8. Szene.

[63] Der Fürst. Vorige.


FÜRST zu Doktor Faust. Willkommen an unserm Hoflager!

DOKTOR FAUST. Ich grüße Eure Fürstl. Gnaden.

HÖFLINGE halblaut. Der Bursche ist unverschämt!

FÜRST. Was bringst du uns Neues?

DOKTOR FAUST. Nichts Neues, Herr! Alte Klagen, alte Tränen, alte Schulden, alten Druck, altes Elend!

FÜRST. Man sagt, du seist ein Künstler und Gaukler.

DOKTOR FAUST. Ein Künstler bin ich, gnädiger Herr, das leugn' ich nicht. Ich verstehe die Kunst, Hofbuben selbst schamrot zu machen – und das will getan sein; aber mit der Gaukelei will's nicht vorwärts.

FÜRST. Wieso?

DOKTOR FAUST. Ja, Fürst, es gibt der Pfuscher zu viel im Handwerk. Sieh dort deinen Kanzler! Er gaukelt dir vor, deine Untertanen seien glücklich, indes sie in Tränen schwimmen. Dein Kammerdiener gaukelt dir vor, dein Land sei im Wohlstand, indes es zur Wüste wird. Deine Hofschranzen gaukeln dir vor, dein Land bete dich an, indes man dir und deiner Blindheit flucht.

FÜRST. Du bist keck, Fremdling! Zu den Höflingen. Was sagt ihr dazu?

HÖFLINGE. O, gnädiger Herr, es ist Spaß, eitler Spaß; ein Lustigmacher, wie Ihr seht.

DOKTOR FAUST. Spaß? O ho, Bursche! Ich will euch Spaß machen, daß ihr brüllen sollt für Freude wie die Waldtiere,[63] deren Herzen ihr im Busen tragt. Ja, ja, Fürst, ich bin ein Lustigmacher! Und ihr sollt an diesen Tigern, diesen Luchsen, diesen Schlangen, diesen Affen, diesen Horneißen eine fürstliche Lust sehen!

FÜRST. Genug! Man sagt von einem wunderbaren Spiegel.

DOKTOR FAUST. Wollt ihr ihn sehen? Er ist wunderbar, Fürst, und doch sehr natürlich, von Kunst zusammengesetzt und doch der Spiegel der Wahrheit.

FÜRST. Laßt sehen!

DOKTOR FAUST. Brav, Fürst! Ihr seid der erste eures Stands, der ihn zu sehen verlangt. Ihr seid wert hineinzuschauen.

So seht denn, Fürst! diese Haufen Elender, in Lumpen gehüllt, sie verlassen ihre Heimat, sie wandern aus, mit sehnsuchtsvoll gewandtem Blick auf ihre leeren Hütten, sie fliehen ein Land, das die Pest der Plusmacher vergiftet; sie suchen einen andern Winkel, wo der Mensch frei und ruhig atmen und die Frucht seiner Arbeit genießen kann. Eure neuen Steuern haben sie über die Grenze gejagt.

FÜRST. Kämmerer, was sagt Ihr dazu?

KÄMMERER. Fürst, der Kammerbeutel war leer; auch ist die Gabe klein. Der Geist der Unruhe ist in die Landleute gefahren. Vor Zeiten zahlten sie geduldig.

DOKTOR FAUST. Wirklich? Aber da Ihr das letzte Mark ihnen ausdrücktet, die Haut über die Ohren zogt? Doch still, mein Herz! – Seht, Fürst, diese Greise, wie sie ihre grauen Haare ausraufen, diese Witwen, umgeben von Kindern, die um Brot schreien. Ihr nahmt ihre Söhne, die Stützen ihres Alters, und verkauftet sie zur Schlachtbank.

FÜRST. Obrister, was sagt Ihr dazu?

OBRISTER. Herr, der Bundestraktat –

DOKTOR FAUST. Nur Satan besiegelt seine Traktaten mit Menschenblut. Stille, Fleischer! Seht, Fürst, diese armen Landleute, wie sie in der Nacht, in Sturm und Regen auf ihren Feldern umherirren, das Wild hier zu verscheuchen,[64] das dort ihre Saaten verwüstet, die Frucht ihres täglichen Schweißes! Wie sie die letzte von der Last des Tags erschöpfte Kraft anstrengen, ihr kleines, um Eures Schutzes willen tausendfach versteuertes Eigentum zu sichern – und siech und atemlos dem nahen Grabe zueilen –

FÜRST. Jägermeister, was ist das?

JÄGERMEISTER. Fürst, wovon sollen wir unsre Jagden unterhalten? Auch das Wild muß leben.

DOKTOR FAUST. Vom Blut des Menschen? Schweig, Tiger!

Seht, Fürst, diese Elenden im Kerker! O könntet Ihr auch hören, wie sie mit ihren Ketten rasseln, wie das Jammergeschrei ihrer mit Beulen bedeckten Körper zum Himmel steigt!

FÜRST. Kanzler?

KANZLER. Es sind Verbrecher.

DOKTOR FAUST. Verbrecher? Dieser schoß einen fürstlichen Hasen, der ihm sein Kraut fraß, und ließ ihn liegen. Jener wagt' es, Euch das Elend seiner Mitbürger vorzutragen; dafür faulen sie nun lebendig in grausenvoller Einsamkeit. Dieser –

FÜRST. Genug! Fremdling, du erschütterst mich. Wer bist du?

DOKTOR FAUST. Faust!

FÜRST. Der Schwarzkünstler?

DOKTOR FAUST. Schwarz ist meine Kunst, aber weiß und rein mein Herz. Ja, Fürst, ich bin Faust, und wenn Ihr wollt, Euer Freund. –

HÖFLINGE. Unerhörte Frechheit!

DOKTOR FAUST. Schweigt, Eulen der Nacht, denn die Sonne erscheint. Ich weiß es, Euer Glaube ist's, ein Fürst müsse keinen Freund um sich haben, nur Speichellecker, Schmeichler, Jaherren, Kuppler und Jagdhunde. Euch klagt das Volk an all des namenlosen Elends, all der Blutschinderei und Seelenverkauferei, Euer Odem ist's, der die Luft rund um den Fürsten vergiftet; ihr seid's, die dem Fürsten nach dem Fürstenhute greift und alles in Chaos zu stürzen denkt, unbekümmert um das Ende, wenn nur ihr mit heiler Haut[65] und fetten Bäuchen davonschleicht. Aber denkt ans Ende, denkt an mich und zittert!

HÖFLINGE lachen. Ha, ha, ha! Ein Hexenmeister! Ein Zigeuner!

ERSTER HÖFLING. Freund, wahrsage mir aus der Hand!

DOKTOR FAUST. Was bedarf's der Hand? Ich wahrsage dir aus diesen tief liegenden, stets zur Erde gehefteten Augen, daß du ein ausgemachter Schurke bist und dem Galgen nicht entlaufen wirst.

FÜRST. Faust, vergeßt Euch nicht!

DOKTOR FAUST. Nein! Aber laßt sie schweigen, oder ich werd' ihre Lippen schließen, bis sie zum Richtplatz gehen.

FÜRST. Und das alles, was du mir sagst, wäre wahr? Ich glaubte meine Untertanen glücklich.

DOKTOR FAUST. Willst du das Jammergeschrei, die Flüche, die Verwünschungen hören? Sprich, und kraft meiner Macht –

FÜRST. Nein, nein! Ich kenne dich und zweifle nicht. Aber was tun wir, daß das anders werde?

DOKTOR FAUST. Du bist gut, aber schwach. Sei gut, aber stark! Vors erste jage all diese Hofschranzen zum Teufel, die dir einbilden, du seist ein Gott, um dich mit ihrem Weihrauch im Schlummer zu erhalten. Schicke ihnen nach all die Plusmacher, die Blutigel, diese Schmeißfliegen, die dir einbilden, der Staat, der seist du, das Land nur da, um für dich gleich einem Schwamme ausgedrückt zu werden: alle deine Untertanen Sklaven, nur da, um ihre mühselige Existenz für deine Bedürfnisse ans Grab zu schleppen. –

FÜRST. Aber der Glanz meines Hofs –

DOKTOR FAUST. Was Glanz? Das Schellengeläute dieser Wichte nennst du Glanz? Schaff' deinen Bürgern fröhliche Gesichter, und ihr Blick wird gleich einer Glorie dich umstrahlen! Hinweg mit deinen Trabanten! Der Wohlstand des Bürgers ist die Sicherheit des Landes und seine Liebe die Wache des Fürsten. Schütze Eigentum, dafür bist du da; gib den Gesetzen ihre Kraft, den Landständen die Obhut der Gesetze, ihre Rechte, ihre freie Stimme wieder![66]

HÖFLINGE. In Verhaft mit dem Aufrührer, dem Hochverräter!

DOKTOR FAUST. Buben, das seid ihr! Ihr stehlt dem Fürsten die Herzen seiner Mitbürger, um euch in die Lappen seiner Macht zu teilen. Ihr seid die Hebammen des Elends und Elend gebiert Aufruhr und Empörung.

HÖFLINGE. Greift ihn! Die Wache naht sich ihm.

DOKTOR FAUST macht ein Zeichen; alles bleibt unbeweglich. Erbärmliche Wichte! Fürst, und da siehst du gelassen zu? Wohl! ich habe dir nichts mehr zu sagen. Ich ehre deinen Stand, aber ihr werdet wenigstens, wozu ihr allein taugt – Pagoden! Der ganze Hofstaat nickt. Nickt nur, nickt! Satan wird euch einst die Köpfe schon zurechtsetzen! Fürst, gehab dich wohl! Du wirst an mich denken, wenn's zu spät ist.


Quelle:
Soden, Julius von: Doktor Faust. Neustadt a.d. Aisch 1931, S. 63-67.
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