Neunte Szene

[821] Man bläst zum Rückzug; Trompeten. Von einer Seite tritt auf Cominius mit seinem Heer, von der andern Marcius, den Arm in der Binde, und andre Römer.


COMINIUS.

Erzählt' ich dir dein Werk des heut'gen Tages,

Du glaubtest nicht dein Tun; doch will ich's melden,

Wo Senatoren Trän' und Lächeln mischen,

Wo die Patrizier horchen und erbeben,

Zuletzt bewundern; wo sich Frau'n entsetzen

Und, froh erschreckt, mehr hören; wo der plumpe

Tribun, der, dem Plebejer gleich, dich haßt,

Ausruft, dem eignen Groll zum Trotz: »Dank, Götter,

Daß unserm Rom ihr solche Helden schenktet!«

Doch kamst du nur zum Nachtisch dieses Festes,

Vorher schon vollgesättigt.


Titus Lartius kommt mit seinen Kriegern.


TITUS.

O mein Feldherr!

Hier ist das Streitroß, wir sind das Geschirr.

Hätt'st du gesehn –

MARCIUS.

Still, bitt' ich. Meine Mutter,

Die einen Freibrief hat, ihr Blut zu preisen,

Kränkt mich, wenn sie mich rühmt. Ich tat ja nur,

Was ihr: das ist, so viel ich kann, erregt,

Wie ihr es waret, für mein Vaterland.

Wer heut den guten Willen nur erfüllte,

Hat meine Taten überholt.

COMINIUS.

Nicht darfst du

Das Grab sein deines Werts. Rom muß erkennen

Wie köstlich sein Besitz. Es war' ein Hehl,

Ärger als Raub, nicht minder als Verrat,

Zu decken deine Tat, von dem zu schweigen,

Was durch des Preises höchsten Flug erhoben,

Bescheiden noch sich zeigt. Drum bitt' ich dich,

Zum Zeichen, was du bist, und nicht als Lohn

Für all dein Tun, laß vor dem Heer mich reden!

MARCIUS.

Ich hab' so Wunden hier und da, die schmerzt es,

Sich so erwähnt zu hören.[821]

COMINIUS.

Geschäh's nicht,

Der Undank müßte sie zum Schwären bringen

Und bis zum Tod verpesten. Von den Pferden

(Wir fingen viel und treffliche) und allen

Den Schätzen, in der Stadt, im Feld erbeutet,

Sei dir der zehnte Teil, ihn auszusuchen

Noch vor der allgemeinen Teilung, ganz

Nach deiner eignen Wahl.

MARCIUS.

Ich dank' dir, Feldherr;

Doch sträubt mein Herz sich, einen Lohn zu nehmen

Als Zahlung meines Schwerts. Ich schlag' es aus

Und will nur so viel aus gemeiner Teilung

Wie alle, die nur ansahn, was geschah.


Ein langer Trompetenstoß. Alle rufen: »Marcius! Marcius!«, werfen Mützen und Speere in die Höhe.


Daß die Drommeten, die ihr so entweiht,

Nie wieder tönen! Wenn Posaun' und Trommel

Im Lager Schmeichler sind, mag Hof und Stadt

Ganz Lüge sein und Gleisnerei. Wird Stahl

Weich wie Schmarotzerseide, bleibe Erz

Kein Schirm im Kriege mehr! Genug, sag' ich. –

Weil ich die blut'ge Nase mir nicht wusch

Und einen Schwächling niederwarf, was mancher

Hier unbemerkt getan, schreit ihr mich aus

Mit übertriebnem, unverständ'gem Zuruf,

Als säh' ich gern mein kleines Selbst gefüttert

Mit Lob, gewürzt durch Lügen.

COMINIUS.

Zu bescheiden!

Ihr seid mehr grausam eignem Ruhm, als dankbar

Uns, die ihn redlich spenden; drum erlaubt:

Wenn gegen Euch Ihr wütet, legen wir

(Wie einen, der sich schadet) Euch in Fesseln,

Und sprechen sichrer dann. Drum sei es kund,

Wie uns, der ganzen Welt, daß Cajus Marcius

Des Krieges Kranz erwarb. Und des zum Zeichen

Nehm' er mein edles Roß, bekannt dem Lager,

Mit allem Schmuck; und heiß' er von heut an,[822]

Für das, was vor Corioli er tat,

Mit vollem Beifallsruf des ganzen Heeres:

Cajus Marcius Coriolanus. – Führe

Den zugefügten Namen allezeit edel!


Trompetenstoß.


ALLE.

Cajus Marcius Coriolanus!

CORIOLANUS.

Ich geh', um mich zu waschen;

Und ist mein Antlitz rein, so könnt Ihr sehn,

Ob ich erröte. Wie's auch sei, ich dank' Euch:

Ich denk' Eu'r Pferd zu reiten, und allzeit

Mich wert des edlen Namenschmucks zu zeigen

Nach meiner besten Kraft.

COMINIUS.

Nun zu den Zelten,

Wo, eh' wir noch geruht, wir schreiben wollen

Nach Rom von unserm Glück. Ihr, Titus Lartius,

Müßt nach Corioli. Schickt uns nach Rom

Die Führer, daß wir dort mit ihnen handeln

Um ihr und unser Wohl.

TITUS.

Ich tu' es, Feldherr.

CORIOLANUS.

Die Götter spotten mein. Kaum schlug ich aus

Höchst fürstliche Geschenk', und muß nun betteln

Bei meinem Feldherrn.

COMINIUS.

Was es sei: gewährt!

CORIOLANUS.

Ich wohnt' einmal hier in Corioli

Bei einem armen Mann, er war mir freundlich;

Er rief mich an: ich sah ihn als Gefangnen;

Doch da hatt' ich Aufidius im Gesicht,

Und Wut besiegte Mitleid. Gebt, ich bitte,

Frei meinen armen Wirt!

COMINIUS.

O schöne Bitte!

Wär' er der Schlächter meines Sohns, er sollte

Frei sein, so wie der Wind. Entlaßt ihn, Titus!

TITUS.

Marcius, sein Nam'?

CORIOLANUS.

Bei Jupiter! vergessen!

Ich bin erschöpft. – Ja – mein Gedächtnis schwindet.

Ist hier nicht Wein?[823]

COMINIUS.

Gehn wir zu unsem Zelten!

Das Blut auf Eurem Antlitz trocknet. Schnell

Müßt Ihr verbunden werden. Kommt!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 821-824.
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Coriolanus
Shakespeare, William: Shakespeare's dramatische Werke / Die Comödie der Irrungen. - Die beiden Veroneser. - Coriolanus. Liebes Leid und Lust
Coriolanus. Tragödie.
Julius Cäsar /Antonius und Cleopatra /Coriolanus
Coriolan / The Tragedy of Coriolanus (Gesamtausgabe, Band 31)
Shakespeare's Dramatische Werke: Einleitungen. Viel Lärmen Um Nichts. Die Comödie Der Irrungen. Die Beiden Veroneser. Coriolanus / Uebersetzt Von Dorothea Tieck. Liebes Leid Und Lust (German Edition)

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