Fünftes Kapitel.

[55] Aulus hatte mit Recht erwartet, gar nicht vor das Angesicht Neros zugelassen zu werden. Er erhielt zur Antwort, der Cäsar sei beim Lautenspieler Terpnos mit Singen beschäftigt und empfange überhaupt nur diejenigen, die er selbst herbefohlen habe. Mit anderen Worten bedeutete dies, Aulus solle es auch künftighin nicht versuchen, eine Audienz zu erhalten.

Dagegen empfing Seneca, obgleich fieberkrank, den alten Feldherrn mit der ihm gebührenden Ehrerbietung; als er aber hörte, worum es sich handle, lachte er bitter und sagte: »Ich kann dir nur einen Rat geben, edler Plautius, nämlich den, dem Caesar nie zu zeigen, daß mein Herz deinen Kummer teilt und daß ich dir helfen möchte; denn wenn der Caesar auch nur den geringsten Argwohn in dieser Beziehung schöpft, so kannst du überzeugt sein, daß er dir Lygia nie zurückgibt, mag er auch keinen anderen Grund dafür haben, als mir zum Trotze zu handeln.«

Auch riet er ihm ab, sich an Tigellinus, Vatinius oder Vitellius zu wenden. Es sei zwar möglich, bei ihnen mit Geld etwas auszurichten; sie seien vielleicht auch geneigt, Petronius einen Possen zu spielen, dessen Einfluß sie zu untergraben bemüht seien; doch sei es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß sie es dem Caesar verrieten, wie unendlich teuer Lygia dem Plautius sei, und dann würde der Caesar sie um so weniger herausgeben. Dann sagte der alte Philosoph mit beißender Ironie: »Du hast geschwiegen, Plautius, du hast jahrelang geschwiegen, und der Caesar liebt die schweigsamen Leute nicht. Wie konntest du auch seine Schönheit, seine Tugend, seinen Gesang, seine Vortragskunst, seine Fertigkeit im Wagenlenken und seine Verse nicht in den Himmel erheben? Wie konntest du den Tod des Britannicus nicht verherrlichen, keine Loblieder zu Ehren des Muttermörders[56] anstimmen und keine Glückwünsche aus Anlaß der Erdrosselung Octavias darbringen? Es ist dies ein Mangel an Vorsicht, lieber Aulus, welche wir, die wir ein so glückliches Leben am Hofe führen, im reichsten Maße besitzen.«

Bei diesen Worten ergriff er einen Becher, den er am Gürtel trug, schöpfte damit Wasser aus der Fontäne des Impluviums, erfrischte seine brennenden Lippen und fuhr fort: »Ach, Nero besitzt ein dankbares Herz. Er liebt dich, weil du Rom gedient und den Namen der Stadt an den Enden der Welt berühmt gemacht hast, und er liebt mich, weil ich der Lehrer seiner Jugend gewesen bin. Ich weiß deshalb, siehst du, daß dieses Wasser nicht vergiftet ist und daß ich es ruhig trinken kann. Wein in meinem Hause dürfte weniger zuverlässig sein, aber wenn du Durst hast, so trinke getrost von diesem Wasser. Die Aquädukte leiten es bis aus den Albanerbergen her, und wer es vergiften wollte, müßte sämtliche Brunnen Roms vergiften. Wie du siehst, ist es auf dieser Erde immer noch möglich, in Sicherheit zu leben und ein ruhiges Alter zu genießen. Ich bin freilich krank, aber ich leide mehr an der Seele als am Körper.«

»Dies war in der Tat der Fall. Seneca besaß nicht jene Seelenstärke, wie sie zum Beispiel Cornutus und Thrasea bewiesen hatten, und daher war sein Leben eine Kette von Nachgiebigkeiten dem Laster gegenüber gewesen. Er fühlte es selbst, erkannte es selbst, daß ein Anhänger der Grundsätze Zenons aus Kition einen anderen Weg hätte einschlagen müssen, und er litt darunter mehr als unter der Furcht vor dem Tode.«

Doch der Feldherr unterbrach jetzt seine bitteren Betrachtungen.

»Edler Annaeus,« sagte er, »ich weiß, wie der Caesar dir die Sorge vergilt, die du ihm in seiner Jugend gewidmet hast. Aber der Urheber der Entführung des Mädchens aus unserem Hause ist Petronius. Nenne mir ein Mittel, ihm beizukommen, nenne mir den Einfluß, dem er unterliegt, und wende außerdem selbst deine ganze Beredsamkeit[57] an, welche dir deine alte Freundschaft zu mir einzugeben vermag.«

»Petronius und ich,« versetzte Seneca, »sind Leute aus zwei feindlichen Lagern. Ich kenne kein Mittel, mit dem ihm beizukommen wäre, er ist von keinem Einflusse abhängig. Es kann sein, daß er trotz all seiner Verderbtheit noch mehr wert ist als diese Schufte, mit denen Nero sich täglich umgibt. Aber ihm nachweisen zu wollen, daß er schändlich handelt, hieße nur Zeit verschwenden; Petronius hat schon längst die Fähigkeit eingebüßt, Böses und Gutes zu unterscheiden. Beweise ihm, daß seine Handlungsweise häßlich ist, dann wird er sich ihrer schämen. Wenn ich mit ihm zusammentreffe, werde ich ihm sagen: Deine Tat ist eines Freigelassenen würdig. Wenn das nicht hilft, dann hilft nichts.«

»Ich danke dir dafür,« entgegnete der Feldherr.

Dann ließ er sich zu Vinicius tragen, den er traf, wie er sich gerade mit einem Sklaven, seinem Fechtlehrer, in den Waffen übte. Beim Anblick des jungen Mannes, der sich in dem Augenblicke ruhig einer Waffenübung widmete, während der Gewaltstreich gegen Lygia ins Werk gesetzt wurde, faßte Aulus ein furchtbarer Zorn, der sich auch, kaum daß der Vorhang hinter dem Fechtmeister gefallen war, in einer Flut heftiger Vorwürfe und Anklagen Luft machte. Als aber Vinicius erfahren hatte, daß Lygia entführt sei, wurde er vor Schreck so bleich, daß selbst Aulus ihn keinen Augenblick länger für einen Mitschuldigen an der Gewalttat halten konnte. Die Stirn des jungen Mannes bedeckte sich mit Schweißtropfen; das Blut, das einen Augenblick hindurch zum Herzen geströmt war, flutete in glühenden Wellen wieder zum Antlitz zurück; seine Augen begannen zu sprühen, seine Lippen zusammenhängende Fragen hervorzustoßen. Eifersucht und Wut stürmten wechselsweise auf ihn ein wie ein Gewitter. Er glaubte, Lygia sei, sowie sie einmal die Schwelle des Hauses des Caesars überschritten habe, auf immer für ihn verloren. Als aber Aulus Petronius' Namen[58] aussprach, fuhr dem jungen Soldaten der Argwohn rasch wie ein Blitz durch den Sinn, Petronius habe ihn genarrt und wolle sich entweder durch die Überlassung Lygias von neuem die Gunst des Caesars gewinnen oder sie für sich selbst behalten. Daß jemand, der Lygia einmal gesehen habe, sie nicht sofort begehren sollte, wollte ihm nicht in den Kopf.

Seine maßlose Heftigkeit, das Erbteil seiner Familie, riß ihn in diesem Augenblicke fort wie ein wildes Pferd und raubte ihm die Besinnung.

»Feldherr,« sprach er mit stockender Stimme, »kehre nach Hause zurück und warte dort auf mich. Sei überzeugt, selbst wenn Petronius mein leiblicher Vater wäre, würde ich an ihm die Lygia zugefügte Schmach rächen. Kehre nach Hause zurück und erwarte mich. Weder Petronius noch der Caesar sollen sie besitzen.«

Dann wandte er sich mit geballten Fäusten zu den Wachsfiguren, die bekleidet im Atrium standen, und stieß hervor: »Bei diesen Totenmasken! Lieber will ich sie und mich hinmorden!«

Nach diesen Worten tobte er in unsinniger Wut im Atrium umher und stürmte endlich, nachdem er Aulus noch einmal die Worte: »Erwarte mich!« zugerufen hatte, hinaus und eilte nach Petronius' Hause, wobei er unterwegs mehrere Fußgänger unsanft beiseite stieß.

Einigermaßen beruhigt kehrte Aulus nach Hause zurück. Er war der Meinung, wenn Petronius den Caesar bewogen hätte, Lygia abholen zu lassen, um sie Vinicius zu übergeben, so würde Vinicius sie wieder in sein Haus zurückbringen. Endlich lag für ihn ein nicht geringer Trost in dem Gedanken, daß Lygia, wenn nicht befreit, so doch gerächt und durch den Tod vor der Schmach bewahrt würde. Er war überzeugt, Vinicius würde alle seine Versprechungen halten. Er hatte seine Wut gesehen und kannte die den Angehörigen dieser Familie eigene namenlose Heftigkeit. Obgleich er selber Lygia wie ein leiblicher Vater liebte, hätte er sie lieber[59] getötet als dem Caesar ausgeliefert, und er würde es unzweifelhaft getan haben, wenn er nicht an seinen Sohn, den letzten Sproß der Familie, gedacht hätte. Aulus war Soldat; von den Stoikern hatte er zwar kaum gehört, aber in seinem Charakter war er nicht weit von ihnen entfernt, und nach seiner Auffassung und Überzeugung war der Tod leichter zu ertragen und besser als die Schande.

Als er nach Hause zurückgekehrt war, beruhigte er Pomponia und teilte ihr seine Hoffnungen mit; beide warteten mit Spannung auf Nachrichten von Vinicius. So oft sich im Atrium die Schritte eines Sklaven hören ließen, glaubten sie, es sei vielleicht Vinicius, der ihnen die geliebte Tochter zurückbringe, und waren von ganzem Herzen geneigt, beide zu segnen. Aber die Zeit verging, und es kam noch immer keine Nachricht. Erst am Abend hörte man mit dem Hammer an die Tür klopfen.

Nach kurzer Zeit trat ein Sklave ein und übergab Aulus einen Brief. Obgleich es der alte Feldherr liebte, Selbstbeherrschung zu zeigen, nahm er ihn mit zitternder Hand entgegen und begann ihn mit solcher Hast zu lesen, als handle es sich um das Wohl seines ganzen Hauses.

Plötzlich verdüsterte sich sein Gesicht, wie wenn der Schatten einer vorüberziehenden Wolke darauf gefallen wäre.

»Lies,« sagte er, indem er sich an Pomponia wandte.

Pomponia nahm den Brief und las, wie folgt: »Marcus Vinicius sendet dem Aulus Plautius seinen Gruß. Was geschah, geschah nach dem Willen des Caesars, dem ihr Gehorsam schuldet, wie Petronius und ich ihm gehorchen müssen.«

Dann entstand langes Schweigen.

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 1, S. 55-60.
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