Erstes Kapitel

Jetzt nur noch die Speisekammer, rief Adele, von der Küche aus eine schmale, niedrige Thür nach einem winzigen Gelaß öffnend, das durch ein viereckiges, vergittertes Fensterchen spärlich erhellt wurde.

Bewunderungswürdig, sagte Klotilde mit einem gelangweilten Blick über die Schulter der Freundin.

Nicht wahr? erwiderte Adele, sich so schnell wendend, daß Klotilde eben nur noch ihr Gähnen verbergen konnte. Zwölf Fuß im Quadrat – nicht mehr – Elimar hat es ausgemessen. Und alles darin untergebracht – selbst die zwanzig Einmachebüchsen, die mir die gute Mama gestern geschickt hat! Aber Eure Berliner Baumeister habe ich doch auf dem Strich. Alles für den äußeren Schein: Keine Spur von einem Verständnis für das, was eine Hausfrau braucht. Na! nun wollen wir wieder nach vorn gehen. Das heißt, erst mußt Du mein Kleid für heute abend sehen. Bei der Gelegenheit kann ich Dir gleich auch noch unser Schlafzimmer zeigen. Elimar mag das zwar nicht. Er findet es undelikat. Ich weiß nicht, warum. Dabei ist doch nichts Schlimmes. Meinst Du nicht auch?

Gewiß nicht, sagte Klotilde, honni soit qui mal y pense.[1]

Nicht wahr? Besonders wenn wir Frauen unter uns sind. Und nun gar wir beide! Lieber Gott, wir haben doch keine Geheimnisse vor einander! Ach, Klotilde, wenn ich Dich nicht hier hätte in diesem gräßlichen Berlin! Freust Du Dich nicht auch, daß wir nun wieder beisammen sind?

Ob ich mich freue! Also das ist Euer Schlafzimmer?

Das ist unser Schlafzimmer! Klein, aber furchtbar nett. Findest Du nicht? Und Morgensonne, sagt der Wirt, haben wir auch. Na, in den acht Tagen, daß wir hier sind, hat noch keine geschienen; und Elimar ist zweifelhaft, ob sie, wenn sie mal scheint, bis zu uns kommt – im Hochsommer, meint er, wäre es möglich. Abwarten, sage ich. Na, wie findest Du es? Das Kleid, meine ich.

Dein Brautkleid!

Also doch!

Also was?

Ich dachte, Du würdest es nicht wiedererkennen. Ich habe es nämlich während der zwei Jahre schon sechsmal angehabt – zuletzt auf dem Kommandanturball – und jedesmal ein bißchen verändert. Das heißt: diesmal nicht – ich hatte keine Zeit. Meinst Du, daß es noch geht?

Die Damen standen vor dem Bett, über welches das Kleid gebreitet war.

Das heißt: es muß gehen, fuhr Adele eifrig fort, während Klotilde hier und da einen Zipfel musternd aufhob; ich habe kein anderes.

Dann ist die Sache ja erledigt, sagte Klotilde lächelnd.[2]

Ganz meine Ansicht! rief Adele. Mein Gott, von einer armen Hauptmannsfrau kann man doch nicht verlangen, daß sie wie eine Prinzessin ausstaffiert ist, besonders wenn man eben einen kostspieligen Umzug durchgemacht hat. Ich deutete so etwas gegen Frau Sudenburg an, und weißt Du, was sie erwiderte: Die Tochter meiner besten Freundin ist mir in jedem Kleide willkommen. War das nicht furchtbar nett von ihr. Was wirst Du denn anziehen?

Meine Auswahl ist nicht viel größer, als Deine: arme Hauptmanns- und arme Assessorenfrauen – c'est toute la même chose.

Ich denke, Dein Viktor steht dicht vor dem Regierungsrat?

Dann haben wir was Rechtes. Aber Kind, es ist Zeit, daß ich nach Hause komme.

Eile doch nicht so! Ich habe mich die ganzen gräßlichen acht Tage auf diese Stunde gefreut. Und bin Dir so dankbar, daß Du gleich heute morgen angetreten bist, nach der langen Nachtfahrt.

Es war nicht so schlimm, bloß schauderhaft langweilig.

Habt Ihr Euch gut amüsiert?

Amüsiert? In dem miserablen Ostseenest? Vier Wochen lang dieselben Alltagsgesichter: shopkeepers, Weiber aus Berlin O., und, wenn es hoch kam, eine pommersche oder mecklenburgische dicke Gutsbesitzerfrau.

Das wird für Viktor auch nicht gerade etwas gewesen sein.

Viktor? Er hat mich bloß hingebracht und wieder abgeholt. Die ganze übrige Zeit in Kopenhagen, Stockholm,[3] und ich weiß nicht wo. Du kennst ihn doch. Die Rosinen in dem Kuchen kommen immer auf sein Teil.

Aber den Kindern ist es doch gut bekommen?

Hoffentlich.

Ich freue mich so furchtbar darauf, sie endlich einmal zu sehen. Nach den Photographien, die Du mir geschickt hast, müssen es wahre Engel sein.

Ich kann es nicht finden. Du wirst Dich ja morgen überzeugen. Ich muß jetzt wirklich fort. Viktor kommt um vier Uhr aus dem Amt.

Elimar schon um Drei. Er muß gleich hier sein. Er wird mir es nicht vergeben, wenn ich Dich fortgelassen habe – seine alte Flamme!

Warum hat er dann Dich geheiratet?

Du hattest es gar so eilig, unter die Haube zu kommen. Weißt Du übrigens, daß Kurt Platow nun doch die Comtesse Gardewitz heiraten wird?

Ich wüßte nichts, was mir gleichgültiger wäre.

Hast recht, Schatz! Schwamm drüber! Ganz meine Maxime. Wenn mir irgend was gegen den Strich gegangen ist – Schwamm drüber! Das konserviert die gute Laune.

Und die glänzenden Augen und die rosigen Backen. Sieh mich einmal an! Wahrhaftig, ich sehe zehn Jahre älter aus als Du.

Sie standen vor dem hohen Stellspiegel – dem einzigen, einigermaßen prunkhaften Möbel in dem sonst bis zur Nüchternheit bescheidenen Gemach – und betrachteten prüfend ihre Bilder: Klotilde ernst, mit einem Fältchen zwischen den dunklen, scharf gezeichneten Brauen; Adele[4] lachend, daß die weißen Zähne durch die vollen, roten Lippen blitzten.

Zehnmal vornehmer, ja! rief sie. Kunststück! Du mit Deiner hohen, schlanken Gestalt! Ich glaube, Du bist in der Ehe noch gewachsen! Beinahe einen Kopf größer als ich! Sag' mal, Schatz! Du richtest wohl jetzt noch fürchterlichere Verwüstungen in der Männerwelt an, als schon damals?

Du bist nicht gescheit! sagte Klotilde, den Arm, welchen die andere um ihre schlanke Taille gelegt hatte, zurückschiebend.

Ich habe es nicht bös gemeint.

Und ich es Dir nicht übelgenommen. Komm! Meine Sachen liegen, glaube ich, in Deinem Zimmer.

Die Damen waren nach Adelens Zimmer zurückgekehrt; Adele half Klotilden in den Paletot.

Es ist kalt draußen?

Für den ersten Oktober schauderhaft. Zieh' Dich nur heute abend warm an!

Weißt Du, Klotilde, ich fürchte mich ordentlich vor heute abend. Du nicht noch zur rechten Zeit gekommen wärest, ich glaube, ich hätte noch in der letzten Stunde abgesagt.

Als ob es die erste Gesellschaft wäre, die Du mitmachst!

Aber die erste in Berlin!

Wo es genau so ist, wie in Magdeburg und überall: Assessoren, Regierungsräte, Geheimräte und so weiter; Lieutenants, Hauptleute, Obristen und so weiter – immer dieselben stereotypen Gesichter; immer dieselben stereotypen Redensarten. Es ist zum Verrücktwerden. Was machst Du so ein kleines, dümmliches Gesicht?[5]

Daß ich Dich so reden höre! Und ich denke, Du schwimmst hier in Glück!

Um Klotildens feine Lippen zuckte ein bittres Lächeln.

Sei Du erst vier Jahre verheiratet, sagte sie, Adelens volle Wange leicht berührend, dann wollen wir uns wieder sprechen.

Und wenn wir hundert Jahre verheiratet wären, würden wir höchstens noch hundertmal glücklicher sein; bloß daß es nicht möglich ist.

Ja, Du und Dein Elimar!

Du meinst, wir könnten nicht die Ansprüche machen?

Das habe ich weder gesagt, noch gedacht. Es wäre auch sehr dumm, wenn ich es gedacht hätte. Ich wüßte nicht, welche Ansprüche ich vor Dir voraus geltend machen könnte, oder Viktor vor Deinem Manne; besonders jetzt, wo er in das Kriegsministerium berufen ist und zweifellos eine glänzende Carriere machen wird.

Die Damen standen in der geöffneten Thür, Klotilde bereits halb auf dem schmalen, dunklen Flur. Aber sie machte keine Anstalt zum Gehen, sondern blieb unbeweglich, nachdenklich vor sich nieder blickend. In Adelens Herzen regte sich eine peinliche Empfindung. Sie hatte nie anders geglaubt, als daß ihre Cousine in der glücklichsten Ehe lebte. Aber ihre letzten Worte klangen nicht danach; ihre düstre Miene war nicht danach – schon während des ganzen Besuches und nun eben jetzt!

Nicht, als ob wir, Elimar und ich, immer d'accord wären, sagte sie gutmütig schnell. Gar nicht! Wir zanken uns oft ganz fürchterlich. Das ist in der Ehe mal so. Nicht wahr?[6]

Je nachdem, erwiderte Klotilde mit demselben starren, nachdenklichen Blick. Viktor und ich zanken uns nie.

Na, da siehst Du es! rief Adele triumphierend.

Aus einem sehr triftigen Grunde, fuhr Klotilde fort, die Augen langsam erhebend, aber an Adele vorüber in das Zimmer sehend: er geht seinen Weg; ich gehe den meinen. Da ist denn dafür gesorgt, daß wir nicht karambolieren.

Das ist doch nicht Dein Ernst, sagte Adele ganz verblüfft.

Weshalb nicht? erwiderte Klotilde. Du glaubst gar nicht, wie gut es sich lebt, wenn jeder seine Interessen verfolgt. Was ja nicht ausschließt, daß die Interessen gelegentlich zusammenfallen. Im Gegenteil! Ich habe zum Beispiel ein großes Interesse daran, daß Viktor in seiner Carriere schnell vorwärts kommt, und helfe ihm dabei, wo und wie ich kann.

Aber was kann man dabei groß helfen? fragte Adele verwundert.

Klotilde wurde die Antwort erspart. In der Flurthür wurde ein Schlüssel gedreht; eine hohe männliche Gestalt trat schnell herein und kam mit langen Schritten auf die Damen zu.

Elimar! rief Adele, ihrem Gatten entgegenlaufend. Rate, wer mich besucht!

Da ist nicht groß zu raten, Närrchen; erwiderte Elimar, an Klotilden herantretend und die Hand, die sie ihm reichte, küssend. Aber blieb, sehr lieb ist es von Ihnen, daß Sie so schnell gekommen sind, sich meiner Kleinen in ihren tausend Nöten anzunehmen. Wollen wir nicht in das Zimmer treten? Die wichtigen Dinge,[7] welche die Damen zwischen Thür und Angel zu erledigen pflegen, müßten da freilich vertagt werden.

Nur einen Augenblick, sagte Klotilde; nur um mich zu überzeugen, ob es wahr ist, daß der Mensch mit seinen größern Zwecken wächst.

Das sollte mir bei meinen sechs Fuß und darüber doch schwer werden, erwiderte der Hauptmann lächelnd.

Aber Klotilde ist noch gewachsen, rief Adele. Jetzt sehe ich er erst recht, wo Ihr nebeneinander steht. Findest Du nicht auch?

Ich finde Deine Cousine nur so schön und schlank und elegant wie immer, seitdem ich das Glück habe, sie zu kennen.

Mit welchem Kompliment ich mich denn ganz gehorsamst verabschieden will, sagte Klotilde, sich ironisch tief verbeugend. Also, adieu, Schatz, bis heute abend! Au revoir, Herr Hauptmann! Und, wenn ich Ihnen raten darf, gehen Sie heute abend mit Ihren Galanterien etwas sparsamer um: die Konkurrenz ist zu groß.

Wenn alle Damen mir durch ihre Liebenswürdigkeit die Galanterie so leicht machten!

Adele, Dein Mann ist positiv gemeingefährlich. Du mußt ihn kürzer in den Zügel nehmen!

Ist schlechterdings unmöglich, gnädige Frau.

So sagt Ihr Männer stets. Übrigens das »gnädige Frau« darf ich mir wohl verbitten. Ich denke, wir nennen uns einfach bei unsern Vornamen, wenn wir unter uns, und meinetwegen: lieber Cousin und liebe Cousine, wenn wir unter Leuten sind.

Seien Sie versichert, daß ich diese Erlaubnis wie einen höchsten Orden tragen werde.[8]

Nun mach aber, daß Du fortkommst! rief Adele, Du verdrehst mir ihm ja völlig den Kopf.

Aber Schatz, von Zeit zu Zeit einem Manne den Kopf zu verdrehen, das ist doch noch der einzige Spaß, den wir im Leben haben.

Sie war zur Flurthür hinausgeschlüpft, Adele hatte sich in den Arm ihres Gatten gehängt, während sie über den dunklen Korridor nach dem Wohnzimmer gingen.

Sie meint es gewiß nicht so, sagte Adele, den untergefaßten Arm zärtlich drückend.

Ich weiß nicht, erwiderte Elimar; ihre Augen schienen mir das Programm zu bestätigen.

Ja, was ist das nur mit ihren Augen? rief Adele. Es ist mir auch aufgefallen. Die sind gar nicht mehr wie vor vier Jahren. Hast Du nicht auch die Empfindung, daß sie in ihrer Ehe nicht glücklich ist?

Möglich wäre es schon. In der Ehe, wie überall, stoßen gleichnamige Pole einander ab.

Was heißt das: gleichnamige Pole?

Das heißt erstens, daß Du mein höchst ungleichnamiger Pol bist; und zweitens, daß ich in Ohnmacht falle, wenn nicht in fünf Minuten die Suppe auf dem Tisch steht.

Mit Dir ist doch kein vernünftiges Wort zu sprechen, Du Ungeheuer! Wenn ich nur wüßte, weshalb ich Schaf das Ungeheuer so lieb habe!

Sie hatte, sich auf die Zehen stellend, Elimar ein paar herzhafte Küsse auf die Lippen gedrückt und war zu Thür hinaus.

Elimar war aus dem Wohnzimmer in sein kleines Arbeitskabinett nebenan getreten, legte die Mütze und[9] eine dünne schwarze Mappe, die er noch immer unter dem linken Arme geklemmt hielt, auf den Tisch, schnallte seinen Säbel ab, den er in die Ecke stellte, und begann, langsam die Handschuhe ausziehend, nachdenklich auf und ab zu gehen.

Ja, ich habe sie sehr geliebt, das schöne, schlanke, braunäugige Mädchen. Und sie hat es gewußt! Wann wüßte ein Mädchen das nicht! Aber damals spielte die Geschichte mit Baron Platow, der dann abschnappte. Und dann heiratet man Hals über Kopf den ersten Besten, der einem in den Weg läuft und macht sich Zeit seines Lebens unglücklich. – Pah!

Er warf die ausgezogenen Handschuhe in die Mütze.

Unglücklich! Wer ist denn glücklich? Wer zu resignieren gelernt hat. Niemand sonst!

Elimar! rief Adelens helle Stimme aus dem Speisezimmerchen neben der Wohnstube.

Ich komme, Kind! rief Elimar zurück.[10]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Zum Zeitvertreib. Leipzig 1897, S. 1-11.
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