Fünfundzwanzigstes Kapitel

[229] Viktor hatte den Rest der Nacht im Palast-Hotel ruhig verbracht; jetzt, da die Entscheidung gefallen war, konnte er schlafen.

Zur bestimmten Stunde, um zehn Uhr, war er vor seiner Wohnung; Friedrich öffnete ihm die Flurthür.

Ist die gnädige Frau aufgestanden?

Die gnädige Frau ist vor einer halben Stunde ausgegangen; ich habe eine Droschke holen müssen.

Viktors erster Gedanke war: sie ist zu ihren Eltern gereist. Dahin hatte auch er sie schicken wollen; freilich, nachdem man sich über verschiedene, denn doch sehr wichtige Dinge auseinandergesetzt. Indessen, das ließ sich auch schriftlich machen und vielleicht besser, und man ersparte sich eine immerhin peinliche Scene.

Die gnädige Frau hatte einen Koffer bei sich?

Nein, gnädiger Herr.

Wie denn? auch keine Reisetasche?

Nein, gnädiger Herr. Die gnädige Frau ist so ausgegangen, wie immer.

Sie hat nicht hinterlassen, wann sie wiederkommt?

Mir hat sie nichts gesagt. Vielleicht, daß Julie –

Julie soll kommen![229]

Klotildens hübsche Kammerzofe wußte auch nichts: die gnädige Frau hatte sich ohne sie angezogen.

Haben Sie noch sonst etwas? fragte Viktor, als das Mädchen an der Thür zögerte.

Als die gnädige Frau fort war, habe ich das Bett gemacht. Und dabei habe ich diesen Brief gefunden. Er war zwischen die Kissen gerutscht!

An mich?

Ich lese keine fremden Briefe, gnädiger Herr. Nicht einmal die Adresse.

Geben Sie! Sie können gehen.

Das Mädchen war gegangen, froh, daß sie aus dem Zimmer kam: sie hatte sich das Lachen kaum noch verbeißen können.

Der Brief steckte noch im Couvert! Die Adresse enthielt nur das Postamt, dessen Nummer Viktor schon kannte; die Bezeichnung poste restante und die Chiffre: Ballade.

Man sollte so was nur mit der Zange anfassen, zischte Viktor durch die Zähne.

Mit einem Laut der Verachtung und des Widerwillens warf er den Brief auf den Tisch und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Aber gelesen mußte der Wisch doch werden. Es war ein Stück Belastungsmaterial mehr, das in dem Prozeß eine entscheidende Rolle spielen konnte. Und vielleicht stand etwas darin von den Zukunftsplänen des sauberen Paares. Wer konnte wissen, ob sie nicht eben jetzt zu ihm gelaufen war, gemeinschaftlich mit ihm durchzubrennen, und er hatte die Blamage ohne die Revanche!

Der Brief enthielt nichts von Zukunftsplänen, nur die Verabredung zu dem Rendesvouz gestern abend;[230] außerdem zwei enggeschriebene Seiten greulichen, sentimentalen Gewäsches.

Viktor hatte den Brief wieder in das Couvert gethan und sein Pult geschlossen. Möglich, aber nicht wahrscheinlich, daß ihr Schreibtisch noch mehr dergleichen enthielt. Sie hatte jedenfalls das Zeug immer verbrannt und vermutlich nach diesem lange genug vergeblich gesucht. Mit ihrem Willen war er sicher nicht zwischen die Kissen geraten, jedenfalls nicht da liegen geblieben.

Die Flurklingel ertönte.

Sollte sie den Mut haben?

Friedrich brachte einen Rohrpostbrief herein: von Elimar.

Verehrter Cousin! Wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen, mich um halb zwölf Uhr in Ihrer Wohnung zu erwarten? Ich habe Ihnen Mitteilungen von äußerster Wichtigkeit zu machen. Ich würde anstatt dieser Zeilen kommen; aber der Kriegsminister hat mich zu einer Audienz befohlen.

Nun wußte Viktor, wohin Klotilde sich gewandt hatte: die gutmütige Adele und Don Quixote Elimar sollten vermitteln, wo nichts mehr zu vermitteln war! Aber Sie irren sich, Madame! Übrigens bin ich Ihnen dankbar, daß Sie nicht, mit Ihrem Herrn Galan an der Schleppe, davongelaufen sind, und ich meine Rache jetzt sicher habe.

Abermals klingelte es: es würde Fernau sein; er hatte noch vom Hotel aus einen Kommissionär an ihn gesandt und ihn gebeten, alles liegen zu lassen und spätestens um elf bei ihm vorzusprechen.

Es war Fernau mit einem sehr übernächtigen Gesicht, aber, wie immer, in tadelloser Toilette.[231]

Lieber Freund, sagte Fernau, sich, wie gebrochen, in einen Lehnsessel fallen lassend, mich aufzujagen, nachdem ich kaum zwei Stunden geschlafen hatte, das möge Ihnen der Himmel verzeihen.

Er hat mir schlimmere Dinge zu verzeihen, erwiderte Viktor; unter anderm das Unrecht, das ich Ihnen gethan, als ich fürchtete, Sie hätten mich an den ehrenwerten Herrn Krüger aus nicht völlig lauteren Absichten empfohlen. Bitte, lesen Sie diesen Brief!

Der eben eingeschlossene Brief wurde wieder hervorgeholt. Fernau besah ihn von allen Seiten:

Ich wittre Morgenluft, sagte er, zu Viktor aufblinzelnd und, während die Linke den Brief hielt, mit dem kleinen Finger der Rechten sanft die Oberlippe zwischen dem Schnurrbart reibend.

Bitte, lesen Sie!

Viktor hatte sich nach dem Fenster gewandt und blickte auf die Straße. Es dauerte eine Zeit, die ihm unendlich dünkte, bis Fernau mit der Lektüre zu Ende war. Diesmals schloß er den Brief nicht wieder weg: er würde Elimar gegenüber abermals seine Dienste thun müssen.

Und die Sache ist zu stande gekommen? fragte Fernau

Völlig programmmäßig, erwiderte Viktor; ich war inzwischen auf unserer Corpskneipe, wo Sie wieder einmal geschwänzt haben. Krüger ließ mich herausrufen. Es war hinter ihnen her und mit ihnen in Charlottenburg gewesen.

Und so teilte er dem Freunde weiter alles mit, was jener wissen mußte, sollte er in dem Drama die Rolle übernehmen können, die er ihm zugedacht hatte.

Nun wissen Sie, lieber Fernau, schloß er, welchen Dienst ich von Ihnen erwarte.[232]

Sollte ich wohl ganz die geeignete Persönlichkeit sein? fragte Fernau.

Viktor blickte ihn verwundert, fast erschrocken an.

Denn sehen Sie, fuhr Fernau fort, ich bin wirklich ein bißchen zu sehr Partei in der Sache, um die Pflichten eines Sekundanten regelrecht erfüllen zu können. Ein Sekundant muß bis zu einem gewissen Grade unparteiisch sein, zum wenigsten ein Ohr für die etwaigen Gründe der andern Partei haben. Das habe ich nicht. Ich habe den Menschen von dem ersten Augenblick, als ich ihn im Pferdebahnwagen sah – ich habe Ihnen die Episode nie erzählt – sie thut auch nichts Wesentliches zur Sache – gründlich in Aversion genommen; und, so oft ich ihn wiedersah, fühlte ich ein Kribbeln in den Fingerspitzen, den Kerl zu reitpeitschen. Wenn die Gelegenheit günstiger gewesen wäre, ich glaube, ich hätte einen Grund vom Zaun gebrochen und ein Rencontre mit ihm provoziert. Das ist das eine. Sodann, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin bis dahin immer so gut gestanden; sie – ich brauche Ihnen das nicht zu sagen – aufrichtig und herzlich verehrt. Was sie jetzt gethan hat, ist unverzeihlich, schauderhaft – gewiß! Aber schließlich hat sie es doch nicht mir gethan. Sie werden begreifen, daß meine Empfindungen nicht so lebhaft sein können, wie die Ihren; und es mir schmerzlich, sehr schmerzlich und peinlich ist, zu ihrer Bestrafung, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Hand bieten zu sollen.

Viktor war die Zornröte in die Stirn gestiegen.

Ich danke Ihnen also für Ihre Offenherzigkeit, sagte er, und werde mich nach jemand umsehen, der weniger bedenklich ist, als Sie.[233]

Fernau gereute bereits, was er gesagt hatte. Er war auf dem besten Wege, Viktors Mißtrauen von neuem zu erregen; ja, er hatte es bereits gethan. Das durfte nicht sein; er mußte es wieder gutzumachen suchen. Und schließlich, Klotilde war ihm nun doch verloren. Nach der Affaire mit dem Schulmeister war sie für die Gesellschaft tot. Folglich auch für ihn.

Aber wo denken Sie hin, lieber Freund! rief er, aus dem Sessel in die Höhe fahrend. Mir fällt doch nicht im Traum ein, Ihnen meine Dienste zu verweigern, wenn Sie ihrer zu bedürfen glauben. Man sagt so etwas heraus, um die Seele hernach um so freier zu haben. Also wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen – Sie sehen mich bereit. Aber ist denn der Mensch satisfaktionsfähig?

Ich wüßte nicht, weshalb nicht; erwiderte Viktor, wieder halb beruhigt. Macht man diese Leute doch jetzt sogar zu Reserveoffizieren!

Gott sei es geklagt!

Vielleicht ist der Mensch selber einer.

Heutzutage ist alles möglich.

Jedenfalls hat man ihn in unsere Gesellschaft aufgenommen.

Leider! Nächstens werden wir noch unsere Schneider mit Einladungen beehren.

Und nicht bloß aufgenommen: man hat dem Kerl ja förmlich den Hof gemacht; fand es höchst ehrenwert, daß er es von einem Bergmannsjungen so weit gebracht. Ipsissima verba des Herrn Ministerialdirektors.

Man sollte in solche Stellungen Bürgerliche nie gelangen lassen.[234]

Und da nun auch meine Frau die Geschmacklosigkeit hatte, so tief aus ihrer Sphäre herabzusteigen –

Werden Sie ihr wohl auf das Terrain folgen müssen. Ja, ja; es ist sehr notwendig, daß da mal ein Exempel statuiert und die Rotüre in ihre Schranken zurückgewiesen wird. Zeichnen Sie den Kerl nur ordentlich!

Ich habe durchaus diese löbliche Absicht.

Zwischen den Freunden wurden nun die Einzelheiten der Forderung durchgesprochen und festgestellt. Fernau hatte auf die schärfsten Bedingungen zu dringen und sollte sich nichts abhandeln lassen. Einen besonderen Wert legte Viktor darauf, daß keine Zeit verloren gehen dürfe, und das Rencontre, wenn es sich irgend machen ließ, bereits morgen in der Tagesfrühe stattfinde. Fernau wollte den Gegner sofort aufsuchen und ihm die Forderung überbringen.

Er hatte sich kaum verabschiedet, als Elimar angemeldet wurde. Die Herren mußten sich noch auf der Treppe begegnet sein.

Hol' ihn der Teufel, fluchte Viktor bei sich. Aber –

Ich lasse den Herrn Hauptmann bitten, näher zu treten.[235]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Zum Zeitvertreib. Leipzig 1897, S. 229-236.
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