Einhundertunddreizehntes Kapitel.

[297] Sapperment! ––––––––––––––––––––––––––

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

– Sapp –! rief Phutatorius halb für sich, doch laut genug, daß man's hören konnte, und das Sonderbarste dabei war, daß es mit einem Blicke und in einem Tone geschah, die Beides, sowohl Erstaunen als körperliches Unbehagen ausdrückten.

Einige, die sehr feine Ohren hatten und den Ausdruck wie die Mischung dieser beiden Töne so klar wie Terz und Quint im Akkord heraushören konnten, waren am meisten verdonnert. Der Akkord war an und für sich ganz gut, aber es war nur eine ganz andere Tonart und paßte zu der, die angeschlagen war, in keiner Weise; deshalb wußten sie durchaus nicht, was sie daraus machen sollten.

Andere, die von dem musikalischen Ausdruck nichts verstanden und nur den schlichten Wortausdruck erwogen, meinten, Phutatorius, der etwas cholerischer Natur war, nehme dem Didius den Knüppel aus der Hand und wolle auf Yorick losgehen, so daß das verzweifelte »Sapperment« nur die Einleitung, so zu sagen nur das Exordium der Rede wäre, die[297] dieser Probe nach etwas klobig zu werden drohte, worüber mein Onkel Toby in seiner Gutmüthigkeit Yoricks wegen im Voraus Qualen litt. Aber da Phutatorius innehielt und weder den Versuch machte, noch Lust zu haben schien fortzufahren, so vermutheten noch Andere, daß es wohl nur eine unwillkürliche Herzenserleichterung gewesen sei, die sich zufällig und wie von selbst in das Gewand eines kleinen Fluches gekleidet hätte, ohne damit die Sünde und Wesenhaftigkeit eines wirklichen über sich zu nehmen.

Aber Zwei oder Drei, die ihm am nächsten saßen, hielten es für einen wirklichen und förmlichen Fluch, den er gegen Yorick geschleudert hätte, denn sie wußten, daß er ihm nicht grün war; und dieser Fluch, so philosophirte mein Vater, hätte dem Phutatorius die ganze Zeit über im Gekröse gewirthschaftet, und wäre dann ganz naturgemäß durch den plötzlichen Andrang des Blutes zur Herzkammer, der bei dem gewaltigen Erstaunen über Yoricks seltsame Aufstellungen stattgefunden haben müsse, herausgestoßen worden.

Wie fein wir doch über falsch erkannte Thatsachen philosophiren können!

Nicht ein Einziger von alle Jenen, die sich des Phutatorius Kraftwörtlein zu erklären suchten, zweifelte im Allergeringsten daran, – nein, sie gingen vielmehr Alle als von einem Axiom davon aus, daß Phutatorius' Aufmerksamkeit ganz und gar auf die Debatte zwischen Didius und Yorick gerichtet sei; – und in der That, wer, der ihn bald diesen, bald jenen mit der Miene eines lauschenden Zuhörers anblicken sah, konnte auch etwas Anderes glauben? Dennoch wußte Phutatorius nicht eine Silbe von dem, was vorging; alle seine Gedanken und seine ganze Aufmerksamkeit waren vielmehr auf einen Vorgang gerichtet, der in diesem Augenblicke innerhalb seiner Pluderhosen, und zwar an einer sehr beachtungswerthen Stelle stattfand, und obgleich er scheinbar höchst aufmerksam gerade vor sich ausblickte und jeder Nerv und Muskel seines Gesichtes sich immer mehr und mehr spannte, als ob er eine scharfe Erwiederung für Yorick, der ihm gegenübersaß, vorbereite, – so blieb seinem Gehirn[298] doch nichts ferner als Yorick; – die wahre Ursache seines Ausrufs lag wenigstens eine Elle tiefer.

Ich werde versuchen, dies mit aller möglichen Decenz zu erklären.

Bei einem Gange nach der Küche, den er vor dem Essen gemacht hatte, um zu sehen, wie die Sachen stünden, hatte Gastripheres auf dem Küchentische einen Korb voll schöner Kastanien bemerkt und befohlen, ein paar hundert davon zu rösten und nach dem Essen heraufzuschicken; denn Didius und Phutatorius, wie er, um seinem Befehle mehr Nachdruck zu geben, hinzufügte, seien ganz besondere Liebhaber davon.

Ohngefähr zwei Minuten vorher, ehe mein Onkel Yoricks Rede unterbrach, waren die Kastanien hereingebracht worden, und da der Diener die Liebhaberei des Phutatorius kannte, so hatte er dieselben, mit einer Serviette bedeckt, vor ihm hingestellt.

Nun war es eine reine Unmöglichkeit, daß, wenn ein halb Dutzend Hände auf Einmal unter die Serviette fuhren, nicht einige von den Kastanien, die besonders rund und lebhaft waren, in Bewegung hätten kommen sollen. So geschah es denn auch, daß eine vom Tische fiel, und da Phutatorius sehr breitbeinig dasaß, fiel sie in jene Oeffnung seiner Hosen, für welche unsere Sprache, zu ihrer Schande sei's gesagt, kein anständiges Wort hat; ich vermeide es also, sie zu benennen, und sage beschreibend – in jene besondere Oeffnung, von welcher die Gesetze des Anstands unerbittlich verlangen, daß sie in guter Gesellschaft, wie der Tempel des Janus (im Frieden wenigstens), geschlossen sei.

Die Mißachtung dieses obersten Gesetzes von Seiten des Phutatorius hatte (was Allen zur Warnung dienen möge) dem Zufall die Thür geöffnet.

Zufall nenne ich es, in Anbequemung an eine hergebrachte Redeweise, nicht daß ich dadurch der Ansicht des Acrites oder Mythogeras entgegentreten wollte; ich weiß wohl, sie beide waren der Meinung und sind bis zu dieser Stunde vollständig davon überzeugt, daß hier kein Zufall gewaltet habe, sondern daß dies Rollen der Kastanie, die Richtung, die sie genommen, und das Herabfallen derselben, heiß wie sie[299] war, gerade an diese und keine andere Stelle, eine gerechte Strafe für Phutatorius habe sein sollen, wegen der erbärmlichen und unsittlichen Abhandlung de concubinis retinendis, welche er vor zwanzig Jahren veröffentlicht hatte, und wovon gerade in jener Woche eine zweite Auflage erscheinen sollte.

Es ist nicht meines Amtes, meine Feder dieser Streitfrage zu leihen; ohne Zweifel läßt sich viel pro und contra sagen, – aber meine Pflicht als Historiker beschränkt sich darauf, die Thatsachen hinzustellen und es dem Leser glaubwürdig zu machen, daß der Hiatus in Phutatorius' Pluderhosen weit genug war, um die Kastanie durchzulassen, ferner – daß sie (gleichviel auf welche Weise) senkrecht hineinfiel und darin fortglühte, ohne daß Phutatorius oder sonst Jemand es bemerkte.

In den ersten zwanzig oder fünfundzwanzig Sekunden war die belebende Wärme, welche die Kastanie ausstrahlte, nicht unangenehm, sie lenkte nur eben des Phutatorius Aufmerksamkeit auf jenen Ort; – aber die Hitze nahm zu, – nach wenigen Sekunden überschritt sie bereits das Maß des Wohlgefühls, – dann stieg sie schnell bis zur Pein, und die Seele des armen Phutatorius, all sein Sinnen, seine Gedanken, seine Aufmerksamkeit, seine Einbildungskraft, sein Urtheil, seine Entschließung, Erwägung, Ueberlegung, sein Gedächtniß, seine Phantasie, sammt zehn Bataillon Lebensgeister machten sich auf allerhand Umwegen und durch allerlei Engpässe nach dem Orte der Gefahr hin auf den Weg, so daß die obern Regionen, wie man sich vorstellen kann, so leer wurden wie mein Geldbeutel.

Aber keiner der Boten konnte ihm Kunde zurückbringen, die das Räthsel da unten erklärt hätte, – nicht einmal vermuthen konnte er, was zum Teufel es sein möchte. Also hielt er es für am klügsten, den Schmerz so lange als möglich wie ein Stoiker zu ertragen, was er mit Hülfe einiger verzogenen Gesichter und Maulverrenkungen auch sicherlich zu Stande gebracht hätte, wäre seine Phantasie nicht aufrührerisch geworden. Aber in solchen Fällen läßt sich die Phantasie nicht beherrschen; – ein Gedanke schoß ihm durch den Sinn, daß es, obgleich es sich wie ein Brennen anfühle, ja ebenso gut ein Biß sein könne, daß[300] vielleicht eine Eidechse, oder eine Natter, oder sonst ein verdammtes Reptil hineingekrochen wäre und seine Zähne dort einschlüge, – ein fürchterlicher Gedanke, der, unterstützt von dem Brennen der Kastanie, Phutatorius' Seele mit panischem Schrecken erfüllte, so daß er, wie es wohl dem allerbesten Feldherrn schon begegnet ist, ganz und gar den Kopf verlor, plötzlich aufsprang und den so viel gedeuteten Ausruf des Erstaunens mit der Aposiopesis Sapp – als Wiederholung ausstieß, der, wenn auch nicht gerade kanonisch zu nennen, in solcher Lage doch zu entschuldigen war, – und den, ob kanonisch oder nicht, Phutatorius wenigstens nicht unterdrücken konnte.

So viel Zeit erforderlich gewesen ist, dies Alles zu erzählen, so wenig Zeit erforderte der Hergang der Sache selbst, – nicht mehr in der That, als Phutatorius dazu brauchte, um die Kastanie herauszuziehen und auf den Boden zu schleudern, und Yorick, um von seinem Stuhle aufzustehen und sie aufzuheben.

Es ist gewiß interessant zu beobachten, was für einen bedeutenden Einfluß geringfügige Umstände auf unsern Geist ausüben und von welcher unglaublichen Wichtigkeit sie bei der Bildung und Feststellung unserer Ansichten über Menschen und Dinge sind, so daß solche Geringfügigkeiten, die doch leichter als ein Haar sind, eine Ueberzeugung in unsere Seele pflanzen und sie so fest darin einrammen, daß selbst Euclidische Beweise zu ohnmächtig sein würden, sie wieder umzuwerfen.

Yorick, sagte ich, nahm die Kastanie vom Boden auf, die Phutatorius wüthend hingeschleudert hatte, – das war etwas sehr Unbedeutendes – fast schäme ich mich, es zu erzählen, – er that es, ohne etwas Anderes dabei zu denken, als daß die Kastanie um kein Haar schlechter geworden sei, und daß man sich einer guten Kastanie wegen wohl bücken könne. Aber in Phutatorius' Kopf brachte dieser an und für sich so unbedeutende Umstand eine andere Wirkung hervor; ihm erschien diese Handlung Yoricks als ein offenes Geständniß, daß die Kastanie ihm (Yorick) gehöre, und daß er, der Eigner der Kastanie, es also gewesen sein müsse, der ihm den Streich gespielt habe. Was ihn in dieser Meinung noch befestigte, war die Form des[301] Tisches, ein längliches, ziemlich schmales Viereck; Yorick saß dem Phutatorius gerade gegenüber, hatte also die beste Gelegenheit gehabt, die Kastanie hineinrollen zu lassen, – und natürlich hatte er es gethan. – Der mehr als argwöhnische Blick, den Phutatorius bei diesem Gedanken auf Yorick warf, sprach diese Meinung zu deutlich aus, und da Jeder annehmen konnte, daß Phutatorius von der Sache mehr als ein Anderer wissen müsse, so wurde seine Meinung alsbald die allgemeine; – aber noch etwas, was bis jetzt nicht angedeutet wurde, trug dazu bei, die Sache über jeden Zweifel zu erheben.

Wenn große und unerwartete Ereignisse auf der Bühne dieser sublunarischen Welt stattfinden, so macht sich des Menschen Geist, der von Natur voll Forschbegierde ist, sogleich hinter die Scene, um zu erspähen, was die Veranlassung und die Ursache dieser Ereignisse war. – In unserm Falle dauerte die Nachforschung nicht lange.

Es war allgemein bekannt, daß Yorick nie eine gute Meinung von der Abhandlung des Phutatorius de concubinis retinendis gehabt hatte, ja daß er sie geradezu für schädlich ansah; so fand man denn heraus, es sei dieser Streich nicht ohne Beziehung darauf, und das Hineinprakticiren der heißen Kastanie in Phutatorius' *** – *** müsse als ein boshafter Hieb auf das Buch angesehen werden, dessen Inhalt, sagten sie, manchen ehrlichen Mann an derselben Stelle erhitzt hätte.

Dieser Gedanke ermunterte den Somnolentius, – brachte Agelastes zum Lächeln, – und gab dem Gesichte des Gastripheres jenen eigenthümlichen Blick und Ausdruck eines Menschen, der sich damit abmüht, ein Räthsel zu rathen; von den Meisten aber wurde es als ein prächtiger Witz betrachtet.

Das war, wie die Leser wissen, ebenso falsch, als Alles, was vorher philosophirt worden war. Ohne Zweifel war Yorick, wie Shakespeare von seinem Vorfahren sagt, »ein witziger Kopf«, aber bei all seinem Witze besaß er Etwas, das ihn von diesem, wie von jedem andern unziemlichen Scherze, deren man ihm manche fälschlich beimaß, abhielt; – allein es war einmal lebenslang sein Unglück, daß er Aussprüche und Handlungen[302] auf sich nehmen mußte, deren seine Natur (wenn mich nicht Alles trügt) unfähig war. Was ich einzig und allein an ihm tadle, oder eigentlich an ihm tadle und schätze, ist die Wunderlichkeit seines Wesens, die es ihm nie erlauben wollte, die Leute über solch ein Geschichtchen des Bessern zu belehren, auch wenn er es recht gut hätte thun können. Ueberall, in welcher Weise man ihm auch Unrecht that, machte er es wie dort mit dem Gaule. Er hätte die Sache vollkommen zu seiner Ehre aufklären können, aber darüber war sein Geist erhaben; und dann mochte er auch den, der so etwas auf seine Kosten erfunden hatte, der es verbreitete oder glaubte, nicht um sein Geschichtchen bringen; – ob es ihm auch Unrecht that, er überließ es der Zeit und der Wahrheit, für ihn einzutreten.

Dieser Heldenmuth schadete ihm in vielen Fällen; im gegenwärtigen zog er ihm die entschiedene Rache des Phutatorius zu, der, als Yorick eben seine Kastanie verzehrt hatte, zum zweiten Male aufstand, um ihm – allerdings mit einem Lächeln – zu versichern, daß er sich bemühen werde, den Dienst zu erwiedern.

Aber hier muß man zwei Dinge wohl von einander trennen und unterscheiden:


Das Lächeln war für die Gesellschaft –

Die Drohung für Yorick.

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 1, Leipzig, Wien [o. J.], S. 297-303.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman: (Reihe Reclam)
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon