8. Vom jungen Grafen, der sein Glück suchen ging.

[121] Mündlich aus Halle.


Ein Graf war krank, und alle Ärzte der Welt konnten ihm nicht helfen. Und weil er ohnehin nicht reich war, kam er durch die Krankheit immer mehr in Armuth, und sein junger Sohn kannte die vollen Humpen nur aus den alten Büchern; denn seines Vaters Keller waren längst leer. Da sprach einst die Gräfin »Lieber Sohn, ich freue mich, wenn ich dich sehe; doch du verlebst deine Jugend hier nicht wie du solltest. Ich und dein Vater, als wir jung waren, lachten, spielten und tanzten wir den ganzen Tag; doch du siehst in unsrer Einsamkeit nur Jammer und Noth. Willst du meinem Rathe folgen, so ziehe hinaus in die Welt und suche dein Glück. Wer weiß was dir bestimmt ist. Die Welt ist groß, und es hat schon Mancher in ihr Etwas gefunden, wovon ihm an der Wiege nichts gesungen war.« Und weil dem jungen Grafen der Rath gut schien, verkauften seine Eltern ein Stück Land und gaben ihm hundert Thaler: damit machte er sich auf den Weg und zog in die Welt sein Glück zu suchen. Er wanderte aber immer weiter und weiter, wohl über tausend Meilen, und sein Geld ging zu Ende, doch sein Glück hatte er noch nicht gefunden. Da kam er in eine große Stadt und hatte nur noch einen Heller: dafür kaufte er sich ein Stück trocknes Brot, und da es grade Sonntag[122] war und die Glocken läuteten, ging er in die Kirche und betete recht inbrünstig zu Gott, daß er ihm helfen möge.

Hinter ihm stand ein alter Arzt, der hörte sein Gebet und sah wie abgezehrt sein Gesicht war; und als sie aus der Kirche gingen, trat er zu ihm und fragte wer er sei und wohin er ziehe. Der Graf antwortete, er sei armer Leute Kind und ausgezogen sein Glück zu suchen; doch er finde es nicht. Da nahm ihn der Alte, der ein liebreicher Mann war und keine Kinder hatte, mit in sein Haus und hielt ihn wie seinen Sohn. Mit guten Speisen und Arzeneien brachte er ihn bald so weit, daß ihm Niemand die Noth, die er auf der Reise erlitten hatte, mehr ansah; und nun unterrichtete er ihn in den ärztlichen Künsten, und der junge Graf zeigte so großes Geschick dazu, daß er bald berühmter als sein Lehrmeister war, und der Tod in dem Lande alle Kundschaft verlor. Jedermann schickte nach dem jungen Doctor; und so kam er einst auch in ein benachbartes Königreich zu einem Grafen, aus dessen Fenstern er eine Burg sah, die ganz in Nebel gehüllt war. Als er fragte wem die Burg gehöre, erzählte man ihm, es sei dies ein verzaubertes Schloß, und vor vielen hundert Jahren habe eine Prinzessin darin gewohnt, der das ganze Land unterthänig war; sie sei jung und über Alles schön gewesen, doch sei sie mit ihren Rittern und Knappen und mit allem Hofgesinde verwünscht worden und gehe nur noch in der Nacht von elf bis zwölf in der Burg umher.[123] »Wer die Prinzessin erlöst« sagten die Leute, »den nimmt sie zum Gemahl und macht ihn zum Könige des Landes; doch er muß zuvor drei Proben bestehen, und die sind so schwer, daß Jeder, der sich noch daran gewagt hat, schon bei der ersten gestorben ist.«

Wie der junge Graf das hörte, dachte er »Zeitlebens Salben streichen und Latwergen eingeben ist ein hartes Brot. Wer weiß ob mir nicht ein größer Glück beschert ist als ich schon gefunden habe: und wenn ich sterbe, was ists? sterben muß ich doch einmal; darum kann ich mein Leben wohl für ein Königreich aufs Spiel setzen.« Und als es Abend wurde, ging er den Berg hinan auf das Schloß und klopfte an das Thor. Ein alter Kastellan, der auch mit verwünscht war, machte ihm auf und fragte was er wolle. Der Graf sprach »Die verwünschte Prinzessin will ich erlösen.« Da fing ihn der Kastellan freundlich zu warnen an und sagte »Ihr seid ein so schmuckes junges Blut; o kehrt um und erspart euern Eltern den Gram, daß ihr früher stürbet als sie. Ihr könnt die Proben nicht bestehen. Da ist schon Mancher hergekommen, der wohl dreimal so alt und so stark war wie ihr; doch Keiner ist wieder weggegangen.« Und er führte ihn in eine Kammer; in der standen viele offne Särge, in denen junge und alte Männer lagen, und ein Sarg war leer. »Seht« sprach der Alte, »dieser Sarg ist für den bestimmt, welcher das nächste Mal die Proben bestehen will und nicht kann. Hier herein kommt ihr, wenn ihr nicht umkehrt.« Der Graf aber blieb fest,[124] er wollte es wagen. Da führte ihn der Kastellan eine breite marmorne Treppe hinauf in ein Zimmer das war prachtvoll erleuchtet und glänzte über und über von Gold und Edelstein. Und vier Diener brachten herrliche Speisen und den schönsten Wein, und der Graf setzte sich an den Tisch, aß und trank und meinte nie ein so gutes Mahl gehalten zu haben.

Kaum war er fertig, so schlug es elf, und herein trat eine ganz verschleierte Jungfrau. Sie grüßte ihn freundlich, doch mit wehmüthigem Tone, und sagte »Du bist gekommen mich zu erlösen, so sei denn stark: du kannst es, doch darfst du kein Wort sprechen und dich mit keinem Schlage wehren, was dir auch geschieht. Nur drei Wochen noch kann ich erlöst werden; wenn unterdeß mein Erretter nicht kommt, so muß ich wieder hundert Jahre durch das Schloß wandern, ohne daß mir Jemand helfen könnte, wenn er die Proben auch bestünde.« Damit ging sie hinaus, und aus den vier Ecken des Zimmers traten vier ungeschlachte, breitschultrige Männer; die packten ihn, drückten ihn zu einem Knäul zusammen und warfen ihn einander zu, spielten Fangeball mit ihm. Und oft, wenn sie es beim Fangen versahen, stürzte er zu Boden; doch sie hoben ihn lachend wieder auf und spielten weiter. Das trieben sie bis es zwölf schlug: da waren sie plötzlich verschwunden. Der junge Graf aber lag halbtodt am Boden und konnte kein Glied regen. Da hörte er Etwas auf der Treppe poltern und als die Thür aufging, war es der Kastellan mit[125] den vier Dienern, welche den leeren Sarg getragen brachten. Als sie nun sahen daß der Graf die Augen aufschlug, ließen sie vor Verwunderung den Sarg fallen, und der Kastellan stürzte auf ihn zu und rief »O lieber Herr, mit euch ist Gott, daß ihr noch lebt. Wenn Einer uns erlösen kann, so seid ihr es; denn ihr habt ausgehalten was noch Keiner ausgehalten hat. Alle, die noch bis um zwölf im Schlosse waren, haben wir um eins in den Sarg gelegt; doch ihr habt schon die erste Probe bestanden: jetzt nur noch zwei, so sind wir alle gerettet.« Und die Diener sangen und sprangen im Zimmer herum, und sie flogen die Treppe hinab, holten einen köstlichen Balsam und gaben dem Grafen einen Schluck davon. Da fiel er in einen tiefen Schlaf und lag bis zum folgenden Mittag wie todt: dann wachte er auf und war ganz gesund, und es schien ihm als sei er stärker als zuvor.

Als es in der zweiten Nacht elf schlug, kam wieder die verwünschte Prinzessin, und diesmal ging ihr der Schleier nur noch bis unter die Augen. Dem Grafen zitterte das Herz, als er ihr lockiges, goldgelbes Haar und die klaren, lieblichen Augen sah; und wie sie sprach, war ihre Stimme schon nicht mehr so traurig wie den Tag vorher. Sie dankte ihm daß er die erste Probe so muthig bestanden hatte und sagte »Du wirst heut noch mehr erleiden müssen als gestern, doch fürchte dich nicht: sie haben nur in der einen Stunde Gewalt über dich; und wenn du die dritte Probe bestanden hast, mache ich dich zu einem[126] reichen, reichen Könige.« Und kaum war sie hinausgegangen, so stürzte ein Löwe herein und auf den Grafen zu, als wollte er ihn zerreißen: doch da der Graf still sitzen blieb und sich nicht wehrte, ging er langsam und knurrend wieder zur Thür hinaus. Nun kamen acht Männer und hieben mit Knütteln auf den Grafen ein, daß ihm, knick knack! ein Glied nach dem andern zerbrach, Arme und Beine, Brust und Kopf: dann ballten sie ihn zusammen und warfen ihn in die Höhe, und wenn er herunter kam, schnellten sie ihn immer wieder hinauf und trieben dies bis zum Schlage zwölf, mit dem sie verschwanden. Nun eilte der alte Kastellan wiederum mit seinen Dienern herbei, und sie gaben dem Grafen zwei Schluck von dem Balsam; und wieder versank er in den heilenden Zauberschlaf und war, als er aufwachte, gesund und stark.

Als in der dritten Nacht die Prinzessin kam, war sie schon bis zum Kinn entschleiert, und ihr Gesicht war so wunderschön, daß der Graf auf sie zuging und sie küssen wollte. Doch sie winkte ihm, daß er sie nicht anrühren solle, und sprach (und ihre Stimme klang weit fröhlicher als früher) »Noch mußt du die dritte und schwerste Probe bestehen: doch sei unbesorgt; und wenn sie dich auch in Stücke hauen, sobald es zwölf schlägt, bin ich frei und habe Macht dich aus dem Tode zu erwecken, und dann wollen wir, bis wir sterben, fröhlich bei einander bleiben.« Sie ging hinaus, und es kamen zwölf Männer mit Messern[127] und Beilen und hieben ihm ein Glied nach dem andern ab; doch er sprach kein Wort und wimmerte nicht einmal. Und als sie ihn ganz in kleine Stücke gehauen hatten, warfen sie dieselben in ein Faß und verschlossen es fest. Da schlug es zwölf. Die Prinzessin eilte in das Zimmer, machte das Faß auf, und der Graf sprang gesund und unversehrt heraus und war weit schöner als je zuvor. Vor ihm aber stand die Prinzessin in königlichen Gewändern, und sie war so wunderhold wie keine Frau vor ihr und nach ihr; und sie fiel ihm um den Hals und sagte, nun sei sie erlöst und sei seine liebe Braut, lachte und weinte und gab ihm einen herzlichen Kuß. Als nun auch er sie zu küssen anfing, da hörte man Sporen und Schwerter die Treppe herauf klirren, und herein traten wohl hundert stattliche Ritter, die silberne Panzer und goldene Helme trugen; und sie ließen sich vor dem jungen Grafen nieder auf die Knie, begrüßten ihn als ihren Herrn und als König des Landes und erzählten, sie alle seien verwünscht gewesen und nun durch ihn erlöst. Und wie sie noch sprachen, traten eben so viele schöne Frauen herein; die ginge alle in Samt und Seide und knieten vor dem Grafen nieder wie die Ritter: und dann kamen die Kammerjunker und Kammerjungfern, die Köche und Kellner, Jäger und Kutscher, und alle dankten dem Grafen für ihre Erlösung.

Unterdeß war es Morgen geworden, und die Prinzessin führte ihren jungen Gemahl ans Fenster,[128] wies mit der Hand hinaus und sprach »Sieh, dies Alles ist dein.« Als er hinausblickte, war der Nebel, der früher das Schloß umgab, verschwunden, und vor ihm lagen reife Ährenfelder, grüne Wälder und dazwischen Hügel, Dörfer und Städte. Und wie er so mit der Prinzessin am Fenster stand, da neigten sich die weiten Ährenfelder vor ihnen, und dann begannen die Wälder sich wie grüßend zu bücken, und zuletzt verneigten sich auch die Hügel und Berge.

Nun lebten sie ein ganzes Jahr in großem Glück. Da fiel dem jungen Könige sein kranker Vater ein und seine liebe Mutter, und er bat seine Gemahlin um Urlaub, er wolle seine alten Eltern besuchen. Sie steckte ihm einen Ring an den Finger und hieß ihn den auf der Reise immer ansehen, damit er sie nicht vergäße, und sagte ihm auch, er solle immer grad aus reiten und in keinen Weg, der rechts oder links abginge, einlenken, so werde er sicher zu seinen Eltern kommen; der Ring aber werde bei Nacht leuchten, daß er den Weg immer sehen könne. Und sie gab ihm und seinen beiden Knappen Rosse, die nie müde wurden, und mit denen sie Tag und Nacht ritten.

Als sie nun hundert Meilen geritten waren, führte ein Weg rechts in ein schattiges Gehölz; auf dem graden Wege aber schien die Sonne sehr heiß. Der Knappe zur Rechten sprach darum »Laßt uns den Schatten mitnehmen: wir kommen doch wieder auf den rechten Weg und erfrischen uns ein wenig.« Der König aber wollte den graden Weg nicht verlassen.[129] Da sprach der Knappe »So will ich allein durch das Holz reiten und am Ende auf euch warten: ich komme doch rascher hin als ihr.« Kaum aber war der Knappe eine Weile fort, so hörte ihn der König um Hilfe rufen, und als er nach der Gegend hinritt, sah er daß der Knappe unter Räuber gefallen war, die ihn todt schlugen und mit seinen Kleidern und seinem Rosse davon ritten. Da erkannte der König wie gut sein Weib ihm gerathen hatte. Und als er mit dem andern Knappen wieder hundert Meilen geritten war, ging der gerade Weg über einen Berg; links aber zog sich ein liebliches Thal um die Höhe. Und der Knappe zur Linken sprach »Wir wollen durch den Grund reiten, so werden wir nicht so müde und kommen doch noch früher wieder auf den rechten Weg.« Der König aber wollte nicht. Da sagte der Knappe »So will ich allein reiten und auf der andern Seite des Berges auf euch warten.« Doch kaum war er eine Strecke geritten, so hörte ihn der König schreien und wimmern, und als er nachritt, fand er daß der Knappe in eine Löwengrube gefallen war und von den Löwen zerrissen wurde. Nun ritt der junge König Tag und Nacht allein weiter auf dem graden Wege und kam glücklich zu seinen Eltern. Die wunderten sich als sie den stattlichen Ritter in ihr Schloß reiten sahen. Er aber sagte ihnen daß er ihr Sohn und nun ein mächtiger König sei, und dem Vater, der immer noch krank war, gab er eins von seinen guten Pulvern[130] und machte ihn gesund damit. Und er führte seine Eltern heim zu seinem jungen Weibe, und dort lebten sie alle vier herrlich und in Freuden.

Quelle:
Emil Sommer: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen 1. Halle 1846, S. 121-131.
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