Einhundertundvierunddreißigstes Kapitel.

[191] Ich will hier gar nicht von ihrer Grobheit oder Feinheit, oder von der Stärke ihrer Zwickel reden, – aber das wird man mir doch zugeben, daß Nachthemden sich auch darin von Tageshemden unterscheiden, daß sie viel länger sind; – wenn man liegt, so reichen sie Einem fast ebenso weit über die Füße hinaus, als die Tageshemden zu kurz schießen.

Wittwe Wadmans Nachthemden waren in dieser Art zugeschnitten (ich glaube, die Mode stammt aus der Regierungszeit König Wilhelms und der Königin Anna), und wenn sie abkommen sollte (in Italien sind die Hemden fast ganz aus der Mode), so sollte mir das des Publikums wegen leid thun. Wittwe Wadmans Nachthemden waren zwei und eine halbe vlämische Elle lang, und nimmt man an, daß eine Frau mittlerer Größe zwei Ellen mißt, so blieb ihr eine halbe Elle zu beliebigem Gebrauche übrig.

Eine siebenjährige Wittwenschaft mit ihren kalten, winterlichen Nächten hatte manche kleine Verwöhnung aufkommen lassen, und so hatte es sich nach und nach so gemacht und war[191] seit den letzten zwei Jahren unverbrüchliche (Schlaf-) Kammerordnung geworden, daß, sobald Wittwe Wadman im Bette lag und ihre Beine ausgestreckt hatte, Bridget auf ein gegebenes Zeichen mit größter Wohlanständigkeit die Bettdecke von den Füßen zurückschlug, die erwähnte halbe Elle Leinwand faßte, sie leise mit beiden Händen, so weit es ging, herunterzog, der Länge nach in vier bis fünf glatte Falten schlug, dann eine große Nadel aus dem Aermel nahm und damit, indem sie die Spitze gegen sich richtete, die sämmtlichen Falten etwas über dem Saume zusammensteckte; war das geschehen, so deckte sie die Füße wieder zu und wünschte ihrer Herrin eine gute Nacht.

So geschah es jeden Abend, nur mit dem einzigen kleinen Unterschied: wenn Bridget an unfreundlichen, stürmischen Abenden das Bett am Fußende aufdeckte u.s.w., so befragte sie dabei kein Thermometer, als das ihrer eigenen Gemüthsstimmung; demnach vollzog sie das Geschäft entweder stehend oder knieend oder gekauert, je nach den verschiedenen Graden von Glaube, Hoffnung und Liebe, in denen sie sich befand, oder die sie gegen ihre Herrin an dem Abend gerade hegte. Sonst aber wurde die Etikette heilig gehalten und konnte es, was das anbetrifft, mit der gedankenlosesten und unbeugsamsten Bettkammeretikette der Christenheit aufnehmen.

Den ersten Abend, als der Korporal meinen Onkel Toby in sein Schlafzimmer hinaufgebracht hatte, warf sich Mrs. Wadman in ihren Lehnstuhl, das linke Bein über das rechte, was einen Stützpunkt für ihren Ellenbogen abgab, legte ihre Wange in die flache Hand und sann, so vorwärts gelehnt, bis Mitternacht.

Den zweiten Abend ging sie an ihr Bureau, und nachdem ihr Bridget ein paar frische Lichter hatte bringen und auf den Tisch stellen müssen, nahm sie ihren Ehekontrakt heraus und las ihn mit großer Andacht durch; und den dritten Abend (den letzten, welchen Onkel Toby in ihrem Hause zubrachte), als Bridget das Nachthemd heruntergezogen hatte und eben die Nadel einstecken wollte, – gab sie auf einmal mit beiden Hacken[192] einen Stoß, den allernatürlichsten, der in ihrer Lage gegeben werden konnte, denn stelle man sich vor, daß * * * * * die Sonne im Meridian wäre, so war's ein Nord-Ost-Stoß; – damit stieß sie ihr die Nadel aus den Fingern, daß sie auf den Boden fiel und mit ihr die Etikette, die daran hing und in tausend Trümmer zerschellte.

Woraus klar und deutlich hervorging, daß Wittwe Wadman in meinen Onkel Toby verliebt war.

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 2, Leipzig, Wien [o. J.], S. 191-193.
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