Achtzehntes Capitel

[145] In diesem Augenblicke kam ein Reiter, der vor einigen Minuten aus einem Seitenwege auf den Hauptweg gebogen war, im Galopp an ihnen vorüber. Ein großer Neufundländer, den Oswald zuerst für Melitta's Dogge hielt, galoppirte in langen Sprüngen neben dem Pferde her, einem herrlichen rabenschwarzen Vollblut, dessen Brust mit weißen Schaumflocken benetzt war. Der Reiter, so weit man es in der Eile bemerken konnte, war ein Mann von vielleicht dreißig Jahren, lang und dürr, gegen die Gewohnheit der Gutsbesitzer hier zu Lande in langen Beinkleidern statt der Stulpenstiefeln; seine Haltung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren, welche man lateinische Reiter zu nennen pflegt. Aber es war das wohl mehr Nachlässigkeit und die Gewohnheit, sich gehen zu lassen, als wirkliche Ungeschicklichkeit, denn, als er fast unmittelbar vor den ihm Entgegenkommenden war, die er, in Nachdenken oder Träumereien verloren, jetzt erst bemerkte, warf er seinen Renner mit einer Kraft und Gewandtheit auf die Seite, die den tüchtigen Reiter bekundeten. Excusez, messieurs! rief er, flüchtig an den Hut greifend und weiter galoppirend.

Kennen Sie den Herrn? sagte Oswald stehen bleibend und dem Manne nachschauend, dessen Züge ihm fremd und bekannt zu gleicher Zeit erschienen waren.

Tiens! sagte Herr Bemperlein, ebenfalls stehen bleibend, das muß der Baron Oldenburg gewesen sein. Ja, gewiß ist's der Baron! rief er, als der Reiter jetzt bei den Knaben, die in der Entfernung von ein paar hundert Schritten folgten, angekommen, still hielt, und ihnen vom Pferde herab die Hand[145] reichte. Ich hätte ihn kaum wieder erkannt mit seinem schwarzen Bart und seinem gelben Gesicht. Er sieht ja aus wie ein wahrer Kabyle. Seit wann mag er denn wieder im Lande sein?

Ist er auf Reisen gewesen? fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit.

Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reisen, erwiderte Herr Bemperlein; vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Barnewitz und dessen Gemahlin in Rom, und sie sind dann mit ihm durch Süd-Italien gereist. In Sicilien haben sie sich getrennt. Die Herrschaften traten die Rückkehr an, und der Baron ging weiter nach Aegypten, Nubien, und Gott weiß, wohin ihn sein unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag. Aber wir sind schon wieder von unserm Thema abgekommen.

Herr Bemperlein fing mit der ihm eigenthümlichen Redseligkeit abermals zu erzählen an, aber wenn Oswald schon vorher nur mit halbem Ohr zugehört hatte, so schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab ... Das war also der Mann, der einst in Melitta's Leben eine so große Rolle gespielt hatte! Eine so große Rolle! Eine wie große Rolle? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt – vielleicht, – gewiß nie wahrhaft geliebt – aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis der höchsten Gunst einer Frau? Giebt es nicht so dergleichen, wie Begierde ohne Liebe? oder auch Liebe ohne Begierde, oder der Wunsch, den Geliebten auf jede Weise an sich zu fesseln, auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust – – Und so hätte sie doch an der Seite des Mannes, an dessen Wiege die Grazien ausgeblieben waren, geruht; wohl ohne Ruhe, ohne die tiefe Seligkeit zu finden, die sie hoffte, – aber doch geruht? O, in dem Gedanken war Höllenqual ...

So raunte und flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht wilde, schlimme Gedanken in's Ohr, die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die Stirn trieben – was Wunder, wenn er so Herrn Bemperlein's Erzählung wie im Traume hörte. Nur so viel begriff er, daß der wunderliche brave Mann erst jetzt, nachdem die Noth des Lebens für ihn[146] vorbei war und er in der grünen Einsamkeit von Berkow frei von aller Sorge aufathmen durfte, zum ersten Mal über seine sogenannte Wissenschaft, die zu prüfen, ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte, nachzudenken begann; daß er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren Literatur, vor allem mit Shakespeare Bekanntschaft machte, daß er von den Dichtern auf die Philosophen kam, und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt aufging, von der er, der Zögling theologischer Scholastik, keine Ahnung hatte; daß er von Spinoza, später von Schopenhauer angeregt, sich auf das Studium der Natur, auf Botanik, Mineralogie, Physik geworfen, sich mit Hülfe des alten Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig experimentirt habe, und daß auf seinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinselligmachende Kraft der Professoren-Religion, den ihm die Lectüre der Philosophen noch etwa gelassen hatte, vollkommen verdampft sei.

Das ging nun so, so lange es ging, sage Herr Bemperlein, allein es kam nicht zum Sterben, aber doch zu dem Augenblick, wo ich mich entschließen mußte, ob ich meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte oder nicht. Eine sehr einträgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend, von der ein Onkel der Frau von Berkow, der ältere Herr von Barnewitz Patron ist, wurde durch den Tod des Inhabers erledigt. Herr von Barnewitz glaubte seiner Nichte einen Gefallen zu erweisen, wenn er mir diese Stelle anbot, ich hatte weiter nichts zu thun, als am nächsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten, und die Sache war abgemacht. Nun müssen Sie wissen, daß ich, als mir Herr von Barnewitz die Sache vorstellte, im ersten Schrecken, halb aus Ueberraschung, halb, um den guten Mann nicht zu kränken, und dann auch, weil wir (das heißt Frau von Berkow und ich) Juliu's Uebersiedlung nach Grünwald beschlossen hatten, und so meines Bleibens in Berkow doch nicht länger sein konnte, »Ja« gesagt und mich wirklich hingesetzt habe, eine Predigt auszuarbeiten. Ich hatte mich seit ein paar Jahren glücklich um jede Gelegenheit, wo mein theologisch-declamatorisches Talent sich hätte zeigen können, herumzudrücken[147] gewußt, und jetzt fühlte ich zu meinem Schrecken, daß ich die Kanzelsprache, und noch mehr als die Sprache, die Kanzellogik vollständig verlernt hatte. Drei Abende hinter einander setzte ich mich zu der Sisyphusarbeit hin; aber nie kam ich auch nur über »meine andächtigen Zuhörer« hinaus. Die contradictio in adjecto peinigte mich, ich wußte aus eigener Erfahrung, wie es mit der Andacht der Zuhörer bestellt ist. Andächtig kommt von Denken! Da, in der dritten Nacht, als ich mich voller Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war, erwägend, was wohl mein guter Vater und mein würdiger Großvater, den ich auch noch gekannt hatte, sagen würden, wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen Grundsätzen erzogenen Sohnes und Enkels sähen, hatte ich folgenden kuriosen Traum, zu dessen Erklärung ich vorher bemerken muß, daß Frau von Berkow mir an jenem Tage viel von den Museen des Louvre erzählt hatte.

Mir träumte also, ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal, an dessen Wänden Sculpturen und Gemälde standen und hingen. Da saß Gott Vater selbst, ein schöner bärtiger alter Mann, und reckte die Hand aus und schuf Himmel und Erde, dann kamen Adam und Eva, in weißem Marmor: Eva, ziemlich wohl erhalten – Adam aber hatte den Kopf verloren; darauf »Kain's Brudermord«, ein großes Oelgemälde, ebenso wie ein darauf folgendes: »Adam und Eva finden die Leiche des ermordeten Abel«; auf welchem die Gestalt des todesblassen Jünglings der wie eine gebrochene Lilie anzuschauen war, mich fast zu Thränen rührte. So ging es weiter und weiter: Statue an Statue, Gemälde an Gemälde. Ich war nicht allein im Saale, im Gegentheil, viele Menschen bewegten sich an den Wänden und durch den Wald von Statuen hin. Vor einzelnen besonders hervorragenden Werken, zum Beispiel dem Durchzug der Kinder Israel durch das rothe Meer – einer riesengroßen Freske – standen ganze Gruppen – auch vor andern, die sich weniger durch historische Bedeutung, als durch das Pikante der dargestellten Situation auszeichneten. So mußte ich mich über das Betragen einer Schaar junger Mädchen ärgern, die vor[148] einem Gemälde, darstellend: »Lot, von seinen Töchtern trunken gemacht« die Köpfe zusammensteckten und kicherten. Ueberhaupt erschien mir das Benehmen der Gesellschaft in hohem Grade anstößig. Die Frauen lachten und schwatzten und kokettirten, die Herren schwatzten, lachten und lorgnettirten, und einige mit langen Beinen und langen Zähnen – wahrscheinlich Engländer – hatten gar den Hut auf dem Kopf. Fast Alle hielten ein Buch in der Hand, in welches die Gewissenhafteren von Zeit zu Zeit hineinsahen, wenn sie sich über eins der Kunstwerke Auskunft holen wollten. Dies Buch schien mir der Katalog des Museums zu sein, und da ich einen solchen ebenfalls zu haben wünschte, weil ich die Reihenfolge der Propheten vergessen hatte, und nun nicht wußte, ob der alte bärtige Mann, Nr. 8, Habakuk, und der Jüngling, Nr. 9, Zephanga, oder umgekehrt sei, so wandte ich mich an einen alten Herrn, den ich mit einem Fliegenwedel an den Statuen beschäftigt gesehen hatte, und den ich in Folge dessen für einen der Custoden hielt. Als ich näher trat, wandte sich der Mann um, und ich erschrak nicht wenig, als ich meinen eigenen Großvater erkannte. Was wünschen Sie, junger Mann? sagte er in strengem Ton. Ich wiederholte schüchtern meine Frage. Hier haben Sie einen Katalog, sagte er, von einem Tische, auf welchem eine große Menge jener Bücher lag, eins nehmend und mir reichend, kostet fünfzehn Silbergroschen. – Ich schlug das Buch auf; ich wünschte einen Katalog, sagte ich, Sie haben mir – Ganz richtig, sagte der alte Mann mit melancholischer Stimme, dies ist der Katalog für das alte Museum; der Eingang in das neue Museum, in welchem die Kunstwerke von dem Jahre Eins christlicher Zeitrechnung bis zum Jahre 1793, wo die christliche Religion abgeschafft, und die Göttin Vernunft auf den Thron gesetzt wurde, aufgestellt sind – ist dort! Er wies auf eine schöne breite Treppe, die aus dem Saale hinaufführte in andere Räume. Sie werden gut thun, sich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen. Er kostet zehn Silbergroschen und Sie haben sich deshalb an Ihren Vater zu wenden, welcher in jenem Theile des Gebäudes dasselbe Amt versieht, welches ich hier versehe. Und damit wandte[149] mir der alte Mann den Rücken, und fing wieder an, mit seinem langen Wedel die Statuen und Bilder abzustauben. Entschuldigen Sie, lieber Großvater, sagte ich. – Ich bin Ihr Großvater nicht, antwortete der alte Mann, ruhig in seiner Beschäftigung fortfahrend. Nun, Herr Custos? fragte ich. Ja wohl, Custos, nichts weiter, nichts weiter, murmelte der Greis. Wo haben denn, Herr Custos, fuhr ich fort, die Kunstwerke, die seit jener Zeit entstanden sind, ihre Stelle gefunden? Seit jenem denkwürdigen Jahre, sagte der Alte, hat nichts Gescheidtes mehr zu Stande kommen wollen. Zwar haben sich noch einige Künstlerschulen gebildet, aber es hat Alles kein rechtes Leben, und ihre Productionen können auf eigentlichen Kunstwerth keinen Anspruch machen. Den Künstlern selbst fehlte der rechte Glaube, und ohne den läßt sich nun einmal nichts Ordentliches malen oder meißeln oder schreiben, – bei diesen letzten Worten maß er mich mit einem strengen Blicke. – Oder schreiben, wiederholte ich kleinlaut, an meine ungeschriebene Probepredigt denkend – Oder schreiben, fuhr er fort, – und dann ist das Publikum selbst in neuester Zeit sehr gleichgültig geworden, und die Kritik sitzt den Künstlern zu unbarmherzig auf dem Nacken, und das verdirbt ihnen die naive Unbefangenheit und nachtwandlerische Sicherheit, ohne welche nun ein für alle Mal, – aber jetzt muß ich Sie ersuchen, sich zu entfernen, die Glocke hat schon lange geläutet, Sie sind der Allerletzte. Er begleitete mich bis zum Ausgange des Saales, öffnete mir die Thür und lud mich mit einer steifen Verbeugung ein, hinauszuspazieren. – Ich that es – die Thür fiel donnernd hinter mir zu, und – ich erwachte.

Seit jenem Traum, fuhr Bemperlein fort, machte ich keinen neuen Versuch mehr. Ohne Glauben läßt sich keine Predigt schreiben, sagte ich zu mir, und wenn sich auch noch zur Noth eine schreiben läßt, so läßt sie sich doch nicht halten, wenigstens nicht von einem Manne, der, wie Du, ein Stück Gewissen und weder Kind noch Kegel hat, die manchen ehrlichen Kerl schon Dinge haben schreiben und sagen machen, die er nur so, und auch kaum so, vor Gott und der Welt verantworten kann. Daß[150] ich nicht mehr Pastor werden könnte, stand bei mir fest, und ich schrieb also heute Morgen an Herrn von Barnewitz, mich für die mir zugedachte Ehre zu bedanken, von der ich keinen Gebrauch machen könne, – da – ich mich entschlossen hätte, Julius nach Grünwald zu begleiten. Der Einfall kam mir nämlich, wie ich die Phrase schrieb, und ich lief sogleich zu Frau von Berkow, und theilte ihr meinen Entschluß mit, worüber sie eine lebhafte Freude zu erkennen gab. – Nun sagen Sie mir, mein vortrefflicher Freund, der Sie die Güte gehabt haben, diese lange Geschichte anzuhören, was würden Sie thun, wenn Sie in meiner Lage wären? Bedenken Sie dabei, daß ich bereits achtundzwanzig Jahre alt bin, aber noch meine sämmtlichen achtundzwanzig Zähne habe. – Die Weisheitszähne sind ausgeblieben, sei es aus einer Vergeßlichkeit der Natur, sei es aus einer weisen Vorsicht des Schicksals, das daran dachte, wie ich so manchmal im Leben wenig genug zu beißen haben würde.

Was ich thun würde, wenn ich an Ihrer Stelle wäre? sagte Oswald, wenn ich, wie Sie, ein wackrer, gewissenhafter, fleißiger –

Bitte, bitte, Herr Collega; sagte Bemperlein über und über roth werdend.

Ich sage, gewissenhafter, fleißiger Mann wäre? Nun, die Frage ist sehr leicht zu beantworten. Ich würde thun, was Sie bereits gethan haben; ich würde dem Paradies naiver Gedankenlosigkeit und harmlosen Glaubens wohlgemuth den Rücken kehren, nachdem ich einmal vom Baum der Erkenntniß gekostet, und mich, so wenig wie Sie, in den Stall sperren lassen, in welchem die Heuchler, die schnöden Hunde im Schafspelze der Demuth, so ohrenzerreißend und markerschütternd winseln und heulen.

Ganz wohl, ganz wohl! sagte Herr Bemperlein, sich vergnügt die Hände reibend, und was würden Sie dann thun, Werthgeschätztester?

Dann, sagte Oswald, wenn ich Sie wäre, würde ich mich erinnern, welche Mühsal ich schon als schwacher Knabe erduldet, und welchen Fleiß und welche Ausdauer ich bewiesen habe,[151] blos um mir einen Wust von Kenntnissen anzueignen, den ich jetzt froh bin, wieder vergessen zu können – dessen, sage ich, würde ich mich erinnern, und mir eine Wissenschaft zu eigen machen, die ich nicht wieder vergessen möchte, weil ich ihr Jünger sein darf, ohne vorher die freie Vernunft zu knebeln, und weil diese Wissenschaft fruchtbar für mich und fruchtbar für meine Mitbrüder ist.

Vortrefflich, vortrefflich, sagte Herr Bemperlein, weiter, weiter!

Ich würde also mit einem Wort, fuhr Oswald fort, mich mit aller Macht auf die Wissenschaften werfen, in denen Sie sich ja schon versucht haben, und würde mich sobald als möglich nochmals in Grünwald inscribiren lassen, diesmal aber nicht, um Theologie, sondern etwa, um Medicin zu studiren.

Die medicinische Facultät in Grünwald ist ausgezeichnet, sagte Herr Bemperlein.

Sie ist anerkanntermaßen eine der besten in Deutschland, fuhr Oswald fort. Dann würde ich noch ein paar andere Universitäten besuchen, wenn das Geld reicht –

Geld wie Heu, Geld wie Heu, rief Herr Bemperlein, sechs Jahre lang ein prinzliches Einkommen und freie Station, ich bitte Sie, Theuerster, ich habe für ein halbes Jahrhundert zu leben.

Dann würde ich ein berühmter Arzt –

Wissen Sie, sagte Herr Bemperlein, stehen bleibend und sich nach den Knaben umsehend, im Flüsterton: Ich habe schon ein Paar von Julius' Kaninchen heimlich mit Blausäure vergiftet und hernach secirt, und die Frösche in dem Sumpf hinter unserm Park haben keine Ursache, meine Freunde zu sein.

Bravo! lachte Oswald, und dann heirathete ich.

Wirklich? fragte Bemperlein.

Nun natürlich, und erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins, die in der Folge Alle große Bemperleins und Alle Leuchten und Fackeln der modernen Wissenschaft würden.

Auch die Mädchen? sagte Bemperlein lachend.

Die Mädchen heiratheten wieder tüchtige, wahrheitsliebende[152] Männer, und so hülfe ich theoretisch und praktisch die Zeit herbeiführen, wo die Freiheit erscheinen wird, die wir meinen.

Ja, ja, rief Herr Bemperlein, so gehts, so gehts. Dank, tausend Dank, mein trefflicher Freund, daß Sie die letzten Wolken des Zweifels durch Ihre muthigen Worte zerstreut haben. Morgen reise ich mit Julius nach Grünwald.

Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Professor Berger mitgeben, sagte Oswald; er steht mit allen naturwissenschaftlichen Größen in Verbindung.

Er riß ein Blatt aus seiner Brieftasche, schrieb ein paar Worte an Berger darauf und übergab es Bemperlein.

Dank, besten Dank! sagte dieser, das Blatt einsteckend. Die Bekanntschaft dieses Mannes kann mir sehr nützlich werden.

Auf jeden Fall. Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn, ohne allen und jeden Rückhalt, dann dürfen Sie aber auch versichert sein, daß er mit seiner Herzensmeinung nicht hinter dem Berge halten wird. Vielleicht empfiehlt er Ihnen, sogleich auf eine größere Universität, etwa nach der Residenz zu gehen. Folgen Sie dann seinem Rath.

Nous verrons, nous verrons! rief Herr Bemperlein. Aber da sind wir bei unserm Parkthor angekommen. Sie treten doch näher!

Nein, nein! sagte Oswald hastig, ich möchte nicht gern so spät nach Grenwitz zurückkommen.

Nun, dann leben Sie wohl! In ein paar Tagen, wenn ich Julius in Grünwald installirt, und mich über mich selbst bei Berger ordentlich informirt habe, bin ich wieder hier, um definitiv Abschied zu nehmen. Leben Sie wohl so lange, mein werthgeschätzter Freund!

Adieu, Adieu! sagte Oswald, hastig Bemperlein und Julius die Hand drückend, und Bruno mit sich zurück in den Wald ziehend, als hielte ein Engel mit dem flammenden Schwerte Wache über dem Parkthore von Berkow.[153]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 145-154.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gustav Adolfs Page

Gustav Adolfs Page

Im Dreißigjährigen Krieg bejubeln die deutschen Protestanten den Schwedenkönig Gustav Adolf. Leubelfing schwärmt geradezu für ihn und schafft es endlich, als Page in seine persönlichen Dienste zu treten. Was niemand ahnt: sie ist ein Mädchen.

42 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon