Zweiter Akt.

Szene wie erster Akt.

Als der Vorhang aufgeht, sitzen alle um den Kaffeetisch mit Ausnahme Lisbeths. Auf dem Sofa Willem und Lütt-Hein, Mudder links, Elsabe vorn, den Rücken zum Publikum, Hugo hinten.


HUGO steht auf, nimmt seinen Hut vom Nagel.

MUDDER. Na? all weder weg? Du hast den ganzen Dag noch nich 'n Wurt spraken.

HUGO setzt sich den Hut auf. Du spreckst desto mehr.

MUDDER. Du hest mi weihdahn gestern!

HUGO. Du mi nich!

MUDDER steht auf. Ick? Hew ick Di wat seggt? Nich 'n Silw!

ELSABE steht ebenfalls schnell auf stellt die Tassen zusammen, räumt ab. Alles schnell, damit Mudder ihr nicht zuvorkomme.

MUDDER zu Elsabe. Lat man, dat kann ick glieks.

ELSABE läßt sich dadurch nicht abhalten.

MUDDER zu Hugo. Ick bin mi nichs Slechtes bewußt. Wat hew ick Di denn unwürliches seggt? He? Segg mi dat mal.

HUGO. To mi kannst Du seggen, wat Du wullt.

MUDDER. Na, wat wist denn noch?

HUGO. Aber to anner Lüd.

MUDDER. Wat gahn Di anner Lüd an?![49]

WILLEM zu Lütt-Hein. So, nu kannst weder rutgahn und speeln. Setzt ihn auf die Erde. To.

HUGO. Mi hest all hart makt Setzt sich seinen Hut auf. aber anner Lüd kennt Di nich.

LÜTT-HEIN läuft zu ihm. Hugo-Unkel! Du wußt mi 'n Blas' maken.

HUGO. Kumm mit.

WILLEM. Lütt-Hein! dat Du Di aber nich unnersteihst un geihst hüt abend mit de annern Jungs to 'n Martensingen! Dat Betteln in 'e Hüs' will ick nich hem! Hest 't hürt?

MUDDER. Ganz recht. Sowat kann ick op 'n Dod nich lieden. För de Jungs is doch man dat Betteln de Hauptsaak.

HUGO. Ja! Du wist woll wat doran rutfind'n. Lat de Kinner sick doch ok mal amüsieren, wenn 't jem Spaß makt. Dat is doch man Kinnerkram.

MUDDER. He sall aber nich mitgahn, hett sien Vader seggt! und dat is recht so!

HUGO den Kleinen an der Hand brummend ab. Ach Du – wat wut Du – Ab.

WILLEM ihnen nachrufend. Nee, Hugo, snak em nichs vör.

MUDDER. Wenn de Jung doch mitgeiht, möt he so lang Släg hem, as 'n sick rögen kann.

WILLEM stopft sich eine kurze Pfeife. Ach, he ward all nich. – He weit ja nu Bescheid. – För uns ward nu ok bald Tiet Steht auf.[50]

ELSABE immer bei der Arbeit, wäscht Tassen ab. Möt ji all weg? Un denn hett Hugo nich mal atüs seggt?

MUDDER. Ick hew 't woll markt: em is 't nich recht, dat sien Mudder hier is.

WILLEM rakt den vorbeigefallenen Tabak sauber vom Tisch. Dat bild'st Du Di bloß in! Du künnst em ja ok 'n bitten fründlicher entgegen kamen.

ELSABE. Du möst em dat nich immer glieks so marken laten. He drinkt nich mehr. He is in halbes Jahr nich in Gasthus west.

WILLEM. He sitt bloß hier un lett sick von Elsbe wat ut de Bäuker vertelln.

MUDDER. All denn olln unnützen Kram. Elsbe het ok beeteres to dohn. De Koppkissen von de Lütt sind slecht dör oll dat Spucken. Bettdäuker möten umneiht warden. Ick hew von morgen all soveel ut de Ecken rut söcht, da warden wi in' halw Jahr nich mit ferdig. De Neihmaschin wär ja all ganz inrust, de is woll in' Jahr nich brukt. Hest Du garnich bemarkt? Kannst Du Di dorbie woll feuln? di hew ick doch nich so opertrocken.

WILLEM geht an den Herd und zündet sich die Pfeife an. Ja, ick hew mi wollfeult – bit jetzt Raucht an. un hoffentlich bliwt 't so. Op 'n Handfull mehr Ornung kummt 't ja nich an – wenn Minschen man sünst verdräglich sind.

MUDDER. Na, ick kann mi doch mit jeden Minschen verdragen un will mi woll heuden ein Wurt to veel to seggen.[51]

WILLEM hoch atmend. Ach ja – – Geht zu Elsabe, die hastig die Tassen abgewaschen hat und bei den Worten der Mudder sie wiederholt zornig angesehn, ohne ein Wort zu sagen. Na, wat seggst Du denn? Raucht. Hm?

ELSABE ärgerlich. Ick war ja nich fragt.

WILLEM versucht es ins Lächerliche zu drehen. Nu, ick frag di doch.

MUDDER wischt mit der Schürze den Tisch ab. So is dat junge Volk hütesdags, immer glieks beleidigt. Gott, wo süht dat Wachsdauk ut, dat möt mal ornlich afseipt warden. Ja, ick möt hier mal bie, von Grund ob. Holt den Besen und fegt aus.

WILLEM bei Elsabe, zeigt unter ihr Kinn, kitzelt sie, lächelnd. Wat hest denn dor?

ELSABE schlägt ihm auf die Hand. Findst Du ok all wat?

WILLEM. Na, na, so hew ick dat nich meint – Saugt mächtig an seiner Pfeife, wendet sich. Na, denn nützt dat nichs. Mudder, Du süst dat doch man leiber nahlaten. Kannst ja öber'n Diek spaziern gahn. Deiht Di god.

MUDDER rückt das Sofa von der Wand ab. Wi könnt hier doch nich in Schiet verkamen!

ELSABE kann sich kaum noch halten. Nu ward 't aber bald to dull!

WILLEM sieht von einem auf den andern, raucht.

MUDDER. Na, dat Sofa is ok nich von de Wand weest, so lang ji hier wahnt.[52]

ELSABE stellt die Tassen in den Schrank. Deshalb brukt wi hier doch noch nich in Schiet to verkamen!!

MUDDER. Nu, nu! Ick denk, dat möt Di freun, wenn ick di helpen do.

ELSABE. För sonn' Hülp dank ick! – – hm Fast weinend. in Schiet verkamen!

MUDDER. Nu, wenn ick ok mal sonn' Wurt rutsla, so genau möst dat nich op de Wagschal leggen. Ick hew mi da gewiß nichs bie dacht Wundert sich.

WILLEM. Na, dat harst nich grad seggen brukt. Zu Elsabe. Aber so slimm kann 'ck dat ok nich finn'. Wendet sich zum gehen. Na, ja – för mi ward 't Tiet; de Oogen ward ji juch jawoll nich utkratzen.

MUDDER. An mi liggt gewiß nich! Ick do 'n Minschen to gefalln, wat ick kann.

WILLEM reicht Elsabe die Hand. Atüs, Elsbe! – sall 'ck kein hem?

ELSABE reicht ihm flüchtig die Hand, sieht zur Mutter hinüber. 'tüs – gah man!

WILLEM. Na, jä – wenn Du wullt – dat is ok dat erste Mal. Geht zur Mudder. Atüs Mudder!

MUDDER reicht ihm die Hand. Atüs mien Willem, glückliche Reis'.

WILLEM. Willn wi hoffen! Sieht sich nochmal nach Elsabe um. Na atüs! Ab.

ELSABE hastig am Schrank beschäftigt. – – Dat ward ja all düster; hett he ok ... Willem! Läuft zur Tür hinaus und läuft ihm nach. Willem! Willem![53]

MUDDER. Rop em nich trüch, Deern! Rückt das Sofa wieder heran. Hm! dat hett ok wat op sick. Wie de Kinner kalben de sick noch rum.

ELSABE kommt zurück, ruhig, geht wieder an den Schrank, wischt sich heimlich mit dem Handrücken über den Mund; ist völlig verändert. He har doch welche.

MUDDER. Wat denn? Wat süll he denn vergeeten hem?

ELSABE obenhin. Striekhöller – 't ward all düster – möt ja glieks Licht ansticken.

MUDDER. Dat ward he doch von selbst weeten. Du harst em nich trüchropen möst, dat bedüd nicks Gots.

ELSABE ist am Schrank fertig. Ah, Heuhnergloben! Un he is ja nich trüch kamen, ick bin em ja nahlopen. So Mudder, nu gew mi man denn Bessen. Du sett Di man wedder an de Maschin.

MUDDER. Da hier! Gibt ihr den Besen. Dien Neihn is ok nichs! Du kannst ja nich mal 'n grade Naht neihn! Dat hett Hugo all künnt, da ging he noch in 'n School.

ELSABE. To 'n Neihn hew ik ni rechte Lust hatt, hew ick ok noch nich.

MUDDER. Dat is slimm Geht an die Nähmaschine; setzt sich eine Brille auf. Mi will man de Hugo nich ut 'n Kopp, gläuwst Du nich, dat he noch heimlich drinkt?

ELSABE. Nee! nee! Um Gottswilln, Mudder! Wie kannst Du sowat glöben?![54]

MUDDER setzt sich, kantet Leinenzeug mit dem Fingerhut auf der Platte der Nähmaschine um. – Ach, ja! – Ick hew all wat dörchmakt mit denn Jung. Mit achtein Jahr sät he mitten mang de ollen Süpers un drünk hart! Wenn Gott mi blos davör bewahren wull – ick weit, wat ick mit mien Mann uttostahn har. – Un sonn' jungen Bengel all, Nacht vor Nacht güng he dörch, un morgens künn he kum op all viern de Treppen hochklaspern. – Nee, nee, nee, wat hew ick ok all dörchmakt.

ELSABE den Schmutz auffegend. Ja, Mudder, dat hest ja all soveel mal vertellt.

MUDDER. Dat kann ich Di garnich vertelln, wie ick hew lieden möst!

ELSABE. Möst bloß Hugo dat nich so feuln laten, he is 'n ganz goden Jung.

MUDDER. Dat wär he sien ganze Schooljahre hendörch ... Nimmt plötzlich die Brille ab und steht auf. Nee, ohne Licht will 't doch nich mehr gahn.

ELSABE. Ick steek Di de Lamp an, teuw. Sie schüttet den Schmutz in den Kohleneimer, hängt Schaufel und Besen hinterm Schrank auf.

MUDDER nimmt die Lampe von der Kommode, setzt sie auf die Maschine. Dat kann ick ja ok. Nimmt die Kuppel ab, will sie neben die Lampe setzen, verfehlts aber und läßt sie zu Boden fallen. Ah! dat is argerlich! de schöne Kuppel! dat argert mi!

ELSABE sammelt die Scherben auf. Mudder, dat[55] is ja nich so slimm, dorum brukst Du Di nich to argern; kost man sößdig Penn'.

MUDDER. Man sößdig Penn', seggst Du, un dat so gliekgüldig! Wo manch einer möt för sößdig Penn' Middag kaken för de ganze Familie! Du weißt öberhaupt noch nich, wat Geld von Wert hett. So is dat ok mit denn düren Kinnerwagen, dat har nich nödig dahn! In' Waschkorw sind mien Kinner grot worden, un wat för rojalsche Kerls! Se hebbt wat in' Liew un wat in' Kopp! Kein Minsch kann mien Kinner wat nahseggen!

ELSABE hört absichtlich nicht darauf; fegt den Rest Scherben auf, steckt dann die Lampe an. – Nu möt dat ohne Kuppel gahn. Wenn Lütt-Hein kümmt, kann he eben hengahn.

MUDDER. Denn Lütten möst Du ok veel strenger nehmen. De Jung ward all to drauk Setzt sich wieder die Brille auf. Ohne n' Kuppel blendt't dat doch 'n beeten – na lat man Setzt sich und nimmt das Zeug vor. Künn denn de Jung nu nich kamen? Wenn't düster ward, hürt Kinner nich mehr op Strat. Schurrt mit dem Fuß. Wat liggt denn da? Hebt es auf. Noch Stück von' Kuppel, so schön hest Du utfegt. Dat geiht alles so Larifari bie Di, as wenn 't nichs is. Steht auf und wirft es in den Kohleneimer.

ELSABE hat alles schnell ein bischen in Ordnung gebracht und nimmt ein Buch vom Bort. Dat nächste Mal will ick 't beeder maken, Mudder.[56]

MUDDER. All weder bie de verdreihten Bäuker? Ick hew mi in mien ganzes Leben nich ein Minut Tiet laten to 'n lesen. Dat 's wat för Klatschwieber, de nich weeten, wo s' mit ehr Tiet hen söln. Wi hebbt doch wahrraftigen Gott soveel to dohn! Nimm mal 'n Strücktüch vör un strick Dien Mann 'n por deftige Winterstrümp, de em bet nah de Lend' rop gat. De Winter steiht vör Dör, un he hett kein por heile Strümp antotrecken. Setzt sich wieder, arbeitet.

ELSABE hat sich aufs Sofa gesetzt und oberflächlich in dem Buch geblättert. He hett noch 'n ganzen Barg Strümp, Mudder, Du hest se man noch nich fundn.

MUDDER nimmt die Brille ab, wendet sich lebhaft zu ihr um. So?! Wo lingn de denn? Mi dücht, ick hew doch all alls nahseihn.

ELSABE. De lign baben op denn groten Schrank in sonn' olle Hotschachtel. Wenigstens söß Por.

MUDDER legt die Brille hin, steht auf. Dat hest recht, da baben hew ick noch nich toseihn. Da möt ick doch gliek mal bie, villicht ligt da noch mehr. Will links ab.

ELSABE. Lat doch jetzt, Mudder. Da möst an Dag bie, jetzt kannst ja doch nichs seihn.

MUDDER setzt sich wieder, nimmt die Brille auf. Dat is ok wahr. Aber dat sall morgen fröh dat erste sien! Help mi daran denken! Arbeitet. Du kannst doch da ok nichs mehr seihn ohne Lamp, denn smiet doch dat oll Bok in 'n Eck! Is ja gräßlich, sowat antoseihn.[57] Du speelst doch man rum, do wat! Un stehl nich so 'n leiben Gott de Tiet af. – Seih doch mal to, ob sick de Lütt nich all weder natt makt hett. Erst leg se so wie sonn' Kaldutsch. Ick weit nich, wie Du ... Horcht.


Ganz in der Ferne hört man die Kinder auf die Schweinsblasen schlagen und dazu das Lied singen: Der Gen'ral Werder hat einmal zum Tanze

aufgespielt ...


MUDDER. Hörst Du: da sind s' all! un ick will mien Kopp missen, wenn de Lütt-Hein nich dorbie is. De Jung hört op nichs, wat em verbaden ward. Herrgott! wie wärn min Jungs daför, de sprüng' dreimal to, ehr Du ein Wurt seggt harst. Jeder har se leiw, dat lewt un lacht all!

ELSABE stellt das Buch hin – die letzten Worte sind ihr doch etwas an die Leber gegangen. De Lütt- Hein is ok nich unardiger as alle Kinner. – Du hest mi doch ok all vertellt, dat Willem as sonn' lütten Jung kum denn Mund apen dohn deh, un jeden Dag har he sien Tuch terreten. Das Singen verstummt.

MUDDER nimmt die Brille ab und wendet sich zu ihr; ernst. Du wist mi woll faten? Dat lat Di man nich an' Sinn sien.

ELSABE. Ick will Di nich faten, ick segg bloß, wat Du seggst hest. Du letst nichs op Dien Kinner kamen, un ick ok nich! De eigen sind immer de besten![58]

MUDDER wieder lächelnd wie immer, setzt sich die Brille auf, arbeitet. Ja, Du hest recht, ehr Fehler hewt se all hat. – Horcht. Hörst Du nu? alles still; nu sind se in' Hus ringahn un betteln! Dat verdammte Betteln, dat kann ick op 'n Dod nich utstahn! Ick har doch nich leeden, dat ein von mien Kinner von Hus to Hus geiht un bettelt!! Leiber har ick s' int Wader smeeten un mi nah! Teinmal leiber dad as betteln!!


Man hört die Kinder wieder, sie kommen näher.


MUDDER. Da sind s' all weder. Wirft die Brille hin und springt auf. Mi kribbelt dat so, dat ick nich wieder arbeiten kann. Hest Du denn kein Raut?

ELSABE wischt Staub vom Bücherbrett, blättert dabei bald in dem einem, bald in dem andern Buch. Wat sall de denn?

MUDDER. De Jung möt doch wat achter rop hem, dat he nich sitten kann.

ELSABE. Aber Mudder, Du weißt doch noch garnich, ob he dabie is. Es ist wieder still.

MUDDER. Gewiß is he dabie; dat seggt mi mien Inneres. Un Du sast sein, ick hew recht. Sien Vater hett em dat verbaden, un da möt sonn Jung hörn, op 't Wurt! Du süst bloß mal seihn hem, wat mien Jungs för Schock harn vor 'n Olln; bloß mit de Oogen brukt he to plinken, denn schöten se all tosam. Un dat is immer, wat ick seggen do: för sien Vader möt de Jung Schock hem! Vör 'n Vader möt he in 'e Ecken krupen! Sünst ward kein Kerl ut em![59]

ELSABE holt einen Stock vom Schrank. Wenn he da mang is, sall he sien Dracht kriegen, kannst Di to verlaten! Legt den Stock auf den Tisch. Se sind jetzt bie Nachbar Wried, da möten se gliek weder rut kamen. Aber ick glöwt noch nich.

MUDDER. He will Di 't woll wiesen, Dien Söhn. He kriegt langs nich genog mit 'n Schacht. Wie kann de Jung op Betteln gahn, wenn sien Vader em dat verbaden hett!


Die Kinder singen wieder, sind jetzt sehr nahe und kommen gleich von rechts über den Deich herein.


MUDDER. Da sind s'!

ELSABE greift unwillkürlich zum Stock.

KINDER voran Lütt-Hein, kommen singend herein.


Die Jungen haben getrocknete Schweinsblasen, einige Erbsen darin, und schlagen damit gegen das rechte Knie. Die Mädchen haben brennende Papierlaternen; einige tragen die erhaltenen Geschenke in der Schürze, andere haben, wie sämtliche Jungen, große Taschen oder Säcke um den Hals hängen. Alle singen.


Der Gen'ral Werder hat einmal zum Tanze aufgespielt.

Das war zur Zeit, als seinen Strauß er in dem Elsaß hielt.

Da strich, da strich, da strich den großen Brummbas er

So grob, so grob, so grob wie 'n keiner streicht.

Die Franzen walzten hin und her wie Werder hat gegeigt,

Die Franzen walzten hin und her wie Werder hat gegeigt.

Der Werder war ein Musikant,

Wie größer keiner wird genannt!
[60]

Den Fiedelbogen hatte er bei Straßburg schon gewichst

Bei Belfort da probierte er, ob keine Saite knickst.

Und dann, und dann, und dann, daß er bein großen Tanz

Nicht stockt, nicht stockt, nicht stockt und auch nicht hockt.

Dann schlug er dicht bei Mömpelgard mit Kolben deutschen Takt,

Dann schlug er dicht bei Mömpelgard mit Kolben deutschen Takt.

Der Werder war ein Musikant

Wie größer keiner wird genannt!


Daß hier bei den Franzosen nicht gefiel die wilde Tour,

Das kam daher, weil Werder kannte keine Partitur,

Das Stück, das Stück, sowie es Moltke sich zuvor

Zuvor, zuvor, zuvor hat ausgedacht,

Das hatte Gen'ral Werder nicht in Noten mitgebracht,

Das hatte Gen'ral Werder nicht in Noten mitgebracht.

Der Werder war ein Musikant

Wie größer keiner wird genannt.

LÜTT-HEIN lacht und macht dabei allerhand Grimassen, geht bis zum Tisch vor und schlägt mit aller Gewalt die Blase zum Takt auf den Tisch.

ELSABE reißt ihn am Arm, droht mit dem Stock.

MUDDER wütend, versucht gegen den Lärm anzuschreien. Rut! rut! rut! rut hier!

ELSABE hält sich die Ohren zu, läuft zum Schrank, hat Mühe ernst zu bleiben, sucht, greift endlich die[61] Tüte Pflaumen, eilt damit an den Tisch und schüttet sie darauf, alle Kinder stürzen sich darüber her.

LÜTT-HEIN steckt eine Pflaume in den Mund und singt mit vollem Munde weiter, mit der Blase auf alle Gegenstände schlagend, sogar seiner Mutter gegen den Arm und den Rücken, auch die Großmutter kriegt etwas ab.

ELSABE lachend. Nich strieden! nich strieden! Gibt jedem einige Pflaumen. da! da! da! – nu gaht!

KINDER stecken die Pflaumen in die Schürzen oder Säcke, singen, lärmen lauter als zuvor, endlich ab.

LÜTT-HEIN seine Blase schwingend, will wieder hinterdrein.

MUDDER stürzt auf ihn zu, reißt ihn zurück. Du bliwst hier!

ELSABE nimmt ihn ihr ab, kniet vor ihm. Wer hett Di seggt, dat Du mitgahn sast?

LÜTT-HEIN. Hugo-Onkel.

MUDDER. Slan! slan! sast Du em nu nich erst lang fragen!

ELSABE. He hett doch kein Schuld! Un 't wär doch Unsinn, Kinner-Kram.

MUDDER stürzt auf den Stock los. Sien Vader hett em dat verbaden ... gew em mi her!! Will ihn zu sich ziehen.

ELSABE zitternd vor Erregung. Ick lied 't nich!! Drückt Hein mit dem linken Arm an sich und reißt Mudder mit der rechten den Stock weg; ihn unters[62] Sofa schleudernd. Du hest em garnichs to slagen!! Öber mien Kinner gebeid ick noch!! Bloß ick!!

MUDDER fauchend, die Zähne zusammenbeißend. – So! – – So! Du hölst Dien Jung an to 'n betteln!! – So! – Dat will 'ck mien Söhn seggen!! Geht wütend an die Nähmaschine.

ELSABE hat sich wieder auf die Kniee gelegt und drückt den Kleinen an sich. Segg wat Du wullt! Do wat Du wullt! Stell dat ganze Hus op 'n Kopp! Aber segg nichs öber mien Kinner!! – Op mien Kinner lat ick nichs kamen! un wenn 't mien Dod is!


Vorhang.


Quelle:
Fritz Stavenhagen: Mudder Mews. Hamburg 21908, S. 46-47,49-63.
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