Viertes Bild


[260] Bei Wittenberg. Der Bruder Johannes und der Bruder Thaddäus sitzen einer grünen Anhöhe zu Füßen auf sternernem Sitz. Goldner Abend. Es ist vor dem Elstertor.


DER BRUDER JOHANNES.

Martinus häufte schon Irrung um Irrung

Aufs Haupt sich, heute aber – weh der Stunde! –

Vertut er ganz sein Heil. Und dieses alles,

Weil sein Ich nicht geneigt ist, lebestark

Lebendig-inniges Heil zu wirken mit[260]

Dem Christus durch den Christus in dem Christus.

Jammer und Not.

DER BRUDER THADDÄUS.

Gar schrecklich seine Pein!

O Irre um und um!

BRUDER JOHANNES.

Du weißt doch, Bruder,

Woran es mangelt?

BRUDER THADDÄUS.

Ich weiß es nur zu gut!

BRUDER JOHANNES.

Held oder Lasser ist der Mensch geboren.

Der Held heilt auch im Bauer all sein Gutes

Reiflich im Einen aus, der Christus heißt.

Es reißt der Pflug den Boden, Held will Heil.

Die Tat ist gleich, den Willen, den sieht Gott an.

Es fährt der Held den Mist auf einem Karren

Zu seinem Heil, weil Held die Dinge ihrer

Fäulnis beraubt, entkernt; denn Held will Heil.

Ist Held Heil, Unheil hängt dem Lassen an. –

So teil ich es; und nun sieh an den Luther!

Der Held will seinen Heiland so umfangen

Ins innerste Gebein,

Daß Held nicht lose läßt von Kreuz und Blut.

Er ficht um Ihn, er dringt mit Hieb voran

Wider den Feind. So wie ein Ritter zahllos

Die Griffe lernen muß um Schwert und Knauf,

Womit die silbern lichte Waffe siegt,

So muß der Mönch und der geistlich gebaut ist

Mit Griff und Stich und Hieb den Feind besiegen,

Mit Griff und Stich steigt er zu Christus auf,

Mit Griff und Stich und Hieb gerecht vor Gott,

Gefochten und gestochen in dem Christus,

Der uns gerecht erlöst.

BRUDER THADDÄUS.

Der Luther aber –

BRUDER JOHANNES.

Luther, mein Bruder, ließ die Inbrunst aus,

Die Inbrunst, die uns geistlich Ritter sein läßt,[261]

Luther die Inbrunst, die den Schild des Heils

Samt Schwert des Glaubens siegreich tätig führt.

Dies nennt er nun die eitlen, blinden Werke.

Tor, ohne Hände-Regen nicht zu Gott!

Und weißt du, wie er's tut?

BRÜDER THADDÄUS.

Er nimmt den Herrn

Wie räuberisch – und ohne Übertragung

Durch gliedlebendiges Mühn.

BRUDER JOHANNES.

Denn gliedlebendig

Schuf uns der Höchste, Heil in Ihm zu wirken.

Luther, ein Lasser, ließ die Inbrunst aus,

Die unsre Glieder zieht, sie einverleibend

Mystischerweise in die Gliedschaft Christi

Zum Leib des Herrn. Wir aber sind Sein eigen

Durch wirkend Spruch, durch wirkend Tat, durch Wirken

Gebrochnes Knie, reumütig rauher Leib,

Buße und Abtötung, durch Untergang

Das Kleinen in uns werden wir der Allmacht

Höchst zulebendige Tat. So sind wir sicher

Ganz licht im Herrn und stehen wie die Ritter

In Rüstung ganz, und niemand darf uns fällen.

BRUDER THADDÄUS.

Wir sind des Herrn. Zwar lehrt Martinus Luther, –

– Ein Bruder einst, jetzt Wolf in dichter Herde –

Die Zutat unsres Willens sei ein Nichts

Vorm Herrn. Wir alle seien nichtig, ohne

Den Willen frei, wir seien wie die Rosse:

Gott oder Teufel reitet – wir sind nichts.

BRUDER JOHANNES.

Ja, wie ein Roß rennt dieses Luthers Lehre

Ins Ungestüm der Tat; – hier kommt er selbst.

Der Ritter Michael bändigt einst dieses Roß,

Das anstürzt – wie ein Stier mehr – mit Gebrüll;

Ritter, nicht Roß schuf Gott den freien Sohn.

(Wir wollen hinter dem Geäst der Buche

Zuwarten grausem Zufall. Komm!)


Sie treten hinter eine Buche, ganz rechts, zublickend. Der Haufe der Menge erstürmt den grünen Hügel, sie tragen[262] Äste, die sie auf dem Hange zerbrechen und zu einem Holzstoß türmen. Schon züngeln Flammen, als das Volk vor einem Schwarzgekleideten auseinanderschlägt, der nun vor das Brennende tritt, eine Pergamentenrolle in seiner Rechten.


LUTHER.

Die Bücher her; – sie sollen vorerst brennen!


Der Haufe reicht Bücher.


Es spreizt das mörderische Ungestüm

Der Werke sich durch die Jahrtausende

Schon längst zum Überdruß der rechten Christen.


Der Bruder Johannes sinkt rechts am Stamme im Gebet nieder.


Hier, Gratian, sollst brennen, weil du kecklich

Das fleischgewordne Wort

Mit falscher Rede Hufen niedertrittst

In Staub und Mist und Kot! Desgleichen du,

Clavasio, Eck auch Emser, wie sie alle

Sich nennen, reichet her, nur her damit!


Die Bücher fliegen ins Feuer.


Du lohe lustig, meine Flamme, zu!

Des Luthers Lehr schmilzt alles ein in Glut,

Was, glutentstammt, höllischen Irrtum schmiedet.


Der Bruder Johannes glüht im Gebete.


Die falsche Zeit sei hiemit überwunden,

Wo man papieren unsern Heiland ehrt;

Denn Pappgeschnitzel gleicht der Werke Treiben.


Sie streuen von allen Seiten Bücher ins Feuer.


RUFE.

Hei! Luther!

LUTHER wirft die Bücher.

Hier, lustig näher eurem Feuer, Bände!

Und aus dem Brande steige hell der Genius

Vergnügter Lehre eilends gegen Rom!

In seiner Rechten schimmere der Morgen,

In seiner Linken sei zornige Wage,

Mit der er wägt des Papsttums bunte Reihe

Von Unfug; donnernd stürze in die Tiefe

Die Schale deiner Unzucht, Antichrist!


Der Bruder Johannes betet auf dem Antlitze liegend.[263]


RUFE.

Hei! Nieder!


Die Bücher stürmen flatternd.


LUTHER indem er die Pergamentrolle der Bulle in seiner Rechten hoch aufschwingt.

Nun aber hier! Des Papsttums freche Miene,

Wütend Gesicht und kreidweiß stierer Bannblick!

Wenn meiner Schriften eine Silbe fehl ist,

Wenn nicht das lauter Evangelium

Reinlich verkündet ich vom Herrn besitze,

Die Schrift kraft ihrer hohen Offenbarung,

So will verdammt ich sein in tiefste Hölle!

Weil aber dieses alles lauter ist,

Was ich verkündet, weil dies alles wahrsagt

Von Christi Güte und der Sühnetat

Für uns, weil dieses alles rein gemäß ist

Der heil'gen Zeugenreihe der Apostel,

Weil wir aus Glauben denn allein gerecht sind,

Du aber lehrst der Werke Prangetun,

Greift Er dich heut in diesem Feuer an,

Als Signum, daß ein Feuer deiner wartet.


Er wirft die Bulle in die Flammen.


DER BRUDER JOHANNES während das Volk noch schreit erhebt sich, prüft Strick und Rosenkranz und schreitet gefaßt und ruhig voran, bis er am Hang unten Luther gegenüber steht. Der Mönch hebt die Hand, ruft.

Martinus Luther, Doktor der Verdammten!


Todesstille.


DER MÖNCH.

Martinus Luther, im Namen des Herrn!


Er schlägt das Kreuz gegen ihn.


LUTHER einigermaßen unsicher.

So harte Worte sollen nicht betäuben,

Was ich ersann und lehre, Augustiner!

DAS VOLK im Gemurmel.

Der Mönch! Ein Augustiner! Luther kennt ihn!

DER MÖNCH.

Ich stehe hier, dich anzuklagen, Luther!

Es gab die Zeit, wo du in deiner Zelle[264]

Bußübung treibend, mönchische Inbrunst wachriefst,

Zu trösten deine friedelosen Nächte.

Mönchische Inbrunst, Luther, stand dir bei

In meinen armen Worten, doch viel Weisheit,

Weil sie der Väter Worte, doch voll Inbrunst,

Weil sie des Heiles Inbrunst wach dir riefen

Ins innerste Gebein. Doch da war Ehrgeiz,

Mönchischer Tugend ehrgeizig beflissen,

Da war nicht jenes milde Feuer innen,

Das fließt, wie Licht und das Gebein verherrlicht

Und einst am Jüngsten Tag Gebein bekleidet.

Nun stand der auf in dir, der unsre Knochen

Wie Brand frißt, aushöhlt wie ein feuriger Heizer,

Der schürt und schürt und ewiglich nicht abläßt.

Nun stand der auf in dir, und bis zur Zunge

Fuhr er dir auf, die Worte mit zu heizen,

Der Glut und Kohlen bläst ins allzeit Hohe.

Nun bist du selber Glut und Kohlen blasend

Vor mir, und wie ein Element das gleiche

Als anverwandtes Angebinde sucht,

Suchst du die Flamme, selber schon in Flammen,

Suchst du Vernichtung, selber schon zunicht.

LUTHER.

Mönch, Feuer spützend wie der Teufel selbst,

Mit Worten kriegend, wo sind deine Werke?

In Geist und Kraft, bezeige deinen Scharfsinn!

DER MÖNCH.

Mein Wort ist Werk und Kraft und Wucht und Richter,

Bestätigt durch die Kirche, die Bestät'gung

Durch Christus hat in vielen Wunderwerken

Der Kinder, die der Mutter Lehre folgten.

Wer aber immer wider diese Kirche

Den Arm aufhebt, der weise seine Wunder,

Mit denen Gott bekräftigt, nie bekräftigt

Er Kirchenfeinde durch gewirktes Heil!

LUTHER.

Mein Heil und Wunderzeichen ist dies Volk,

Das dicht gedrängt den Rücken deckt. So viele

In solcher kurzen Zeit zeugt für die Sache[265]

Der reinen Wahrheit, »Christi Abbild«, so

Schreibt der Apostel im Galaterbrief –

DER MÖNCH.

Verdrehe Epheser und auch Kolosser: –

Worte wie Spreu schwätzt der betörte Redner,

Dein Volk ist nur wie Häcksel flatterhaft –

RUFE.

Höhnt uns die Kutte! Mault der Freche! Heißa!

LUTHER.

Unflätig Mönchsbild, Satans Abgesandter!

RUFE.

Werft Steine!

LUTHER.

Haltet!


Sie beginnen ihn zu steinigen. Der Bruder Thaddäus tritt näher.


LUTHER.

O Gericht des Herrn!

DER MÖNCH indem er unbewegt aufgerichtet steht.

O Luther, netzt dein Werk in Blut die Hände,

Mein Blut schenk ich der Kirche Gottes hin:

Im Tod verzeih mir, der aus Tod mich löste,

Im Sterben küß mich, der mein Sterben starb!


Er sinkt hin.


DER BRUDER THADDÄUS an der Leiche kniend.

Laß mich die Wunden küssen, heil'ger Martyr,

Die du um Gott empfingst: Gott siehst du nun.


Bleibt kniend.


LUTHER.

Ungern wird mir der Fall an meine Fahne

Geheftet; Rotten werden wir fortan gescholten.

Das Evangelium will Lieb und Vorsicht.

Bewahrt den stürmischen Sinn! Es gibt auch Messer

Die stechen ohne Stich; doch liegt nun dieser

Hier tot. Weh! weh der grausen Tat! Ich wollte,

Den Odem blies ich diesem ein, er schadet

Doch unsrer Sache mehr, als daß er nützt. –

– Kommt, härmen wir uns nimmer! Gott hilft fort.


Geht.


Quelle:
Reinhard Johannes Sorge: Werke in drei Bänden. Nürnberg 1964, S. 260-266.
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