Fünfzehntes Kapitel.

[349] Hei! wie freut mich der Herrenstand,

Auf hohem Roß, das Schwert zur Hand!

Gewappnet vor dem Liebchen stehn,

Und neben Fürst' und Grafen gehn!

Du grobes Bürgerpack, vorbei!

Nur für den Adel ist Turnei!

Das Spiel vom hoffärtigen Junker.


Wohl noch nie hat eine Stadt, so weit in deutschen Landen der Lauf des Rhein- und Donaustroms nicht, einen lustigern und gastlichern Anblick gewährt, als Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats März darstellte. Geraume Zeit vorher hatte man gewußt, Herzog Friedrich von Österreich-Tyrol[349] werde, das Frühlingsfest zu verherrlichen, ein Kampf- und Ritterspiel geben, wie es selten noch irgendwo geschaut worden. Die Zubereitungen, die jedoch in den letzten Tagen getroffen worden waren, übertrafen durch ihre Pracht Alles, was die gespannte Neugier erwarten durfte. Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk vollendet da, ein wundersames Schauspiel für Costnitzs Bewohner, und weit herbeigeströmte Gäste. Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken, getaucht in die weiße und rothe Farbe. In blinkenden Angeln drehten sich die Pforten, durch welche die Kreiswärtel gingen; mit blanken Schildern, Ketten und Hacken waren die Schlagbäume geziert, durch welche die Kämpfer einreiten sollten. Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen Zwischenräumen die Banner von Österreich-Tyrol, dem Argäu, dem Thurgäu und andern, Friedrichs Herrschaft unterworfnen Städten und Landen. Hoch aber über diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und geschmackvoll gebauten Emporbühnen und Schaugerüste, von welchen der Kaiser mit feines Reichs Fürsten, die Väter des Conciliums, und die Blumen der Gesellschaft und Volksversammlung, die reizenden Frauen, den Spielen zusehen sollten. Des Kaisers Tribune, von goldnem Stück gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut, überragte mit ihrem Silberdach, umwallt von wehende Reiherbüschen und Federsträußen, alle Nachbarbühnen, von deren Geländer prachtvolle Sammetdecken mit Wappen, Sinnsprüchen und Thierbildern übersät,[350] zu den Schranken hinabhingen. Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Bankspender, die Trompetergänglein in jeder Ecke des Platzes, die kleinen Hütten der Kreiswärtel und Stechknechte sogar, schlossen sich würdig durch ihr glänzend einfaches Äußre an die Plätze der vornehmern Leute. Jeder Eingang zu dem Platze, jede Treppe zu den Bühnen wurde von Trabanten des Herzogs bewacht, theils zu Fuß, auf ihren Partisanen lehnend, theils zu Roß, im Silberküraß, den Morgenstern an die Faust geknüpft. Die Turniervögte faßen bereits mit ihren Stäben hinter den vor ihren Schirmdächern aufgepflanzten Hellebarden. Die Rennknechte in ihren glatt anliegenden Lederkleidern und Kappen, das Strickmesser am Gürtel hängend, hatten schon die Seile gespannt, und sich dabei gelagert. Am Fuße der, zu den Stühlen der Kampfrichter führenden Stufen hielt in glänzender Rüstung und buntem Wappenscapulier, der Turnierherold, umgeben von seinen Dienern, die rings an den Brüstungen-Schrauben die Schilde der turnierlustigen Herren aufzuhängen beschäftigt waren, so wie diese nach und nach herbeigebracht wurden. Die Fechtpreiße, in silbernen und goldnen Kleinodien, kostbarem Stechgezeug, auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend, waren in einem eigens dazu bestimmten Raume prahlend ausgestellt. Auch die Spielleute waren schon an ihren angewiesenen Stellen, und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen wurde, um geprüft und neben den übrigen aufgehängt zu werden, ertönte, von Pauken, Trompeten und Zinken geweckt,[351] ein fröhlicher Turnierruf. Zu all dieser Pracht, die ein noch herrlicheres Schauspiel verhieß, hatte der Himmel den klarsten Tag geschenkt, der sich nur je im Bodensee gespiegelt. Die Sonne, warm und lieblich strahlend, streute ihr Gold freigebig auf Land und Fluth, und blau hatte sich Himmel, See und Gebirgsferne geschmückt. Lustig und leicht tanzten die schwankenden Kähne, angefüllt von schaulustigen Leuten, vom jenseitigen Ufer herüber, die Straßen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen und Fußgängern, und vom frühen Morgen an lebten die Gassen der Stadt. Während jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und durcheinander wimmelnd umgaben, und in den gedrängt vollen Schenkhäusern häufig die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde, war Er – der Geber all dieser Festlichkeit und Freude – daheim, mißmuthig in sein innerstes Gemach zurückgezogen, wo er bald unruhig auf- und niederging, bald eine Last von Schriften der Flamme seines Kamins opferte, bald mit heimlichem Lachen ein Schnippchen in die freie Luft schlug, mit dem Finger vor sich hindrohte, und sein Tyroler Liedlein jodelte, mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend. Er konnte auch wohl unmöglich zu einer ebenen Stimmung gelangen, denn der Geschäfte hatte er nebenbei viele. Jetzt war es der Stallmeister, der seine Befehle einholte, dann der Haushofmeister, welcher wegen der zu reichenden Erfrischungen, und der dem Volke zugedachten Spenden sich Raths erholen mochte, hierauf der Turniermarschall, der neuen[352] Geldvorraths bedurfte, und zu diesem Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte; zuletzt war es der Seckelmeister selbst, der sich neuen Zufluß aus dein Beutel Seiner fürstlichen Gnaden erbat. Alle diese dringenden Mahner und Bittsteller befriedigte der Fürst auch mit gemessenen Befehlen und freigebig ausstreuender Hand. War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt, so ging wieder dasselbe unruhige Getreibe und Gewerbe los, das den Herzog heute nicht verließ. So eben hatte er einen geistlichen Herrn im violetten, roth verbrämten Habit zur Thüre begleitet, und ihm die Worte nachgerufen: »Sagt Euerm Gebieter, er möchte die Vesperglocke eben so wenig vergessen, als ich mein Wort je vergaß. Mit einem Worte: sagt ihm, ich sey ein Habsburger, und damit genug!« Der Geistliche ging, und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen, als ein neuer Gast von dem wachhabendem Edeljunker in das Gemach gelassen wurde. »Sieh da! Dagobert!« rief Friedrich, angenehm überrascht: »Du lässest Dich lange erwarten, ehrliche Seele! – Aber, Jesus Christus! steckt Ihr wieder in der verwünschten schwarzen Kutte? So kann ich Euch heute nicht brauchen.« – »Der Erzbischof hat mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen, ich solle mich nimmer unterstehen, in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen, und überhaupt mich fertig zu machen, nach Verlauf von Zehn Tagen nach Cesena in's Kloster zu wandern;« erwiederte Dagobert achselzuckend. – »So?« fuhr Friedrich fort: »Die Herren eilen, aus dem freudigen[353] Waldfinken eine schmutzige Eule zu formen. Und Eure Fahrt gen Frankfurt?« – »Ich will sie morgen antreten, befiehlt man mir;« antwortete Dagobert: »binnen neun Tagen muß ich jedoch zurück und nach Wälschland reisefertig seyn.« – »Hm!« brummte der Herzog lächelnd: »Nicht übel berechnet. Ich sage Euch jedoch, Ihr geht morgen eben so wenig schon nach Frankfurt, als überhaupt in's Bartholomäistift. Ich habe Euch heute vonnöthen, und ein wackrer Altbürgerssohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zurück.« – »Wahrlich nein!« entgegnete Dagobert lebhaft: »Ich scheere mich den Teufel um alle Erzbischöfe, wenn Ihr mich eines Auftrags würdig haltet, gnädigster Herr.« – »Das dachte ich mir!« versetzte Friedrich mit wohlwollender Geberde: »Heute soll's aber nicht heißen: das Brevier gebetet; sondern: die Stiefel geschmiert, die Sporen gewetzt, in die Handschuhe gefahren, den Degen umgeschnallt!« – »In Gottesnamen!« stimmte Dagobert heiter ein: »Das ist meine Lust. Sagt an, gnädiger Herzog! was soll ich für Euch thun?« – »Das ist bald gesagt, mein Geselle;« begann Friedrich mit gedämpfter Stimme, und winkte dem Aufmerksamen von der Thüre weg; mehr in seine Nähe: »mir liegt daran, einen Mann, an den mich mancherlei Verbindlichkeiten fesseln, unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu bringen, die, verwirklichte sie sich, mir sogar Unehre zufügen würde. Euch ist gleichgültig, ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr gerathen, denn ich hoffe, Ihr nehmt für ihn meine Bürgschaft an.« – »Auf Euer Geheiß rette[354] ich einen Vatermörder vom Scheiterhaufen;« betheuerte Dagobert; »wie aber ist es zu vollbringen?« – »Hört mir zu;« antwortete der Herzog: »Ich bedaure, daß Ihr kein Zeuge des heutigen Ritterspiels seyn könnt, vielweniger ein Theilnehmer daran. Demungeachtet verheiße ich Euch einen Preiß, kostbarer und ehrenwerther vielleicht, als jeder von denen, die im Rennen gewonnen werden sollen; meine Freundschaft, wenn Ihr kühn und gescheit vollbringt, warum ich Euch bitte. Sobald also die Vesperglocke läutet, und alles Volk, dem Turnierplatz zugeströmt, und Aug und Ohr für die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat, eilt Ihr – meinetwegen in das Rabenkleid gehüllt, das Ihr auf dem Leibe tragt, aber darunter mit Waffen und Rüstzeug versehen, zu Roß in meinen Hof. Die Wächter werden Euch nur gegen das Losungswort: Öesterreich über Alles! einlassen. Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Männer finden. Der Eine, auf einem Maulthiere reitend, ist ein Bekannter von Euch; der Andre hingegen, auf einem grauen Pferde sitzend, ist derjenige, den es heimlich fortzubringen gilt. Am Thore gen Schafhausen, zu welchem Ihr Euch mit den Anbefohlnen zu begeben habt, alle stark, belebten Straßen vermeidend, und Euern Trab fördernd, mögt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen, der, wo möglich, ein Fremder seyn mag, und nicht meine Farben tragen darf. Sobald Ihr jedoch langsam und unbefangen des Thores Bogen durchschritten, gebt Ihr dem Pferde Sporn und Peitsche zu kosten, und sorgt, daß Eure Schutzbefohlnen nicht hinter Euch[355] bleiben. Ich thue Euch im Voraus kund, daß Ihr mit zwei schlechten Reitern zu schaffen habt; darum wird es gut seyn, wenn Ihr des Graurosses Zügel ergreift, und der Knecht des Maulthiers sich annimmt; denn so schnell als die Pferde laufen und die Reiter es ausdauern, müßt Ihr Schafhausen erreichen, woselbst Euch das Weitere berichtet, und die Erlaubniß zur Rückkehr ertheilt werden wird. Ihr seht, die Sache ist nicht verwickelt. Den Mann binde ich Euch indessen auf die Seele. Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden – treibt sie ab mit Gewalt oder List; nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an Ort und Stelle. Nun wißt Ihr Bescheid, und mögt ohne falsche Scham diesen Beutel annehmen, der kein Lohn seyn soll. Aber Gold ebnet Berge, schlägt Brücken, und hat schon oft aus drohender Feindeswuth errettet.«

Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotne, und sprach: »So sey es denn, gnädigster Herr. Ich hab Euch's zugesagt, und eher will ich sterben, als, den Ihr meinem Schirm vertraut, in Gefahr umkommen lassen.« – »Wohl gesprochen!« antwortete Friedrich: »Der Himmel füge es indessen zum Guten. Ich erwartete indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals, der den Böhmen zu befreien dachte.« – Dagobert stutzte. Der Herzog lächelte aber, drohte ihm mit dem Finger, und sagte: »Laßt's gut seyn, mein Geselle. Das Pfaffenvolk mochtet Ihr hintergehen; ich hätte aber bei meinem Herzogshute geschworen auf Eure Mitwissenschaft. Gott gebe Euch heut ein besser Glück.«[356]

Indem platzte die Schnur, die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt, und das kostbare Kleidungsstück sank zur Erde. »Ein böses Omen!« scherzte Friedrich, sich nach dem Entfallnen umsehend. »Ein andrer als ich, würde üble Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen. Nicht wahr, Dagobert? Kommt, helft mir die Prunkdecke wieder auflegen, wackrer Gesell. Eure Hände sind ja dem Altare verlobt; vielleicht bannt ihre Auflegung das prophezeite Mißgeschick.« – Während Dagobert nun sorgfältig die Schnur wieder in einen künstlichen Knoten schlang, und unter einer Spange den Schaden verbarg, betrachtete sich der Herzog kopfschüttelnd und spöttischen Angesichts. »Wahrhaftig!« begann er: »je mehr ich mich beschaue und beäugle, je mehr möchte ich mich einem edlen Thiere vergleichen, das man mit Tand und glänzendem Zeug schmückt, damit es vor dem Gebieter seine eingepeitschten Fertigkeiten und Künste zur Schau lege. Jesus Christus! und vor welchem Gebieter! Vor einem Lützelburger, der nicht besser ist, als seine ehrbedürftigen Vorfahren! Doch nur Geduld! Das Scharwenzeln und Höfeln und Bücken wird bald ein Ende haben, sammt der freigebigen Gastlichkeit, die mir, einem Sigmund gegenüber, Ernst ist, wie meinem Waldmann das Aufrechtgehen. – So, mein guter Dagobert, seyd bedankt. Das war wohl der erste Fürstenmantel, den Eure Hand berührte und meisterte? Die kaiserliche Majestät möchte sich auch mit diesem Handwerk abgeben, aber, so geduldig auch der Mantel seyn mag – der Fürst steckt nicht im Pelz.« – »Wahrlich! Ihr[357] bedürft des äußern Prunks nicht;« versicherte Dagobert. – »Ich weiß das;« entgegnete Friedrich mit Selbstgefühl: »und in meinem Bauernlande, wie es Sigmund nennt, trage ich auch nicht mein Herzogthum am Leibe, wie Er die Fetzen des römischen Reichs. Ha! Ihr solltet nach Tyrol gerathen! Jesus Christus! das Herz im Leibe würde Euch lachen. Ist zwar nur ein Bauernrock, mein Tyrol, aber ein feiner, warmer Rock, der vor Unwetter schützt, und den Flitterprunk entbehrlich macht, den ich hier wie ein Gaukler für geringes Schildgeld zur Schau tragen muß. Das weiß kaiserliche Majestät; darum haßt sie mich auch, aber, bei des ersten Habsburgers Gebeinen! so wenig Sigmund meines Insprucks vergißt, so wenig vergesse ich, was ich meinen Ahnen, und mir selbst schuldig bin. – Gehabt Euch wohl, biedrer Altbürger. Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zähne fletschen, aber immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz für die behalten, die ich liebe. Sigmund war am mächtigsten und größten, als er im Concilium des Papstes Füße küßte, und ihm im Namen der Christenheit für die – gezwungene – Entsagung dankte; – ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen, sollte ich auch unverdient unterliegen! –«

Des Herzogs Worte waren bedenkliche Räthsel für den jungen Mann, allein, gewöhnt, in ihm den trefflichen Mann zu verehren, grübelte Dagobert nicht lange nach dem dunkeln Sinn, sondern ging, um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten. Auf der Straße kam ihm Gerhard entgegen, in vollständigem Fechterzeug,[358] von vielem Volke umgeben, um sein Wappenschild dem Turnierkönige zu überbringen. Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde, allein dieser merkte bald, daß sogar die Freude über die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen heimlichen Ärger verbarg, der sich nicht von dem Gesichte des Hülshofners verdrängen ließ. Dagobert fragte nach der Ursache, und Gerhard, der vom Pferde stieg, und seine Schildträger allein ziehen ließ, zögerte nicht, sie ihm zu entdecken. »Stellt Euch vor;« sprach er: »der Schuft, mein langer Vollbrecht hat mir den Dienst aufgesagt. Denkt Euch, der Bursche, der mich seit zehn Jahren begleitet, wie der Schatten den Körper, hat mir Valet gesagt. Er behauptet, – der unverschämte Knecht ... er werde mit jedem Tage magrer in meinem Brode. Abscheuliche Verläumdung! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen, ärgre mich aber dergestalt, daß mich eine Katze in den Sand strecken würde, falls ich jetzo mit ihr turnieren sollte.«

»Nimm mein Bedauern, alter Kämpe;« erwiederte Dagobert: »ich denke aber, wenn's zum Treffen kommt, läßt Dein Knecht so wenig von Dir, als Du von ihm zu lassen gedenkst. Es müssen nur erst einige Tage über dem Zwist vergangen seyn. Laß mir den Burschen heute. Ich habe einen Ritt zu thun, der mich bis Übermorgen aussen halten dürfte. Vollbrecht soll wohl genährt werden, während dieser Frist, und ich verspreche Dir im Voraus, daß er wieder bei Dir eintritt, wenn Du die Zusage leisten willst, ihn nicht mehr gar so schmählich[359] hungern zu lassen, als bisher.« – »Von Herzen gern!« versicherte der Edelknecht: »allein, – wie sagtet Ihr? Ihr habt einen Ritt vor? heut an diesem Ehren- und Freudentage sämmtlicher Ritterschaft? Wie ist das zu verstehen?« – »Das heißt so viel als: Dich kümmert's nicht;« entgegnete Dagobert. »Wo finde ich den Langen?« – »Im Maulbeerbaume sitzt er;« maulte Gerhard: »Ihr seyd aber ein Geheimnißkrämer, mit dem nicht auszukommen ist. Schon gut indessen. Ich hole mir Ruhm und Preiße, während Ihr – ich schwör es – auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe reitet, und am Ende mit zerbläutem Rücken heimkehrt.«

Sie trennten sich, und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause. Wer indessen Füße hatte zu laufen, und Ellenbogen, sich in dem Gedränge Platz zu machen, stürmte dem Turnierplatze zu. Die Mittagsstunde kam und ging. Die Sonne schien heiß auf die Scheitel der gaffenden Menge, aber unbeweglich wie eine Mauer hielt das Volk den Platz besetzt. Die Fenster und Erker und Söller der umliegenden Häuser füllten sich mit Neugierigen, die Giebelzacken und Dachrücken trugen unzählige von kecken, schwindelfreien Gesellen, die, gleichsam in freier Luft schwebend, sich etwas darauf einbildeten, höher zu sitzen als der Kaiser selbst. Nach und nach wurde allenthalben der Raum enger, denn die zum Kampf gemeldeten und schildfähigen Ritter und Edle kamen langsam zu Rosse angerückt, umgeben von reisigen Wappnern mit Fähnleinträgern und Trompetenbläsern. In doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie[360] sich um die noch verschlossenen Schranken der Stechbahn. Zugweise kamen nun auch die anmuthig und köstlich geschmückten Frauen herbei, und bildeten den schönsten Kranz auf den überfüllten Emporbühnen. Die vornehmen Würdenträger der Kirche, die, adelicher Geburt und selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend, den Abscheu nicht theilten, mit welchem die Geistlichkeit niedren Ranges die Kampfspiele betrachtete, nahmen die für sie bestimmten Bänke ein, und musterten lächelnd, in fremder wie einheimischer Zunge scherzend, das schöne, überzählig anwesende Geschlecht. Noch war die Bahn leer, noch lagen die Fallbäume und Gitter im Schloß; da eilten geschäftig die Kampfrichter herbei, begaben sich durch das engste Pförtlein in den Rennkreis, bestiegen ihre Stühle, und winkten den Turniervögten zur Ordnung, den Spielleuten zur Pflicht. Von den Söllern der Letztern ertönte ein vollstimmiger andauernder Jubel, und festlich prangende Klänge. Denn der Kaiser langte so eben, von dem leuchtenden Geschwader prächtig gerüsteter Fürsten und Herren umringt, auf dem Platze an. Sein lenksamer Schimmel, bunt verziert mit Straußen- etc. Federn und Goldbändern tanzte stolz daher, indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von Österreich-Tyrol seinen schweren gewichtigen Schritt hielt. Der Herr der Pfalz und Baierns Fürst ritten dicht hinter Friedrich, welcher, den Wirthspflichten getreu, schnell an der Treppe, die zu des Kaisers Stuhl führte, absprang, mit der linken Hand eine Geberde machte, als berühre er den Steigbügel, und[361] mit der Rechten dem absteigenden Sigmund die äussersten Fingerspitzen zur Hülfe darreichte, die aber auch von dem König nicht angenommen wurden. Hierauf begnügte sich Friedrich mit der Hand nach der Treppe zu weisen, und dem dahingehenden Sigmund noch einmal seinen Arm als Stütze anzubieten, der aber ebenfalls versagt wurde. Ein lautes Lebehoch und Trompetengeschmetter empfieng die Fürsten, da sie in dem goldnen Zelte angelangt waren, und Sigmund ließ sich huldvoll nickend, am Rande der Brüstung auf den Brokatsessel nieder. Die Fürsten im Kreise um ihn her, Friedrich zu seiner Linken. Alle noch freien Plätze waren in einem Nu von den Rittern und Edelknechten, Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen eingenommen, und auf ein mit einem weißen Tuche vom Herzog Friedrich gegebnes Zeichen, sprangen Schlagbäume und Pforten auf, und unter dem Getöne aller Instrumente ritten die bezeichneten Kämpfer in geschlossenen Gliedern ein, auf den Platz, und zogen innerhalb den Schranken rund um denselben, die Paniere schwingend, die Lanzen neigend, und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend. Hierauf wurden sie in Rotten abgetheilt, nach eigner Willkür und der Anordnung der Kampfältesten. Die Reihenfolge der Renn- und Fußkämpfe wurde bestimmt; des Königs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern ausgerufen, und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen, die mit einem Gesammtstechen das Turnier eröffnen sollten. Die Spielleute trommeteten und paukten; die Grieswärtel schlugen an[362] die Lanzen, die Stricke fielen, und losbrach der Kampf, nach dem sich Ritter und Knecht, Edle und Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten.

Während nun die Vesperglocke vergebens ihre hellen Klänge in die Luft sandte, um die Zuschauer von dem Turniere weg zur Kirche zu locken, das Rittergefecht ein glänzendes Ende nahm, und nun zum Rennen eingeritten wurde, pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs. »Öesterreich über Alles!« gab er dem fragenden Wächter zur Antwort, und erhielt Einlaß. Der mürrische Thorwart deutete, da er seiner ansichtig wurde, auf das vorspringende Vordach der Stallung, und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf ihn harrenden Begleiter. Der Herzog hatte dieselben ganz genau geschildert, und mit leichter Mühe erkannte der Jüngling in dem Einen den Juden Ben David, seiner Esther Vater, der, auf einem Maulthiere hängend, still vor sich hinsah, und wie es schien, ein Gebet murmelte. War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf dem langohrigen Thiere, so war es doppelt sein Nachbar, der, mehrere Schritte von ihm entfernt, des grauen Rosses Zügel um den Arm geschlungen hielt, und ängstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermuthlich nicht angenehmen Nachbar schielte, bald endlich die Augen gen Himmel drehte, und ebenfalls das Äußere eines Beters annahm. Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande, wie es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben pflegt. Ein halb geübtes Auge mußte zugleich wahrnehmen, daß er nicht[363] einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie hernieder; der Koller von Büffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer Steifheit; die Handschuhe waren zu weit, wie der Gürtel, an dem, zurückgeschoben wie ein unnütz und ungewohnt Geräth, ein kurzes Schwert hing. Dasjenige aber, was das größte Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete, war des Mannes Gesicht, das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah, wie der Kopf eines Mauren. Die großen Augen, deren Weißes grell gegen die Olivenfarbe abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und düster nachsinnend; darauf nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem Übrigen nicht zusammen zu reimen war. Die Augenbraunen waren dick und schwarz, keine Spur von Backen- oder Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mütze, die beinahe über die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mütze saß eine graue Filzkappe, an welcher ein dürftiges Federbüschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht völlig erwehren, da er seine auserlesene Reisegesellschaft in Augenschein nahm, und erwiederte obenhin den unterwürfigen Gruß Ben Davids. – »Nun, mein Freund,« wendete er sich zu dem Fremden: »sind wir bereit, abzureiten? Ich dächte, es wäre Zeit.« – »Es ist doch wahrlich Zeit;« fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein: »laßt uns eilen, gestrenger junger Herr, dieweil die Straßen noch[364] sind leer.« – Der Fremde warf einen verdrießlichen Blick auf den Plaudrer, nickte dem jungen Geleitsmann zu, und machte Miene zu Roß zu steigen. »Ei, ei, lieber Herr, wie geberdet Ihr Euch doch?« fragte Dagobert halb mitleidig, halb unwillig, da aller Hülfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte: »Der mag's bei Gott verantworten, der Euch zum reisigen Manne stempelte. Ein Glück, daß des Herzogs Leute alle ferne sind, und der Thorwart seine Augen auf seinen brummigen Lieblingskater gerichtet hat, Ihr würdet ansonst wohl schwerlich dem Spottgelächter entgehen.« – »Parva sustine patientia, mi fili!« gab ihm hierauf der Mann zur Antwort, und kletterte vollends, so zu sagen, über die Schultern Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchem er sich mit aufgezognen Beinen und in die Mähnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als reiterlich ausnahm. – Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an, und schwang sich dann wieder auf den eignen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der Thorwart öffnete die Sperrflügel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt – in welchen das Sonnenlicht so selten war, als ein Menschengesicht – dem Schafhauser Thore zu. Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen Sorge und Angst gehabt, so wurde sie noch größer, da er wahrnahm, wie der Fremde so gut als gar nichts vom Reiten verstand, beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls hoch im Sattel aufflog, wieder niederhutschte, zusammengekrümmt[365] wie ein tauchender Nir, und den Zügel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maulthierreiter, so vertrackt er auch sich ausnahm, war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten, den Dagobert endlich vor sich hertraben ließ, um bei einem vorkommenden Unfall bei der Hand zu seyn. – »Sage mir doch, Ben David,« flüsterte er dem Juden zu: »da ihr Juden doch alles besser wißt, als unsereins, wolltest Du mir nicht vertrauen, wer unser Begleiter ist?« – »Ein schlechter Knecht, der nicht kennt seinen Hauptmann;« erwiederte Ben David lächelnd: »ich spreche nicht hier von mir, sondern von Euch, gestrenger Junker. Ihr seyd getreten oder wollet treten in den Stamm der Cohenim, und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die Schafe, und kennt nicht den Hirten, der Euch weidet?« – »Ich will ein Schaf seyn, wenn ich Dich verstehe;« versetzte Dagobert wie oben: »Jude, Du bist verrückt.« – »Mit nichten;« antwortete Ben David; »aber werden könnte man's, so man bedenkt, daß das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten seinen Feinden, vermummt als ein Knecht, und im Geleite eines schlechten Juden.« – »Herrgott!« seufzte Dagobert erschrocken: »sagst Du die Wahrheit?« – »So ich die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt;« entgegnete Ben David: »vertraut hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen, wenn ich plaudre, was ich gesehen.« – »Das rathet Dir auch der Himmel!« drohte ihm[366] Dagobert, und ergriff schnell herbeieilend den Zügel des Graurosses, das so eben von dem erreichten Thore ab, in eine Seitenstraße lenken wollte. »Hier hinaus, Landsmann!« rief er, und wollte zwischen den müßig an dem Stadtthore umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine Stimme unfern von ihnen ein lautes: »Haltet auf! haltet auf!« vernehmen ließ, und die Wächter auf diesen Ruf den Gäulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu thun, den erblassenden und im Sattel schwankenden Flüchtling, auf eine gute, nicht allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten, und mußte darum schon die Verfolger ungehindert herankommen lassen. Am unbefangensten, weil er seiner Gesichtszüge am meisten Herr zu seyn wußte, drehte sich Ben David nach den beiden Männern um, die Haltauf gerufen hatten, und in welchen nicht der Stadtschreiber von Frankfurt, noch viel weniger der Rathsweibel von Costnitz, in die Farben der Stadt gekleidet, zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl öfter, daß der launische Geist, der sogern die Handlungen der Sterblichen stört, an dem Schuldbewußten Unheilahnenden vorübergeht, und nach dem Sorglosen Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Räderwerk seines schwarzen Spucks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umständen dem Vater der holden Esther. »Was wollen die gestrengen Herren?« fragte er mit jener einschmeichelnden Freundlichkeit, die seine Nation so willfährig annimmt, um den Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen; aber unfreundlich lautete die Antwort aus[367] des Stadtschreibers Munde: »Dich selbst, Jude!« – Ben David verstummte erbleichend. »Wie so? warum?« rief Dagobert dazwischen. – »Das kümmert Euch nicht, junger Herr!« erwiederte der Stadtschreiber: »Der Jude gehört dem wohlweisen Rathe zu Frankfurt, und ihn zu verhaften, brachte ich die Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche, und grämte mich baß, ihn ausgeflogen zu wissen, als ich zum Glück seiner jetzt noch zu guter Zeit ansichtig wurde. Euch bringt es aber wenig Ehre, Junker, mit solchen Gelichter in die Welt zu reiten.« – »Hab' ich denn verstanden recht?« fragte Ben David kleinlaut: »Verhaften wollt ihr mich?« – »Ich scherze nie;« versicherte Meister Heinrich: »Steig ab, und folge diesem Manne in den Thurm.« – »Hab' ich doch nichts verbrochen!« seufzte der Jude: »Laßt mich ledig, übt Barmherzigkeit!« – »Steig ab,« wiederholte der Stadtschreiber strenger, »oder ich lasse Dich von der Mähre werfen, und geknebelt von dannen bringen.« – »O mein Herr Gott in Israel!« ächzte Ben David, in höchster Bestürzung vom Maulthier gleitend: »Werde ich geführt zu meiner Tochter?« – »Nein!« äußerte der Stadtschreiber mit Härte: »Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Frühsten geht's mit Dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht!« –

Ben David entsetzte sich, daß seine Kniee wankten. Der Reiter des Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Thorwächter geworden war, zupfte Dagobert dringend am Ärmel.[368] Dieser kehrte sich aber nicht daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esthers Vater nicht so gleichgültig war, als der Jude: »Noch einmal! was hat der Mann verbrochen?« – »Reitet Ihr Eurer Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann!« antwortete der Stadtschreiber nicht minder herrisch: »Was kümmert den Pfaffen der Ebräer? Fort mit dem Juden!«


»Werd' ich auch nicht dürfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der sich meiner annimmt, wie ein Freund?« sprach Ben David unterthänig zu dem rauhen Gerichtsherrn. – »Meinthalben, wenn sich der Junker nicht schämt, von Dir Freund geschmäht zu werden;« meinte der Stadtschreiber: »Mach's indessen kurz.«


Da näherte sich Ben David rasch dem jungen Manne, ergriff seine Hand, schüttelte sie bewegt, und rief: »Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte Gott der Welt, segne Euern Ausgang, und streue Palmen auf Euern Heimweg!« – »Bei dem Haupte Eures Vaters beschwöre ich Euch,« setzte er leise hinzu: »das Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem Kinde zu übergeben – entweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte zu Schafhausen. Der Fürst der Barmherzigkeit wird Euch dafür segnen in der Stunde des Scheidens. Sagt meiner Esther, sie möge .....« – »Verdammter Mauschel!« donnerte der Stadtschreiber, und riß den Juden von Dagobert hinweg: »Was hast Du Heimliches von? Macht[369] Junker, daß Ihr Eurer Wege zieht, sonst muß ich mich auch Eurer Person versichern!« – »Festina, carissime fili!« raunte dem jungen Manne sein Schutzbefohlner zu, und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen den ängstlich in seinen Augen lesenden Ben David, mit einem verächtlichen Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergen – zugleich aber mit einem kräftigen: »In Gottesnamen! ließ Dagobert seinen Gaul über die Spieße der Söldner wegsetzen, riß seinen Begleiter nach sich, und befand sich sammt ihm bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne dehnte.« – »Holla! auf! du fauler Gesell!« rief er dem Knechte zu: »Zu Gaule! und Ihr, mein würdiger, unbekannter Herr, fügte er gegen den Verkappten bei, – Ihr erlaubt es wohl, daß wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen, und mit Euch ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es gerathen wäre, Euch möglichst schnell von dannen zu schaffen« – Der Befragte, für welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Höllenqual gewesen war, gab wehmüthig seufzend, und der Nothwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung zu des jungen Mannes Vorschlag, und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken, als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten Reißaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.

Ohne Gefahr verlief ferner die Reise. Über Heerstraße, Strom und einsamen Pfad geleitete die[370] Fliehenden das Glück. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht Schafhausen erreicht hatten, und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl gemäß, wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem erhabnen Flüchtling das Knie zur Erde, um den Worten: »heiliger Vater! Ihr seyd in Sicherheit. Wie der Herzog sein Fürstenwort gegen Euch gelöst, also hab' ich meine Zusage gegen ihn erfüllt. Ich danke Gott dafür, und bitte um Euern Segen zur Rückkehr.« – Der Papst, obgleich zum Tode ermüdet von der ungewohnten Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefühl der Rührung seine Hände auf den Kopf des erwählten Rüstzeuges. – »Unsern Dank, und des Himmels Segen nimm hin für Deine wohl gelungne That!« sprach er feierlich: »Zugleich aber empfange von unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Werth haben mag. Als uns der Herzog von Deinem Beistande in Kenntniß setzte, unterrichtete er uns ebenfalls, daß ein Gelübde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte, welchem jedoch Euer Sinn, der nach Thaten und Weltruhm strebt, nicht hold sey. In Betracht, daß dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem Dienste sich weihen, – daß Euerm Ohm, der sich von unsrer Seite losgesagt, vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener zuzuführen, – so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit, uns gefällig zu seyn, – haben wir dem Herzog versprochen, Deines Gelübdes Bande zu lösen, und lösen sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von[371] Gott uns Unwürdigsten anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden, zu Deiner Beruhigung und zum Gedächtniß unsrer dankbaren Huld.«

Die rauhe Stimme des erschöpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in Dagobert's Ohr, und sprachlos küßte er des Befreiers Hände und Kleid. Der Papst winkte ihm jedoch aufzustehen, und warf sich in den Lehnsessel, um mit so viel Würde, als es die freilich sehr unvortheilhaften Umgebungen erlaubten, die Schar der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen, die, so eben von der Ankunft des höchsten und unvermuthetsten alle Gäste unterrichtet, noch in später Nacht dem Haupte der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die schuldige Huldigung darzubringen kamen.

Quelle:
Carl Spindler: Der Jude. 3 Bände, Band 1, Stuttgart 1827, S. 349-372.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Jude
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volume 2 (German Edition)
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volume 4 (German Edition)
Der Jude: Deutches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volumes 3-4 (German Edition)
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts (German Edition)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon