH. Wetter! ich will ihm nach und ihn prügeln!

JUNKER TOBIAS. Tu's, puff' ihn tüchtig, nur zieh' den Degen nicht!

JUNKER CHRISTOPH. Wenn ich's nicht tue! – Ab.

FABIO. Kommt, laßt uns sehn, wie's abläuft!

JUNKER TOBIAS. Ich will wetten, was Ihr wollt, es wird doch nichts daraus.


Beide ab.[788]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 784-789.
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