Vierundzwanzigstes Capitel

[206] Die Sommersonne war bereits seit einer Stunde hinter den Bäumen des Parks untergegangen; dunkle Schatten lagerten sich in den dichteren Boskets, hie und da zirpte noch ein Vogel, ehe er zur Ruhe das Köpfchen unter den Flügel steckte; sonst war es still geworden in dem vor kurzer Zeit noch so belebten Garten. Aber desto lauter war es jetzt in dem Schlosse. Das blendende Licht von hundert Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen strahlte aus den Fenstern auf den weiten Rasenplatz vor dem Gartensaale. Musik erschallte aus den geöffneten Flügelthüren; und an Thüren und Fenstern vorüber sahen die Dorfleute, die sich in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten, die Paare der Tanzenden schweben. In den Zimmern, die an den Tanzsaal stießen, waren für die älteren Herrschaften Spieltische arrangirt und des Grafen von Grieben kreischende Stimme wurde mehr als einmal vernommen, wenn der alte Baron Grenwitz, der nur ein sehr mittelmäßiger Bostonspieler war, auf drei Asse zum Mitgang gepaßt, oder sonst, durch seine Zaghaftigkeit verleitet, einen jener horribeln Fehler begangen hatte, die das Gemüth eines methodischen Spielers so schmerzlich berühren. Herr von Barnewitz und seine Gemahlin wechselten im Spiele ab, damit stets eines von ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und sich so jede Partei gleicher Gunst erfreute. Hortense hatte ursprünglich den ganzen Ball mitmachen wollen; aber schon nach den beiden ersten Tänzen ärgerte sie sich so über die Huldigungen, die ihrer schönen Cousine von allen Seiten gezollt wurden, daß sie ihrem[206] Gemahl jenes Arrangement vorschlug, in welches er sich um so williger schickte, als er, trotz seiner Corpulenz gern und gut tanzte, und auf alle Fälle ein sehr eifriger Bewunderer hübscher Mädchen und Frauen in Balltoilette war. Und an solchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht. Es war ein Kranz von lieblichen und schönen Gestalten, der auch wohl ein sinnigeres Auge als das des wüsten Edelmannes entzückt haben würde. Die lieblichste und schönste aber war nach dem ausgesprochenen oder schweigenden Urtheil der Herren wenigstens – die Ansicht der Damen über diesen Punkt war allerdings sehr getheilt – Melitta. Die sonst etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz geröthet, die großen Augen strahlend von Licht und Leben, die schlanken elastischen Glieder der herrlichen Gestalt mit wunderbarer Anmuth in rhythmischem Schwunge bewegend – so schwebte sie über den glatten Boden des Saals wie die Muse des Tanzes selbst. Neben dieser blendenden Erscheinung wurden die hübschen Frauen ihres Alters zu Wachsfiguren und die jüngeren Mädchen zu allerliebsten Marionetten. So dachte wenigstens Oswald, wenn er sie im Walzer an sich vorbeifliegen sah oder sie ihm im Contretanze entgegen schwebte. Ein wunderbares Gemisch widersprechender Empfindungen erfüllte seine Seele. Seit jenem Augenblick, wo er in Melitta's Album das Bild des Baron Oldenburg zum ersten Mal gesehen hatte, war er unablässig von dem Gedanken verfolgt worden: in welchem Verhältniß stand sie zu diesem Mann? Aber so oft auch schon die Frage auf seinen Lippen geschwebt hatte, nie hatte er sie auszusprechen gewagt, und je höher die Sonne seiner Liebe stieg, desto blasser war der drohende Schatten geworden. Heute aber hatte Barnewitzens Erzählung, das Erscheinen des Mannes selbst, Melitta's Benehmen in der ersten Begegnung – die halb entschlafenen Zweifel furchtbar geweckt. Wieder drängte sich das Wort auf seine Lippen und immer wieder kroch es scheu zum Herzen zurück. Er zürnte Melitta, daß sie ihn diese Qualen dulden ließ; er zürnte sich selbst, daß er sich von der Geliebten hatte bestimmen lassen, ihr in diese Gesellschaft zu folgen, diese Junkerwelt, in die er nicht gehörte, in welcher er sich nur geduldet[207] wußte, in diese Welt frivolen Genusses und hochmüthigen Dünkels, diese lärmende, blendende Welt, die so grausam mit der Romantik seiner Liebe contrastirte, und der wonnigen, liebeverklärten Waldeinsamkeit von Melitta's Kapelle Hohn zu sprechen schien. Es kam ihm wie ein halb verklungenes Märchen vor, daß dies wunderbare Weib in seinen Armen geruht, daß er – wie oft schon! – seinen Mund auf diese rosigen Lippen gedrückt hatte. Sie erschien ihm so fremd, so ganz verwandelt; er konnte sich nicht überreden, daß dies Melitta sei, seine Melitta, sie, die hier mit dem jungen Breesen lachte und schwatzte, die dort die faden Complimente von Clotens mit so huldvoller Miene beantwortete – und dann wieder, wenn ihr leuchtendes Auge das seine traf, wenn ihre Hand bei den Touren des Contretanzes seine Hand so traulich drückte, wenn bei dieser Gelegenheit ein: süßes Herz! Du Lieber! – nur ihm vernehmbar geflüstert, sein Ohr traf – ja, dann war es doch wieder Melitta, seine Melitta! – Und immer wieder jagten sich Zweifel, die sich zu wahnsinniger Angst steigerten, und Gewißheit, die ihn mit unsäglichem Entzücken erfüllte, durch seine Seele, wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenschein über eine Sommerlandschaft jagen, und um dieser süßen Qual, dieser bittern Wonne zu entgehen, schlürfte er mit hastigen, gierigen Zügen den berauschenden Trank, der, aus blendenden Lichtern, jubelnden Tönen und wollüstigen Düften so seltsam gemischt, in einem Ballsaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantischen Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt.

Oswald lachte und scherzte wie von der tollsten Laune ergriffen: hier ein übermüthiges, keckes Wort, dort eine feine Schmeichelei; hier eine satyrische Bemerkung, dort eine Sentimentalität ... Die Damen schienen vollkommen vergessen zu haben, daß ein so unermüdlicher und gewandter Tänzer, ein so hübscher Mann, der ihnen so viele hübsche Sachen zu sagen wußte, doch nur ein Bürgerlicher sei, der auf alle diese Vorzüge eigentlich gar keinen Anspruch machen durfte, und wenn ja eine der hochadeligen Mütter dem Töchterchen ihr unpassendes Benehmen[208] mit dem jungen Menschen, dem Doctor Stein, verwies, so fiel das goldene Wort diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden und die hübsche Kleine beruhigte ihr aufgeschrecktes adeliges Gewissen mit dem tröstlichen Gedanken: es ist ja nur für heute Abend! – Es steht sehr zu vermuthen, daß das Glück, welches Oswald an diesem Abend bei den Damen machte, mehr als ein junkerliches Gemüth auf das Tiefste indignirte; aber der Ausdruck dieser feindseligen Stimmung beschränkte sich auf einige höhnische Worte, von denen aber keins bis zu Oswalds Ohr drang, und auf einige ärgerliche Blicke, die, wenn er sie bemerkte, nur zur Erhöhung seiner tollen Laune beitrugen. Daß er sich auf einem sehr glatten Boden bewegte, wußte er sehr gut; aber die Nähe der Gefahr, welche die schwachen Geister lähmt, läßt starke Herzen nur desto muthiger pochen; und das Bewußtsein, wie er sich jeden Augenblick einer impertinenten Beleidigung versehen könne, gab seinem Benehmen den Junkern gegenüber eine Kühnheit, seinem Auftreten eine Sicherheit, die, wenn sie einerseits den Unwillen dieser Herren herausforderte, andererseits für sie die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen geradezu unübersteiglich machte. Und übrigens muß zur Ehre dieser jungen Adeligen bemerkt werden, daß sich in einer Schaar von zwölf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden, welche von Vorurtheilen nicht so sehr befangen waren, daß sie Oswalds ritterliches Wesen nicht gern hätten gelten lassen. So Herr von Langen, welcher seinen Arm vertraulich unter den Oswalds schob, und in der Pause mit ihm im Saale freundlich plaudernd auf- und abschritt; so der junge von Breesen, der hübscheste und gewandteste von der Schaar, welcher Oswald bat, ihm ein paar Lectionen im Pistolenschießen zu geben, und als seine Schwester durch Unachtsamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte, zu ihm kam, ihn im Namen der jungen Dame um Entschuldigung bat und ihn zu ihr führte, damit sie sich selbst entschuldigen könne; so endlich selbstredend Baron Oldenburg, der die Tugenden Oswalds, als Tänzer und Schütze gegen mehr als Einen bis in den Himmel erhob, wobei es nur nicht ganz ersichtlich war, ob er dies aus aufrichtiger Ueberzeugung oder[209] mehr in der Absicht that, seine jungen Standesgenossen gründlich zu ärgern.

Dieser dankbaren Aufgabe konnte er sich mit um so größerem Behagen unterziehen, als er auf Herrn von Barnewitzens Frage, ob er spielen wolle, geantwortet hatte: ja, wenn Pharao gespielt wird; und auf Lisbeths von Meyen Bemerkung, ob er denn nicht zu tanzen gedenke, geäußert hatte: Meine Gnädige, in diesem Augenblicke bedaure ich zum ersten Male in meinem Leben, daß mich mein Tanzlehrer nie dahin bringen konnte, die erste Position von der zweiten, und mein Musiklehrer eben so wenig, einen Walzer von einem Choral zu unterscheiden. So trieb er sich denn bald zwischen den Spieltischen umher, und weckte den leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben dadurch, daß er in alle Karten der Reihe nach sah, und Jedem guten oder vielmehr möglichst schlechten Rath ertheilte; bald war er im Tanzsaal und schaute mit den Augen eines gutgelaunten Katers, der weiße und schwarze Mäuschen auf der Scheundiele munter spielen sieht, auf die tanzenden Paare. In dieser angenehmen Beschäftigung störte ihn Herr von Barnewitz, der eilfertig zur Thür des Tanzsaales hereinkam.

Oldenburg, da Du ja doch hier nichts zu thun hast –

Nein, guter Freund, ich habe in der That hier nichts zu thun.

So komm mit hinauf in den Speisesaal und hilf mir beim Arrangiren der Plätze. Willst Du?

Das Vertrauen, welches Du zu meinem organisatorischen Talente hast, ehrt mich hoch, mon ami, sagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden über den Flur, die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glänzend erleuchteten Speisesaal, wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden waren.

Hier, Oldenburg, sind die Zettel, alle schon ausgeschrieben; nun sage mir, sollen wir –

Werthgeschätzter, sagte der Baron zu einem Bedienten, könnten Sie mir wohl, behufs der Entkorkung dieser Flasche, das passende Instrument besorgen? – So, danke – Festina[210] lente, Barnewitz, auf deutsch: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden. Auf Dein Wohl, mein Junge! dieser Knabe Cliquot gehört zu den tugendhafteren seines weit verbreiteten Geschlechts. Wirklich genießbar! und dabei schlürfte er ein Glas nach dem andern. So, jetzt stehe ich vorläufig zu Deinen Diensten. – Stellen Sie die Flasche dort auf den kleinen Tisch, lieber Tressenrock! es sind noch ein paar Gläser drin. – Gräfin von Grieben – Baron Oldenburg, Baronin von Nadelitz, – bist Du des Teufels, Barnewitz? ich soll zwischen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt sitzen? lieber will ich mit aufwarten helfen! Nein! wir wollen die Sache so machen. Die ganze alte Litanei setzen wir an das eine Ende des Tisches und das junge Deutschland an das andere. Geh' Du mit Deiner Heerde von Widdern und Mutterschafen nach Osten, und ich will mit den Böcklein und Zicklein nach Westen gehen.

Das wird wohl auch das Beste sein, sagte Barnewitz, hier sind Deine Zettel.

Die Bedienten hatten den Saal verlassen; die beiden Herren fingen, jeder auf seinem Ende, an, die Zettel zu vertheilen.

Fräulein Klauß, sagte Oldenburg, einen Zettel in die Höhe haltend; wer, bei allen Olympiern, ist Fräulein Klauß?

Unsere Erzieherin. Hast Du sie nicht bemerkt, das hübsche kleine Ding mit den hochverrätherischen Augen? sagte Barnewitz, eifrig sortirend. Wir konnten sie nicht in ihrer Kinderstube lassen. – Herr des Himmels, da sitzen ja schon wieder Mann und Frau zusammen! – weil sonst eine Tänzerin zu wenig gewesen wäre. Du kannst sie mit dem Doctor Stein zusammen setzen. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Schön, sagte Oldenburg.

Wer soll denn die Berkow führen?

Zum Kukuk, laß mich in Ruhe! Du, meinetwegen!

Bon, sagte Oldenburg und trank ein Glas Champagner.

Nach einer kurzen Pause eifrigen Arrangirens:

Wer soll die Ehre haben, bei Deiner Frau zu sitzen?

Heiliges Kreuz – ja freilich, das ist wichtig. Weißt Du[211] was, Oldenburg, nimm den Unbedeutendsten; dagegen kann Niemand etwas einwenden.

Will's schon machen, sagte Oldenburg und suchte unter den Zetteln, bis er den rechten gefunden hatte. Dir will ich Deine unverbürgten Schiffernachrichten eintränken, murmelte er zwischen den Zähnen.

Bist Du fertig, Oldenburg?

Gleich! – So.

Nun, weißt Du was, Baron, geh' Du in den Tanzsaal und sage jedem Herrn, welche Dame er führen soll; ich will dasselbe bei den Spielern thun.

Ainsi soit-il, sagte Oldenburg, dem Davoneilenden folgend.

Als er in den Baalsaal trat, fing man so eben einen Contretanz zu arrangiren an. Unmittelbar nach diesem Tanze sollte gespeist werden.

Die Gelegenheit ist günstig, murmelte er und ging, einem schwarzgefiederten, langbeinigen Vogel zu vergleichen, der sich auf der Wiese Frösche sucht, mit wunderbarer Gravität hinter der Linie der Tanzenden hin, den schicklichen Moment benutzend, jedem der Herren den Namen der Dame, die er ihm zugetheilt hatte, in's Ohr zu flüstern. Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz, die in aller Eile für Fräulein Klauß eingetreten war, welche noch schnell eine Commission in die Küchenregion auszurichten hatte, vis-à-vis Melitta und Herrn von Cloten. Oldenburg hatte schon sämmtlichen Herren ihr Schicksal verkündet, das Allen mehr oder weniger günstig zu sein schien, denn Jeder nickte mit zufriedener Miene. Ganz zu allerletzt trat er zu Cloten und raunte ihm zu:

Cloten, ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben.

Dann zu Oswald: Herr Doctor, Sie werden Frau von Berkow führen.

Darauf entfernte er sich eiligst.

Hortense, flüsterte der überglückliche Cloten dieser Dame zu: Weißt Du, wer Dich führen wird?

Doch nicht Du, Arthur? rief diese erschreckend.

Ja, mein Engel.[212]

Unmöglich, Arthur. Du gehst gleich nachher zu Oldenburg und sagst, daß Du mich nicht haben willst.

Aber –

St! nicht so laut – Du bist ein Narr, ich sage Dir, daß Barnewitz unser Verhältniß mehr als ahnt, dies fehlte noch gerade.

Changez les dames!

Melitta, ich werde Dich zu Tisch führen.

Unmöglich, Oswald. Du mußt das zu redressiren suchen.

Weshalb? flüsterte Oswald und seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

Sieh nicht so finster aus, liebes Herz! ich will Dir Alles erklären.

Fräulein Klauß erschien in dem Nebenzimmer. Sobald Oldenburg sie bemerkte, trat er auf sie zu und seine hohe Gestalt ehrfurchtsvoll neigend, sagte er in einem Ton, dessen Milde sonderbar mit der sonstigen Herbheit seiner Rede contrastirte:

Mein Fräulein, ich werde das Vergnügen haben, Sie zu Tisch zu führen.

Die arme Kleine stand wie vom Blitz getroffen. Baron Oldenburg, der stolze, unheimliche Baron, sie zu Tische führen!

Mit einem wunderbar fragenden Gesicht blickte sie zu ihm auf.

Ich habe die Plätze selbst arrangirt, mein Fräulein; wenn Sie einen besonderen Wunsch haben, sprechen Sie ihn frank und frei aus; ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen gefällig sein zu können.

Gott bewahre, Herr Baron –

Eh bien, so sind wir einig. Wollen Sie mir Ihren Arm geben; ich sehe, die Paare arrangiren sich.

In diesem Augenblicke kam Cloten athemlos herbei.

Auf ein Wort, Oldenburg. – Sie verzeihen, Fräulein; – Oldenburg, Sie müssen mir eine andere Dame verschaffen; ich kann unmöglich Hortense führen.

Pourquoi pas, mon cher?[213]

Weil – zum Henker, weil –

Je suis au désespoir, mon brave; aber Barnewitz hat Sie selbst vorgeschlagen.

Ist das gewiß?

Verlassen Sie sich darauf.

Mit vor Freude strahlendem Gesicht, eilte der Andere zu seiner Dame zurück.

Oswald, sagte Melitta, ich hab' mir's überlegt. Es ist doch besser so – aber mit der Aussicht auf den Cotillon ist es vorbei. Nun komm, gieb mir Deinen Arm und sei wieder gut.

Die älteren Herrschaften waren zuerst in den Speisesaal getreten, und hatten sich bereits hinter ihren Stühlen gereiht; die Gesellschaft aus dem Tanzsaal kam hinterdrein. Herr von Barnewitz kam für einen Augenblick von jener Seite herüber, zu sehen, ob Alles in Ordnung sei. Seine Stirn verfinsterte sich, als er seine Frau an Clotens Arm, Melitta neben Oswald stehend bemerkte, und endlich Oldenburg selbst, seine kleine Dame wie eine Prinzeß von Geblüt führend, in den Saal trat.

Oldenburg, zum Teufel, was hast Du denn da angerichtet, flüsterte Barnewitz heftig. Ich will nicht, daß Cloten meine Frau führt, sie reden so schon genug über die Beiden.

Ja, lieber Freund, Du sagtest, ich sollte den Unbedeutendsten wählen; da war ja gar kein Zweifel möglich.

Und Melitta mit dem Doctor, Du mit der Klauß – das ist geradezu lächerlich.

Ja, Barnewitz, das ist nun einmal geschehen; und nun würdest Du mir einen ausnehmenden Gefallen erweisen, wenn Du nicht desavouirtest, was ich in Deinem Auftrage gethan habe, und Dich ruhig an Deinen Platz verfügtest; die Gräfin Grieben sucht Dich überall mit ihren großen Eulenaugen.

Ich wasche meine Hände in Unschuld, grollte Barnewitz, davoneilend.

Und ich will eine Flasche Champagner auf meinen gelungenen Staatsstreich trinken, murmelte Oldenburg, an der Seite der kleinen Erzieherin, gegenüber Oswald und Melitta, in unmittelbarer Nähe von Cloten und Hortense, Platz nehmend.[214]

Meine Damen und Herren, sagte er; ich hoffe, daß Sie mit mir in ein stilles begeistertes Hoch auf das Wohl des Mannes einstimmen werden, der Jedem von uns seinen Platz anwies, und der, während er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben schien, doch die geheimen Wünsche jedes Einzelnen zu erfüllen wußte. Ich gebe Ihnen zu bedenken, meine Damen und Herren, daß ein Mangel an Enthusiasmus in diesem feierlichen Augenblick nicht nur die Gefühle jenes Mannes schmerzlich berühren, sondern auch die Empfindungen eines Ihrer Nächsten auf's Tiefste verletzen würde, Ihres Nächsten, den mindestens wie sich selbst zu lieben, Sie schon die Religion der Liebe verpflichtet, zu der wir uns ja Alle ohne Ausnahme bekennen. Meine Damen und Herren, trinken Sie mit mir auf das Wohl Ihres und meines besten Freundes, auf das Wohl Adalberts von Oldenburg.

Man kann sich denken, daß, so weit als des Barons mäßig erhobene Stimme schallte, Wenige Lust hatten und Niemand es wagte, sich von diesem ironischen Toast auszuschließen. Die krystallenen Gläser klangen aneinander, und bald flackerte eine lebhafte Unterhaltung um den ganzen Tisch herum auf, wie das Feuer in einem Haufen Stroh, der an allen Ecken und Enden zugleich angezündet ist; jene schwirrende, summende, kichernde, lachende, lärmende, flüsternde Unterhaltung, wo der geistreichste Einfall und die albernste Bemerkung zuletzt als gleich werthvolle oder werthlose Münze coursiren.

Achte auf Deine Augen, Oswald, sagte Melitta, in jener rapiden Weise, wo die Rede sich kaum vom Hauch unterscheidet und doch jede Sylbe deutlich gehört wird. – Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen, erbrochen und gelesen.

Von Cloten hatte Hortense vergeblich zu überreden gesucht, es sei ihres Gemahls eigener Wunsch gewesen, daß er sie zu Tische führe.

Sei doch nicht so einfältig, Arthur, sagte die junge Frau. Es ist eine Intrigue von Oldenburg, verlaß Dich darauf. Hast Du je mit Oldenburg über mich gesprochen?[215]

Nein, Hortense – parole d'honneur.

Ich bin überzeugt, Du hast es gethan; Du wirst mich noch unglücklich machen mit Deiner albernen Schwatzhaftigkeit.

Aber, Hortense –

Still, Oldenburg beobachtet uns fortwährend.

Cloten! rief der Baron.

Was? Baron!

Wollen Sie in diesem Herbst mit mir nach Italien reisen? Sie wissen, in der bewußten Angelegenheit.

Ginge rasend gerne mit, Baron; aber Sie wissen, tausend Gründe dagegen; erstens Jagd, zweitens Pferderennen, drittens hasse Reise, viertens verstehe kein Wort italienisch.

Nun, das ist das Wenigste. Was man nothwendig wissen muß, beschränkt sich auf Si Signora, Anima mia dolce, das Andere läßt man sich von den Fischern sagen.

Von Cloten erröthete bis in die Stirn hinauf, denn, wie Oldenburg diese Worte lachend sprach, fühlte er Hortensens Fuß auf dem seinen und hörte ihre von inneren Thränen fast erstickte Stimme: Siehst Du, Arthur; habe ich es nicht gesagt?

Auch Melitta, die, seitdem sie den Baron sich gerade gegenüber sah, sehr still geworden war, schien über diese Bemerkung sichtlich betroffen. Sie senkte plötzlich die langen Wimpern, wie wenn sie verbergen wollte, was jetzt in ihrer Seele vorging.

Ich rufe Sie zum Zeugen auf, gnädige Frau, rief Oldenburg. Hat Ihnen Ihr Italienisch viel genützt?

Im Gegentheil, sagte Melitta und ihre dunklen Augen flammten auf; ich habe so nur manches falsche, lügnerische Wort mit anhören müssen, das mir sonst unverständlich geblieben wäre.

Ja, ja, die Italiener lügen viel, lachte der Baron.

Sagen wir lieber, es wird in Italien viel gelogen, replicirte Melitta.

Zum zweiten Male abgefallen, murmelte der Baron. Das Weib ist noch immer schön, wie ein Engel und klug, wie die Schlange. Ja, sie ist schöner, als früher. Ihre Augen sind noch größer und leuchtender, ihre Schultern noch runder; ihre[216] Stimme ist noch weicher und wohllautender – und das Alles in majorem Dei Gloriam, das heißt, dem hübschen Fant an ihrer Seite zu Liebe! Hm! – Herr Doctor, wollen Sie mir die Ehre erweisen, ein Glas Champagner mit mir zu trinken? Ich dächte, es läge eine Wolke auf Ihrer Stirn. Verscheuchen Sie dieselbe. Sie wissen: dulce est decipere in loco.

Was für eine verzweifelte Sprache ist denn das nun wieder. Baron? rief von Cloten.

Platt-bramaputraisch, mon cher. Auf Ihr Wohl, Cloten.

Je mehr sich die Mahlzeit ihrem Ende nahte, und je schneller sich die von den Bedienten stets wieder gefüllten Champagnergläser leerten, desto lärmender und wüster wurde die Unterhaltung, so daß selbst die Stimme des Grafen Grieben, die man bisher wie das Kreischen eines großen Papagei's in einer Menagerie immer durchgehört hatte, übertönt wurde. Der dünne Firniß äußerlicher Cultur, aus welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand, begann von den Strömen Weines, die unaufhörlich flossen, in einer erschreckenden Weise heruntergespült zu werden, und die nackte, trostlos dürftige Natur kam überall zum Vorschein. Die jungen Herren erzählten den jungen Damen ihre Abenteuer auf der Jagd, bei den Pferderennen, ihre Heldenthaten während ihrer militairischen Dienstzeit, oder gefielen sich in Unterhaltungen, die scherzhaft und galant sein sollten, und die für jedes feinere weibliche Gefühl einfach plump und zweideutig waren. Indessen schienen die jungen Damen leider an diese Sorte Unterhaltung viel zu sehr gewöhnt zu sein, als daß dieselbe irgend einen unangenehmen Eindruck auf sie hätte hervorbringen können. Im Gegentheil, sie ließen sich ein Glas Champagner nach dem andern aufnöthigen, sie wollten sich todtlachen über die reizenden Einfälle der jungen Herren, besonders des jungen Grafen Grieben, eines sehr langen, sehr dünnen und sehr blonden Jünglings, dessen Erscheinung flüchtig an eine Giraffe erinnerte, und der, wenn er, wie diesmal, nicht in unmittelbarer Nähe Oldenburg's sich befand, gern den starken Geist spielte und eine gewisse Autorität über seine Kameraden ausübte.[217] Oldenburg selbst schien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu sein, oder ein ganz besonderes Vergnügen darin zu finden, den bacchantischen Taumel um sich her geflissentlich zu vermehren; denn er trank und sprach unaufhörlich und forderte die Andern unausgesetzt zum Trinken auf. Besonders hatte er dabei von Cloten im Auge, der im Anfang der Mahlzeit durch Hortense's Vorwürfe aufgeschreckt, sehr still und verlegen gewesen war, kaum aber eine Flasche getrunken hatte, als er die schönen Vorsichtsmaßregeln, die ihm seine Geliebte in aller Eile für diesen kritischen Fall gegeben, vergaß, und ihre abwehrenden Blicke mit desto feurigeren, und ihr geflüstertes: Aber Arthur, nimm Dich doch zusammen; mit einem fast hörbaren: Aber, Kind, was willst Du nur? es achtet kein Mensch auf uns, beantwortete. Ja, der junge Edelmann trieb die Unvorsichtigkeit so weit, bei einer Gelegenheit, unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben, Hortense's herabhängende Hand zu küssen, ein andermal ihr Glas mit dem seinen zu vertauschen; mit einem Worte, er benahm sich so, daß, wer das Verhältniß der Beiden noch nicht kannte, es heute Abend kennen lernen, und wer es ahnte, in seinem Verdacht bestätigt werden mußte.

Ich werde sogleich nach Tische fahren, Oswald, sagte Melitta zu diesem, der in der letzten Viertelstunde sich fast nur mit Emilie von Breesen, seiner Nachbarin auf der andern Seite, unterhalten hatte.

Ich wollte, Du wärst gar nicht gekommen, oder hättest mich zu Hause gelassen, sagte der junge Mann bitter.

Schilt mich nur noch, sagte Melitta, und schmerzlich zuckte es um den reizenden Mund. Ach, Oswald, ich wollte, ich könnte Dich mitnehmen – für jetzt und für immer.

Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg, antwortete Oswald, der bemerkte, wie die grauen Augen des Barons, während er sich lebhaft mit dem kleinen Fräulein Klauß unterhielt, unausgesetzt Melitta und ihn selbst beobachteten.

Melitta antwortete nicht, aber die Thräne, die plötzlich an ihren dunkeln Wimpern erglänzte und die sie mit einer schnellen[218] Bewegung ihres feinen Taschentuchs sogleich trocknete, war Antwort genug.

Verzeih' mir, Melitta, murmelte Oswald, aber ich bin sehr unglücklich.

Ich bin es nicht minder, vielleicht noch mehr – und darum gerade möchte ich, daß Du ganz glücklich wärest, wünschte ich, ich könnte Dich ganz glücklich machen.

Du kannst es durch ein Wort!

Was ist es, Oswald?

Sage, daß Du mich liebst.

Oswald; so fragt die Liebe nicht, so fragt die Eifersucht.

Giebt es eine Liebe ohne Eifersucht?

Ja, die echte Liebe, die nichts fürchtet und Alles glaubt.

So wäre meine Liebe nicht die echte? Freilich, wie können wir, die wir nicht von Adel sind, auch Anspruch auf irgend etwas Echtes machen! Unsere Mütter und Schwestern tragen böhmisches Glas statt Diamanten, wir selbst haben keine echte Ehre, keine echte Liebe – das ist sonnenklar.

Wenn Oswald, indem er diese wahnsinnigen Worte sprach, in Melitta's Herz hätte sehen können, ja, wenn er nur einen Blick in ihr Gesicht geworfen hätte, er würde vor Scham haben vergehen müssen. Melitta antwortete nicht; sie weinte auch nicht, sie blickte nur starr vor sich hin, als könne sie das Ungeheure nicht begreifen, daß die Hand, die zu küssen sie sich niederbeugte, sie in's Antlitz geschlagen, daß der Fuß, den mit Narden zu salben, sie niedergekniet war, sie grausam zurückgestoßen habe ... Wie hatte sie sich gefreut auf diesen Abend, wie schön hatte sie es sich gedacht, mitten im Lärm der Gesellschaft allein zu sein mit dem Geliebten, seinen Worten zu lauschen, seine Hand verstohlen zu drücken, und während hübsche Frauen und reizende Mädchen mit ihm coquettirten, in seinen Augen zu lesen: Ich liebe doch nur Dich, Melitta! Und über diesen Abend hinaus hatte eine rosige Zukunft vor ihren Blicken sich aufgethan – ein Land der Hoffnung – nicht in deutlichen Umrissen, aber voll Ruhe und Liebe und Sonnenschein ... Aber da hatte sich ihre Vergangenheit herangewälzt, wie ein grauer, giftiger Nebel, und[219] hatte das sonnige Land der Zukunft immer dichter und dichter verschleiert ... Und jetzt erschien ihr durch den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Haß verzerrt, und seine Stimme drang seltsam fremd zu ihrem Ohr. War das sein Antlitz? war das seine Stimme, die jetzt die Worte sprach: Gnädige Frau, man hebt die Tafel auf, darf ich um Ihren Arm bitten?

Während sie in den Reihen der Uebrigen die Treppe hinunterschritten, sagte Melitta kein Wort: auch Oswald nicht. Als sie unten im Saale angekommen waren, verbeugte er sich tief vor ihr, und als er den Kopf hob, schaute er auf einen Augenblick in ihr Antlitz. Er sah, wie schmerzlich es um ihre Lippen zuckte; er sah, welch' rührende Klage aus ihren großen dunklen Augen sprach – aber sein Herz war verschlossen, und er wandte sich zu einer Gruppe junger Mädchen und Herren, die das abgebrochene übermüthige Tischgespräch noch eine Weile fortsetzen zu wollen schien. Melitta sah ihm noch für einen Moment nach, sah, wie die hübsche Emilie von Breesen sich lebhaft zu ihm wandte, wie er ihr mit einem Scherze entgegentrat, sie lachend etwas erwiederte und ihn mit ihrem Fächer auf den Arm schlug. Weiter sah sie nichts mehr; als sie sich wiederfand, saß sie in der Ecke ihres Wagens. Auf die Bäume und Hecken an der Wegseite, die an dem Fenster vorübertanzten, fiel das helle Licht der Laternen, aber Melitta sah Alles nur wie durch einen Nebelflor, denn ihr Herz und ihre Augen waren voll Thränen.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 206-220.
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