4. Szene.

[4] Doktor Faust am Eingang. Vorige.


DOKTOR FAUST. Mit dem Betteljungen!

ALLE aufstehend. Willkommen, Doktor! Willkommen Herzensdoktor!

DOKTOR FAUST. Willkommen! – Setzt euch! Sie setzen sich. Mit dem Betteljungen, sag' ich euch. Denn – er ist mein Sohn![4]

ALLE. Dein Sohn?

DOKTOR FAUST. Der Mutter stahl ich einst ihre Unschuld. – Sie kam mir aus dem Gesicht. – Ich hab's versöhnt, so gut ich konnte. – Börse, Uhr, Degen, alles blieb dort.

BRENNER. Du wirst doch nicht?

DOKTOR FAUST. Was glotzt ihr, Werktagsgesichter? Ist euch das zu hoch? Trinkt!

ERSTER STUDENT. Es lebe der edle Doktor!

ZWEITER UND DRITTER STUDENT. Der großmütige Doktor!

DOKTOR FAUST. Schweigt! In eurem Munde mag ich das so gerne hören, als wenn Lenchen von Jungferschaft spricht. – Wo ist Feßler?

ERSTER STUDENT. Auf dem Karzer.

DOKTOR FAUST. Der arme Tropf! Dort wird ihm die Zeit lange werden. Denn er selbst ist ein verdammt schlechter Gesellschafter. Besuchen wir ihn morgen!

ZWEITER STUDENT. O das wirst du ohnehin!

DOKTOR FAUST. Wieso?

ERSTER STUDENT. Sahst du nicht an deiner Türe: Dominus Dominus citatur etc.

DOKTOR FAUST. Bei meiner Seele, nein: Nun und was will die gekrönte Magnifizenz?

ZWEITER STUDENT. Du bist verraten.

DOKTOR FAUST. Immerhin! Hätte der Kerl geschwiegen, so schwieg' ich auch. – Aber daß er noch prahlt, öffentlich prahlt mit der Tugend seiner Messaline, – das grollte mir, das mußte gegeißelt werden, und sollt' ich dafür in die Hölle!

ERSTER STUDENT. Bravo, Doktor!

DOKTOR FAUST. Also im Karzer! Immerhin! Ich bin's satt unter Eseln und Narren umherzuwandeln. Ich denke die Einsamkeit soll mir behagen.

ZWEITER STUDENT. Sorge nicht; wir besuchen dich; Dir soll keine Zeit lange werden.

DOKTOR FAUST. Mir? Wie du das nun verstehst! – Wenn ich erst anfange an meiner Tatze zu saugen, so schick'[5] ich euch alle zum Teufel. – Ich bin des hundischen Lebens müde. Hier zausen sich zwei Pedanten die Perücke, ob Cicero tum oder cum geschrieben hat – und das ist Gelehrsamkeit. – Dort klingeln ein paar Narren mir mit ihren Schellen die Ohren taub, und das ist Weisheit. Dort schwört mir eine Dirne ewige Zärtlichkeit, um sie morgen einem andern zu schwören. –

ERSTER STUDENT. Es lebe unser Doktor, der Philosoph Sie trinken. Er lebe!

DOKTOR FAUST sie heftend. Hier blinken meine Flaschen und man schwört mir ewige Freundschaft! Geleert, und mit ihrem Saft verrinnt sie!

ERSTER STUDENT. Es lebe unser Doktor, der Satirikus! Alle trinken. Er lebe!

DOKTOR FAUST. Pedanten und Parasiten, Huren und Beutelschneider; da habt ihr Titel vom Menschenkatalog. – Nichts als Schellen und Dolche! – Das halte der Teufel aus! – Trinkt! Es leben die Wände des Karzers!

ERSTER STUDENT. Du wirst noch satt über sie fluchen.

DOKTOR FAUST. Meinst du? Ich will euch beweisen, wieviel sie besser sind als ihr. – Sie schweigen, wenn ich's will. Und ihr? – Ich zeichne meine Ideen, meine Empfindungen auf sie, und willig nehmen sie sie auf. Und ihr? – Sie hören das Klaggeschrei meines Kummers und halten es treu und innig zurück. Und ihr? – Endlich verlassen sie mich nicht, bis ich sie verlasse. – Merkt ihr nun?

ERSTER STUDENT. Fein, wahrlich, sehr fein!

DOKTOR FAUST. Schweigt und sauft; dies ist eure einzige Kunst und Wissenschaft. Meint ihr, weil ich euch meine Flaschen leeren lasse, ich kenn' euch nicht? Täuscht euch nicht, Jungens! Lava muß bisweilen über kalte tote Steine fließen; die schmelzen nicht. Ihr seid alle Hallunken, glaubt mir's aufs Wort. – Dich nehm' ich aus, Brenner.

BRENNER. Viel Ehre.

DOKTOR FAUST. Denn wenn du gleich ein Bösewicht bist, so hast du doch Kraft dazu und Verstand des Lasters Kelch auszuschlürfen bis auf den Grund.[6]

ERSTER, ZWEITER, DRITTER STUDENT. Ha! ha! ha!

DOKTOR FAUST. Lacht, lacht, o ihr Genieköpfe! Blüte des Staats! Hoffnung des Vaterlandes! Sieh sie nur an, Brenner! Aus diesem Teig knetet man die Minister und Oberpriester und die Regenten des Volks. Das arme Volk! Man möchte wahnwitzig werden. – Sauft!

ERSTER STUDENT. Trinkt seine Leibgesundheit!

ZWEITER STUDENT. Holla, Faust! Es lebe das Volk und das Vaterland!

ERSTER, ZWEITER, DRITTER STUDENT. Es lebe das Volk und das Vaterland!

DOKTOR FAUST glühend. Vaterland! Vaterland! Hallunken entweiht doch diesen Namen nicht! O daß wir eins besäßen! – Meint ihr, umsonst und um nichts schwärme ich mit euch und schwelge? – Es ist eine Glut in mir, und da ich sie nicht zu löschen vermag, so muß ich sie verdämpfen. Ich fühl' in mir Durst nach edlen Taten, ich könnte tugendhaft sein und edel und groß – und möchte es; aber Gott, für wen? Für einen Haufen Narren, Esel und Schurken? Zeigt mir einen weisen, tugendhaften Mann, und ich will niederknien und ihm nachfolgen. Aber in dieser Marionettenwelt, wo sich's nicht einmal verlohnt den Draht zu ziehen. – Mich ekelt das an. Ich habe alles genossen und das alles ist ein erbärmlich Possenspiel, zu schal zum Weinen wie zum Lachen. Wißt ihr etwas, Brüder! Ich hab einen Plan, euch und mich groß und berühmt zu machen.

ALLE. O trefflich! Hoch lebe der Doktor!

DOKTOR FAUST. Und unsterblich obendrein!

ALLE. Doktor! Herzensdoktor!

DOKTOR FAUST. Ideal und Traum ist alles um uns her. Nur dieser Nektar ist Wirklichkeit. Laßt uns mit dem Glas in der Hand, Arm in Arm geschlungen hinwegschleichen aus dieser erbärmlichen Bude!

ALLE. Wie?

DOKTOR FAUST. Und gleich dem erhabenen Seneka unsre Seelen mit unserm Blute in ihre Heimat sanft hinüberschwemmen.[7]

ALLE. O du spaßhafter Doktor!

DOKTOR FAUST. Spaß? Bei meiner Treue, ich spaße nicht. – Was denkt ihr dazu, Freunde, süße, edle Gespielen?

ALLE. Ha! ha! ha!

DOKTOR FAUST zu Brenner. Lustig, bei allen Elementen, lustig! – Sieh doch an, wie ihre Augenwimpern steigen! Wie ihre Lippen zum Lächeln sich zerren! – Holla! ho! Die Flaschen sind leer! Hohes Projekt der Unsterblichkeit, nun bist du freilich verloren. Mit dem letzten Tropfen dieser Flaschen rauschen des Pantheons Tore zusammen. Gute Nacht, süße Lieblinge! Alle guten Geister behüten euch und euer weiches Fell und eure Gurgeln und eure Verdauungswerkzeuge! – Gute Nacht, Breimenschen! Seelen von Pappe! Meine Flaschen werden euch wieder winken. – Für jetzt hat der arme Doktor dazu weder Geld noch Kredit. Gute Nacht! Er führt sie höflich spaßhaft ab.


Quelle:
Soden, Julius von: Doktor Faust. Neustadt a.d. Aisch 1931, S. 4-8.
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