Fünfzehntes Kapitel.

[174] Petronius an Vinicius.


»Durch einen zuverlässigen Sklaven sende ich dir aus Antium diesen Brief und bitte dich, obgleich deine Hand mehr an Schwert und Lanze als an das Schreibrohr gewöhnt ist, ihn ohne allzulangen Verzug durch denselben Boten zu beantworten. Ich ließ dich auf guter Fährte und voller Hoffnung zurück und denke daher, daß du entweder schon dein süßes Verlangen in Lygias Armen gestillt hast oder es tun wirst, bevor der richtige Wintersturm von dem Gipfel des Soracte her über die Campania einherbraust. Lieber Vinicius, möge die goldene Göttin Cyperns deine Lehrmeisterin sein, dafür sei du der Lehrmeister jener lygischen Morgengöttin, die vor der Sonne der Liebe flieht. Bedenke immer, daß Marmor an sich, obgleich höchst kostbar, nichts ist und daß er seinen wahren Wert erst dann erhält, wenn ihn die Hand des Künstlers zum Bilde formt. Sei du ein solcher Künstler, carissime! Die Liebe allein genügt nicht; man muß zu lieben und die Liebe zu lehren wissen. Wollust fühlt auch der Pöbel und selbst das Tier; doch der wahre Mensch unterscheidet sich hauptsächlich dadurch von ihnen, daß er sie gewissermaßen zu einer edlen Kunst umgestaltet, sich, wenn er sich ihrer erfreut, ihren ganzen göttlichen Wert vergegenwärtigt und an ihr nicht nur die Sinne, sondern auch den Geist sättigt. Oft, wenn ich hier die Hohlheit, die Ungewißheit[174] und Langeweile unseres Lebens betrachte, kommt mir der Gedanke, du habest vielleicht das bessere Teil erwählt und nicht der Hof des Caesars, sondern Krieg und Liebe seien die beiden einzigen Dinge, für die es sich lohnt, geboren zu werden und zu leben.

Im Kriege warst du glücklich, sei es jetzt auch in der Liebe, und wenn du gern wissen willst, was am Hofe des Caesars vorfällt, so will ich dir von Zeit zu Zeit darüber Nachricht geben. Wir sitzen jetzt hier in Antium fest und pflegen unsere himmlische Stimme, wir empfinden immer noch Abneigung gegen Rom und gedenken uns im Winter nach Bajae zu begeben und wenigstens in Neapel öffentlich aufzutreten, dessen griechische Bürgerschaft uns besser aufnehmen wird, als das Geschlecht der Wölfe, das an den Ufern des Tiber haust. Aus Bajae, Pompeji, aus Puteoli, Cumae, Stabiae werden die Leute herbeiströmen, und es wird uns weder an Beifall noch an Kränzen mangeln, und das wird uns eine Ermutigung zu der beabsichtigten Reise nach Achaja sein.

Doch die Erinnerung an die kleine Augusta? Ja! Wir beweinen sie noch. Wir singen so wundervolle Hymnen eigener Komposition, daß sich die Sirenen vor Neid in den tiefsten Grotten Amphitrites verbergen. Dafür würden die Delphine auf uns lauschen, wenn sie nicht das Rauschen des Meeres daran hinderte. Unser Schmerz ist noch nicht besänftigt; wir werden ihn also den Menschen in allen Gestalten, über welche die Plastik verfügt, vor Augen stellen und dabei sorgfältig acht geben, ob er uns schön steht und ob die Menschen seine Schönheit zu würdigen wissen. Ach, mein Lieber! wir werden wohl als Possenreißer und Komödiant sterben.

Alle Augustianer und Augustianerinnen sind hier, die fünfhundert Eselinnen, in deren Milch sich Poppaea badet, und die zehntausend Sklaven nicht miteingerechnet. Zuweilen ist es hier auch ganz vergnüglich. Calvia Crispinella altert; man sagt, sie habe Poppaea gebeten, das Bad gleich nach ihr nehmen zu dürfen. Lucanus schlug Nigidia ins Gesicht, da[175] er sie im Verdacht hatte, Umgang mit einem Gladiator zu pflegen. Sporus hat seine Frau im Würfelspiel an Senecio verloren. Torquatus Silanus bot mir für Eunike vier kastanienbraune Rosse, die in diesem Jahre unzweifelhaft den Sieg davontragen werden. Ich lehnte ab, und auch dir danke ich, daß du sie nicht angenommen hast. Was Torquatus Silanus betrifft, so ahnt der Ärmste gar nicht, daß er bereits mehr Schatten als Mensch ist. Sein Tod ist beschlossene Sache. Und weißt du, worin sein Verbrechen besteht? Er ist ein Urenkel des göttlichen Augustus. Es gibt keine Rettung für ihn. So ist unsere Welt!

Wie du weißt, erwarteten wir Tiridates. Unterdessen hat Vologeses einen beleidigenden Brief geschrieben. Da er Armenien erobert habe, so bitte er, daß man es ihm zu Tiridates' Gunsten überlasse, wenn nicht, so gebe er es auch dann nicht heraus. Reine Narrenspossen! Wir beschlossen also den Krieg. Corbulo soll dieselbe Vollmacht erhalten, wie sie der große Pompejus zur Zeit des Seeräuberkrieges besaß. Einige Zeit allerdings schwankte Nero: er fürchtet offenbar den Ruhm, den sich Corbulo im Falle des Sieges erwerben wird. Man dachte sogar daran, unserem Aulus den Oberbefehl anzubieten. Dem widersetzte sich Poppaea, der Pomponias Tugend augenscheinlich ein Dorn im Auge ist.

Vatinius hat uns interessante Gladiatorenkämpfe geschildert, die in Beneventum stattgefunden haben. Da kann man sehen, was dem Sprichwort: ne sutor supra crepidam zum Trotz heutzutage aus einem Schuster werden kann! Vitellius ist der entfernte Nachkomme eines Schusters, aber Vatinius der leibliche Sohn eines solchen. Möglicherweise hat er auch selbst noch den Pechdraht gezogen! Der Schauspieler Aliturus gab gestern den Oedipus ganz wundervoll. Da er ein Jude ist, fragte ich ihn unter anderem, ob Christen und Juden dasselbe seien? Er antwortete mir, die Juden hätten eine ewige Religion, die Christen seien aber eine neue Sekte, die vor kurzem unter den Juden entstanden sei. Zur Zeit des[176] Tiberius sei ein Mann gekreuzigt worden, dessen Anhänger sich von Tag zu Tag mehren und ihn für einen Gott halten. Es scheint, daß sie keine anderen Götter, namentlich nicht die unsrigen, anerkennen. Ich sehe nicht ein, was ihnen das schaden könnte. Tigellinus zeigt mir jetzt offene Feindschaft. Indessen kann er mir nicht viel anhaben; nur in einem Punkte hat er etwas vor mir voraus. Er hängt mehr am Leben, und zugleich ist er ein größerer Schuft als ich, was ihm dem Rotbart näher bringt. Die beiden werden sich früher oder später verständigen, und dann wird die Reihe an mich kommen. Wann dieser Fall eintreten wird, weiß ich nicht, wohl aber, daß er einmal eintreten muß. Inzwischen muß man sich amüsieren. Das Leben an sich wäre ganz gut, wenn nur der Rotbart nicht wäre. Seinetwegen empfindet man mitunter einen Ekel vor dem eigenen Leben.

Es ist ein leeres Gerede, wenn man das Buhlen um seine Gunst mit dem Wetteifer im Zirkus, mit einer Art Spiel oder Kampf vergleicht, in welchem der Sieg der Eitelkeit schmeichelt. Ich erkläre es mir zwar mitunter so – und doch komme ich mir zuweilen genau wie dieser Chilon vor und um kein Haar besser als er. Wenn du ihn entbehren kannst, so schicke ihn hierher zu mir. Ich liebe seine erbaulichen Reden. Grüße deine göttliche Christin von mir, oder bitte sie vielmehr in meinem Namen, dir gegenüber kein Fisch zu sein. Gib mir Nachricht über deine Gesundheit und deine Liebe; lerne lieben, lehre lieben und lebe wohl!«


M.G. Vinicius an Petronius.


»Lygia ist noch nicht gefunden. Hoffte ich nicht, sie binnen kurzem zu finden, so würdest du keine Antwort erhalten; denn wenn einem das Leben verleidet ist, hat man keine Lust, Briefe zu schreiben. Ich wollte mich überzeugen, ob Chilon mich nicht betrog; ich hüllte mich daher in der Nacht, in der er das Geld für Euricius abholte, in meinen Soldatenmantel und folgte ihm und dem Sklaven, den ich ihm mitgegeben[177] hatte, unbemerkt nach. Als sie an dem bestimmten Orte anlangten, blieb ich in einiger Entfernung, hinter einem Portikuspfeiler versteckt, stehen und überzeugte mich, daß Euricius kein Gebilde der Phantasie war. Am Ufer stromabwärts lud eine Anzahl Leute bei Fackelschein Steine aus einem großen Kahne aus und schichtete sie am Ufer auf. Ich sah, wie Chilon sich diesen näherte und einen alten Mann anzureden begann, der ihm nach einiger Zeit zu Füßen fiel. Die anderen umringten die beiden und stießen Rufe der Verwunderung aus. Vor meinen Augen gab der Sklave dem Euricius den Beutel; dieser nahm ihn und fing mit zum Himmel erhobenen Händen an zu beten, und neben ihm kniete ein zweiter, augenscheinlich sein Sohn. Chilon sprach noch etwas, was ich nicht verstehen konnte, und segnete die beiden Knieenden sowie die anderen, indem er in der Luft ein Zeichen in Form eines Kreuzes machte, welches diese Leute augenscheinlich verehren, denn alle beugten ihre Kniee. Es wandelte mich die Lust an, unter sie zu treten und demjenigen, der mir Lygia ausliefern würde, drei solcher Beutel zu versprechen, aber ich fürchtete, alles, was Chilon erreicht hatte, zu verderben, und ging, nachdem ich noch einige Zeit gewartet hatte, nach Hause.

Dies geschah wenigstens zwölf Tage nach deiner Abreise. Seitdem war Chilon oft bei mir. Er erzählte mir, daß er sich bei den Christen eines großen Ansehens erfreue. Er behauptet, daß, wenn er Lygia noch nicht gefunden habe, dies daher komme, daß es in Rom selbst eine zahllose Menge Christen gebe; daher kennen sich nicht alle untereinander und können auch nicht alles wissen, was sich unter ihnen zutrage. Auch seien sie vorsichtig und im allgemeinen wortkarg, doch glaubt er, es werde ihm gelingen, alle ihre Geheimnisse zu erfahren, wenn er erst mit den Ältesten, die Presbyter genannt werden, bekannt sei. Er kennt schon einige von ihnen und hat sie auszufragen gesucht, aber vorsichtig, um durch seinen Eifer keinen Verdacht zu erwecken und sich seine Aufgabe[178] zu erschweren. Und obgleich mir das Warten schwer fällt und ich nicht viel Geduld habe, so sehe ich doch ein, daß er recht hat, und warte.

Auch hat er erfahren, daß sie Versammlungsorte zum Beten haben, häufig vor den Toren der Stadt, in leerstehenden Häusern und selbst in Sandgruben. Dort beten sie zu Christus, singen und halten gemeinschaftliche Mahle ab. Solcher Orte gibt es viele. Chilon vermutet, Lygia besuche absichtlich andere als Pomponia, damit diese im Falle einer gerichtlichen Untersuchung getrost beschwören könne, sie wisse nichts über ihren Aufenthaltsort. Es ist möglich, daß die Presbyter ihr diese Vorsichtsmaßregel empfohlen haben. Kennt Chilon erst diese Orte, so will ich ihn hinbegleiten, und wenn die Götter mir die Gnade erweisen, daß ich Lygia erblicke, so schwöre ich dir bei Jupiter, daß sie dann meinen Händen nicht entrinnen soll.

Ich denke unablässig an diese Gebetsorte. Chilon will nicht, daß ich ihn begleite. Er fürchtet sich, aber ich kann nicht ruhig zu Hause bleiben. Ich würde sie sofort erkennen, selbst in Verkleidung oder hinter einem Schleier. Sie versammeln sich dort bei Nacht; aber ich werde sie auch des Nachts erkennen. Überall würde ich sie an ihrer Stimme und ihren Bewegungen erkennen. Ich will selber in Verkleidung hingehen und jedermann mustern, der ein und aus geht. Ich denke beständig an sie und werde sie daher erkennen. Chilon muß morgen kommen, und dann gehen wir hin. Ich werde Waffen bei mir tragen. Einige meiner Sklaven, die ich in die Provinz geschickt hatte, kehrten zurück, ohne etwas ausgerichtet zu haben. Aber jetzt bin ich sicher, daß sie hier in der Stadt ist, vielleicht gar nicht weit von mir. Ich sah mir selbst eine Menge Häuser unter dem Vorgeben, mieten zu wollen, an. Bei mir wird sie es hundertmal besser haben, denn dort wohnen ganze Scharen armer Leute. Außerdem wird mir für sie nichts zu teuer sein. Du schreibst, ich habe das gute Teil erwählt, ich habe jedoch Kummer und Sorge[179] gewählt. Zuerst wollen wir in die Häuser gehen, die innerhalb der Stadt liegen, dann vor die Tore. Die Hoffnung auf etwas oder alles erwacht jeden Morgen in mir, sonst wäre ein Weiterleben unmöglich. Du sagst, man müsse zu lieben wissen; nun, ich weiß, wie ich zu Lygia von Liebe zu sprechen habe, aber jetzt empfinde ich nur Sehnsucht, ich warte nur auf Chilon, und mein Haus ist mir unerträglich geworden. Lebewohl!«

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 1, S. 174-180.
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