Fünftes Kapitel.

[107] O, kehre nie zur Heimath wieder,

Ein Fremdling warst Du ihr.

Dir tönen nicht mehr ihre Lieder

Und ihre Sitte widert Dir.

Was willst Du hier? im fernen Lande

Fand'st Du ein falsches Glück,

Und ließest – Thor! – dafür zum Pfande

Dein ehrlich deutsches Herz zurück!

Altes Schauspiel.


Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum war es auch weiter kein Wunder, daß ihr täglicher Lebensweg ebenfalls ein verschiedner war. Gerhard lag in dem Gasthause zum Engel, auf der Bärenhaut, und wartete bei Trunk und Spiel mit der größten Gelassenheit auf eine Gelegenheit, in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert benützte hingegen die ersten Tage seiner Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrücklich versprochen hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden. Um[107] so seltsamer kam es ihm vor, daß es ihm nicht gelang, die mindeste Spur von ihm ausfindig zu machen. Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach dem Prälaten Hieronymus Frosch: niemand wußte ihm Auskunft zu geben. Die Schöffen des Frankfurter Raths selbst hatten nicht das Geringste von einem solchen gehört, und so verging schier eine Woche, und der Eifer Dagobert's hatte schon bedeutend nachgelassen, als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog Friedrich von Östreich beschied. In sein bestes Kleid gehüllt, eilte er nach dem Hofe, den dieser reiche und prachtliebende Fürst mit seinem Gefolge einnahm. Der Herzog empfing ihn in einem einfach aber edel gezierten Gemache. – »Wie gefällt's Euch zu Costnitz, junger Degen?« fragte er den Jüngling mit heitrer Miene: »Wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge, die einen Jahrmarkt eher verkündet, als eine ernste Kirchenversammlung?«

Dagobert bekannte, daß er noch wenig gethan, um sich mit dem Gewühl der vielen Ausländer und fremden vaterländischen Gäste vertraut zu machen.

»Bei Eurer Jugend nimmt mich das höchlich Wunder!« sprach der Herzog: »Jesus Christus! wenn ich daran denke, wie ich in Euerm Alter das Leben betrachtet habe! Es kam mir nicht anders vor, als wie ein großer Pokal, den ich verbunden sey, Tag für Tag auszuleeren bis auf die Neige, nach guter alter Trinkersitte. Wo es recht toll herging, war ich mitten dar unter, und nirgends fröhlicher als wo gescheite Leute und Narren um mich schwärmten[108] wie ein Bienenvolk. Ihr, lieber Freund, seht aus wie ein lockerleichtes Blut, und müßt wohl Eure Gründe haben, wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags über die Schranken haut, wo es angebracht ist. Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz? Nehmt Euch in Acht. Es gibt der Schönen viele in dieser Stadt, aber die meisten sind fremde Zugvögel, die ihr trüglich Gefieder hier ausspreiten, weil es in der Heimath den Werth verloren hat; Hexendirnen, die sich anstellen, als ob sie Herzen fischten, während sie doch nur das Netz nach dem Golde unerfahrner Lüstlinge auswerfen.«

»Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir – wenn gleich nur aus Berichten – nicht unbekannt;« versetzte Dagobert lustig: »Ew. fürstl. Gnaden ist daher im Irrthum. Nicht einem rothwangigen Mägdlein jage ich nach, sondern einem graubärtigen Manne, der mich hieher berufen, und nun Versteckens mit mir spielt; meinem Ohm nämlich.«

»Euer Ohm?« fragte der Herzog aufmerksam werdend: »Sein Name?«

»Ist der meine;« antwortete Dagobert: »aber der Träger versteckt sich im Sumpfe.«

»Wäre das der Prälat von dem Stifte des heil. Bartholomäus bei Cesena?«

»Derselbe, gnädiger Herr. Der Bruder meines Vaters: Hieronymus Frosch.«

»Ei, der ist freilich hier;« lachte der Herzog: »ist mit mir gekommen, da ich den heil. Vater hieher geleitete.«

Dagobert stand, steif vor Erstaunen, da.[109]

»Ihr könnt mir's glauben, auf Fürstenwort;« fuhr der Herzog fort: »sein Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesgäßlein, in dem Hause, zum Pfauen geschildet.«

»Bin ich denn blind gewesen?« fragte sich Dagobert halb ärgerlich; »war ich denn taub? hab ich nicht umhergespäht mit Aug und Ohr wie die Frommen am Pfingsttage in. der Kirche, da der heilige Geist aus dem Schalloche hernieder zu schweben hat?«

»Seyd zufrieden;« versicherte der Herzog: »Ihr seyd nicht blind, nicht taub gewesen. Ihr habt aber beständig nur nach dem Unrechten gefragt; der übelklingende Name Frosch ist nicht mehr der Euers Ohms. Er hat sich in's Wälsche übertragen, und wenn Ihr nach dem ehrwürdigen Monsignor Ranocchia Euch erkundigt, wird er Euch sicher nicht entgehen.«

»Wie ist mir denn?« rief Dagobert: »Unsers ehrlichen Namens, berühmt geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten, schämt sich der Oheim?«

Der Herzog zuckte die Achseln. – »Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen Deutschen gekannt,« sprach er, »und immer nur den Italiäner in ihm gesehen. Macht es auch so. Man weiß, ja ohnedieß nicht mehr, was heut zu Tage Deutsch ist oder nicht. Wer findet hier unter dem bunten wöllisch, englisch und böhmischen Geplauder das Vaterland heraus? Jede Nation, nur die unsre nicht, spielt hier den Herrn, vorab die französische. Ein schnackisches Völklein das: singt höher dann genotirt, liest anders, denn geschrieben, spricht anders als ihm um's Herz[110] ist, und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewißlich in den Sack. – O! setzte er mit bitterm Spotte hinzu: dieß Concilium ist des Luxemburgers Meisterstücklein!«

Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin, blieb dann stehen und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert.

»Ihr wißt nun, wo Euer Ohm zu finden, junger Mann;« sagte er, wie man einem Besuche gern ein Ende machen will: »es wird ihn freuen, Euch bald zu sehen, wie es mir angenehm seyn wird, Euch nicht aus den Augen zu verlieren. Das Pferd, das Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet, thut Ihr mir wohl die Liebe, als Geschenk für Eure Hülfe anzunehmen. Es ist ein polnisch Thier und gerade wild genug für einen derben Jungen, so wie Ihr.«

»Gnädigster Herzog ...« stammelte Dagobert dankend, aber Friedrich unterbrach ihn schnell, indem er lächelnd sagte:

»Kein Wort für die schlechte Gabe. Wär' ich Kaiser, sollte sie besser seyn. Hätte ich Euch nicht aufrichtig lieb, und wollte Euch ablohnen, sollte sie auch besser seyn. – Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld. Geht mit Gott, und kommt bald wieder. Ohne den verwünschten Klopffechter seyd Ihr stets willkommen.«

Mit der größten Freundlichkeit, aber ohne seinem Stande etwas zu vergeben, beurlaubte der Herzog, steif in der Mitte des Gemachs stehend, und kaum merklich mit dem Haupte nickend, seinen jungen[111] Freund. Dagobert säumte nicht, da es erst um die Mittagsstunde war, die Wohnung seines Oheims aufzusuchen. Das Paradiesgäßlein war bald gefunden, und das Haus zum Pfauen, das ansehnlichste der Gasse, eben so schnell entdeckt. Die Thüre stand offen, und innerhalb derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachläßig gekleideter Diener und speiste Nüsse. Dagobert erfuhr von dem Müßigen auf Befragen, daß Monsignor so eben vom Messelesen gekommen sey, und sein Stündchen der Bequemlichkeit feire, in welchem er sich nicht gerne von Fremden gestört sehe.

»Ich bin kein Fremder;« erwiederte Dagobert kurz: »ich bin des Prälaten Neffe, und hoffe allerdings auf unverzüglichen Empfang.«

Der Diener, ein Italiäner und mit barbarischem Deutsch behaftet, wurde nun zwar ehrerbietiger denn zuvor, wies aber den Besucher stumm und trocken über den Hof. Dagobert kehrte dem trägen Nußfresser den Rücken, und flog, den angegebnen Weg verfolgend, die Treppe hinan, an der offnen Küche vorbei, die einen Wohlgeruch ausströmte, wie er selbst im väterlichen Hause seine Nase nicht gekitzelt hatte. Auf dem Vorplatze angelangt, der mit Heiligenbildern geschmückt war, untersuchte Dagobert, welche von den drei vorhandenen Thüren diejenige sey, die zu dem Oheim führen möchte. Die Eine war verschlossen, die Andre nicht, aber scheu zog diese der Jüngling wieder zu, weil er in ein Gemach gesehen, das augenfällig von einem Frauenbilde bewohnt war, wie es die zierliche Ordnung, der Stickrahmen[112] am Fenster und mehrere auf Stühlen ausgebreitete Frauengewänder andeuteten, obgleich die Besitzerin nicht gegenwärtig war. Die dritte Thüre war noch übrig, ebenfalls verschlossen wie die Erste, aber ein daran angebrachter Glockenzug schien das Mittel sie zu erschließen anzugeben. Dagobert bewegte die Schelle leise und bescheiden, und vernahm bald darauf Tritte, die sich näherten, und Geräusch des aufgezogenen Riegels. Die Thüre sprang auf, aber statt eines grämlichen Dieners mit einem Klostergesichte, wie es Dagobert erwartet, schaute ein rundes Mädchenantlitz daraus hervor, wie er es nicht erwartet hatte. Das Antlitz trug freundliches Gepräge, bis auf einen finstern Zug zwischen den Augenbraunen, der zu sagen schien: Was willst Du denn zu dieser Stunde, Störefried? ..... Dieser Zug verschwand indessen, als ein flüchtiger Blick die Dirne belehrt hatte, daß es ein schlanker wohlgebauter Mann sey, der sich hier, wiewohl nicht in der fließendsten Rede, nach dem Prälaten befrage.

Dagobert bemerkte indessen die Veränderung in dem Gesichte des Mägdleins, und fuhr muthiger fort: »Fast muß ich befürchten durch den hämischen Unverstand des Pförtners an die unrechte Thüre gerathen zu seyn, denn ich suche die Zelle eines Himmelgeweihten, und finde mich nun am Himmel selbst.«

Das Mädchen lächelte ohne weiter um die Schmeichelei ein Wort zu verlieren. »Euer Begehr?« fragte sie in gebrochenem Deutsch: »Monsignore läßt sich nicht sprechen um diese Stunde. Eure Botschaft will ich ausrichten, so ich es vermag.«[113]

Dagobert betrachtete einen Augenblick lächelnd und kopfschüttelnd die ungewöhnliche Thürhüterin eines Geistlichen, und erwiederte scherzend: »Mein schönes Kind, das geht nicht an. Meine Botschaften pflege ich selber auszurichten, und schmeichle mir, weder durch Ton noch Kleid den Knecht zu verrathen, den man vor der Thüre abspeist. Sollte ich übrigens eines Namens von Gewicht bedürfen, um hier den Eingang zu finden, so melde dem Prälaten: mich sende der Herzog von Ostreich.«

Augenblicklich verneigte sich die Pförtnerin ehrerbietig, versprach den Besuch zu melden, und verschwand in dem anstoßenden Gemach. Dagobert, dem der Auftritt Spaß machte, nahm von dem Vorzimmerchen Besitz, wo ein Altar der heiligen Mutter aufgerichtet war, geschmückt mit silbernen und goldnen Blumen, und wo ein ungemein lieblicher Weihrauchduft herrschte, der aus den Zimmern des Prälaten sich zu stehlen schien. – »Recht so, guter Ohm!« flüsterte der Neffe vor sich hin: »Du machst Dir die Gelübde leicht, wie mir's vorkömmt, und suchst das Paradies Dir schon in dieser Welt zu schaffen. Wenn das Übrige dem, was ich bereits sah, entspricht, so überredet Niemand leichter zu dem Klosterstande, als Dein Beispiel!«

Das Mädchen erschien auf der Schwelle des Gemachs, und winkte verbindlich dem Harrenden, einzutreten. Dagobert wartete keine zweite Einladung ab, und ließ die Schöne im Vorzimmer zurück. Er traute aber seinen Augen nicht, da er die Stube seines Oheims betrat. Er ging auf kostbaren Teppichen,[114] so weich und glatt, daß er seinen eignen Schritt nicht vernahm. Eine gelinde Wärme erfüllte das Gemach, und der Duft balsamischer Spezereien zog behaglich aus der Räucherpfanne auf, die in der Ecke am Ofen glühte. Warme und schön gewirkte Decken bekleideten die Wände vom Simse bis zum Boden. Schwellendgepolsterte Stühle luden zur Ruhe ein, wie es auch die durch grüne Fensterschirme gemilderte Tagshelle that. Ein glänzend geputzter Kredenzschrein blendete das Auge durch den Schimmer der vielen da aufgestellten Geschirre und Trinkgefässe. Ein schon zum Mittagsmahle gerüsteter Rundtisch mit blinkendem Geräth geziert, in der Nähe einer zierlichen Kühlwanne, aus der kurzhälsige Flaschen guckten, erweckte die Lust nach leckerm Imbiß und Trunk. Von der Höhe des Zimmers schmetterten seltne Singvögel aus gelben Drahtkästchen ihr muntres Lied herab. Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem üppigen Lotterbette. Das herrlich geschriebene und in goldbeschlagnen Sammet gebundne Brevier war seiner Hand entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange an langer Kette herunterbegeben, und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt, die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.

Dagobert hatte Muße genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich derselbe schwerfällig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagre bleiche Augustinermönch, mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagnen Augen,[115] auf den sich Dagobert wohl noch zu Zeiten aus seiner frühsten Kindheit erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Prälaten umgewandelt, der außer dem Kreuze von Topasen und Gold gefertigt, nichts Mönchisches mehr an sich trug. Die Haare hingen auf die Schulter, und die Eitelkeit hatte die Graugewordenen durch metallische Mittel kupferbraun gefärbt. Die Augenbraunen waren auch mit trügerischer Farbe geschmückt, goldne Ringe hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife glänzten an den Händen. Die Fülle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen, ihm ein jüngeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemuth mehr durchblicken, ließ. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht träumen ließ, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Prälaten, der durch eine nicht allzubedeutende Kopfneigung und Handbewegung den Jüngling einlud, zu sprechen. Dagobert hatte sich wenigstens eingebildet, von seinem Oheim bald erkannt zu werden, und schwieg, ihn unablässig betrachtend. Der Prälat fand hingegen das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit vornehmer dringender Rede; Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr. fürstlichen Gnaden?

»Ach, hochwürdiger Herr!« begann Dagobert, bei dem die Rührung die Oberhand gewann: »Nicht des Herzogs Wille führt mich hieher; sondern mein Herz, mein Herz allein!«[116]

Der Prälat maß ihn mit staunenden Blicken. »Seltsam!« sprach er alsdann: »was hätte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne, und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerthen verbergen müßt?«

»Brauche ich einen Namen vor Euch?« fuhr Dagobert dringender fort: »Sprechen nicht aus meinem Gesichte bekannte Züge zu Euerm Gefühl.«

»Ei, junger Gesell, Du wirst doch nicht ...« entgegnete der Prälat betreten, und holte seine Brille aus dem Ärmel: »Sendet Dich etwa ... wie nennt sich Deine Mutter?«

»Wie mögt Ihr nach der Mutter fragen?« sprach Dagobert weiter: »Die Edle ruht im Grabe; doch des Vaters Name ......«

»Genug, genug, mein Sohn!« Unterbrach ihn der Oheim mit wachsender Befangenheit, und sein Blick suchte den Boden, während er die Hand zum Kusse reichte: »Du bringst mir eine böse Nachricht. Rechinald ist todt? Gott genade ihrer Seele .... Was willst Du aber beginnen ...? Für Dich zu sorgen wird mir schwer werden; .... wir armen Geistlichen werden in diesen neusten Zeiten, gedrückt und gepfändet, als hätten wir des Erdreichs Schätze allein; ... ich werde wahrlich Nichts für Dich thun können.«

Dagobert betrachtete ihn während dieser Rede, ohne zu wissen, ob der Prälat Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer plötzlichen Geistesabwesenheit, also irre und verworren spreche.[117]

»Wie ist Euch doch zu Sinne?« begann er endlich, da die peinliche Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte, und sein Auge gleichsam aus dem Boden die versagenden Worte auszugraben sich anstellte: »Was Ihr mit der Rechinald zu thun begehrt, der Gott ein langes Leben, – oder, wäre sie wirklich gestorben – eine fröhliche Urständ schenken möge, – das weiß ich nicht. Ich habe nie Eine dieses Namens gekannt, und meine Mutter hieß Wallrade, wie meine schlimme Schwester. Ich weiß jedoch ganz ausgemacht, daß ich nicht als zudringlicher Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrücklichen Wunsch und Willen, hochwürdiger Herr Ohm! Der Vater läßt Euch bestens grüßen, und die Stiefmutter. So Ihr mir zum frommen dienen wollt, werd ich's Euch herzlich danken. So sich aber Eure Willensmeinung geändert hätte, kehre ich stehenden Fußes um gen Frankfurt, ohne Groll und Reue.«

Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Prälat aufmerksamer, ruhiger und aufgerichteter geworden. Es spiegelte sich sogar eine Art von Freude in seinem Gesichte, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen Augenblick hindurch die Züge des Letztern, und rief alsdann, ihm beide Hände hinreichend: Ach du närrischer Kautz! Das ist ja etwas ganz Andres! Komm, umarme Deinen alten Ohm! Die heilige Jungfrau benedeie Deinen Eingang!

»Dagobert umhalste den blödsichtigen Prälaten und setzte sich, wie dieser es begehrte, neben ihn auf das Ruhebette.« – »Ja, das ist ganz das Gesicht des[118] Bruders!« sprach Hieronymus: »Meine bösen Augen! Vergib mir nur den Mißgriff, lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, Dich einzuführen. Ich hätte darauf geschworen .... siehst Du ... diese Rechinald ... sie war mein frommes Beichtkind, da ich noch in Deutschland lebte, ... und .. ihr Sohn .... doch, ich werde Dir das bei gelegnerer Zeit erzählen. Gib mir noch einmal die Hand. So! bist ein hübscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbtheil unsers Geschlechts. Aber in Deinem Wesen hatte ich mir nicht weniger als Alles anders vorgestellt. Wo ist der geistliche Rock, das Piret? der Rosenkranz und der niedergeschlagene Blick? Du siehst aus, als ob Du zum Herrendienst an den Hof reiten wolltest, und nicht nach Wälschland in das Bartholomäistift.«

»Vergebung, Ohm!« scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blandamastnen Überkleid des Prälaten: »Das ist eben auch nicht das Klostergewand.«

»Hm!« lächelte der Oheim selbstgefällig: »Die Klausur und Regel ist nicht mehr für den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient, und dürfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in der Fremde, mit päpstlichem Dispens.«

»Hier in der Fremde?« wiederholte Dagobert: »Ei, lieber Ohm, Ihr seyd ja hier im Vaterlande.«

»Welch Geschwätz!« entgegnete der Prälat, das Gesicht verziehend: »Wo ist des Priesters Vaterland? Da, wo der Statthalter Christi wohnt und herrscht mit den Fürsten seiner Kirche. Und wär auch dieses nicht, so braucht man nur einen Fuß[119] nach dem gelobten Lande Italia gesetzt zu haben, um sich fürder keine andre Heimath zu wünschen. Wahrlich, hätte nicht die Pflicht geboten, nimmer wäre ich zurückgekommen in das Reich ungehobelter deutscher Nation. Jenseits der Alpen weht eine heitre warme Luft; hier in Euerm trüben Winterlande erstickt mich der Husten. Dort gehe ich durch helle geräumige Städte, hier versinke ich im Morast enger winklicher Gassen, wie man sie in armen Dörfern nicht schlechter hat. Dort trinke ich köstlichen, mild und feurig zugleich schmeckenden Wein, esse herrliches Obst, Geflügel und Fisch. Hier quäle ich mich mit abscheulichem Krätzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wächst, und kalt und rauh ist, wie Eure Sitte; hier verderbe ich mir den Geschmack mit Holzäpfeln und sauern Trauben. Dort höre ich eine Sprache, die wie Musika klingt, einen Gesang, dem gleich der lieben Engelein. Hier mußt ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen- und Hahnengeschrei anzuhören, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich verständlich machen will, und muß noch von Glück sagen, wenn ich nur dann und wann von ferne ein deutsches Lied singen höre, das gewöhnlich nicht anders klingt, als wie eine knarrende Thüre, deren Angeln des Öls ermangeln, und zu welchem Euer verdammtes Instrument, der schnurrende höllische Pommer, die beste Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer plumpen Sitte, von Eurer schlechten Küche, von Eurer unflätigen Zechlust reden, nicht von Euren unbequemen Häusern, wo man sich einrichten muß, wie Figura zeigt, das heißt, wie[120] ein Bauer in seiner Lehmhütte, und einen Wald in den Ofen zu werfen hat, wenn nur die Finger nicht erfrieren sollen; nicht von Eurer Raubsucht und erbärmlichen Kindererziehung, ... denn alle diese Unformen und Mißgestaltungen sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich Dir zu verstehen, daß Du, um mir wahrhaft zu gefallen, und meiner Gunst würdig zu werden, die grobe deutsche Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht abzulegen hast.«

»Hm!« versetzte Dagobert lustig: »Das Letztere ist bald gethan, denn der Schneider macht in einem Tage den Cleriker fertig; aber das Erste wird nicht so schnell gehen. Mir ist vaterländische Gewohnheit so an's Herz gewachsen, daß es gewaltiger Mühe bedürfte, sie sammt den Wurzeln herauszureißen.«

»Wie heißt das deutsche Sprichwort?« fragte der Prälat: »Das eine Vernünftige unter tausend Albernen?« »Alles, was Du willt, geschieht, so Dir's nicht an Muth gebricht. Beherzige das, und folge meiner Weisung; dann kann noch ein flammend Kirchenlicht aus Dir werden. Vor der Hand lasse Dir's indessen heute bei mir gefallen, und nimm vorlieb mit meinem Tische.«

»Das wird mir nicht schwer fallen,« scherzte Dagobert, dessen schelmisches Lächeln, wie der verstohlne Blick auf die Leibesfülle des Oheims dem Letztern nicht entgingen.

»Hm!« sprach dieser mit aufgeworfnem Munde: »Freilich findest Du auf meiner geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Saffranbrühe, wie sie hier erfordert[121] wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen scheucht, aber deutscher Jäger und Edelleute köstlichste Speise ist. Eben so wenig aber darfst Du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu genießen, sondern die einfache Kost eines Dieners der Kirche, deren Oberhaupt sich einen Knecht der Knechte nennt.«

Die hübsche Pförtnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlängerten Besuch auf's Höchste gereizt worden war, steckte, erinnernd an den Imbis, den Kopf in die Stube. »Wir haben einen Gast,« rief ihr der Prälat freundlich nickend zu: »Diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werthe Fiorilla, meinen geliebten Neffen vorstelle.«

Fiorilla staunte ein Weilchen den Jüngling an, der so schnell ein Verwandter des Hauses geworden war; hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung, legte für den Geladenen Tellerbrod und Tellertuch auf, setzte einen schön gearbeiteten Becher an seinen Platz, und begab sich hinweg, um die Speisen herauf fördern zu lassen. Dagobert hatte genau bemerkt, wie sein Ohm mit den Augen jeder Bewegung der holden Dienerin gefolgt war, und von Zeit zu Zeit auf ihn selbst einen prüfenden Blick geworfen hatte. Er gab sich daher alle Mühe, recht unbefangen zu scheinen, und fragte den Prälaten mit seinem besten Gleichmuth, ob Fiorilla etwa auch eine Verwandte sey, oder ob das Verhältniß der Magd sie an dies Haus buche. Hieronymus besann sich eine Weile. »Dieses Mädchen« – sagte er hierauf – »ist nicht Verwandte, nicht Dienerin; sondern eine[122] Tochter edeln Hauses, aus Cesena gebürtig, die durch ihr besondres Vertrauen in mich, meine Freundschaft und väterliche Teilnahme gewann. Ihre Neugierde und ihre Luft die Welt zu sehen, zu befriedigen, erlaubte ich ihr, einer schutzlosen Waise, mich hieher zu begleiten, wo sie dann als Freundin mein kleines Hauswesen zu besorgen unternommen, während sie vor der Welt, die in dem reinsten Verhältniß eine Sünde wittert, meine Base heißt.«

»Obschon ich die runde Maid mit den Flammenaugen nicht ungern mein Bäschen nenne,« meinte Dagobert: »so begreife ich doch nicht, wie ein Mann von Eurer Würde und Heiligkeit sich zu dieser Unwahrheit herablassen konnte.«

»Ach! Du weißt es nicht,« seufzte der Ohm, wie die Welt im Argen lebt; wie sie sich freut über den Fall des Gerechten, und aus seiner Unschuld die bittre Schuld saugt. Die Deutschen absonderlich, trotz ihrer Ruchlosigkeit, ihren unzüchtigen Tänzen und heidnischen Philosophemen; Wer ist es, der das Leben des Priesters einer solch unchristlichen Untersuchung unterwirft, wie noch nie erhört worden? Der Deutsche. Wer wagt es, Prälaten, Bischöfe, Kardinäle, und Gott sey es geklagt, den Unfehlbaren in Rom selbst in seinem häuslichen Thun zu meistern? Der Deutsche. Wer schreit am ungestümsten nach einer allgemeinen Kirchenverbesserung? der Deutsche. »O der Sünde! die Kirche und ihre Satzungen will er umstürzen und erneuern, gleich als ob sie Menschenwerk wären, und nicht das Vollkommenste, Gottes und seines Sohnes Werk!«[123]

Dagobert, der den Meinungen seines Oheims nicht offne Fehde bieten wollte, so sehr auch seine Ansichten von ihnen abwichen, betrachtete still lächelnd die Schnabelspitzen seiner Stiefel, und athmete freier, als endlich der Imbis aufgetragen war, und somit das ernstwerdende Gesprächsel ein Ende hatte.

Bei Tische, während des Genusses der feinsten Speisen, die eines Erzbischofs Tafel zu Ehren gebracht haben würden, hatte der junge Mann Gelegenheit genug, zu bemerken, daß die Freundschaft seines Oheims zu Fiorillen wirklich eine Große war. Die leckersten Bissen legte sie dem Prälaten vor, und dieser schob das Leckerste von ihnen auf ihren Teller. Seinen und des Neffen Becher füllte er halb mit Wein, halb mit Wasser, in Fiorillens Kelchglase perlte der reine italienische Feuerwein. Während Dagobert zum Nachtisch mit vaterländischem Käse abgespeist wurde, fütterte Oheimchen Fiorillen mit dem schmackhaften in Honig gefaßten Ingwer, und mit der süßen Weichsellatwerge. Venedische Mandeln und Weinbeeren wurden aufgetragen, um von dem Hausherrn benascht, und an Fiorillen verschenkt zu werden. Endlich betheuerte die Letztere ernstlich, zur Genüge versorgt zu seyn, und bemitleidete scherzend den Gast, daß ihm nichts von diesen Leckereien beschieden gewesen. Dagobert lächelte Achselzuckend; der Oheim sprach aber trocken: Mein Neffe macht sich sicher nichts aus diesen Süßigkeiten, denn er ist noch ein ächter Deutscher, und eine Ochsenkeule ihm lieber als eine seine Tafel, wär's auch die des Cardinals Zabrella, der auf das Essen etwas hält.[124]

»Alles gleicht sich aus;« erwiederte Dagobert: »Derbe Kost gibt derbe Menschen.« »Richtig,« meinte der Prälat: »und feine Speise zieht den feinen Mann.«

Fiorilla gab einige Worte dazwischen, die nicht undeutlich merken ließen, daß ihr eine kräftige Derbheit nicht mißfalle, indem sie Bürge eines kräftigen Gemüths sey.

»Es muß mich wundern,« sprach sie endend: »Hochwürdiger Herr, daß Ihr an dem Neffen tadeln zu wollen scheint, was ihr an der Nichte gut heißt.«

»An Euch, mein Bäschen?« fragte Dagobert munter, und warf, dem eifersüchtig lauernden Ohm zum Trotze, einen seiner feurigsten Blicke in Fiorilla's Augen.

»Nicht doch;« antwortete diese erröthend: »Ich spreche von der Nichte Sr. Hochwürden.« Monsignore gab der Geschwätzigen mit verdrüßlicher Miene ein Zeichen zu schweigen. Dagobert, dem auch dieser Wink nicht entging, hatte Muthwillen genug, weiter zu forschen.

»Seyd Ihr's also nicht, liebes Bäschen?« fragte er; – »oder – von welch andrer Nichte ist denn hier die Rede, Oheim.«

»Von wem sonst, als von Deiner Schwester?« brach der Letztere unmuthig los.

»Von Wallraden?« rief Dagobert.

»Freilich von ihr;« versetzte Fiorilla. »Was meint Ihr, – hochwürdiger Herr? Sie wird viele Freude haben, ihren Bruder zu sehen, der gerade so muthig und entschlossen zu seyn scheint, wie sie.«[125]

»Wie ist mir denn?« fragte Dagobert: »Wallrade wäre hier?«

»Ja doch;« entgegnete Fiorilla unbefangen: »Ihr wußtet das nicht?«

»Verdrüßliche Schwätzerin!« zürnte der Prälat gegen die Freundin: »Mulier taceat in ecclesiam!«

»In ecclesia!« verbesserte Dagobert lächelnd: »Ein guter Spruch! aber ich verstehe nicht, warum Ihr mir ein Geheimniß aus der Anwesenheit meiner Schwester machen wollt, guter Oheim? Mir ist sie das gleichgültigste Ding von der Welt, macht mir nicht Liebe, nicht Haß. Wir Beide, Wallrade und ich, wir konnten uns von Jugend auf nicht leiden. Ich war ihr zu lustig, sie war mir zu rauh. Ein Glück, daß sie ein Mädchen und nicht ein Bube geworden. Es hätte alle Tage blutige Köpfe gesetzt. Seither sind wir auseinander gekommen, und haben uns natürlich nicht lieben gelernt. Sie wird mich nicht suchen, wie ich nicht sie. Wir würden uns fremd bleiben, wohnten wir auch unter einem Dache.«

»Das wußt ich ja eben!« fiel der Prälat ein: »Ich hatte mir's auch so schön ausgedacht, wie ich euch Trotzköpfe mit guter Art zusammenbringen und versöhnen wollte, ehe ihr noch von eurer gegenseitigen Anwesenheit gewußt hättet. Durch die Fiorilla Cicalonilla ist mir das gute Werk vereitelt.«

»Es ist nicht meine Schuld,« schmollte die Gescholtene, »daß ich vielleicht in der besten Absicht Euer Vorhaben zu nichte machte. Ich wußte weder von dem Widerwillen der Geschwister, noch von der bezweckten Versöhnung. Ich wette indessen, setzte sie[126] mit einem verstohlnen Seitenblick auf den Jüngling bei, daß Euers Neffen redlich Gemüth auch ohne Überraschung und Vermittlung den rechten Weg einschlagen und die Bande fester knüpfen werde, die Vorurtheil und Zufall auflockerten.«

»Ihr thut mir viel Ehre an,« erwiederte Dagobert höflich: »ich muß sie aber ablehnen. Wallradens hochfahrender Sinn hat sich stets so trotzig erwiesen, in jedem Verhältniß des Lebens, daß ich, selbst bei dem redlichsten Willen, die Hoffnung aufgeben mußte, ihn für meine redlichste Gutherzigkeit zu gewinnen. Auf der andern Seite bin ich auch, nicht der Mann, der Weiberlaunen unterthan ist, wären es auch die einer Schwester, die einer geliebten Gattin.«

»Du versteigst Dich;« unterbrach ihn der Prälat: »Nicht denken sollst Du an eine Gattin, die Du nimmer besitzen wirst.«

»Nun denn,« rief Dagobert lachend: »Ist mir die Liebe verboten, so ist mir doch die Freundschaft erlaubt. Nicht wahr, mein Bäschen?«

Fiorilla nickte heimlich lächelnd, und Dagobert ergriff seinen gefüllten Becher. »Auf gute Freundschaft denn!« sprach er schmeichelnd, und klang mit Fiorillens Kelchglas an. »Macht kein finstres Gesicht, Oheim! Wir ungehobelten Deutschen müssen einmal den Becher zur Hand nehmen, ob wir Frieden machen, Krieg beschließen, der Minne oder der Freundschaft Bund heiligen. Wir wollen gute, gute Freunde seyn, Bäschen Fiorilla, oder Blümchen! Aber selbst Eure Launen trag ich nicht.«[127]

Fiorilla setzte das Glas mit lieblicher Geberde an den Mund, und während ihre Lippen nippten, ruhte ihr Auge seelenvoll auf des Jünglings blühendem Gesicht. Der Prälat rückte unruhig auf dem Stuhle, und drohte der Italiänerin verstohlen mit dem Finger. Die Leichtfertige lachte, Dagobert stellte sich aber, als habe er es nicht bemerkt, und fuhr in lustiger Laune fort: »Ihr seyd mir noch die Erklärung schuldig, bester Ohm, wie es kömmt, daß ich Wallraden hier zu Costnitz finde? Was führt sie her? In welcher Absicht ist sie hier?«

»O seht;« rief Fiorilla; »seht, wie diese Neugierde schon verborgne Theilnahme verräth.«

»Sie kam auf meine Ladung, mich zu besuchen;« antwortete der Prälat dem Neffen kurz und gleichgültig. – »Eine Stiefmutter hat Euch Beide aus Eurem Stammhause vertrieben: ich halte es für Pflicht, Vaterstelle bei Euch zu vertreten, die der schwache Vater verließ. Indem ich Wallraden vor sechs Jahren mein durch Erbschaft mir zugefallenes Gut in Thüringen überließ, gab ich ihr schon ein sorgenfreies Geschick, und behielt mir dafür nichts vor, als die Befugniß, ihr einen Gatten zu wählen, und diesen Gatten denke ich ihr hier zu freien.«

»Das muß eine herrliche Ehe werden!« lachte Dagobert: »Lieber Ohm, wählt nur ein recht frommes Schaf, das von Geburt an gewöhnt ist, mit Gebiß und Trense zu laufen, und alleine keinen Schritt zu thun. Wie heißt der Glückliche, den Ihr der Sanftmüthigen zugedacht?«[128]

»Dem Spötter nenne ich ihn jetzt nicht,« entgegnete der Prälat verletzt und hob durch sein Aufstehen die Tafel auf.

»'S ist auch gleichviel!« versetzte, Dagobert in obigem Tone: »Bedauernswerth ist er, er heiße nun Adam wie der erste Mensch, oder Sylvester wie der letzte Tag im Jahre. Wohl bekomm ihm die Veränderung und der Hiobstand.«

»Unerträglich!« murmelte der Prälat zwischen den Zähnen. Gemäßigter aber fuhr er fort: »Ich habe noch einen Besuch zu machen, bei welchem ich Deiner Gegenwart entbehren muß, denn er gilt gerade Deiner Schwester. Es wird mich freuen Dich bald wieder zu sehen, und in schicklicherer Tracht.«

»Verlaßt Euch darauf,« erwiederte der muntere Jüngling, nach dem Federhute greifend. »Im schwarzen Rock, mit Gürtel, Kragen und Kappe schaut Ihr mich nächstens wieder. Ich bin Euch gern gefällig, wäre gerne immer um Euch.«

»Ich glaubs;« spöttelte der Oheim mit einem Seitenblick auf Fiorillen: »Du wirst aber ermessen, daß ich Dir keine Herberge unter meinem Dache anweisen kann, weil mir's die Sorge für dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt.«

»Freilich;« bestätigte Dagobert mit verstelltem Ernst: »Ihr müßtet nicht halb so gewissenhaft seyn, werther Ohm, als Ihr wirklich seyd, um solches zuzugeben. Ich weiß mich auch zu bescheiden. Ich verplauderte gerne noch den ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Bäschen, dem Blümlein Tausendschön, ... weil Ihr denn doch zu Wallraden geht ...[129] aber die Sitte leidet's nicht; ... in Deutschland mindestens nicht, aber ...« hier schwieg er heimlich lächelnd stille.

»Aber?« fragte Fiorilla muthwillig. »Aber?« wiederholte der Prälat neugierig, und gedehnt.

»Aber wollt ich sagen,« fuhr Dagobert fort – »das wird sich schon geben, wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen, und den Schneider auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief der in Euerm Haufe mir das Öffnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwürdiger Oheim! träumt von mir liebe Base!«

Lachend und plaudernd eilte Dagobert von dem ungewohnten wälschen Weine aufgeregt, von dannen, und dachte unter der Thüre des Vorgemachs das Herz seiner Begleiterin durch einen glühenden Händedruck zu versengen, aber indem rief des Prälaten befehlende Stimme: »Fiorilla!« und mit einem leise geflüsterten Lebewohl: »Addio carino!« flog, sie in das Speisegemach zurück.

»Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet!« sprach der Prälat mit gefalteten Händen: »Der schwatzt wie ein Franzose, zudringlich, keck und vorlaut; und säuft und ist grob wie ein ächter Deutscher.«

Fiorilla verlor kein Wörtlein, sie schmunzelte aber für sich; versäumte nicht unter dem Aufräumen, am Spiegel sich vorüberzudrehen, und strafte in Gedanken ihren hochwürdigen Freund Lügen.

»Und der Fastnachtsnarr will Priester werden,« fuhr der Prälat fort.[130]

»Er will nicht, aber er soll und muß;« schaltete Fiorilla ein.

»Ganz recht; er soll!« versetzte Monsignore: »Aber Gott behüte uns in Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst du Heiland sagen wird: Besser wär's, es wäre niemals angezündet worden.«

»Gleich tausend Andern!« kicherte Fiorilla vor sich hin, und fütterte den Sittich mit Honigbrod.

Quelle:
Carl Spindler: Der Jude. 3 Bände, Band 1, Stuttgart 1827, S. 107-131.
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