Vierter Auftritt.

[49] Belmonte, und Pedrillo.


PEDRILLO. Alles liegt auf dem Ohr; es ist alles so ruhig, so stille als den Tag nach der Sündfluth.[49]

BELMONTE. Nun so laß uns sie befreyen. Wo ist die Leiter?

PEDRILLO. Nicht so hitzig. Ich muß erst das Signal geben.

BELMONTE. Was hindert dich denn es nicht zu thun? Mach fort.

PEDRILLO sieht nach der Uhr. Eben recht, Schlag zwölfe. Gehen Sie dort an die Ecke, und geben Sie wohl acht, daß wir nicht überrascht werden.

BELMONTE. Zaudre nur nicht! Geht ab.

PEDRILLO indem er seine Mandoline hervor holt. Es ist doch um die Herzhaftigkeit eine erzläppische Sache. Wer keine hat, schafft sich mit aller Mühe keine an! Was mein Herz schlägt! Mein Papa muß ein Erzpoltron gewesen seyn. Fängt an zu spielen. Nun so sey es denn gewagt! Singt und akkompagnirt sich.

Romanze.

1.


In Mohrenland gefangen war

Ein Mädel hübsch und fein;

Sah roth und weiß, war schwarz von Haar,

Seufzt' Tag und Nacht und weinte gar;

Wollt' gern erlöset seyn.

[50] 2.


Da kam aus fremdem Land daher

Ein junger Rittersmann;

Den jammerte das Mädchen sehr;

Jach rief er, wag' ich Kopf und Ehr,

Wenn ich sie retten kann.


Noch geht alles gut, es rührt sich noch nichts.

BELMONTE kommt hervor. Mach ein Ende, Pedrillo.

PEDRILLO. An mir liegt es nicht, daß sie sich noch nicht zeigen. Entweder schlafen sie fester als jemals; oder der Bassa ist bey der Hand. Wir wollens weiter versuchen. Bleiben Sie nur auf Ihren Posten.

Belmonte geht wieder fort.


PEDRILLO.

3.


Ich komm zu dir in finstrer Nacht,

Laß, Liebchen, husch mich ein!

Ich fürchte weder Schloß noch Wacht;

Holla! horch auf! um Mitternacht,

Sollst du erlöset seyn.

4.


Gesagt, gethan; Glock zwölfe stand

Der tapfre Ritter da;[51]

Sanft reicht sie ihm die weiche Hand,

Früh man die leere Zelle fand;

Fort war sie, hopsasa!


Pedrillo hustet einigemal, Konstanze öfnet das Fenster.


PEDRILLO. Sie macht auf, Herr! Sie macht auf.

BELMONTE. Ich komme, ich komme!

KONSTANZE oben am Fenster. Belmonte!

BELMONTE. Konstanze! hier bin ich! hurtig die Leiter!


Pedrillo stellt die Leiter an Konstanzens Fenster, Belmonte steigt hinein; Pedrillo hält die Leiter.


PEDRILLO. Was das für ein abscheuliches Spektakel macht. Hält die Hand aufs Herz. Es wird immer ärger, weil es nun Ernst wird. Wenn sie mich hier erwischten, wie schön würden sie mit mir abtrollen, zum Kopfabschlagen, zum Spießen, oder zum Hängen. Je nu! der Anfang ist einmal gemacht, itzt ists nicht mehr aufzuhalten, es geht nun schon ein mal aufs Leben oder auf den Tod los.


Belmonte kommt mit Konstanzen unten zur Thüre heraus.


BELMONTE. Nun, holder Engel! nun hab' ich dich wieder, ganz wieder; Nichts soll uns mehr trennen.[52]

KONSTANZE. Wie ängstlich schlägt mein Herz! kaum bin ich im Stande mich aufrecht zu halten: wenn wir nur glücklich entkommen.

PEDRILLO. Nur fort! nicht geplaudert! sonst könnt' es freylich schief gehen, wenn wir da lange Rath halten, und seufzen. Stößt Belmonten und Konstanzen fort. Nur frisch nach dem Strande zu! ich komme gleich nach.


Belmonte und Konstanze ab.


PEDRILLO. Nun Kupido, du mächtiger Herzensdieb, halte mir die Leiter, und hülle mich sammt meiner Geräthschaft in einen dicken Nebel ein! Er hat unter der Zeit die Leiter an Blondens Fenster gelegt, und ist hinaufgestiegen. Blondchen, Blondchen! mach auf ums Himmels willen, zaudre nicht! es ist um Hals und Kragen zu thun.


Es wird das Fenster geöfnet, er steigt hinein.


Quelle:
Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail. Wien 1782, S. 49-53.
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