Zehntes Capitel.

[110] »Sie sind krank, lieber Freund?« sagte Doctor Snellius, indem er eines Abends zu mir in das Zimmer trat.

Ich hatte den Doctor, seitdem wir uns neulich in Hader getrennt, nicht wieder gesehen und der Besuch des Mannes mit der scharfen Brille vor den scharfen Augen war deshalb dem Menschenscheuen, der seit einiger Zeit alle Welt floh, doppelt peinlich. Er mußte meine Verlegenheit bemerken, denn der Ton seiner Stimme war ungewöhnlich weich und mild, als er jetzt, nachdem wir vor dem Kamin Platz genommen, also fortfuhr:

»Ich weiß es von Klaus Pinnow, der es Ihnen angesehen haben will; ich weiß es auch von ihr, von Paula, die es Ihnen nicht angesehen, weil Sie sich bei ihr nicht haben blicken lassen, und die mich deshalb heute hergeschickt hat. Was ist das, lieber Freund? Ihre Haut ist trocken, Sie sehen erbärmlich aus und Sie haben wirklich Fieber. Wo fehlt es?«

»Ich fühle mich ganz wohl,« erwiederte ich, indem ich meine große breite Hand aus den kleinen, frauenhaft zarten Händen des Doctors zog, und mir damit Stirn und Augen gegen die scharfen Brillengläser zu schützen suchte, »vollkommen wohl.«

»So haben Sie irgend einen Kummer gehabt, irgend ein großes Leid, welches solchen Naturen, wie die Ihre, mehr zusetzt, als anderen Leuten ein schwere Krankheit. Ist es so?«

»Das könnte schon eher der Fall sein,« erwiederte ich.

»Und Sie können mir nicht sagen, was es ist?« fragte der Doctor, indem er mir näher rückte und seine kleine Hand auf meine andere Hand legte, welche auf meinem Knie ruhte.

»Ach, es ist nicht der Rede werth,« erwiederte ich; »eine kleine spukhafte Geschichte, ungefähr wie die, von welcher ich,[110] ich weiß nicht, wo und wann, einmal gelesen: die Geschichte von einem jungen Manne, der ein junges Weib hatte, die eine Hexe war, und einmal, als er, von Liebe und Schlaf betäubt, an ihrer Seite entschlummern wollte, und seine Hand ausstreckte, um ihre Hand noch einmal zu erfassen, war sie verschwunden, aus dem Schornstein hinaus, auf den Blocksberg zum Teufel gefahren, was weiß ich?«

Und ich sprang auf, lief im Zimmer in wilder Erregung auf und nieder, und warf mich dann wieder neben dem Doctor in den Sessel.

»Die Geschichte ist ein wenig zu mystisch, um eine Diagnose darauf bauen zu können;« erwiederte der Doctor freundlich, indem er mir abermals näher rückte, und, da er meine Hand eben nicht fassen konnte, mir ein paar mal sanft über das Knie strich.

»Nun denn,« sagte ich, »so nehmen Sie Folgendes: Ein Mann hat als neunzehnjähriger Bursch ein schönes, ungefähr eben so altes Mädchen geliebt, leidenschaftlich, wie man in den Jahren liebt, wenn noch dazu Einsamkeit und romantische Verhältnisse den Kuppler spielen. Er ist damals von dem Mädchen genasführt und schließlich in ziemlich schnöder Weise verrathen worden, und hat das Mädchen doch nicht vergessen können, und das Herz ist ihm erzittert in der Brust, so oft nur in den folgenden acht bis neun Jahren, denn so lange ist es her, ihr Bild vor seine Seele getreten ist. Da läßt ihn ein Zufall sie wiederfinden, wie er sie zu finden erwarten mußte: eine Buhlerin, die Maitresse, ich weiß nicht, wie vieler Männer. Es kann ihm nicht zweifelhaft sein, zum Ueberfluß sagt sie ihm es selbst, und während sie es ihm sagt, erzittert ihm wieder das Herz in der Brust; es verlangt ihn im Grunde seiner Seele darnach, sich der langen Reihe seiner Vorgänger anzuschließen, und als sie ihre Arme öffnet, hat er nichts eiliger zu thun, als an die Brust zu sinken, in der kein Herz schlägt. Er fühlt deutlich, daß es nicht schlägt; ein ganz kindisches, aber ganz wahnsinniges Mitleid ergreift ihn; er will das erkaltete Herz wieder erwärmen, mit der Gluth seiner Küsse, mit seinem eigenen Herzblut, und das Gespenst trinkt sein Herzblut, eins, zwei, drei – ein Dutzend Nächte, und als er wieder einmal – in der ersten Morgenfrühe erwacht, ist sie verschwunden, wie Hexen verschwinden, und am nächsten Abend sieht er sie im Theater mit einem jungen, vornehmen[111] Stutzer kokettiren, und der Stutzer fährt mit ihr nach Hause und draußen –«

»Steht der arme Narr und schlägt sich mit der Faust vor die Stirn, und rauft sich das Haar; man kennt das!« sagte der Doctor und strich mir wieder mit der Hand über's Knie. »Man kennt das,« wiederholte er, immer sanfter streichelnd, »es thut weh; aber wenn einem ein Backenzahn mit drei langen Wurzeln ausgezogen wird, das thut auch weh, und ebenso, wenn einem ein gebrochener Arm wieder eingerichtet wird. Auch glaube ich nicht, daß dem Mann gut zu Muthe war, von dem ich eben komme: Ein tüchtiger Arbeitsmann aus Ihrer Fabrik. Sie werden ihn kennen; er heißt Jacob Krafft, er arbeitet, wenn ich nicht irre, in Ihrer Werkstatt. Nun, dem hatte seine Frau, ein liebes, gutes Weib, um das der brave Kerl manches Jahr gefreit, vor neun Tagen ein todtes Kind geboren, das ich mit der Zange holen mußte; und jetzt liegt sie selbst todt in ihrem Bett, und vor dem Bette kniet der gute Jacob Krafft und wünscht aus Herzensgrund, daß er nie geboren wäre. Ich glaube, daß dem armen Teufel schlecht zu Muthe ist. Und der jungen Frau Müller wird auch nicht gerade besonders wohlig sein. Ihr Mann ging heute Morgen munter aus dem Hause, seine Wagen zu schieben auf dem neuen Bahnhof, und da haben sie ihm die Brust zwischen zwei Wagen zerquetscht, und heute Nacht wird er sterben. Und übrigens, lieber Freund, müssen wir Alle sterben, und nach neun Uhr ist es vorbei, wie der Theater-Director sagte, wenn die Leute im Parterre pfiffen.«

»Sterben, was ist das Großes!« erwiederte ich, »ich habe schon ein paar Mal in meinem Leben zu sterben gewünscht, und habe es für etwas Größeres erachtet, daß ich eben nicht starb, sondern dies vermaledeite Leben weiter lebte.«

»Und daran haben Sie recht gethan, mein Freund,« sagte der Doctor.

»Ich weiß nicht,« erwiederte ich, »ob jene Römer, von denen ich auf der Schule gehört habe, nicht edler und klüger handelten, wenn sie sich in ihr Schwert stürzten, sobald die Partie verloren war.«

»Jeder nach seinem Geschmack,« sagte der Doctor. »Ein Pferd muß man todt stechen, wenn es ein Bein gebrochen hat, einem Menschen richtet man es wieder ein, oder wenn es nicht zu retten ist, schneidet man es ihm ab und schnallt[112] ihm einen Stelzfuß an oder einen Korkfuß, und darauf humpelt er seinen Lebensweg weiter. Sie glauben nicht, lieber Freund, wie wenig zum Leben gehört, beinahe nichts, außer Kopf und Herz. Ja, kaum das! Sie haben wohl selbst schon bemerkt, wie kopflos so Mancher durch's Leben taumelt, und daß man mit einem viertel oder halben Herzen leben kann, weiß ich aus eigener Erfahrung.«

Der Doctor hatte das in einem so wehmüthigen Tone gesagt, so still vor sich hin, wie mit sich selbst redend. Und wie mit sich selbst redend sprach er weiter, indem er mich dabei immer sanft über das Knie strich, und über meine Fußspitze weg in die Kohlen starrte:

»Ja, mit einem halben Herzen! es lebt sich nicht sehr gut und nicht sehr leicht; es ist einem manchmal, als müßte es einem die Brust zusammendrücken, oder als sollte man sich hinlegen, wo man sich eben befindet, und nicht wieder aufstehen. Aber man steht dann doch auf und thut, wenn nicht sich, so doch vielleicht denen einen Gefallen, die der Schuh auch möglicherweise irgend wo und wie drückt, und denen man mit seinen Erfahrungen und seiner Schusterkunst zu Hilfe kommen kann. Denn, lieber Freund, die Wenigsten sind in der Lage, sich die Schuhe ausziehen zu können, was allerdings nicht nur das beste Mittel wäre, sondern auch in der That das einzige ist, um alle Schmerzen los zu werden. Und diesen Leuten muß geholfen werden, lieber Freund, muß positiv geholfen werden; und mein Leben ist seit vielen Jahren nur ein Grübeln und ein Sinnen, wie das anzufangen sei im größeren Maßstabe; in einem kleinen Kreise, so weit die dürftigen privaten Mittel reichen, da weiß ich wohl, was zu thun ist, und thue ich, was ich kann. Auf Wiedersehen, lieber Georg; ich habe noch ein paar alte Schuhe zu flicken und ein paar Hühneraugen zu beschneiden.«

Doctor Snellius gab mir einen freundschaftlich sanften Schlag auf das Knie, räusperte sich, stülpte seinen abgeschabten Hut auf den kahlen Kopf, nickte mir in der Thür noch einmal zu und ließ mich allein.

Ein nicht unedler Mensch ist vielleicht niemals geneigter und auch mehr im Stande, an dem Unglück Anderer Theil zu nehmen, und es zu verstehen, als wenn ihm selbst ein großes Leid widerfahren ist. So hatte der abscheuliche Verrath, welchen Konstanze – nun schon zum zweiten Male – an[113] mir verübt, mir Herz und Augen geöffnet über das Weh, welches dem Doctor im Herzen saß. Daß der seltsame Mann Paula liebte, war mir freilich nie zweifelhaft gewesen; aber, da er dieser seiner Liebe stets ein humoristisches Mäntelchen umzuhängen pflegte, hatte ich in meiner Einfalt nie gesehen, wie groß und schön und heilig diese Liebe war. Ich hatte es so begreiflich gefunden, daß diese Zwerggestalt mit dem unförmlichen, kahlen Kopfe und dem grotesk häßlichen Gesicht von einem schönen, schlanken Mädchen nicht geliebt werden könne, ungefähr, wie man es selbstverständlich findet, daß ein Mann, der auf Krücken geht, nicht auf dem Seile tanzen kann. Jetzt mit einem Male ward mir klar, was dieser Mann alle diese Jahre hindurch gelitten haben mußte, er, der nicht ohne Grund und gewiß nicht ohne Hinblick auf sich selbst sagte, daß der Mensch zum Leben kaum mehr als Kopf und Herz brauche! Und dann verglich ich ihn, den stoischen Dulder, mit mir, und ich fragte mich, ob er, der Reine, Gute, Edle nicht, Alles in Allem, viel mehr verdiene, von Paula geliebt zu werden, als ich. Mir war dieses Glück stets als ein Gnaden-Wunder erschienen, dessen ich mich im Grunde niemals würdig gefühlt, aber so unwürdig hatte ich mich nie gefühlt, wie jetzt, wo ich mein Heiligenbild an eine Buhlerin verrathen, die mich genasführt hatte, wie ich es verdient.

Vielleicht, daß ein Jüngling von Achtzehn, der diese Zeilen liest, im Bewußtsein seiner reiferen Erfahrung, mitleidig lächelt über den Mann von Achtundzwanzig, der sich eine solche Kleinigkeit zu Herzen nehmen konnte. Aber mein weiser Freund möge bedenken, daß ich in den einfachsten Verhältnissen erwachsen, acht Jahre im Gefängnisse gewesen war, und jetzt, seitdem ich in der Hauptstadt lebte, meine Zeit sehr nöthig gehabt hatte, ein guter Maschinenarbeiter zu werden. Wo sollte ich die Erfahrungen meines weisen Freundes gesammelt haben? woher wissen, daß dergleichen Liebesschmerzen dem Manne comme il faut gut stehen, wie dem Räuber Schweizer seine Narben? nicht nur in seinen eigenen Augen und in denen seiner Kameraden, sondern, was mehr sagen will, in den Augen der Schönen, vor deren schönen Augen er Gnade zu finden wünscht und hofft? Ich war ein großer Hans mit meinen acht und zwanzig Jahren; ich gestehe es reumüthig und mit der Bitte, daß mein weiser Freund von Achtzehn mit mir Geduld haben möge![114]

Freilich wird ihm das schwer werden, wenn er hört, daß ich die Thorheit so weit trieb, als unumstößlich anzunehmen, ich habe mich der schönen Sünderin mit Leib und Seele einmal für allemal ergeben, und es sei meine Pflicht, von diesem Augenblick an für sie zu leben; sie zu retten, wenn es sein könnte, mit ihr unterzugehen, wenn es sein müßte; und daß ich mich keineswegs losgesprochen und entsündigt fühlte, als sie mir nach der spukhaften Katastrophe in einem duftenden Billetchen schrieb: ich sei nach wie vor ihr guter Georg, den sie herzlich liebe, aber sie könne weder mit mir leben, noch wolle sie von mir gerettet werden, noch am allerwenigsten mit mir untergehen. Im Gegentheil, in meinen Augen war und blieb ich ein Verdammter, vor meinem Gewissen losgelöst von der Gemeinschaft der Guten und Reinen. Nie würde mir die heilige Flamme des häuslichen Herdes leuchten, nie ein reines Weib mich mit ihrer Hand beglücken, nie lachende Kinder meine Kniee umspielen! Der Fluch, mit welchem eine stiefmütterliche Natur dem guten Doctor geflucht: der Fluch, nicht geliebt zu werden, wie sein Herz verlangte, – ich hatte ihn selbst in meiner Thorheit auf mich herabgerufen, und so blieb mir denn nichts übrig, als, wie er, auf individuelle Liebe zu verzichten, und mir, wie er, Trost und Erquickung aus dem ewig quellenden Born der großen Liebe für die leidende Menschheit zu schöpfen.

Ich habe hernach wohl eingesehen, daß der eben so weise als kluge Doctor meinen Zustand so ziemlich richtig beurtheilte, und denselben keineswegs so tragisch nahm, wie ich selbst. Aber die augenblickliche Disposition meiner Seele für ein Wirken in seinem Sinne kam ihm sehr gelegen. Er hatte mich schon seit Jahren als seinen Schüler betrachtet, und er durfte es in mehr als einem Sinne. Er hatte Großes mit seinem Schüler vor, und dies war eine Stufe, ohne welches jenes Großes, das wußte er, sich niemals würde erreichen lassen.

Es war mir nichts Neues, daß der edle Mann, trotzdem er stets erklärte, daß die Dummheit freilich immer ein Unglück, aber auch das Unglück in den allermeisten Fällen eine Dummheit sei, für die unglücklichen Dummen und dummen Unglücklichen eine große Liebe hatte. Wie groß diese Liebe war, sollte ich jetzt erst erfahren. Er machte mich theoretisch und praktisch mit den socialen Fragen bekannt, die jetzt alle[115] Welt beschäftigen, aber damals erst von wenigen erleuchteten Köpfen hinreichend gewürdigt wurden. Er zeigte mir, wie die Dinge lagen in England, in Frankreich, bei uns, und, was man nach dem Muster der Engländer und Franzosen auch in Deutschland thun könne. Da war die Rede von Kranken- und Sterbekassen, von Consum- und Arbeitervereinen, von Spielschulen für die Kinder, von Gewerbeschulen für die Erwachsenen und mit welchen Hilfsmitteln man denn früher oder später den allgemeinen Feind auf seinem eigenen Felde zu bekämpfen versucht hat. Nach allen diesen Seiten hin war damals bei uns so gut wie nichts geschehen: ein arger Zustand, der um so ärger war, als gerade zu jener Zeit das Fabrikwesen mit der Entstehung der ersten Eisenbahnen einen ganz unerwarteten Aufschwung nahm; die verhundertfachte Nachfrage, ein massenhaftes Herbeiströmen der Arbeiter und damit vorläufig ein massenhaftes Wachsen der Uebel verursachte, deren man sich schon in den patriarchalischen Verhältnissen der vergangenen Zeit nicht hatte erwehren können. Es dauerte nicht lange, bis ich in der Seelenstimmung, in welcher ich mich befand, von der neuen Leidenschaft ganz und gar ergriffen wurde. Ein gewöhnlicher Arbeiter, der ich war, mit meinen Mitarbeitern, wie ich es that, brüderlich verkehrend, hörte und sah ich so ziemlich, was in diesen Kreisen vorging. Wo meine Kenntniß nicht genügte, konnte Klaus mit seiner reichen Erfahrung das Fehlende ergänzen, und weiter als unser Beider Blick trug der des Doctors, der in die dunkelsten Falten sah und spähte, die das Elend und der Jammer des Armen vor Aller Augen verbergen, nur nicht vor denen des Arztes. So tauschten wir drei unsere Erfahrungen aus und steckten die Köpfe zusammen manchen Abend nach der schweren Tagesarbeit auf des Doctors Zimmer und sannen gemeinschaftlich über die Ausführung der Projekte, mit welchen sich der Doctor schon so lange getragen hatte.

Ach, es war wenig, so wenig, was wir thun konnten! Auf der einen Seite hatten wir zu kämpfen mit der Dummheit derer, die lieber zu Grunde gehen, als von dem alten Schlendrian lassen wollten, auf der andern mit der Rohheit jener, die nicht einzusehen behaupteten, weshalb sie nicht sollten gedeihen können, wenn auch jene zu Grunde gingen.

»Es ist die alte Geschichte von Hammer und Amboß,« sagte ich wohl einmal zu dem Freunde. »Die Arbeiter haben[116] sich an das träge Amboßsein gewöhnt, daß sie nichts in Bewegung setzen kann, selbst, wo es sich offenbar um ihr Bestes handelt. Die Fabrikanten wiederum meinen, da sie doch einmal die Herren vom Hammer seien, brauchten sie nur auf den Amboß zu schlagen, welcher ja, Gott sei Dank, bis jetzt geduldig still gehalten.«

»Habe ich Ihnen nicht immer gesagt, daß es so gewesen ist, seitdem die Welt steht?« entgegnete der Doctor; »nun sehen Sie es selbst.«

»Aber dagegen muß sich doch ein Mittel finden lassen!« rief ich. »Ich kann mich von diesem schönen Glauben unsers herrlichen Freundes nicht los machen.«

»Nur nicht auf dem Wege, wo er es suchte;« erwiederte der Doctor, indem er seinen großen Kopf schüttelte. »Er wähnte, die Menschen frei machen zu können, wenn er sie nur die Würde und Heiligkeit der Arbeit gelehrt hätte. – Sie haben nicht arbeiten wollen, als sie mußten; jetzt müssen sie, obschon sie nicht wollen; meine Aufgabe ist, sie dahin zu bringen, daß sie wollen, was sie müssen. Sie sind unfrei gewesen, als sie dem Namen nach frei waren, ich will sie in Wahrheit frei machen, während sie unfrei sind, daß sie als Freie aus der Unfreiheit hervorgehen – solche und ähnliche Reden – wie oft haben wir sie aus seinem beredten Munde gehört! und er glaubte so fest daran, der großmüthige Schwärmer, weil er die Welt nicht kannte, weil er nicht wußte, daß die Arbeit eine Waare ist auf dem Weltmarkte, die, wie jede andere, unter dem großen Gesetz des Angebots und der Nachfrage steht, und daß, wenn die Conjunctur darnach ist, der freie, fleißige Arbeiter in eine Lage kommen kann, wo seine Freiheit und sein Fleiß und seine Arbeit nicht einen Pfifferling werth sind. So tritt denn die Sache Amboß contra Hammer in eine höhere Instanz, wo sie nach großen geschichtlichen und ökonomischen Gesetzen entschieden wird, und allerdings, wie unser Freund auch richtig herausgefunden hatte, so, daß beide Theile schuldig und in die Kosten des Prozesses zu verurtheilen sind.«

»Das kann uns zur Noth über den endlichen Ausgang beruhigen,« sagte ich; »aber wenn ich unseren Freund recht verstanden habe, soll der bessere Mensch in sich selbst schon den Zwiespalt aufheben, indem er sich bewußt wird, daß er in jedem Augenblicke zu gleicher Zeit handelt und leidet, giebt[117] und empfängt, getragen wird und trägt, mit einem Worte: Hammer und Amboß ist.«

»Sehr schön und rühmlich für den, welcher sich mit dieser Wahrheit so durchdringt, daß sie auf alle seine Handlungen einwirkt,« erwiederte der Doctor. »Indessen ist das Gemeinwohl doch weniger abhängig davon, als es scheint, und zum großen Glück; denn sobald der Einzelne zur Macht gelangt, spürt er einen verteufelten Kitzel, der Humanität ein Schnippchen zu schlagen und seine Macht zu mißbrauchen. Was sollte da aus der armen Menschheit werden?«

»Und doch haben Sie mich so ausgescholten, daß ich nicht mit beiden Händen zugriff, als Sie mir Ihr ganzes Vermögen zur Disposition stellten, um das ich Sie jedenfalls alsbald betrogen hätte, den Weg zur Million würdig zu beginnen.«

»Das ist etwas Anderes«, sagte der Doctor, sehr verlegen werdend.

»Ich wüßte nicht,« erwiederte ich. »Wer bürgt Ihnen, daß ich der Versuchung kräftiger widerstehe, als andere Leute? oder glauben Sie, daß ich mit meinen breiten Schultern leichter durch das Nadelöhr gehe, als unser würdiger Commerzienrath?«

»Vergleichen Sie sich nicht mit diesem Ungeheuer,« rief der Doctor wüthend. »Habe ich Ihnen schon den Brief gezeigt, den er mir auf meine Bitte, sich für unsere Projecte zu interessiren, geschrieben hat? Hier – das können Sie überschlagen – eine plumpe Verspottung von Leuten, die sich um ungelegte Eier kümmern – aber hier: Consumvereine? dummes Zeug! an jeder Ecke ist ein Materialwaarenladen! und hier: Krankenkassen? Sterbekassen? Ich will gesunde Arbeiter haben und habe noch immer genug gehabt, und mehr als ich brauchen konnte. Die Kranken gehen Sie an, geehrter Herr Doctor, nicht mich; und was das Sterben betrifft, so werden wir das wohl Beide nicht hindern können. – Es ist ein Thier!« schrie der Doctor, den Brief zerknitternd und mit den Füßen stampfend: »ein Kerl ohne Eingeweide; nichts Besseres als eine Raupe in Menschengestalt.«

»Aber das ist ja Jeder, Doctor, der eine Million hat.«

»Sie reden ihm immer das Wort,« krähte Doctor Snellius.

Und darin hatte er nicht so ganz Unrecht; ich konnte dem Commerzienrath niemals so gram sein, wie ich es vielleicht[118] anderen Menschen derselben Art gewesen wäre. War der Mann im blauen Frack mit goldenen Knöpfen und gelben Nanking-Beinkleidern doch eine Gestalt aus meiner Kindheit Tagen, auf welcher, er mochte nun sein, wie er wollte, immerhin ein Schimmer von der Sonne lag, die mir damals geleuchtet hatte. Und was das heißen will, weiß Jeder, der eine Kindheit gehabt hat – was freilich mehr ist, als, Gott sei es geklagt, sehr viele von sich sagen können. Wer oder was immer von dieser Sonne mit belebtet wurde, dem ist ein für alle mal ein Freibrief ausgestellt, welchen wir zu jeder Zeit gern respectiren. Und dann war noch ein oder der andere Grund, weshalb ich den reichen Commerzienrath anders ansehen mochte, als mein guter galliger Freund. Ich konnte freilich, wenn ich es wohl bedachte, nicht recht begreifen – und habe auch niemals so recht begreifen können – daß dieser Mann der Vater der schönen, blauäugigen Hermine war; aber er war es doch nun einmal – eine ungefüge, stachlige, rauhe und nicht übermäßig saubere Schale gleichsam, in welcher die kostbare Perle lag, und mit der man sich schon befassen mußte, wenn man sich an der Schönheit der Perle erfreuen wollte. Das mochte mir um so leichter werden, als ich bis jetzt noch immer Schale und Perle zusammen gesehen hatte, das heißt: die Schale von ihrer allerbesten Seite, von der weichen und gewissermaßen liebenswürdigen Seite, welche sie gegen die verzogene Tochter-Perle kehrte. Und dann war noch ein Grund, der mir damals und später den harten Bissen, welchen man den Commerzienrath Streber nannte, schmackhafter machte. Es war viel Salz an den Bissen gethan, das allerdings sehr scharf und grobkörnig war, aber für das ich doch Geschmack hatte. Um es mit einem Worte zu sagen: der alte Cyniker schien mir in seiner Weise ein Original, und ich hatte von jeher eine unüberwindliche Neigung für diese in ihrer Art unschätzbare Menschenklasse.

Seit jener Begegnung auf dem Schiffe hatte ich ihn nicht wieder gesehen, trotzdem er seitdem zwei- oder dreimal in der Stadt gewesen, und auch die Fabrik besucht hatte. Den Winter hatte er wie immer in Uselin zugebracht, war aber jetzt beim ersten Beginn des Frühlings nach Zehrendorf übergesiedelt, wo die Menge der neuen Einrichtungen seine Gegenwart dringend erforderte. Hermine war mit ihm gegangen; sie pflegte schon seit Jahren den Sommer auf dem[119] Lande zuzubringen, für dessen Annehmlichkeiten und Freuden sie eine große Leidenschaft gefaßt. Fräulein Amalie Duff war wie immer im Gefolge ihrer jungen Herrin.

Dies Alles hörte ich von Paula, die überhaupt die einzige war, von der ich, was in der Streber'schen Familie vorging, erfahren konnte und erfuhr. Sie stand mit Hermine in einem Briefwechsel, welcher ziemlich lebhaft betrieben werden mochte. Ob ich vorübergehend in diesem Briefwechsel vorkam, konnte ich nie recht erfahren. Manchmal schien es mir so, und manchmal auch wieder nicht, und fragen mochte ich Paula nicht. Hatte ich sie doch auch bitten wollen, Hermine gegenüber meine Beschäftigung in der Fabrik ihres Vaters nicht zu erwähnen, und ich hatte es nicht gethan, weil es mir eine kindische Eitelkeit däuchte, mich ausdrücklich vor einem Mädchen verleugnen zu lassen, das möglicherweise gar nicht nach mir fragte. Indessen mußte ich fast glauben, daß Paula meinen Wunsch, ohne daß ich ihn ausgesprochen, geahnt und erfüllt, und daß man dort nichts von mir wußte. Wenn ich auch der schönen Hermine vollkommen gleichgültig war, so nahm ich doch – darauf hätte ich schwören mögen – in dem menschenfreundlichen Herzen ihrer Duenna einen nicht unbedeutenden Platz ein, und sie hätte gewiß nicht unterlassen, nach ihrem »Richard« treu zu suchen, bis sie ihn gefunden. Es lag, mit einem Worte, über dieser Angelegenheit ein Nebel, der sich für mich erst viel später, vielleicht zu spät lüften sollte. Nur die Wärme fiel mir einige Male auf, mit welcher Paula, besonders in letzterer Zeit, über Hermine gesprochen. Es ist, hatte sie einmal gesagt, ein reizendes Geschöpf, mit den herrlichsten Anlagen, aus der etwas ganz Vorzügliches werden kann, wenn sie den rechten Mann findet; – und ein andermal: der Glückliche, der sich diesen Schatz erobert! aber freilich, es muß ein ganzer Mann sein, denn ich glaube, der Schatz ist noch schwerer zu behaupten, als er zu erobern ist.

Wußte Paula, daß nach jener merkwürdigen Begegnung auf dem Dampfschiff, als der Wanderer seine einsame Straße nach der Hauptstadt zog, die blauen Augen Herminens seine Sterne gewesen waren? Wollte sie, indem sie mir gegenüber das schöne Mädchen so lobte – und sie wußte, welche hohe Bedeutung ihr Lob für mich hatte! – wollte sie mir die Thorheit von gewissen Gedanken, die sich in meiner Seele[120] geregt hatten, klar machen? aber weshalb das? Welchen Grund hatte ich ihr gegeben, mich dieser Thorheit zu beschuldigen? Hier war ein Geheimniß, eine dunkle Wolke zwischen mir und Paula; und es war nicht die einzige und leider nicht die dunkelste. Ich hatte ihr – und wie hätte ich es sollen! – kein Wort, keine Silbe von meiner unseligen Begegnung mit Konstanzen gesagt. Es war das eine Wunde, an die ihre reine Hand nicht rühren durfte, eine Wunde, die so still für sich hin bluten und ausbluten und heilen mußte. Aber es ist ein eigen Ding um so eine heimliche Wunde, die man sorgfältig verbirgt und verbergen muß. Sie thut uns doppelt und dreifach weh und heilt doppelt und dreifach langsam, und das Schlimmste ist, daß man ein böses Gewissen dabei hat und sich vor der Berührung der liebsten Hand scheut, weil man immer fürchtet, diese Hand möchte unversehens einmal die schmerzliche Entdeckung machen. So war es auch zwischen mir und Paula in diesem Falle. Ich war noch nie so selten zu ihr gekommen, hatte noch nie in den Gesprächen mit ihr meine Worte so sorgsam überlegt, ja es kamen Augenblicke, in welchen mir die sich stets gleich bleibende Güte des liebenswürdigsten und edelsten Wesens geradezu peinlich war. Ich zitterte vor dem Momente, wo das Gespräch einmal auf Konstanze kommen, oder Paula erfahren würde, daß Konstanze und die schöne Bellini eine und dieselbe Person seien. Wußten doch, wenn auch Niemand sonst, der junge Fürst Prora gewiß und Arthur sehr wahrscheinlich um das Geheimniß! Aber meine Sorge schien unnöthig. Weder der Fürst noch Arthur hatten sich wieder bei Paula sehen lassen, und beiläufig erfuhr ich einmal, daß der Fürst, nachdem er ein paar Wochen hindurch die Residenz durch seine Verschwendung und seine Ausgelassenheit in Aufruhr gebracht, von seinem Vater nach Rossow geschickt sei und daß Arthur ihn begleite. Um dieselbe Zeit verkündeten die Zeitungen, die sich damals ein gut Theil eingehender mit dergleichen Dingen beschäftigten, als in unseren vielbewegten Tagen: der Intendant der königlichen Bühne habe die junge Künstlerin, welche seit Kurzem in dem Albert-Theater so gefeiert wurde, sofort geworben und gewonnen; da es aber entscheidenden Orts für unpassend erachtet sei, einen Stern, wenn er auch noch so sehr glänze, ohne Uebergang aus einer relativ niederen Sphäre in die hohe der königlichen Bühne[121] zu versetzen, habe man dem Fräulein Bellini sofort einen mehrmonatlichen Urlaub ertheilt, den sie zur Ausfüllung gewisser Lücken ihres Repertoirs und zu noch sorgfältigerer Schulung ihres eminenten Talentes anwenden solle, und sie habe dieserhalb eine Reise nach Paris angetreten, zugleich – andere Blätter sagten in Begleitung – mit dem bisherigen ersten Liebhaber vom Albert-Theater, Herrn Lenz, welcher ebenfalls für die königliche Bühne geworben war, oder – sagten andere Blätter – hatte geworben werden müssen, weil die ebenso eigensinnige, als schöne Bellini das Engagement des genannten Herrn zur Bedingung ihres eigenen Engagements gemacht hatte. Bei dieser Gelegenheit brachten die Blätter auch die interessante Mittheilung, daß der genannte Herr Lenz eigentlich von Sommer heiße und der Sohn eines hohen Beamten – des Ministers, sagten andere Blätter – eines kleinen Nachbarstaates sei. Auch die Herkunft der schönen Bellini solle in höhere Regionen weisen, aber man sei bis jetzt nicht im Stande – die Discretion verbiete, sagten andere Blätter – den geheimnißvollen Schleier zu lüften.

Ich athmete hoch auf, wie ein Furchtsamer, wenn die Glocke Eins schlägt. Das Gespenst mag in der nächsten Nacht wieder kommen, aber drei und zwanzig Stunden hat er wenigstens Ruhe. Ich konnte ein paar Monate lang sicher sein, ihr nicht zu begegnen; ich konnte des Abends, wenn ich von Paula kam, durch die Straßen gehen, in welcher sie wohnte, ohne die Fensterreihe ihrer Wohnung erleuchtet oder ein paar Wagen mit hellen Laternen und mit Livreebedienten vor ihrer Thür halten zu sehen. Ja, die Nacht war für diesmal zu Ende, die kalte, böse, spukhafte Winternacht; es war wieder Morgen, es war wieder Frühling!

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 2, Leipzig 1874, S. 110-122.
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