Dritte Szene

[95] Ein Zimmer in Capulets Hause.


Gräfin Capulet und die Wärterin.


GRÄFIN CAPULET.

Ruft meine Tochter her: wo ist sie, Amme?

WÄRTERIN.

Bei meiner Jungferschaft im zwölften Jahr,

Ich rief sie schon. – He, Lämmchen! zartes Täubchen! –

Daß Gott! Wo ist das Kind? He, Juliette!


Julia kommt.


JULIA.

Was ist? Wer ruft mich?

WÄRTERIN.

Eure Mutter.

JULIA.

Hier bin ich, gnäd'ge Mutter! Was beliebt?

GRÄFIN.

Die Sach' ist diese! – Amme, geh beiseit',

Wir müssen heimlich sprechen. Amme, komm

Nur wieder her, ich habe mich besonnen:

Ich will dich mit zur Überlegung ziehn.

Du weißt, mein Kind hat schon ein hübsches Alter.

WÄRTERIN.

Das zähl' ich, meiner Treu, am Finger her.

GRÄFIN CAPULET.

Sie ist nicht vierzehn Jahre.

WÄRTERIN.

Ich wette vierzehn meiner Zähne drauf –[95]

Zwar hab' ich nur vier Zähn', ich arme Frau –

Sie ist noch nicht vierzehn. Wie lang ist's bis Johannis?

GRÄFIN CAPULET.

Ein vierzehn Tag' und drüber.

WÄRTERIN.

Nu, drüber oder drunter. Just den Tag,

Johannistag zu Abend wird sie vierzehn.

Suschen und sie – Gott gebe jedem Christen

Das ew'ge Leben! – waren eines Alters.

Nun, Suschen ist bei Gott:

Sie war zu gut für mich. Doch wie ich sagte,

Johannistag zu Abend wird sie vierzehn.

Das wird sie, meiner Treu; ich weiß es recht gut.

Eilf Jahr ist's her, seit wir 's Erdbeben hatten:

Und ich entwöhnte sie (mein Leben lang

Vergess' ich's nicht) just auf denselben Tag.

Ich hatte Wermut auf die Brust gelegt,

Und saß am Taubenschlage in der Sonne;

Die gnäd'ge Herrschaft war zu Mantua.

(Ja, ja! ich habe Grütz' im Kopf!) Nun, wie ich sagte:

Als es den Wermut auf der Warze schmeckte

Und fand ihn bitter – närr'sches, kleines Ding –,

Wie's böse ward und zog der Brust ein G'sicht!

Krach! sagt der Taubenschlag; und ich, fürwahr,

Ich wußte nicht, wie ich mich tummeln sollte.

Und seit der Zeit ist's nun eilf Jahre her.

Denn damals stand sie schon allein; mein' Treu',

Sie lief und watschelt' euch schon flink herum.

Denn Tags zuvor fiel sie die Stirn entzwei,

Und da hob sie mein Mann – Gott hab ihn selig!

Er war ein lust'ger Mann – vom Boden auf.

»Ei«, sagt' er, »fällst du so auf dein Gesicht?

Wirst rücklings fallen, wenn du klüger bist.

Nicht wahr, mein Kind?« Und, liebe heil'ge Frau!

Das Mädchen schrie nicht mehr, und sagte: »Ja.«

Da seh' man, wie so 'n Spaß zum Vorschein kommt!

Und lebt' ich tausend Jahre lang, ich wette,

Daß ich es nie vergäß'. »Nicht wahr, mein Kind?« sagt' er,

Und 's liebe Närrchen ward still, und sagte: »Ja.«

GRÄFIN CAPULET.

Genug davon, ich bitte, halt' dich ruhig![96]

WÄRTERIN.

Ja, gnäd'ge Frau. Doch lächert's mich noch immer.

Wie 's Kind sein Schreien ließ und sagte: »Ja.«

Und saß ihm, meiner Treu, doch eine Beule,

So dick wie 'n Hühnerei, auf seiner Stirn,

Recht g'fährlich dick! und es schrie bitterlich.

Mein Mann, der sagte: »Ei, fällst aufs Gesicht?

Wirst rücklings fallen, wenn du älter bist.

Nicht wahr, mein Kind?« Still ward's, und sagte: »Ja.«

JULIA.

Ich bitt' dich, Amme, sei doch auch nur still!

WÄRTERIN.

Gut, ich bin fertig. Gott behüte dich!

Du warst das feinste Püppchen, das ich säugte.

Erleb' ich deine Hochzeit noch einmal,

So wünsch' ich weiter nichts.

GRÄFIN CAPULET.

Die Hochzeit, ja! das ist der Punkt, von dem

Ich sprechen wollte. Sag mir, liebe Tochter,

Wie steht's mit deiner Lust, dich zu vermählen?

JULIA.

Ich träumte nie von dieser Ehre noch.

WÄRTERIN.

Ein' Ehre! Hätt'st du eine andre Amme

Als mich gehabt, so wollt' ich sagen: Kind,

Du habest Weisheit mit der Milch gesogen.

GRÄFIN CAPULET.

Gut, denke jetzt dran; jünger noch als du

Sind angesehne Frau'n hier in Verona

Schon Mütter worden. Ist mir recht, so war

Ich deine Mutter in demselben Alter,

Wo du noch Mädchen bist. Mit einem Wort:

Der junge Paris wirbt um deine Hand.

WÄRTERIN.

Das ist ein Mann, mein Fräulein! Solch ein Mann

Als alle Welt – ein wahrer Zuckermann!

GRÄFIN CAPULET.

Die schönste Blume von Veronas Flor.

WÄRTERIN.

Ach ja, 'ne Blume! Gelt', 'ne rechte Blume!

GRÄFIN CAPULET.

Was sagst du? Wie gefällt dir dieser Mann?

Heut abend siehst du ihn bei unserm Fest.

Dann lies im Buche seines Angesichts,

In das der Schönheit Griffel Wonne schrieb;

Betrachte seiner Züge Lieblichkeit,

Wie jeglicher dem andern Zierde leiht.

Was dunkel in dem holden Buch geblieben,

Das lies in seinem Aug' am Rand geschrieben.[97]

Und dieses Freiers ungebundner Stand,

Dies Buch der Liebe, braucht nur einen Band.

Der Fisch lebt in der See, und doppelt teuer

Wird äußres Schön' als innrer Schönheit Schleier.

Das Buch glänzt allermeist im Aug' der Welt,

Das goldne Lehr' in goldnen Spangen hält:

So wirst du alles, was er hat, genießen,

Wenn du ihn hast, ohn' etwas einzubüßen.

WÄRTERIN.

Einbüßen? Nein, zunehmen wird sie eher;

Die Weiber nehmen oft durch Männer zu.

GRÄFIN CAPULET.

Sag kurz: fühlst du dem Grafen dich geneigt?

JULIA.

Gern will ich sehn, ob Sehen Neigung zeugt:

Doch weiter soll mein Blick den Flug nicht wagen,

Als ihn die Schwingen Eures Beifalls tragen.


Ein Bedienter kommt.


DER BEDIENTE. Gnädige Frau, die Gäste sind da, das Abendessen auf dem Tisch, Ihr werdet gerufen, das Fräulein gesucht, die Amme in der Speisekammer zum Henker gewünscht, und alles geht drunter und drüber. Ich muß fort, aufwarten: ich bitte Euch, kommt unverzüglich!

GRÄFIN CAPULET.

Gleich! – Paris wartet. Julia, komm geschwind!

WÄRTERIN.

Such' frohe Nächt' auf frohe Tage, Kind!


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 95-98.
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