Erste Szene

[893] Es treten auf Menenius, Cominius, Sicinius, Brutus und andere.


MENENIUS.

Nein, ich geh' nicht. – Ihr hört, was dem er sagte,

Der einst sein Feldherr war; der ihn geliebt

Aufs allerzärtlichste. Mich nannt' er Vater:

Doch was tut das? – Geht ihr, die ihn verbannt,

'ne Meile schon vor seinem Zelt fallt nieder,

Und schleicht so knie'nd in seine Gnade! – Nein:

Wollt' er nichts von Cominius hören bleib ich

Zu Haus.

COMINIUS.

Er tat, als kennte er mich nicht.

MENENIUS. Hört ihr's?

COMINIUS.

Doch einmal nannt' er mich bei meinem Namen:

Die alte Freundschaft macht' ich geltend, Blut,

Gemeinsam sonst vergossen. Coriolan

Wollt' er nicht sein, verbat sich jeden Namen:

Er sei ein Nichts, ein ungenanntes Wesen,

Bis er sich einen Namen neu geschmiedet

Im Brande Roms.

MENENIUS.

Ah, so! Ihr machtet's gut!

Ein Paar Tribunen, welche Rom verdarben,

Wohlfeil zu machen Kohlen! – Edler Ruhm!

COMINIUS.

Ich mahnt' ihn, wie so königlich Verzeihung,

Je minder sie erwartet sei. Er sprach,

Das sei vom Staat ein kahles Wort an ihn,

Den selbst der Staat bestraft.

MENENIUS.

Das war ganz recht.

Was konnt' er anders sagen?

COMINIUS.

Ich suchte dann sein Mitleid zu erwecken[893]

Für die besondern Freund'. Er gab zur Antwort:

Nicht lesen könn' er sie aus einem Haufen

Verdorbner, schlechter Spreu; auch sei es Torheit,

Um ein, zwei arme Körner stinken lassen

Den Unrat unverbrannt.

MENENIUS.

Um ein paar Körner?

Davon bin ich eins, seine Frau und Mutter,

Sein Kind, der wackre Freund, wir sind die Körner:

Ihr seid die dumpfe Spreu, und eu'r Gestank

Dringt bis zum Mond; wir müssen für euch brennen.

SICINIUS.

Seid milde doch, wenn Ihr zu helfen weigert

In so ratloser Zeit! Verhöhnt uns mind'stens

Mit unserm Elend nicht; denn sprächet Ihr

Für Euer Vaterland, – Eu'r gutes Wort,

Mehr als ein eilig aufgerafftes Heer,

Hemmt' unsern Landsmann.

MENENIUS.

Nein, ich bleib' davon.

SICINIUS.

Ich bitt' Euch, geht zu ihm!

MENENIUS.

Was soll es nutzen?

BRUTUS.

Versuchen nur, was Eure Liebe kann

Für Rom bei Marcius,

MENENIUS.

Und gesetzt, daß Marcius

Zurück mich schickt, wie er Cominius tat,

Ganz ungehört: – Die Folge?

Noch ein gekränkter Freund, von Gram durchbohrt

Durch seine Härte. Nun?

SICINIUS.

Euern Willen

Erkennt Rom dankbar nach dem Maß, wie Ihr

Die gute Meinung zeigt.

MENENIUS.

Ich will's versuchen –

Kann sein, er hört mich; doch, die Lippe beißen

Und grollen mit Cominius schwächt mein Herz.

Man traf die Stunde nicht, vor Tische war's.

Und sind die Adern leer, ist kalt das Blut

Dann schmollen wir dem Morgen, sind unwillig

Zu geben und vergeben; doch gefüllt

Die Röhren und Kanäle unsers Bluts

Mit Wein und Nahrung, macht die Seele schmeid'ger[894]

Als priesterliches Fasten. – Drum erpass' ich,

Bis er für mein Gesuch in Tafellaune,

Und dann mach' ich mich an ihn.

BRUTUS.

Ihr kennt den wahren Pfad zu seiner Güte

Und könnt des Wegs nicht fehlen.

MENENIUS.

Gut, ich prüf ihn.

Geh's, wie es will, bald werd' ich selber wissen,

Ob's mir gelang.


Geht ab.


COMINIUS.

Er hört ihn nimmer.

SICINIUS.

Nicht?

COMINIUS.

Glaubt mir, er sitzt im Gold, sein Blick so feurig,

Als wollt' er Rom verbrennen; und sein Zorn

Ist Wächter seiner Gnad'. – Ich kniete nieder,

Nur leise sprach er: »Auf!« – entließ mich – so –

Mit seiner stummen Hand. Was er tun würde,

Schickt' er mir schriftlich nach; was er nicht könne,

Zwäng' ihn ein Eid sich selbst nicht nachzugeben.

So daß uns keine Hoffnung bleibt –

Wenn's seine edle Mutter nicht und Gattin –;

Die, hör' ich, sind gewillt, ihn anzuflehn

Um Gnade für die Stadt; drum gehn wir hin,

Daß unser bestes Wort sie noch mehr treibe!


Gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 893-895.
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