Dritte Szene

[278] Ein Zimmer in Polonius' Hause.


Laertes und Ophelia treten auf.


LAERTES.

Mein Reisegut ist eingeschifft. Leb wohl,

Und, Schwester, wenn die Winde günstig sind

Und Schiffsgeleit sich findet, schlaf' nicht, laß

Von dir mich hören!

OPHELIA.

Zweifelst du daran?

LAERTES.

Was Hamlet angeht und sein Liebsgetändel,

So nimm's als Sitte, als ein Spiel des Bluts;

Ein Veilchen in der Jugend der Natur,

Frühzeitig, nicht beständig – süß, nicht dauernd,

Nur Duft und Labsal eines Augenblicks:

Nichts weiter.[278]

OPHELIA.

Weiter nichts?

LAERTES.

Nur dafür halt es:

Denn die Natur, aufstrebend, nimmt nicht bloß

An Größ' und Sehnen zu; wie dieser Tempel wächst,

So wird der innre Dienst von Seel' und Geist

Auch weit mit ihm. Er liebt Euch jetzt vielleicht;

Kein Arg und kein Betrug befleckt bis jetzt

Die Tugend seines Willens: doch befürchte,

Bei seinem Rang gehört sein Will' ihm nicht!

Er selbst ist der Geburt ja untertan.

Er kann nicht, wie geringe Leute tun,

Für sich auslesen; denn an seiner Wahl

Hängt Sicherheit und Heil des ganzen Staats.

Deshalb muß seine Wahl beschränket sein

Vom Beifall und der Stimme jenes Körpers,

Von welchem er das Haupt. Wenn er nun sagt, er liebt dich,

Geziemt es deiner Klugheit, ihm zu glauben,

So weit er nach besonderm Recht und Stand

Tat geben kann dem Wort; das heißt, nicht weiter

Als Dänemarks gesamte Stimme geht.

Bedenk', was deine Ehre leiden kann,

Wenn du zu gläubig seinem Liede lauschest,

Dein Herz verlierst, und deinen keuschen Schatz

Vor seinem ungestümen Dringen öffnest.

Fürcht' es, Ophelia! fürcht' es, liebe Schwester,

Und halte dich im Hintergrund der Neigung,

Fern von dem Schuß und Anfall der Begier!

Das scheuste Mädchen ist verschwend'risch noch,

Wenn sie dem Monde ihren Reiz enthüllt.

Selbst Tugend nicht entgeht Verleumdertücken,

Es nagt der Wurm des Frühlings Kinder an,

Zu oft noch eh' die Knospe sich erschließt,

Und in der Früh' und frischem Tau der Jugend

Ist gift'ger Anhauch am gefährlichsten.

Sei denn behutsam! Furcht gibt Sicherheit,

Auch ohne Feind hat Jugend innern Streit.

OPHELIA.

Ich will den Sinn so guter Lehr' bewahren,

Als Wächter meiner Brust; doch, lieber Bruder,[279]

Zeigt nicht, wie heilvergeßne Pred'ger tun,

Den steilen Dornenweg zum Himmel andern,

Derweil als frecher, lockrer Wollüstling

Er selbst den Blumenpfad der Lust betritt

Und spottet seines Rats.

LAERTES.

O fürchtet nichts!

Zu lange weil' ich – doch da kommt mein Vater.


Polonius kommt.


Zwiefacher Segen ist ein zwiefach Heil:

Der Zufall lächelt einem zweiten Abschied.

POLONIUS.

Noch hier, Laertes? Ei, ei! an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –


Indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt.

Und diese Regeln präg' in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat!

Leutselig sei, doch keineswegs gemein!

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit ehr'nen Haken klammr' ihn an dein Herz!

Doch härte deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder! Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin:

Führ' sie, daß sich dein Feind vor dir mag hüten!

Dein Ohr leih' jedem, wen'gen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar' dein Urteil!

Die Kleidung kostbar, wie's dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte; reich, nicht bunt:

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht:

Sich und den Freund verliert das Darlehn oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,[280]

Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen.

Leb wohl! mein Segen fördre dies an dir!

LAERTES.

In Ehrerbietung nehm' ich Abschied, Herr.

POLONIUS.

Euch ruft die Zeit; geht, Eure Diener warten.

LAERTES.

Leb wohl, Ophelia, und gedenk' an das,

Was ich dir sagte!

OPHELIA.

Es ist in mein Gedächtnis fest verschlossen,

Und Ihr sollt selbst dazu den Schlüssel führen.

LAERTES.

Lebt wohl.


Ab.


POLONIUS.

Was ist's, Ophelia, daß er Euch gesagt?

OPHELIA.

Wenn Ihr erlaubt, vom Prinzen Hamlet war's.

POLONIUS.

Ha, wohl bedacht!

Ich höre, daß er Euch seit kurzem oft

Vertraute Zeit geschenkt; und daß Ihr selbst

Mit Eurem Zutritt sehr bereit und frei wart.

Wenn dem so ist – und so erzählt man mir's,

Und das als Warnung zwar –, muß ich Euch sagen,

Daß Ihr Euch selber nicht so klar versteht,

Als meiner Tochter ziemt und Eurer Ehre.

Was gibt es zwischen euch? Sagt mir die Wahrheit!

OPHELIA.

Er hat seither Anträge mir getan

Von seiner Zuneigung.

POLONIUS.

Pah, Zuneigung! Ihr sprecht wie junges Blut,

In solchen Fährlichkeiten unbewandert.

Und glaubt Ihr den Anträgen, wie Ihr's nennt?

OPHELIA.

Ich weiß nicht, Vater, was ich denken soll?

POLONIUS.

So hört's denn: denkt, Ihr seid ein dummes Ding,

Daß Ihr für bar Anträge habt genommen,

Die ohn' Ertrag sind. Nein, betragt Euch klüger,

Sonst (um das arme Wort nicht tot zu hetzen)

Trägt Eure Narrheit noch Euch Schaden ein.

OPHELIA.

Er hat mit seiner Lieb' in mich gedrungen,

In aller Ehr' und Sitte.

POLONIUS.

Ja, Sitte mögt Ihr's nennen: geht mir, geht!

OPHELIA.

Und hat sein Wort beglaubigt, lieber Herr,

Beinah' durch jeden heil'gen Schwur des Himmels.

POLONIUS.

Ja, Sprenkel für die Drosseln! Weiß ich doch,

Wenn das Blut kocht, wie das Gemüt der Zunge[281]

Freigebig Schwüre leiht. Dies Lodern, Tochter,

Mehr leuchtend als erwärmend, und erloschen

Selbst im Versprechen, während es geschieht,

Nehmt keineswegs für Feuer! Kargt von nun an

Mit Eurer jungfräulichen Gegenwart

Ein wenig mehr; schätzt Eure Unterhaltung

Zu hoch, um auf Befehl bereit zu sein!

Und was Prinz Hamlet angeht, traut ihm so:

Er sei noch jung, und habe freiern Spielraum,

Als Euch vergönnt mag werden. Kurz, Ophelia,

Traut seinen Schwüren nicht: denn sie sind Kuppler,

Nicht von der Farbe ihrer äußern Tracht,

Fürsprecher sündlicher Gesuche bloß,

Gleich frommen, heiligen Gelübden atmend,

Um besser zu berücken. Eins für alles:

Ihr sollt mir, grad' heraus, von heute an

Die Muße keines Augenblicks so schmähn,

Daß Ihr Gespräche mit Prinz Hamlet pflöget.

Seht zu, ich sag's Euch: geht nun Eures Weges!

OPHELIA.

Ich will gehorchen, Herr.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 278-282.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hamlet. Prinz von Dänemark
Universal-Bibliothek, Nr. 31: Hamlet: Prinz von Dänemark - Tragödie
Die tragische Geschichte von Hamlet, Prinz von Dänemark
Hamlet: Prinz von Dänemark (insel taschenbuch)
Hamlet: Prinz von Dänemark (insel taschenbuch)
Hamlet, Prinz von Dänemark

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Noch in der Berufungsphase zum Schulrat veröffentlicht Stifter 1853 seine Sammlung von sechs Erzählungen »Bunte Steine«. In der berühmten Vorrede bekennt er, Dichtung sei für ihn nach der Religion das Höchste auf Erden. Das sanfte Gesetz des natürlichen Lebens schwebt über der idyllischen Welt seiner Erzählungen, in denen überraschende Gefahren und ausweglose Situationen lauern, denen nur durch das sittlich Notwendige zu entkommen ist.

230 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon