Vierunddreißigstes Capitel.

[388] Und wie durch einen Schleier sehe ich die Jahre, die kommen und gehen – die noch folgenden Jahre meiner Gefangenschaft! Durch einen Schleier, den die Zeit gewoben mit den unsichtbaren Geisterhänden, aber nicht so dicht, daß nicht jede Form und jede Farbe dem rückwärts schauenden Auge des Mannes mehr oder weniger deutlich wäre.

Am deutlichsten allerdings den stehenden Hintergrund in diesem langen Acte meines Lebensdramas. Noch jetzt, nach[388] so vielen Jahren, bin ich fast zu jeder Zeit im Stande – zumal wenn ich die Augen schließe – mir das Local bis in die kleinste Einzelheit zu vergegenwärtigen. Besonders sind es zwei Beleuchtungen, in denen ich es am klarsten und auch am liebsten sehe.

Die eine ist ein heller Frühlingsmorgenschein. Ein blauer Himmel spannt sich darüber hin, die spitzigen Giebel der alten Gebäude ragen so hoch in die freie Luft, als ob die Idee eines Gefängnisses nur in dem dumpfen Hirn eines Hypochonders, der noch nicht recht ausgeschlafen habe, existire; in den Vorsprüngen der Giebel, auf den hohen Dächern zwitschern die Spatzen – und ich weiß nicht, wie es zugeht, aber Spatzengezwitscher am frühen Morgen macht mir noch heute die Welt um ein paar tausend Jahre jünger; die Schelme, däucht mir, können um Adam und Eva's Laube im Paradiese auch nicht seelenvergnügter und unverschämter gelärmt haben. – Die Sonne steigt höher, sie klettert die alten, epheuberankten Mauern hinab in die noch stillen Höfe, und der Thorwart, der eben mit einem großen Schlüsselbunde drüber hingeht, und der sonst ein grämlicher, alter Mann ist, pfeift ganz behaglich, als ob selbst er, der es doch besser weiß, in dieser morgenfrischen Welt nicht glauben könne an Schloß und Riegel.

Die andere Beleuchtung ist Abend im Spätherbst. Im Westen drüben hinter den flachen Kreide-Ufern der Insel ist die Sonne untergegangen; noch glühen die schweren Wolken, die am Horizonte hangen, in tausend düstern Purpurlichtern. Kühler weht der Wind vom Meere her und lauter rauschen die Wellen – man hört sie deutlich, trotzdem man vom Belvedere aus über den Festungswall hinweg die Brandung nicht sehen kann. In den hohen Bäumen des Gartens fängt es jetzt auch an zu rauschen und die braunen Blätter wehen schaarenweise herab zu den anderen, durch die mein Fuß raschelt, wie ich nun nach dem Hause zurückschreite. Ich würde heute Abend, wie immer, im Schoße der Familie willkommen sein; aber ich könnte es heute Abend nicht ertragen, daß so viele Augen freundlich in meine Augen sehen. Meine Augen haben eben noch düster, ja verzweifelt in die Abendwolken geblickt, und der alte Dämon ist in mir erwacht und hat mir zugeraunt: Noch zwei Jahre, zwei volle Jahre, und ein Sprung trägt dich dort hinab und der erste beste Kahn[389] dort hinüber in die weite, weite Welt. Und du willst in dein Gefängniß zurückkehren, die engen vier Wände, wo dich nichts hält, als dein freier Wille. Dein freier Wille? wie lange ist der nicht mehr frei! Du hast ihn ja verkauft – fort, fort – vorüber an dem Hause – fort in deine Zelle, fort aus dieser modernden Nebelwelt hinter Schloß und Riegel!

Frühlingsmorgenschein und Herbstabendnebel! aber sehr viel mehr Morgenschein als Abendnebel! Ja, wenn ich es recht bedenke, muß ich sagen, daß der Morgenschein die Regel und der Abendnebel, Alles in Allem, doch nur die Ausnahme ist. Denn, wie ein Abschnitt unseres Lebens – ja selbst, wie der locale Hintergrund, auf den dieser Lebensabschnitt zeichnet ist – uns in der Erinnerung erscheinen soll, das hängt doch schließlich davon ab, ob es in unserer Seele während jener Zeit hell oder dunkel war, und in meiner Seele wurde es in dieser Zeit heller und heller, ganz allmälig, wie das Tageslicht zunimmt – man weiß nicht wie, aber was noch eben als dunkle, verworrene Masse vor unseren Blicken lag, steht jetzt farbengeschmückt, in schöner Ordnung vor uns da.

Der Wunsch meines väterlichen Freundes ist schon längst in Erfüllung gegangen; ich habe im Arbeitshause arbeiten gelernt. Die Arbeit ist mir eine Nothwendigkeit geworden; ich erachte den Tag für verloren, an dessen Abend ich nicht auf ein Stück gefördertes, auf ein vollendetes Werk zurücksehen kann. Und ich habe mir das Geschick zur Arbeit angeeignet, zu jedweder Arbeit: das schnelle Verständniß dessen, um was es sich handelt, das sicher messende Auge, die leichte, bildsame Hand. In der Anstalt sind fast alle Handwerke vertreten; ich habe mich nach und nach in fast allen versucht und es meistens in kürzester Frist weiter gebracht als alte, graubärtige Adepten. Der Director wiederholt gern, daß ich der beste Arbeiter der Anstalt bin, das macht mich immer sehr stolz und sehr demüthig; sehr stolz, denn ein Lob aus seinem Munde ist mir die höchste Ehre, die mir auf Erden erreichbar scheint; sehr demüthig, denn ich weiß, daß ich Alles, Alles ihm verdanke. Er hat die rohe Kraft, die sich kein Maß und Ziel wußte, die sich an der Bewältigung schwerer Steinmassen müde toben wollte, in bestimmte Bahnen gelenkt; er hat vor Allem mich gelehrt, die Dosis gesunden[390] Menschenverstandes, welche mir die Natur gegeben und mit der sie in der Schule nichts anzufangen wußten, als ein kostbares Gut zu betrachten, das wohl gar ein Stück Genie ersetzen könne, oder, wie er es manchmal lächelnd ausdrückt, vielleicht selbst ein Stück Genie ist. Er hat mich nicht mit Dingen gequält, von denen er bald herausgefunden, daß sie in mein Hirn nicht passen; er hat herausgefunden, daß ich mich ewig nur in einer etwas schweren deutschen Zunge mit Klarheit und Geläufigkeit würde ausdrücken können und hat mir die Erlernung fremder Sprachen bis auf das Nothwendigste erlassen; er weiß, daß mich eine erhabene Stelle der Psalmen auf's Tiefste rührt, und daß ich mich an Goethe, an Schiller und Lessing nicht satt lesen kann; aber er muthet mir nicht zu, darüber hinauszugehen und mit ihm und Paula über das Neueste der Tagesliteratur zu disputiren. Dafür läßt er mich aus dem unerschöpflichen Quell seiner mathematischen und physikalischen Kenntnisse in vollen Zügen trinken, und seine liebste Erholung ist, wenn ich in der kleinen Werkstatt, die er schon seit vielen Jahren eingerichtet hat, nach seiner Anleitung und unter seinen Augen eine Maschine, einen Maschinenteil, die sein schöpferischer Geist ersonnen, modellire.

Unter seinen Augen! denn seine Hände sind müßig derweile, müssen müßig sein. Schon eine leichte physische Anstrengung bedeckt seine Glieder mit kaltem Schweiß und kann ernstliche Gefahr für sein Leben herbeiführen. »Ich weiß nicht, was ich ohne Sie anfangen werde«, sagt er mit schmerzlichem Lächeln aus seinem Stuhle zu mir aufblickend, »ich lebe von dem Ueberflusse Ihrer Kraft; Ihr Arm ist mein Arm, Ihre Hand ist meine Hand, Ihr voller Athem ist mein Athem. Sie werden mich in Jahresfrist verlassen, folglich habe ich nur noch ein Jahr zu leben; ein Mensch ohne Arm und Hand und Athem ist ja todt.«

Es ist das erstemal, daß ein so trostloses Wort über diese edlen bleichen Lippen kommt; es macht mich deshalb sehr stutzig. Ich habe ihn immer so muthvoll, so unverzagt gesehen, so ganz hingegeben dem, was der Tag und die Stunde heischen, so im Leben lebend – ich blickte erschrocken zu ihm hinüber und es ist, als sehe ich zum erstenmal die Verwüstungen, welche die Jahre, die sechs Jahre, in seiner Gestalt, in seinem Gesicht angerichtet haben.[391]

Sechs Jahre! ich muß mich darauf besinnen, daß es wirklich sechs Jahre sind. Es hat sich so wenig verändert in dieser ganzen langen Zeit! so wenig!

Vielleicht, wenn ich es recht überlege, doch so wenig nicht. Die Weinreben, welche, als ich vor sechs Jahren in Paula's Zimmer krank lag, nur eben durch das Fenster nickten, sind jetzt fast den ganzen Giebel hinaufgeklettert; die große Gaisblatt-Laube hinten an der Pfirsichwand, die ich damals mit den Knaben errichtete und bepflanzte, ist vollkommen zugewachsen und ein Lieblingsplatz Paula's geworden, die von hier aus bis nach dem Hause blicken kann, was vom Belvedere nicht möglich ist.

In dem Belvedere ist es jetzt auch ein wenig um heimlich, und auch das würde nicht der Fall sein, wenn Benno nicht mittlerweile sechs Jahre älter geworden wäre und den »Faust« gelesen hätte, und nothwendig ein »hochgewölbtes, enges gothisches Zimmer« haben müßte, das er »mit Büchsen, Instrumenten, Urväter Hausrath vollpfropfen« kann, wozu ihm das baufällige Gartenhäuschen mit seinen gemalten Spitzbogenfenstern das bei weitem geeignetste Local scheint. Benno ist jetzt entschieden der Ansicht, daß der Vater, der lieber einen Arzt oder Naturforscher in ihm sähe, vollkommen Recht, und Paula, die einen Philologen aus ihm machen möchte, durchaus Unrecht hat, und Benno muß das wissen, denn er steht in dem glorreichen Alter von siebzehn Jahren, wo es wenig Menschen für uns giebt, die wir nicht, intellectuell gesprochen, um eines Hauptes Länge überragten.

Bei seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Kurt thut er das auch in Wirklichkeit, und Kurt hat es jetzt definitiv aufgegeben, mit seinem Senior zu rivalisiren, der so offenbar den langen schlanken Körperbau der Zehrens hat und voraussichtlich noch größer als der hohe Vater wird. Indessen Kurt braucht sich nicht zu beklagen; er hat die mächtige Brust und die langen kräftigen Arme, ja auch unter starkem krausen Haar die breite Stirn des Arbeiters. Er ist sehr bescheiden und anspruchslos, aber sein Blick ist merkwürdig fest und seine Lippen sind scharf geschlossen, wenn er über einer mathematischen Aufgabe brütet, oder mir auch nur einen Handgriff auf der Drehbank nachzumachen versucht, was ihm jedesmal in kürzester Zeit gelingt.

Kurt und ich sind große Freunde, und soweit es möglich[392] ist, unzertrennlich, dennoch ist, wenn ich ganz ehrlich sein will, der zwölfjährige Oskar mein Liebling. Er hat die großen, glänzend braunen Augen der Zehrens, die ich an meinem Freund Arthur, als er noch ein Knabe war, so bewunderte; er hat auch Arthur's Schlankheit und anmuthige Manieren – es ist mir manchmal, als sähe ich in ihm Arthur wieder, wie er vor vierzehn Jahren war. Das sollte ihm bei mir nicht gerade zur Empfehlung gereichen, aber wenn er, die langem Locken hinter sich schüttelnd, die großen Augen von Lust und Leben strahlend, auf mich zugesprungen kommt, kann ich nicht anders, als ihm meine Arme öffnen. Oefter frage ich mich, ob es wohl gerade diese Aehnlichkeit ist, weshalb Oskar sich als Liebling der Schwester behauptet hat. Paula sagt freilich nach wie vor, davon könne gar keine Rede sein; Oskar sei eben der Jüngste und ihrer am meisten bedürftig, und daß gerade er ein so ausgesprochenes Talent zum Zeichnen und Malen habe und dadurch ihr Schüler im eigentlichen Sinne des Wortes sei – das sei ein Zufall, für den man sie nicht verantwortlich machen dürfe.

Ganz ähnlich so hat Paula vor sechs Jahren auch gesprochen; ich erinnere mich deutlich noch des Sommernachmittags, als sie, bald nach meiner Reconvalescenz, die große Kreideskizze von mir machte – auf dem Platze unter den Platanen – so deutlich, als ob es erst gestern gewesen wäre. Und wenn ich Paula anblicke, kann ich ebenfalls nicht glauben, daß ich sie bereits sechs Jahre kenne und daß sie im nächsten Monat zwanzig wird. Damals sah sie älter aus, als sie war; jetzt erscheint sie mir um ebensoviel jünger. Sie ist jetzt vielleicht ein klein wenig größer und ihre Formen sind wohl voller und weiblicher, aber in ihrem lieben Gesicht ist so viel kindliche Unschuld, und selbst ihre Bewegungen haben noch die Schüchternheit, ja selbst manchmal das Linkische eines ganz jungen Mädchens. Freilich, wenn man in ihr Auge sieht, vergeht wohl Jedem der Muth, sie nicht für das zu nehmen, was sie ist. Es lodert nicht auf dies Auge in übermüthigen Flammen, es blickt nicht scheu oder schmachtend, wie einer Pensionärin Auge, die eben von der verstohlenen Lectüre ihres vergoldeten Lieblings-Lyrikers kommt – es glänzt in einem stillen, stetigen, vestalischen Feuer, weltvergessend und doch eine Welt umspannend, wie des Künstlers Auge glänzen muß.[393]

Und eine Künstlerin ist Paula geworden in diesen sechs Jahren. Sie hat keinen Lehrer gehabt, außer einem verkommenen Genie, das eine kurze Zeit lang im Arbeitshause gewesen war und später vom Director das Gnadenbrot empfangen hat bis zu seinem schon vor mehreren Jahren erfolgten Tode. Sie hat keine Akademie besucht, sie hat kaum etwas gesehen, außer ein paar schönen alten Familien-Porträts und einem überaus herrlichen Kupferstich der Sixtinischen Madonna, welche die Wände im Hause des Directors schmücken. Sie ist, was sie ist, durch sich selbst, durch ihr wunderbares Auge, das jedem Menschen in das Herz blickt, ja auch jedem Dinge; durch ihre Hand, die nicht so schlank und fein sein könnte, wenn die Seele nicht bis in die Fingerspitzen strömte und sie zu dem bildsamsten Werkzeuge machte; durch ihren Fleiß endlich, dessen Energie und Rastlosigkeit geradezu unbegreiflich scheint, wenn man bedenkt, welche Arbeitslast noch außerdem auf diesen zarten Schultern liegt. Aber auch jede freie Minute widmet sie der geliebten Kunst, und sie weiß sich frei zu machen, wo Andere feierlich erklären würden, daß sie nicht wüßten, wo ihnen der Kopf stehe. Der Reichthum ihrer Mappen an Studien aller Art, Skizzen, Entwürfen, Copien ist außerordentlich. Da ist kein nur einigermaßen interessanter Kopf unter den Arbeits- und Zuchthäuslern, den sie übersehen hätte. Dem Fräulein einmal sitzen zu dürfen, ist in der ganzen Anstalt eine vielumworbene, vielbeneidete, mit Stolz getragene Ehre und Vergünstigung. Ihr oberstes Modell aber ist und bleibt der alte Süßmilch, dessen prächtiger Kopf mit den kurzen, grauen Locken, dem furchendurchzogenen energischen Gesichte, in der That ein Herztrost für ein Malerauge ist. Der Alte figurirt in allen möglichen Auffassungen als Nestor, Merlin, Getreuer Eckart, Belisar, Götz von Berlichingen, ja sogar als Schweizer aus den Räubern; lauter Vorstudien zu großen historischen Gemälden, von denen das muthige Mädchen für die Zukunft träumt. Vorläufig ist freilich nur ein einziges bis zur Untermalung gediehen: Richard Löwenherz, krank in seinem Zelte, von einem arabischen Arzte besucht. Das Motiv ist aus einem Roman von Walter Scott. Im Hintergrunde ein englischer Yeoman, der traurig auf den kranken Herrn blickt, und die Gestalt eines jungen normännischen Edelmannes, der, die Hand am Schwerte, argwöhnisch prüfend auf den Arzt schaut. Der Richard Löwenherz bin ich, wie[394] sie mich damals in meiner Reconvalescenz auf dem Belvedere gezeichnet hat; in dem arabischen Arzt – einer sonderbar phantastisch gnomenhaften Figur – behauptet Doctor Willibrod sich wiederzufinden, trotzdem der Araber keine Brille trage und sein ohne Zweifel kahler Schädel mit dem grünen Turban des Mekkapilgers umwunden sei; der Yeoman ist Wachtmeister Süßmilch wie er leibt und lebt – er hat sich nur ein anderes Costüm gefallen lassen müssen; der englische Ritter mit den kurzen, braunen Locken und den braunen glänzenden Augen – eine anmuthig schöne, jugendlich elastische Gestalt ist – Arthur.

Ist es ein Zufall, daß gerade diese Gestalt am meisten ausgeführt ist, und daß die fast vollendete Gestalt ein solcher Liebreiz umfließt?

Ich habe keinerlei Anhalt zur Beantwortung dieser Fragen, als den ich aus meinem ahnenden Gemüth schöpfte. Arthur, der längst Lieutenant ist und im Frühlinge dieses Jahres an die Kriegsschule in der Hauptstadt commandirt wurde, ist freilich noch oft genug in's Haus gekommen, aber doch hatte die Häufigkeit seiner Besuche mit jedem Jahre abgenommen, und ich könnte nicht sagen, daß er Paula irgend näher getreten wäre. Aber es muß doch einen Grund haben, daß er gegen mich, der ich ihm nichts nachgetragen, der ich stets freundlich gegen ihn gewesen bin, so wenig mir auch oft darnach zu Muthe war, daß er gegen mich immer zurückhaltender geworden und mir in der letzten Zeit so weit als möglich aus dem Wege gegangen ist. Das Geld, das er mir schuldet – und das sich im Laufe der Jahre zu einer für meine Verhältnisse nicht unansehnlichen Summe gesteigert hat – kann es nicht sein, denn ich habe es ihm – der immer in Noth ist und sich stets eine Kugel durch den Kopf schießen will – gern und willig gegeben, habe ihn nie gemahnt, ihm im Gegentheil stets versichert, daß es mit der Rückzahlung keine Eile habe – nein! das Geld kann es nicht sein. Fürchtet er in mir einen Nebenbuhler? Großer Gott! ich bin ihm nicht gefährlich! Wie kann man einen Gefangenen fürchten, dessen Zukunft ein Buch mit sieben Siegeln ist, das nicht viel anmuthige Capitel enthält! Kann er es mir nicht verzeihen, daß Paula nach wie vor gütig und freundlich gegen mich ist? Habe ich es nicht verdient, der ich Alles thue, was ich ihr nur an den Augen absehen kann?[395]

Ich weiß es nicht; ebensowenig, ob es zufällig ist, daß Paula von der Stunde an, daß Arthur nach Berlin gegangen, nicht mehr an dem Bilde gemalt hat. Und doch braucht sie gerade ihn am wenigsten, denn seinem ritterlichen Doppelgänger fehlt kaum noch ein Strich. Ich trage mich lange, lange mit dem Warum? Und als ich endlich einmal wage, Paula darnach zu fragen, antwortet sie, nicht ohne einiges Zögern, das an ihr selten ist: Das Bild ist mir verleidet. Verleidet? Da ist ein neues Warum, das noch schlimmer scheint, als das erste, und an das ich deshalb nicht rühren sollte, wenn ich klug wäre.

Aber ich bin gar nicht klug und bringe es nicht aus dem Kopf, und da mein Kopf nichts damit anzufangen vermag, lege ich es Doctor Willibrod vor, so ganz gelegentlich; so ganz, als ob von der Beantwortung eigentlich gar nichts abhinge. »Sagen Sie, Doctor, warum mag das Bild Fräulein Paula verleidet sein?«

»Wer hat das gesagt?« fragt der Doctor.

»Sie selbst.«

»Dann fragen Sie sie auch selbst.«

»Wenn ich das wollte oder könnte, brauchte ich Ihre Meinung nicht zu hören.«

»Weshalb sollte ich darüber eine Meinung haben?« ruft der Doctor. »Was geht es mich an, weshalb Paula das Ding nicht weiter malen will? Mir kann es gleich sein, ob ich auf dem Bilde fertig werde, nachdem mich die Natur einmal nicht fertig gemacht hat.«

Ich sehe, daß ich so nicht weiter komme, und wage anzudeuten, ob vielleicht Arthur's Entfernung einen Einfluß auf Paula's Stimmung gehabt habe.

»Geht die Katze endlich an den Brei«, krähte Doctor Willibrod. »Sie denkt wohl, man hat es nicht längst gesehen, wie sie die Pfoten leckt? Und der Brei ist doch so süß! o, so süß! gerade wie der Gedanke, daß ein solches Mädchen ihr Herz an einen solchen Kerl hängen kann! Es ist unmöglich, sagt Meister Hinz und sein Bart sträubt sich vor Unwillen. Weshalb unmöglich? was ist unmöglich? Bei Gott ist Vieles unmöglich, aber bei den Menschen ist Alles möglich. Ist das Leben des Vaters etwas Anderes als ein fortgesetztes Opfer? ist sie nicht ihres Vaters Tochter? Wenn man einmal so im Zuge ist, kommt es auf ein bischen mehr nicht an,[396] und das Lamm opfert sich auch wohl, den Wolf zu retten. Heissa! es ist ein lustiges Metier das Wölfe-Retten! aber noch lustiger ist es, als ein solcher Kerl dabeizustehen und zuzusehen, und nicht den Stecken zu heben und zuzuschlagen, nein, bei Leibe nicht! sondern immer nur zu fragen: Glauben Sie nicht, Verehrtester, daß schließlich doch der Wolf das Lamm fressen wird? O, geht mir doch! Ihr Alle, die Ihr Menschenangesicht tragt!«

Doctor Willibrod kräht so hoch und sieht der bekannten apoplektischen Billardkugel so täuschend ähnlich, daß es mir leid thut, das Gespräch angefangen zu haben und noch dazu so ungeschickt. Ich erinnere mich jetzt, daß der Doctor in der letzten Zeit immer sonderbar aufgeregt gewesen ist, sobald die Rede, so oder so, auf Paula kommt. Manchmal spricht er von ihr, daß man glauben sollte, er hasse sie, wenn man nicht wüßte, daß er sie vergöttert. Hält man ihm das vor, schiebt er es auf die Hitze. Der Teufel möge bei dem Wetter kaltblütig bleiben; der sei es von der Hölle her gewohnt; Menschen könne man nicht übel nehmen, daß sie bei vierundzwanzig Grad im Schatten dann und wann ein wenig überschnappten.

In der That ist die Hitze dieses Sommers ganz unerträglich gewesen. Tag für Tag durchläuft die Sonne einen wolkenlosen, stahlblauen Himmel, und ihr Strahl versengt, was er trifft. Das Gras ist längst verdorrt, die Bastion und die Festungswälle sehen gelbbraun aus; die Blumen sind vor der Zeit verblüht; das Laub raschelt vor der Zeit von den Bäumen. Alle Creatur schleicht umher, den dumpfen Blick zur Erde gekehrt, auf der die Luft vibrirt, wie auf einem erhitzten Ofen. Auch ist der Gesundheitszustand in der Stadt sehr schlecht, und wir sind froh, daß wenigstens die Knaben, die ihre Michaelisferien haben, auf einem benachbarten Landgute zum Besuch bei einer befreundeten Familie sind; und in der Anstalt geht es keineswegs nach dem Wunsche des Directors und des Doctors, die sich gegenseitig in Fürsorge für die Kranken übertreffen, trotzdem der letztere stets behauptet, es sei der Unsinn des Unsinns, für Andere seine Haut zu Markte zu tragen, besonders wenn man, wie Humanus, nur noch eine halbe Lunge und eine blinde Frau und vier Kinder und nicht einen Silbersechser im Vermögen habe. Was soll das geben?[397]

Ich erinnere mich, daß diese Frage von dem Doctor in demselben Gespräch aufgeworfen wurde, und daß ich mir die Frage immer wiederholte, als ich eine Stunde später allein auf dem Belvedere stand, und, ohne etwas zu sehen und zu hören, in den Abend starrte, der über den Wall aus dem Meer heraufzog. Ich sah nicht, daß über den Himmel, der Wochen und Wochen lang keine Trübung gezeigt hatte, ein Dunst sich breitete, durch den das letzte Abendlicht gespensterhaft fahl hindurch schien; ich hörte nicht, daß sonderbar klagende, wimmernde Töne durch die Luft zogen, ich wandte mich nicht einmal verwundert um, als jetzt eine tiefe Stimme dicht an meinem Ohr dieselbe Frage hervorgrollte, die ich fortwährend bemüht war, mir zu lösen: Was soll das geben?

Es war der alte Süßmilch und er deutete mit der Rechten gen Westen in die schwefelfahle Dämmerung.

»Einen Sturm, was sonst?« erwiederte ich, ohne mich zu besinnen.

Mir war, als müsse die dumpfe Schwüle, die in der Natur und in meiner Seele brütete, sich in einem Sturm entladen.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 388-398.
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