Sechstes Bild


[277] Zeigt das Portal der Wittenberger Schloßkirche. Freier Platz vor Stufen. Viel Volk auf den Stufen in Gruppen lagernd, auf dem Platze dicht gedrängt in Masse. Ihre Tracht ist nicht die Tracht des sechzehnten Jahrhunderts, sondern bunt geflickte, zerstückte und durchsetzte Mäntel und Langgewänder, Lumpen mehr als Kleid. Die auf dem Platz Stehenden bilden gleichsam zwei Chöre, der eine rechts, links der andere. Der Mittelraum läßt den Blick offen. Gewirr der Stimmen, schwatzend und lachend, in grellster Mittagssonne, roh und laut.

Nun hinkt aus der Reihe rechts ein Krüppel in die Mitte vor, hält, steht, pfeift gellend auf den Fingern. Es wird still.[277]


KRÜPPEL mit seiner Krücke zum Kirchenportal weisend.

Dort geht es vor. Oh, ungeheuerlich!

Ein Held, ein Schuft, ein Räuber, ein Halunke –?

Wer ist der Luther? Nein, zum Teufel, sag ich!

Ein Engel Gottes selbst. Bei meinen Krücken!

Drum geht er hin, und nicht die Ziegel auf

Den Dächern können sagen: Luther halt!

So ist der Luther. – Er hat's gut befunden,

Und also ist es gut. – Den Heiland selber!


Er hinkt einen Schritt vorwärts.


»Mein Herr und Heiland«, so spricht dieser Luther,

»Man hebt Dich in den Kirchen auf, in Häusern,

Man sperrt Dich ein in einen finstren Stall

Und nennt dies Tabernakel – Ih, wo steht dies!?

Vielmehr besagt die Schrift so klar und sichtlich,

Daß selbst ein Narr es greift, besagt die Schrift: –

So sagt sie: ›Himmel ist mein Haus und Erde,

Ich wohne nicht in Häusern, die mit Händen

Gemacht sind.‹ – Da dies also klar erhellt,

Wie kann man da seit tausend Jahren und

Noch länger! nein! seit fünfzehnhundert Jahren

Ihn sperren in das Dunkle? Wie? Wo steht dies?«

Drum jetzt der Luther aus dem Tabernakel

Mit Macht und Kraft und großem Arm Ihn holt –

Hei lustig!


Er fällt hin.


RECHTER CHOR VOLK.

Er fällt!

LINKER CHOR VOLK blickende Bewegung.

Er beißt die Erde!

KRÜPPEL.

Ai! Ai! Ai!

EIN RUF RECHTS.

Er hat den Krampf!

STIMMEN LINKS.

Ein Gottesurteil!

RUFE RECHTS.

Betet!


Viele sinken nieder, weniger bleiben aufrecht.[278]


DIE STIMME MARTIN LUTHERS innen aus dem Dom.

Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott!


Der Ruf kommt näher.


VON DEN STEHENDEN RECHTS.

Luther!

VON DEN STEHENDEN LINKS.

Er kommt – st –

WEIB links in Nonnentracht voreilend bis zu den Stufen.

Will ihn sehn ganz nah –

LUTHERS STIMME innen.

Hei!


Das Portal rasselt auf; der Mönch Luther läuft hindurch, vor bis zu den Stufen, wo er jäh einhält. Unweit vor ihm zuckt der Krüppel. Luther ist angetan mit langwallendem, schwefelgelben Gewand und bedeckt mit schwefelgelber Kappe. Er steht keuchenden Atems.


LUTHER.

O Graus, die Hand zuckt noch von Pest und Frevel;

Und dennoch ist es wahr. Und dennoch gut.

Jahrtausend Jahre willst du überrennen

In zügellosem Mut? Und dennoch renn ich.

Schweigt still!

DER KRÜPPEL ruft.

O Luther, was hast du getan!


Erschrecktes Volk.


EIN RUF LINKS.

Das Gottesurteil!

EINE DRINGENDE STIMME.

Zeugte dieser nicht?

Ihr hörtet alle, was er sprach.

RUF RECHTS.

Er rast.

LUTHER.

Was kläffst du, Köter, beißt und geiferst? He?

KRÜPPEL.

Ich sagte nicht die Wahrheit! Luther lügt!

LUTHER.

Unsinniger Patron! Den Fußtritt! Da!


Er tritt nieder und stößt ihn.[279]


KRÜPPEL.

Ich schwör auf Gott! O weh! Er nimmt mich hin!


Er stirbt.


LUTHER.

Unselig bist du, fahr zur Hölle, pack dich!


Zum Volk.


Und hier seht ihr ja sichtbar Gottes Finger!

Was murrt ihr noch? Ist's nicht dem Pofel wohl?

Ich kam und jener schied, ich aber bleibe,

Mit meiner Tat ist Gott!

DAS WEIB IN NONNENTRACHT.

Heil, Luther, heil!

Und Heil der Brust, die dich gesäugt hat, Luther!


Vereinzelte Zurufe.


LUTHER.

Mit meiner Tat ist Gott. Wer steht dawider?

Ich ging hinein, da war das Tor. Das Tor,

Davor sich alle beugen knieknicksend,

Weil Gott darinnen haust. So sagt ihr. – Gott?

Wo steht denn das geschrieben? He? Wer weiß?

's steht: »Nehmt hin und esset!« 's steht und wankt nicht.

Nicht aber steht: »Nehmt hin und sperret ein!«

Ha, römisch räuberische Kniffe, wahrlich!

Nun also schloß ich auf –

Da überfuhr mich Grausen, und ich wankte.


Stille.


– Da nahm ich Es, da gab mir Gott den Mut,

Da nahm ich Es und aß, – leer war das Tor.

Ich ließ es auf, es gähnte mich geplündert

Und gramvoll an, so wie ein räuberischer

Stempel bedrückt' es mich, – doch das war Satan,

Drauf ich entfernte noch die Kanontafeln

Am Altar, die dem Messepriester dienen

Zum plappernden Gebet. Ich trat sie nieder,

Weil nichts von Messegreueln in der Schrift

Geschrieben steht; – sie opfern Den dort auf,

Der Sich für sie geopfert, – o der Schande!

»Einmal am Kreuz«, so heißt es im Sankt Paul,

»Einmal am Kreuz hat Er Sich dargebracht[280]

Zur Sühne aller Sünde.« Rom jedoch,

(Verhülle, Herr, Dein Haupt vor diesem Babel!)

Rom peitscht den Schwanz wie ein verhungert Raubtier

Und schleicht heran. Und springt und beißt vom Kreuz

Den Herrn in Staub und opfert Ihn für sich,

Blutdürstig fauchend, und wird nie ersättigt!


Unterirdisches Rollen. Sie hängen an Luthers Lippen und hören es nicht.


Ich aber habe Vollmacht überkommen

Von meinem Christ, der Schlang das Haupt zu treten

In Kot und modrig Schlamm. Mein Heiland selbst

Hat müssen an das Kreuz geheftet hangen

Drei Stunden, doch dann stand Er auf. Auch ich

Bin ja ein Kreuz und Abschaum aller Welt,

Wie Jener stürzend, was der Väter Lehre

Bewährte fest und gut. – Trutz allen Vätern

Und ihren Mären all!


Es bebt und rollt heftiger. Das Volk bestürzt.


MEHRERE RUFE LINKS zugleich.

Die Erde bebt!

LUTHER übertönt.

Laßt bersten alle Welt, Christ muß bestehn!


Sturm. Es wird dunkel.


DAS VOLK laut rufend.

Die Sonn verliert den Schein! Helft, rettet! Gott!


Es blitzt. Das Volk zerflieht schreiend nach den Seiten. Die Erde wirft unter heftigem Getöse Wellen und ein ganz schwacher, rötlicher Schimmer lagert über ihr. Doch Kirche wie Stufen bleiben bestehn, nur der Boden des Platzes wogt, Luther bleibt in der Finsternis unsichtbar.

Nun wird es ganz still. Lautlos öffnet sich das Erdreich inmitten des Platzes und in einem Strahl

glühenden Lichtes, den die Erde gleichsam auf den abtrünnigen Priester speit, erscheint ein Menschenhaupt, das über trostlosem Scheitel sein Weh gehäuft und in kalkweißem Erstrahlen sein Nichts und Ich birgt und trägt. Dies grasse Dasein spricht dann mit erstickter Stimme heiße Worte. Sein Licht, ganz kalkweiß, zuckt wie Qual: Mönch und Erscheinung mustern sich in einer starren Stille und einem bösen Blick.[281]


LUTHER.

Wer bist du?

GESCHÖPF.

Dein.

LUTHER.

Was soll dies?

GESCHÖPF.

Bin du selbst.

LUTHER.


Gellendes Gelächter – Stille –


Du bist nicht mein, du bist nicht ich, – wer bist du?

GESCHÖPF.

Bin deine Tat, vervielfacht mit dir selbst.

Bin deine Tat, verdoppelt und verdreifacht;

Dein Schatten bin ich, dein gigant'scher Leib!

LUTHER.

O Mann, mir rätselhaft und doch vertraut,

Vertraut durch Auge wie durch Wort und Schein:

Vertrau dich ganz mir an, brich grausige Stille!

GESCHÖPF.

Verkappt, verhüllt, vertan und dein vergessen,

So schlichest du in die geweihte Halle.

Der Schlüssel scholl im Schloß, das goldne Tor,

Drein sich der Schöpfer sperrte, der Verruchte,

Es wich vor deiner Hand; – und ohne Schelle,

Ganz lautlos, ohne einen Ministranten


Auflachend.


– Der Satan war dein Ministrant, fürwahr! –

Entferntest du die weiße Scheibe Unflat

Und schlangest sie hinab und grinstest groß.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Auch ich,

Beinah vierhundert Jahre nach dir kommend,

Haupthebend auf der Erde, Mensch und mächtig,

Schleich mich in eine Halle, die blieb über

Von deiner Tat.

LUTHER ganz leise.

Erklär dich besser, besser![282]

GESCHÖPF zischt.

Du bist der Kirchenfürst, der Fürst der Kirche,

Genie der Hölle, lautlos tauchst du auf;

Und nun vom Stuhle,

Der feurig dein ist, leitest du Vernichtung,

Zwinger des Christus, dessen Kirchen leer

Durch deinen Um trieb sind, beraubt des Gottes.


Stille.


Jahrhundert geht, Jahrhundert und noch eines;

Da tritt ein andrer auf und fördert dich.

Mit hohen Worten,

Durch Dichtung blinkend und durch Geist gefällig

Vor Mensch und Welt, tut er den zweiten Schritt:

Er raubt den Christus aus dreieiniger Gottheit,

(Verfluchtes Wort, das meine Lippen brennt!)

Er raubt, wie du Ihn aus den Kirchen raubtest,

Ihn hoch vom Himmel, da wird Gott entleert

Des Sohnes, Jesus bleibt ein edeler Meister

Und Mensch!


Er lacht.


Höllischer Kniff! Ein feines Stückchen!

Nun ist die Menschheit des Erlösers bar:

Gott oder Allah: alles einerlei:

Mohammed oder Christus oder Goethe

Ist gleich. Da wird Geheimnis hohnverlacht,

Gott wird ein ferner Geist, Er wird gefällig,

Das Huren zu ertragen und das Lästern,

Gott wird ein schöner Vers, Natur wird Weisheit,

Sternkraft wird Himmel, Unsinn wird geschätzt.


Er lacht und zischt.


Kreuz, Blut und bangestes Mysterium

Wird Götzendienst gescholten, Jammerbild

Am Holze; Isis' Horn, Anubis' Rachen

Sei ähnlich oder besser. – Und in Erz

Gegossen und gehüllt macht sich sein Volk

Ein Standbild dieses hohen Weltallfürsten

Allüberall auf jedem Markt, verehrend,

Was Ehre heischt von Menschen! Großer Dichter[283]

Und großer Mörder! Großer Mörder Christi!

Lorbeer um deine Stirn!

LUTHER.

Es zischt dein geiles,

Grell furchtbar Licht auf mich der Worte Unzahl.

Wir beide sind allein. Und Nacht ist rings.

Ich träume – träum ich? Hinter mir der Kirche

Portal gähnt öde, und es wankt im Abgrund.

Und dennoch ist es wahr. Ich will es also.

Was jener spricht, kommt nicht auf meine Rechnung.

Und dennoch ist es schön, im Zwielicht stehn,

Allein beleuchtet, Welt rings ausgelöscht,

Erzene Kirche wie auf meinen Schultern,

Die ich reforme, ich reforme sie –


Er flüstert unverständlich.


GESCHÖPF.

Vorwärts im Text! Das Weihrauchfaß geschwungen!

Die heilige Lesung ist noch nicht zu End!

Apokalypse, Buch der Offenbarung:

Dann kommt ein Tier mit Hörnern, das bin ich!


Er keucht und ächzt.


Der Gott, der lebt, ist mir noch nicht gestorben!

Die Kirche fiel. Brav! Christus ist gestürzt!

Halloh! halloh! Messer an Seine Gurgel!

Doch bleibt noch Gott. Wer packt am Schöpf den Alten?

Wer reißt Ihn an der Gurgel jäh hinab?


Fauchend.


Ich tu's. Ich tat's. Der ganz verruchte Wohnsitz,

Der licht im Himmel uns Gesetze gibt,

Den freien Herrenmensch zum Sklaven niedert,

Fällt unter meiner Faust in Trümmerschutt!

Ehrwürdiger Bart ist nimmer vor mir sicher,

Ich spei hinein, ich trete ihn ins Kotige,


Qualvoll.


Ich lasse meinen Hunger an ihm aus,

Und was dann übrig bleibt, ist Gottes Balg!


Aufschrei.


Drei Kreuze seh ich stürmend auf mich kommen,[284]

Drei Kreuze laufen Reihe auf mich zu, –

Versink, mein Ich, das sich der Welt gekreuzigt,

Damit sie frei vom Joch des Kreuzes sei!


Er versinkt und die Erde schließt sich. Der abtrünnige Mönch steht allein in einem rötlichen Leuchten. Schwere Stille.


LUTHER.

Schön ist es, Leuchte sein für tausend Jahre;

Und dies doch prophezeite das Gesicht?

Wenn ich es recht verstand. Ich leuchte also

Dem Papst zum Trotz mystisch in Dunkelheit.

In Dunkelheit der Kirche mystisch Christ.

Quelle:
Reinhard Johannes Sorge: Werke in drei Bänden. Nürnberg 1964, S. 277-285.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon