1. Die grüne Fichtau

[321] Hanns von Scharnast hatte ein lächerliches Fideikommiß gestiftet. Seine Burg Rothenstein samt Zugehör an Untertanen, an Jagd-, Fisch- und Berggerechtigkeit solle sich in gerader Linie immer auf den ältesten Sohn forterben; ist kein Sohn da, auf Töchter, und in Ermanglung dieser auf die älteste Seitenlinie und so fort, bis etwa einmal der Fall eintritt, daß weder ein Kognat, noch ein Agnat von benanntem Hause übrig ist, wo sodann die Burg samt Zugehör an den Fiskus fällt. Bis hieher wäre alles richtig; aber eine Bedingung fügte er dem Fideikommisse bei, welche der ganzen Sache eine andere Wen dung gibt. Jeder nämlich, dem die Burg als Erbschaft zufiel, mußte, ehe sie ihm ausgeantwortet würde, zweierlei Dinge leisten: erstens mußte er schwören, daß er getreu und ohne geringsten Abbruch der Wahrheit seine Lebensgeschichte aufschreiben wolle, und zwar von der Zeit seiner ersten Erinnerung an bis zu jener, da er nur noch die Feder zu halten im Stande war. Diese Lebensbeschreibung solle er dann Heft für Heft, wie sie fertig wird, in dem feuerfesten Gemache hinterlegen, das zu diesem Zwecke in den roten Marmorfels gehauen war, der sich innerhalb der Burg erhebt; – zweitens mußte er schwören, daß er sämtliche bereits in dem roten Steine befindlichen Lebensbeschreibungen lesen wolle, wobei es ihm aber nicht gestattet ist, irgendeine von dem Gemache ihrer Aufbewahrung wegzutragen. Wer eine von[321] diesen Bedingungen nicht erfüllen könne oder wolle, der wird betrachtet, als sei er im Augenblicke des Anfalles des Fideikommisses gestorben, und dasselbe geht auf seinen fideikommissarischen Nachfolger über. Für jeden minderjährigen Fideikommissar müsse das Erbe so lange vormundschaftlich verwaltet werden, bis er großjährig geworden und sich erklären könne, ob er schwören wolle, ob nicht. Bei wessen Tode sich der Fall ereigne, daß man von ihm gar keine Lebensbeschreibung in dem roten Steine finden könne, der wird als gar nicht geboren betrachtet, also ist auch seine ganze Nachkommenschaft nicht geboren, und das Fideikommiß geht an ihnen vorüber den Weg Rechtens weiter.

Der Grund, der Hannsen leitete, eine so seltsame Klausel an sein Fideikommiß zu hängen, war ein zweifacher. Erstens, obwohl er ein sehr frommer und tugendhafter Mann war, so hatte er doch in seinem Leben so viele Narrheiten und Übereilungen begangen, und es war ihm daraus so viel Beschämung und Verdruß zugewachsen, daß er beschloß, alles haarklein aufzuschreiben, ja auch seinen Nachfolgern die Pflicht aufzulegen, daß sie ihr Leben beschreiben, damit sich jeder, der nach ihnen käme, daran zu spiegeln und zu hüten vermöge.

Der zweite Grund war: daß sich jeder, der nur die entfernteste Anwartschaft auf Rothenstein hätte, gar wohl von Laster und Unsitte fern halten würde, damit er nicht dereinst in die Lage käme, sie beschreiben zu müssen, oder sie doch halbswegs einzugestehen, wenn er den Eid von sich schiebe.

Was nun den ersten Punkt anlangt, so hatte Hanns das Unglück, das schnurgerade Gegenteil von dem zu erreichen, was er erzielen wollte. Es mußte nämlich von ihrem Ahnherrn her so viel tolles Blut und so viel Ansatz zur Narrheit in den Scharnasts gelegen haben, daß sie, statt durch die Lebensbeschreibungen abgeschreckt zu[322] werden, sich ordentlich daran ein Exempel nahmen und so viel verrücktes Zeugs taten, als nur immer in eine Lebensbeschreibung hineingeht – ja selbst die, welche bisher ein stilles und manierliches Leben geführt hatten, schlugen in dem Augenblicke um, als sie in den Besitz der verwetterten Burg kamen, und die Sache wurde immer ärger, je mehr Besitzer bereits gewesen waren, und mit je mehr Wust sich der neue den Kopf anfüllen mußte. Der Stifter würde sich im Grabe umgekehrt haben, wenn er durch die dicken Felsenwände in seine Gruft hineingehört hätte, was die Leute sagten; nicht anders nämlich, als die ›Narrenburg‹ nannten sie den von ihm gerade in dieser Hinsicht so wohl verklausulierten Rothenstein.

In Bezug des zweiten Punktes, der Tugend nämlich, war es nicht recht klar, in wie weit der Gründer seinen Zweck erreicht habe; man sagte wohl den Scharnasts verschiedenes Böse nach, allein es kroch immer nur so im Dunkel herum: andrerseits stand aber auch die Tatsache fest, daß man sich nie einer Zeit erinnern konnte, wo einer von ihnen als ausnahmsweises Muster der Tugend wäre aufgestellt worden.

Heutzutage liegt die Burg beinahe in Trümmern, und seit der letzte Scharnast in Afrika erschossen worden ist, konnte man auch gar keinen Anwärter mehr auf den Rothenstein auftreiben, und ein Schalk warf bereits die lächerliche Rechtsfrage auf, ob nun auch der Fiskus seine Lebensbeschreibung werde schreiben müssen.

So standen aktengemäß die Sachen, als sich das zutrug, was wir in den folgenden Blättern erzählen wollen.

Eines schönen Sommertages gegen Abend im Jahre 1836 schritt ein junger, leidlich schmucker Bursche das romantische Waldtal der Fichtau an dem Flusse Pernitz entlang. Dieser Mann war trotz des jungen freundlichen Gesichtes lächerlich anzusehen; denn er war verworren angezogen und mit den seltsamsten Dingen bepackt. An einem[323] um die Schulter gehenden Lederriemen hing eine große, flache Seitentasche, wie ein Ofenschirm, der ihn am Gehen hinderte; längs der Kante dieser Tasche war ein Holzfuß geschnallt, der, auseinandergelegt, das Gerüste zu einem Feldsessel abgab. Auf dem Rücken trug der Mann ein Ränzlein, das ebenfalls wieder so breit war, daß es rechts und links an seiner Person hervorstand; davon hing ein langstieliger Hammer und eine abenteuerliche Hacke herab; oben war ein großer grauer Regen- und Sonnenschirm und eine lange Blechbüchse daran geschnallt, welche beide wagrecht so sehr über seine Schultern hinausragten, daß er von fern anzusehen war wie ein wandelndes Kreuz. Die Hand hielt einen Alpenstock mit mächtiger Eisenspitze – des Übrigen hatte er einen breiten Strohhut auf, eisenbeschlagene Stiefel an, und sein Rock schlug bei jedem Schritte so pendelmäßig gegen seine Füße, als trüge er beide Säcke voll Eisen oder Gestein. So hatte man ihn schon mehrere Wochen in den Bergen der Fichtauherumgehen und herumsitzen gesehen. Die Fichtau aber ist ein schönes Bergrevier, voll sanftblickendem, rotbrüchigem Marmor, frischem Waldesgrün und eiskalten, abschießenden Quellen. Die Pernitz läuft unten voll Lärmen und Gepränge durch, bis sie draußen ein zahmer Fluß wird, Wiesen wässert und Walkmühlen treibt. Die Fichtau ist ein paar Tagreisen östlich von dem freundlichen Pfarrdorfe Grünberg und dem schönen Markte Pirling, welche beide an demselben Flusse Pernitz liegen. In der ganzen Fichtau ist kein einziger Ort, aber dafür ist sie gleichsam besäet mit einzeln liegenden Häusern und Gehöften, und mancher Landmann, wenn er seiner Arbeit nachging, sah obbesagten Wanderer, wie er samt seiner Bepackung entweder an einer Felsenwand kletterte und Steine herabschlug, mit denen er sich dann belastete und sie seines Weges mit fortschleppte – oder man sah ihn auf seinem Feldsessel[324] sitzen; den eisenspitzigen Stock hatte er in die Erde gebohrt, den Stiel seines Sonnenschirmes darauf geschraubt und im Schatten desselben zeichnete er Wälder oder Blöcke ab, auf die sonst keiner geachtet hatte, ob sie auch schon sein Lebtage in dem Tale gelegen waren – oder man sah ihn gehen, wie er einen schweren Strauß von Blumen und Kräutern in der einen Hand vor sich her trug, während er in der andern nebst dem Alpenstocke noch einige Ruten und anders Zeugs hinter sich herschleifte.

Des Abends nun an jenem schönen Tage, dessen wir oben erwähnten, ging er schleuniger als gewöhnlich neben der Pernitz hin, und machte mit Händen und Armen allerlei Bewegungen, wie einer, der ungeduldig und hastig ist, oder mit sich selbst redet. – Freilich war der Mann schon in seiner Jugend mit diesem Übel der lauten Selbstgespräche behaftet, und was noch ärger ist, er deutete auch immer mit den Händen dazu, besonders, wenn er von Eifer oder Ungeduld gestachelt war, in welche beide er übrigens sehr leicht geriet.

Er hatte eine Gruppe Häuser vor sich, auf die er zusteuerte. An einer Stelle nämlich, wo sich das Tal am meisten erweiterte und der Fahrweg ordentlich in eine breite Straße auseinanderging, stand das Wirtshaus der Fichtau, zur grünen Fichtau geheißen, zwar nur aus Holz gezimmert, aber mit einer glänzenden Fensterreihe auf den Straßenplatz heraussehend, der so groß und eben war, daß hundert Wagen hätten darauf stehen können. – Mit Scheunen und Schoppen und einem großen Garten ging das Haus in den geräumigen Winkel eines Seitentales zurück, aus dem ein starker Bach hervorsprudelte. Jenseits des Baches steht eine Sägemühle, dann ist noch eine Schmiede, und weiter zurück hinter dem Wirtsgarten sind vier oder fünf Häuser mit blanken Fenstern und dem schönen flachen Gebirgsdache.[325]

Dieser Häusergruppe eilte unser Wanderer zu, als hätte er noch so Wichtiges auf dem Herzen, und immer schleuniger ging er, je näher er kam, so daß das Gehen fast in ein halbes Laufen ausartete, da er vor dem Wirtshause anlangte.

»Gott grüß Euch, Vater Erasmus«, sagte er eilig zu dem Wirte, der mit seinem großen Hunde auf der Gasse stand und mit dem Schmiede und einem Fuhrmann plauderte, welcher Fuhrmann eine Art Wochenbote war und alle Sonnabende bei dem Wirte zur grünen Fichtau anzukommen pflegte, wo er alles abgab, was immer für die Fichtauer aus dem Flachlande eingelaufen sein mochte. Sein Schecke stand im Stalle, sein Wagen im Schoppen, und er saß in der Abendsonne auf der langen Gassenbank des Wirtshauses, seine Gebirgspfeife rauchend und Neuigkeiten aus dem Lande draußen auskramend. »Gott grüß Euch, Vater Erasmus«, sagte also der angekommene Wanderer; »ich werde nur schleunig diese Sachen auf mein Zimmer hinauftragen, und sogleich wieder herabkommen und Euch eine Menge ausfragen. Ich habe heute die wundervollsten Ruinen entdeckt, und sie sogar gezeichnet.« Und somit ging er die Treppe hinan.

»Nun das geht dem noch ab, daß er das verrückte Schloß gefunden hat«, sagte der Wirt zu den zwei andern, aber der hinauflaufende Mann hatte diese Worte mit seinem scharfen Gehöre vernommen, und wurde dadurch nur noch mehr gespannt. Nachdem er das Gepäcke abgelegt und einen gehörigen Hausrock angetan hatte, kam er in dem Augenblicke wieder herunter, ein Papier in der Hand tragend, auf dem ein weitläufiges auf Felsen herumgruppiertes Mauerwerk mit Bleistift sauber skizziert war.

»Das ist doch ein höchst merkwürdiges Gebäude,« sagte er, »ich bin vollständige vier Stunden selbst mit Anlegung meiner Steigeisen rings um dasselbe herumgeklettert,[326] und habe durchaus keinen Eingang entdecken können.«

»Ei so«, sagte der Wirt, und sah die andern zwei pfiffig an.

»Was denn, ei so? die Sache ist haarscharf, wie ich sage, und ich begreife nicht, was da ein solches ›ei so‹ sagen will.«

»Ich meine nur,« antwortete der Wirt, »daß das jeder Mensch in der Fichtau weiß, und daß es wunderbar ist, daß Ihr allein es nicht wisset.«

»Ich sehe nicht ein, woher ich es wissen sollte; ich sage Euch ja, ich habe heute das Schloß gerade erst so frisch gefunden, als hätte ich vor dritthalbhundert Jahren Amerika entdeckt. In Eurem Lande unterstützt man Forschungen so wenig, daß sie den schönsten Marmor unbeachtet liegen lassen, oder höchstens Schweintröge daraus machen. Ihr selbst habt Eure Mistjauche hinten mit Stücken des feinsten Kornes eingedämmt.«

»Hab ich das? ei, ei, Oheim, wenn Ihr weiter forschen werdet, so werdet Ihr auch Türstöcke und Wasserkufen davon finden, und wenn Ihr dort überhaupt forschen dürftet, so fändet Ihr in Annens Schlafkammer die feinsten Fenstersimse davon gemeißelt, und einen Waschtisch und Weihbrunnenkessel und ich weiß nicht, was noch, und in der Pernitz liegen noch unzählige Stocke und Blöcke, auf die niemand achtet als die Forellen, die darunter aus- und einschlüpfen.«

»Hab alles außer dem Waschtisch und Weihbrunnenkessel schon gesehen und beobachtet«, entgegnete der Wanderer; »aber da habt ihr wohl Türpfosten, das ist gut; allein eines Eurer Herdecken ist auch von rotem Marmor, während das andere von Ziegeln ist; – aber das ist Nebensache. – Ihr sagt da von Forellen – haben wir morgen einige? Ihr habt sie uns auf Sonntag versprochen.«

»Eine Million ist unten im Fischtroge, – eine Million.«[327]

»Ich möchte wohl auch ein Dutzend«, sagte der Schmied. »Es kommt morgen mein Schwiegersohn, der Stadtschreiber.«

»Sollst haben, schwarzer Ohm,« sagte der Wirt, »sende nur herüber – also der Stadtschreiber kommt, und also auch die schneeweiße Thrine mit – schau, schau, –«

Und mit diesen Worten wiegte er den Kopf hin und her, gleichsam als dächte er nach, und sein unmäßig großer, graugetigerter Hund saß mit dem Rücken gegen die untergehende Sonne, daß seine Rückenhaare wie feurige Spieße glänzten, und schaute seinem Herrn altklug ins Gesicht. Aber auch der junge Wandersmann stand noch immer trotzig mit seiner Schloßzeichnung da, und schaute ihm auch ins Gesicht und sagte: »Das mit den Forellen ist nun gut, Vater Erasmus, – den Stadtschreiber und die schneeweiße Thrine werden wir morgen begrüßen. Ich will selber einen schönen Rock antun und mit in die Kirche hinausfahren; aber nun gebt mir auch ein klein Gehör. – Der Abend ist so schön als einer. Wir haben uns alle bei Tage geplagt; morgen ist Sonntag, und da dürfen wir heute schon noch ein wenig in der Dämmerung plaudern. Lasset mir den Wein auf den Gassentisch stellen, ich setze mich zu Boten-Simon auf die Bank, und wenn er Euch alle Getreidepreise von draußen gesagt und die Pferde- und Wein- und Kriminal-und Unglücksgeschichten erzählt hat: dann schaut aber auch auf mein Papier her, und sagt, was es mit diesem Schlosse ist, das da so, ohne daß jemand etwas davon weiß, mitten in der Fichtau steht, mit Abenteuerlichkeit geziert, und so gut als in gar keinem Stile gebaut ist.«

»Das ist recht schön, Oheim, daß die Thrine herauskommt,« sagte der Wirt, »aber wenn sie nur nicht wieder eine Fracht Bücher bringt und bei Annen abladet – und da müssen wir ja doch noch vor Sonnenaufgang sehen, daß wir einige Salblinge fangen und nachmittags ein[328] Scheibenschießen machen – oder so etwas – damit sich alles recht gut unterhalte, – es freut mich – – und was Euer Schloß anlangt, junger Ohm, so würdet Ihr Stile genug sehen, wenn Euch Ruprecht einmal hineinließe, Ihr würdet Schlösser genug drinnen sehen, eine Sammlung von Schlössern, eine halbe Stadt von Schlössern, ie sie da herum auf allerlei rote Steine angeklebt sind.«

»Wer ist denn dieser Ruprecht, und wie macht man es denn, daß er einen hineinläßt?«

»Das wäre sehr leicht,« antwortete Vater Erasmus, »wenn nur selber einmal herauskäme.«

»War gleichwohl gestern in Priglitz«, sagte der Schmied »und redete mit meinem Schwiegersohne, dem Stadtschreiber; ich stand selber dabei, als ihm der sagte, daß noch immer niemand aufgetrieben sei.«

»Ich habe ihn auch gesehen,« redete jetzt der Boten-Simon darein, »es ist wirklich so, und ein erstaunlicher all ist es, daß ein so herrisches, verbreitetes Geschlecht ganz und gar ausgestorben sein soll – keine Maus hat sich gemeldet. Das Schloß, lieber junger Herr, das Euch so anliegt, daß Ihr es gar auf Papier abgerissen habt, das Schloß ist jetzt zu haben, und Einkünfte genug dazu; es kommt nur darauf an, daß Ihr von einer recht närrischen Familie abstammet.«

»Ich gehöre selber unter den Rothenstein,« sagte der Wirt, »und das ganze rechte Pernitzer Viertel samt Zehent und Gebühren, dann das linke Viertel bis in die Hatzleser Gräben, und ich glaube auch noch die Waldhäuser bis zum Ottostift hinauf, und bis an den Asang.«

»Der Asang gehört auch noch dazu«, sagte der Schmied; »der ist nur seit dem alten Julian an die Priglitzer verpfändet; mir hat es mein Schwiegersohn, der Stadtschreiber, erzählt.«

»Das ist nicht wahr«, rief der Boten-Simon; »ich bin[329] von Asang, und ich und mein Vater und Großvater und wieder dessen Vater haben immer an die Priglitzer gesteuert, und keinen Hut vor dem Rothensteine gerückt.«

»Das ist,« entgegnete der Schmied, »weil der alte Julian älter ist als ihr alle, dein Scheck dazu gerechnet, und weil ihr eher an Priglitz verpfändet waret, als ihr geboren wurdet. Mein Schwiegersohn, der Stadtschreiber, hat mir einmal die Urkunde auf dem Stadthause gezeigt, und gestern hat er gesagt, daß jetzt alles kaiserlich wird, und dann wird der Pfandschilling hindangezahlt und der Asang wieder an das alte Eisen angeschweißt. Der Julian war sonst ein entsetzlicher Herr; er hat seinen leibeigenen Bruder erschlagen.«

»Nicht erschlagen,« sagte der Wirt, »sondern nur um das, Erbe der Mutter hat er ihn gebracht, weil er nie genug hatte, obwohl ihm auch der Rothenstein zugefallen war. In unsrem eigenen Hause war es, wo sie die Zusammenkunft hatten – mein Großvater war damals noch ein Bube, und er hat es uns wohl hundertmal erzählt – es war das letzte Mal, daß sich die Brüder gesehen hatten. Sie hießen Julius und Julianus. Julianus war der ältere, und da ihr Vater starb, war Julius in weiten Ländern, und kam auch gar nicht auf den Rothenstein, sondern auf unsrer Gasse sahen sie sich zum ersten Male seit Jahren wieder, und da hatten sie sich zum Willkomm umarmt, daß die Schwerter an ihnen rasselten, und dann sind sie in die grüne Oberstube hinaufgegangen, und die Pferde blieben auf der Gasse stehen. Die Kinder, nämlich mein Großvater und seine Schwester, dann auch ihre Mutter saßen beängstigt herunten in der Schenkstube, weil ihnen gleich nichts Gutes ahnte. Anfangs hörten sie nichts über sich als den ruhigen Schritt der beiden Männer, wie sie oben taktgemäß auf und nieder gingen; dann war es stille, als ständen sie und als ob einer spräche. – Mein Urgroßvater, der damalige Schenke, kam kreideweiß zu[330] den Kindern in die Stube und sagte, als er oben nur zur Tür hineingeblickt, ob sie nichts brauchten, so hätten sie ihn gleich angefahren, und der Julius stehe an dem Tische und schütte entsetzlich viel Wein hinunter. Der Urgroßvater blieb nun auch bei den Kindern herunten, und man horchte lange, lange hinauf, aber es blieb oben alles stille – immer stille – doch einmal geschah ein Fußtritt, daß man meinte, alle Tragbalken müßten knacken, und im Augenblicke, aber nur einige Sekunden, rasselten wieder die Schwerter – dann wards todstille. – Sogleich aber rannte Julius die Treppe herunter, schwang sich mit glühenden Augen auf seinen schwarzen Hengst, warf ihn herum und jagte so schnell dort an der Steinwand hinab, daß mein Großvater meinte, er sehe ordentlich ohne Unterbrechung die Hintereisen blitzen, als wolle sie der Rappe rücklings in die Luft schleudern, und Stücke roter Straßensteine flogen in die Pernitz. – Alle aber liefen ungesäumt in die Oberstube, um dem gemordeten Julianus beizuspringen – dieser aber stand lebendig am Tische und strich sich furchtbar mit der Hand den großen, roten Schnurrbart, den er immer trug – dann aber goß er einen ganzen Krug Wein in sich hinein, warf ein Stück Geld auf den Tisch, ging hinab und ritt gelassen auf den Rothenstein zu. Er war von nun an Herr des Schlosses, wie es dem Erstgebornen auch gebührt; allein er war und blieb auch Herr der Schätze und Einkünfte seitens der früher verstorbenen Mutter, was von Rechts wegen dem jüngeren Julius gehört hätte. Von diesem aber ist seit jener Zeit kein Faden seines Gewandes mehr in der Fichtau sichtbar geworden.«

»Weil ihn doch der Julianus irgendwo erschlagen hat«, versetzte der Schmied.

»Dann müßte er ihn tiefer begraben haben, als Regen und Tau dringen können,« versetzte der Wirt, »daß ihn nicht die Pernitz oder unsere Bergwässer zu Tage gewaschen[331] hätten – geht, geht, Ohm, das steht nur so in den Ritterbüchern Eurer Thrine.«

»Mein Schwiegersohn, der Stadtschreiber,« sagte der Schmied, »meint selber – seit der letzte Abkömmling des Julian tot ist, und nun bereits das Schloß mit Lieg- und Fahrnissen in die Jahre lang allwärts ausgeschrieben ist, sei es seltsam, daß sich keine Klaue und kein Hufnagel gefunden, der Anspruch machen könne – also ist der Julius damals erschlagen worden.«

»Das ist nur so, Kinder,« sagte der Boten-Simon, indem er die Pfeife ausklopfte, und wieder anstopfte, und alles umständlich tat, und seine Rede beim Wiederanzünden durch kräftiges ›Paff, Paff‹ häufig unterbrach – »das ist nur so: im Lande draußen erzählte mir vor langen Jahren ein Krämer, daß der Julius in Kriegsdienste des französischen Königs gegangen sei – aber da widerredete es ein alter Stelzfuß und sagte: der Julius habe nicht gar so weit von der Fichtau gelebt, eine Bauerndirne geheiratet, und seine Tochter wieder an einen niedrigen Mann gegeben, und so sei nach und nach das Geschlecht im Volke verronnen, wie es ja auch einst daraus entstanden war.«

»So mag es sein,« sagte der Wirt, »oder es mag auch anders sein, aber daß er ihn erschlagen, glaube ich nicht; so schlecht waren sie nicht, sondern bloß alle närrisch.«

Der Wandersmann hatte bisher mit steigendem Interesse zugehört; nun stellte er seinen Krug zurück und sagte: »Ja, wie weiß man denn, daß sie närrisch waren?«

»Nun Gott sei Dank,« antwortete der Wirt, »närrisch genug, junger Oheim, habt Ihr denn das nicht schon an dem Schlosse erkennen mögen, da es weder Tor noch Eingang hat und in keinem Stile gebaut ist, wie Ihr selber sagt. Oder ist es etwa vernünftig, wie der letzte Zweig aus dem Stamme des Julian tat, oder wie sein Vater, der vorletzte, tat? Mit unsrem letzten Herrn[332] war es so: Da haben die Franzosen, um die Unbill gut zu machen, die sie vordem an unsern Ländern verübt, Kriegsvölker in das Mohrenland geschickt, um alles in Bausch und Bogen christlich zu machen, und da ließ Graf Christoph eines schönen Tages das Schloß zumauern, und ritt dann den Berg hinab gerade in das Mohrenland, um die Heiden gegen Christum zu unterstützen, und da aben sie ihn denn auch glücklich niedergeschossen; man weiß nicht, die Christen oder die Heiden. Sein Vater, Graf Jodok, war noch ärger. Ich habe ihn noch recht gut gekannt; er hat sich im Alter den Bart wachsen lassen, wie einer der heiligen drei Könige – und da sah ich ihn oft, nachdem er das Schloß angezündet hatte, vor seinem kleinen Häuschen unten am Berge sitzen.«

»Das Schloß hat er angezündet?«

»Ja, er selber hatte es an einem Pfingstsonntage angezündet, und wehrte allen denjenigen, die da zu löschen kamen, weil er sagte, daß hundert Zentner Pulver in den Gewölben seien und losgehen würden, aber es ging nichts los, und das Gebäude brannte friedlich und fast lieblich nieder. Er hatte die vielen Jahre vorher ganz ruhig und ordentlich darinnen gewirtschaftet, nur daß über dem Tore die Aufschrift stand: ›Hier wird keinem Bettler etwas gegeben‹.«

»Ist denn nicht die Herrschaft ein Fideikommiß? wie durfte er denn das Schloß zerstören?«

»Freilich ist sie eines, aber da hat er innerhalb der Schloßfriedigung abseits den andern Gebäuden einen seltsamen Tempel aufgeführt, mit vielen Säulen, wie man sie oft als Lusthaus in hochherrschaftlichen Gärten sieht, und in diesem Tempel hat er gewohnt, wie man sagt, in ungewöhnlicher Pracht und Üppigkeit, mit seiner Frau, einer wunderschönen Zigeunerin, die er einmal brachte und dieses Bauwerk hat er dann angezündet. Es war freilich sein Eigentum, aber man erzählt, er habe für diese[333] Tat viel Geld in dem Lehenhofe niederlegen müssen. Unten am Berge hatte er sich schon vorher ein kleines, steinernes Haus mit zwei Zimmern gebaut, und daselbst verlebte er die ferneren Tage seines Alters, bis er starb. Sein Sohn Christoph war bei Lebzeiten des Vaters nie anwesend; nach seinem Tode ist er gekommen, und hat sich wieder an einer andern Stelle innerhalb der Schloßmauer ein anderes Gebäude aufgeführt, den Christophbau, aber ein Teil davon ist bereits vor drei Jahren wieder eingestürzt. Und so hatten alle einen Sporn im Haupte. Mein Großvater hat uns erzählt, daß der Vater des Julius und Julianus, Graf Prokopus, oft ganze Nächte auf einem hohen Turme saß – der Turm steht noch – dort habe er lange Röhre auf die Sterne gerichtet, oder auf einem Instrumente musiziert, das lange, furchtbare Töne gab, die man nachts weit im Gebirge hörte, als stöhnten alle Wälder.«

»Und Grafen waren die Besitzer des Rothensteines?« fragte der Wandersmann.

»Grafen Scharnast seit dem Hussitenkriege, früher waren sie bloß Barone und Ritter; aber es war ein reiches Geschlecht, und wäre es noch, wenn der Julian nicht so viel verschleudert hätte.«

»Da muß ich gleich einen Brief in dieser Geschichte schreiben,« sagte der Wandersmann, »und Ihr müßt ihn heute noch durch einen eigenen Boten nach Priglitz hinausschicken.«

Alle, selbst der Boten-Simon, der neben ihm auf der Bank saß, schauten bei diesen Worten dem Wanderer ins Gesicht und hoben an zu lachen – der Wirt aber sagte: »Wenn Ihr das Schloß und die Grafen beschreiben wollt, so ist es freilich mehr der Mühe wert, als wenn Ihr unsre Feldsteine und die Pernitz oder gar das Heu beschreibt, wie bisher; aber da kann Euch nur der uralte Ruprecht die beste Auskunft geben – – –.«[334]

»Ich werde gar nichts davon beschreiben; aber indessen geht doch und besorgt mir noch heute einen Boten nach Priglitz.«

»Nichts leichter als das«, sagte der Wirt; »es ist heute Samstag, und da müssen abends die Holzknechte aus den Bergen kommen; ich erwarte sie jeden Augenblick, und um Geld und gute Worte geht wohl einer hinaus.«

»Das ist wahr« entgegnete der Wanderer, »ich habe im Drange der heutigen Dinge auf die Holzknechte gar nicht gedacht; es geht ja ohnedies mancher des Weges, nicht wahr? oder nicht weit daneben?«

»Allerdings, allerdings«, sagte der Wirt schmunzelnd, und gleichsam, als könne er den aufkeimenden Gedanken nicht unterdrücken, hob er nach einer Weile lauernd an: »Wenn Ihr also die Burg nicht beschreiben wollt, so meint Ihr etwa gar...?«

»Ich meine gar? ...«

»Ein Nachkomme des Julius zu sein«, endete der Wirt den Satz, und sah sehr verschmitzt aus.

Ohne aber eine Miene zu verziehen, versetzte sein Gegenmann: »Das könnte weit eher der Fall sein, Vater Erasmus.«

Der Wirt, an die ungeheuersten Aussprüche seines Mietmannes gewöhnt, war gleichwohl durch die trockene Art ein wenig beirrt; allein um sich im Wortkampfe nicht übertreffen zu lassen, nahm er sich gleich die noch größere Freiheit und sagte: »Wenn das ist, dann ist es freilich nicht mehr wahr, was ich mir eben dachte.«

»Nun und was dachtet Ihr Euch denn eben?«

»Ich dachte mir, wenn der Julius eine Bauerndirne geheiratet hat, so könnte uns, weil die Art gewechselt wurde, wie man es mit dem Samenkorn der Felder tut, daß es wieder frisch anschlägt – es könnte uns so, was man sagt... ein gesetzterer Herr kommen.«

Aber wie früher, ohne sich im geringsten aus der Fassung[335] bringen zu lassen, antwortete der Wandersmann, indem er seinen Blick auf den Wirt heftete: »Was werdet Ihr aber sagen, Erasmus, wenn ich mich hinsetze, und zu Eurem eignen Erstaunen eines lichten Tages gescheiter bin, als ihr alle und die ganze Fichtau zusammen – die ausgenommen« fügte er lustig hinzu, »die dort kommen; denn das sind die herrlichsten Bursche der Welt.«

Er hatte noch das Wort im Munde, als eben zwei jener malerischen Gestalten, wie wir sie so gerne als Staffage auf Gebirgslandschaften sehen, um die Ecke bogen, und fröhlich ihre Siebensachen, als da sind: Äxte, Sägen, Alpenstöcke, Steigeisen, Kochgeschirre usw. auf die Gasse oder auf die lange Bank niederwarfen, und sich anschickten, ebenfalls Platz zu neh men. Die abendliche Szene auf der Gasse vor der grünen Fichtau begann sich nun zu ändern und jener Lebhaftigkeit zuzuschreiten, die unser Wanderer an jedem Samstage zu erleben gewohnt war, und die er so liebte. Er achtete des Wirtes nicht mehr weiter, sondern saß bereits bei den zwei Knechten und war schon im lebhaften Gespräche mit ihnen begriffen. Sie hatten den grünen Hut mit Federn und Gemsbart abgelegt, den grauen Gebirgsrock zurückgeschlagen, und zwei verbrannte, lustige Gesichter sahen mit dem gesundesten Durste dem Wirte entgegen, der ihnen eben zwei Gläser voll jenes unerbittlichen Gebirgsweines brachte, den nur ihre harte Arbeit bezwinglich, ja sogar zum erquickenden Labsale macht.

»Laßt Klöße durch Eure Weiber richten,« rief einer, »aber viele; denn der Melchior und die andern kommen nach – und fett genug laßt sie machen, daß sie Euren Wein bändigen. – Auch die aus den Laubgräben kommen, und aus der Grahnswiese; ich sah sie droben den Hochkegel niedersteigen, als wir gegen die Pernitz herausgingen, und hörte ihr Jauchzen. – Dem Gregor ist ein[336] Lamm gestürzt, hinten beim schwarzen Stock; er hat darum fast geweint, und trägt es jetzt auf seinen Schultern die Riese herab.«

»Drum kommt er wieder so langsam hervor«, sagte der Wirt; »ich höre das Herdeläuten schon eine halbe Stunde.«

»Das wirft nur die Kaiserwand und der Grahns so herüber; er ist noch weit hinten. Wir gingen im Fichtauergraben bei ihm vorbei, wie eben die Böcke das Gerölle niederstiegen und die Rinderglocken noch weit oben längs dem Gesteine läuteten«

Wieder kam eine Gruppe, während er noch redete, jodelnd und singend die Straße an der Pernitz heraus, und sammelte sich an dem Gassentische der grünen Fichtau, um einen Labetrunk zu tun und fröhlichen Wochenschluß zu feiern, da ihnen der Holzmeister Geld gegeben und sie sechs Tage lang nur grüne Bäume und graue oder rote Steine gesehen hatten.

»Gott zum Gruß! – Gott zum Dank!« scholl es hin und wider.

»Habt viel Arbeit getan: die Kaiserwiese liegt wie überschwemmt von Scheitern.«

»Geht an, geht an, über die Hochkogelwand warfen wir noch einige Klafter mehr herunter.«

»Schöne Tage! Wir waren auf dem Grat des Kogels, ich habe seit fünfzehn Jahren nicht so weit gesehen; die Ebene lag wie ein Bild da, und in der Stadt hätte ich fast die Fenster zählen können; Euren Rauch sahen wir aus den Laubgräben steigen.«

»Ja wir waren in den Laubgräben, und sind es nun schon sechs Wochen. Der alte tote Prokopus geht auch wieder um; ich weiß es gewiß; er hat in der Nacht musiziert, ich hörte es selber, und auch heute nachmittags hörte ich es; denn da so um vier Uhr herum ein schwacher Wind aufstand und durch die Föhren ging, da trug er deutlich[337] den schweren Ton von dem zerfallenen Schlosse herüber.«

»Hab auch schon davon reden gehört, aber glaub es nicht.«

»Der Wein ist wie Enzian«, rief wieder einer.

»Trink ihn nur, Gevatter Melchior,« sagte der Wirt, »du trinkst Gesundheit hinein, wie Stahl und Eisen.«

So scherzten und lachten sie. Mehrere neue waren gekommen, darunter auch zwei Gebirgsjäger. Ihre Sachen lagen herum und füllten die Gasse: ganze Haufen und Bündel von Steigeisen, eine Garbe Alpenstöcke, lodene Überröcke, Gebirgshüte, eiserne Kochschüssel und anderes, und wieder anderes – Krüge und Gläser mußten herbei; die Klöße kamen und wurden verzehrt, und da abgeräumt war, erschienen zwei Zithern auf dem Tische, die zusammen spielten, und die braunen Gesellen mit dem Blicke des Gebirges saßen herum und taten sich gütlich – und erzählten von ihren Fahrten und Tageserlebnissen. Und ein prachtvoll herrlicher Abend war mittlerweile über das Gebirge gekommen. Die Sonne war über die Waldwand hinunter und warf kühle Schatten auf die Pernitz; im Rücken der Häuser glühten die Felsen, und wie flüssiges Gold schwamm die Luft über all den grünen Waldhäuptern weg. Alles schien sich zur Wochenruhe und zur Feier des Sonntags zu rüsten.

Die Jäger waren aus dem Gebirge gekommen, die Bergarbeiter waren auf dem Heimwege, und mancher sprach in der grünen Fichtau ein wenig vor. – Weiber und Mägde und Töchter wuschen am Bache Fenster, Schemel und jede Gattung hölzerner Geschirre; – das Rauschen der Sägemühle hatte aufgehört, und die Herde, deren Geläute man schon lange einzeln oder harmonisch aus dem Gebirge herab gehört hatte, war nun endlich auch angekommen; – aus dem Seitentale ging sie manierlich hervor, eine Sammlung der unterschiedlichsten Haustiere, fast das gesamte Eigentum der Fichtau. Vorerst[338] kam das leichtfüßige und leichtfertige Geschlecht der Ziegen und Böcke von allen Flecken und Farben, fast jede eine Glocke um den Hals, so daß nun ein mißtönig Geklingel war, was von ferne so wunderschön läutete dann kamen Schafe, schwarz und weiß, und mitten unter ihnen der so schöne glänzende, ernsthaft kluge Schlag der Gebirgsrinder. Mägde, Knechte, Buben, wie es eben kam, empfingen die Tiere, die hieher gehörten, und ihren Ställen zuschritten; die andern [Tiere] gingen ihres Weges weiter, oder blieben gelegentlich stehen, oder traten gar zu der zechenden Gesellschaft, sahen traulich herum und ließen sich schmeicheln, daß die Halsglocke erklang. – Zuletzt erschien auf der Wirtsgasse auch der verwitterte, gebirgsgraue Hirtenbund und sein Herr, der Hirte Gregor, mit einem Bündel Steigeisen beladen und einem jungen, toten Lamme, das er auf den Armen trug, gefolgt von dem Mutterschafe, das wedelnd und blökend zu ihm aufsah. In seiner Person war der letzte Gast gekommen, der Samstags in der grünen Fichtau zu sein und sein bescheiden Glas Wein zu trinken pflegte – aber heute war er traurig; denn das gestürzte Lamm war das seinige; er hatte es auf die Bank gelegt, und sah unverwandt darauf, wie dessen Mutter davor stand, es beleckte und beroch.

»Vertrinkt den Ärger, Gregor,« sagte der Wirt, »heute kostet Euer Wein nichts, und das Lamm kaufe ich Euch morgen um gutes Geld ab.«

»Es ist nicht wegen dem,« antwortete Gregor, »aber es war ein gar so schönes, munteres Tier.« Und er setzte sich doch nieder und führte das Glas Wein langsam zum Munde. Und immer feierlicher floß die Abenddämmerung um die dunklen Häupter der Gebirge, immer abendlicher rauschten die Wasser der Pernitz, und immer reizender klangen die Zithern.

Der Wanderer saß mitten unter diesen Gebirgssöhnen.[339] Er hatte sein Abendmahl verzehrt, und sprach und scherzte bald mit diesem, bald mit jenem. Er freute sich immer auf die Samstagabende, und ob man gleich sein Tun und Treiben für nutzlos und lächerlich hielt, so hatten ihn doch alle lieb, weil er so sehr in ihr Wesen einging und zu Zeiten recht vernünftig sprach. Vater Erasmus war bald hier, bald da, sprach zu allen, und trank gemessen sein abgesondertes Glas guten, alten Gebirgswein. Seine Leute und Mägde hatten das Haus für den Sonntag gescheuert und geputzt, frische Fenstervorhänge eingehangen und die Feiertagskleider für morgen herausgelegt. So ging es lustig fort, ein gut Stück in die Nacht hinein. Aber nach und nach ward es wieder stiller, und die Gesellschaft lichtete sich. Die Arbeit dieser Bergsöhne macht sie heiter und mäßig, versüßet ihnen die Nahrung und dann die Ruhe. Der erste, der aufbrach, war der Boten-Simon; er ging in den Stall zu seinem schnaufenden Schecken, und suchte sein Heulager – gleich darauf ging der Schmied über den Steg – und so bald der eine, bald der andere, sein Geräte aufraffend und den oft langen Weg antretend, den er noch zurückzulegen hatte, ehe er zu den Seinen gelangte – und ehe der Mond, dessen Silberschein schon lange an den gegenüberliegenden Felsen glitzerte, auch auf die Häuser hereinschien, war nur mehr einer da, der bloß auf den Brief wartete, den der Wanderer in der Oberstube schrieb, daß er noch heute in der Nacht nach Priglitz getragen würde. Aber auch der Brief erschien, sein Träger verschwand in den Schatten der Steinwand, an der der wütende Julius fortgeritten war, und die vorher so belebte Gasse der grünen Fichtau war leer und finster; nur in der Schenkstube brannte noch ein trübselig Nachtlicht, bei dem der Wanderer dem Wirte seine Wochenrechnung auszahlte, die dem Vertrage nach nie auf den Sonntag stehen bleiben durfte. »Und nun gute Nacht, Vater Erasmus!«[340]

»Gute Nacht, Ohm, und rechnet ein andermal besser nach, daß Ihr mir nicht wieder zu viel gebt; es ist frevelhaft, mit dem Gelde und dem Feuer nicht vorsichtig umzugehn – gute Nacht! – Geht Ihr morgen in die Kirche hinaus?«

»Ja freilich, ich fahre sogar mit dem einen Eurer Füchse, um die Thrine abzuholen, falls Ihr nichts dagegen habt.« »Gar nichts, und somit schlaft wohl.«

»Gute Nacht.«

Und nach einer halben Stunde war es finster und still im ganzen Hause der grünen Fichtau, als wär es im Tode begraben. Gleichwohl entfaltete sich noch ein anderes Bild in dieser Nacht, das wir beschreiben müssen.

Die Stunden der ersten süßen Nachtruhe begannen zu fließen. – Die Nacht rückte immer weiter auf ihrem Wege gen Westen, und ward immer stiller; nur daß die Wässer, wo sie hinter die Felsen rannen, unaufhörlich plätscherten und rieselten – aber ihr eintönig Geräusche war zuletzt auch wie eine andere Stille, und so war jene Einfachheit und Pracht der Nacht gekommen, die unsrem Gemüte so feierlich und ruhend ist.

Der Mond stand senkrecht über der Häusergruppe und legte einen fahlgrauen Schimmer über die Bretterdächer und blitzende Demanten auf den Staubbach. – In dem Garten stand jedes Gräschen und jedes Laubblatt stille und hielt eine Lichtperle, als horchten sie dem in der Nacht weithin vernehmlichen Rauschen der Pernitz: da ging den Gartenweg entlang eine weiße Mädchengestalt, und hinter ihr der riesig große Wirtshund, ruhig und fromm, wie ein Lamm, und an beiden floß das volle, stille, klare Mondlicht nieder. Das Mädchen schien unschlüssig und zaghaft; sie ging zusehends langsamer, je weiter sie kam, und einmal blieb sie gar stehen und legte die weiche Hand auf das struppige Genick ihres Begleiters, als horche sie oder zage – – dicht neben ihr in[341] der Laube hielt sich ein Atem an – aus Seligkeit oder Bangen; – der Hund schoß mit einem Satze hinein und sprang freundlich wedelnd an dem Erwartenden empor.

»Anna!« flüsterte eine gedrückte Stimme.

»Um Gottes willen, ich bin ein schlechtes, unfolgsames Kind!«

»Nein, du bist das süßeste, geliebteste Wesen auf der ganzen weiten Erde Gottes – Anna! fürchte dich nicht vor mir.«

»Ich fürchte mich auch nicht vor Euch. Das weiß ich ja, daß Ihr gut seid, aber schon, daß ich gekommen bin, ist schlecht, und macht mich fürchten.«

»Es ist nicht schlecht, weil es so selig ist, es ist nur anders gut, als dein Vater und deine Mutter meinen.«

»Gut ist es wohl nicht, allein ich kam, weil Ihr so sehr darum batet, und weil Ihr so seid, daß Ihr jemanden brauchet, der Euch gut ist.«

»Und also darum bist du mir gut? – – bist du, Anna?«

»Ich bin es freilich, obwohl es mir zu Zeiten recht Angst macht, daß es so heimlich ist- – und sagt nur, warum muß ich denn jetzt in später Nacht bei Euch in dem Garten sein?«

»Frage nicht, Anna; siehe, daß du frägst, könnte mich fast schon kränken. Ich habe dir sehr Wichtiges zu sagen; aber ich bin aufrichtig, und bekenne es – nicht was ich sagen werde, scheint mir die Seligkeit, sondern eben daß du da bist; – es ist so lieb, daß ich dich bei der Hand fasse und fühle, wie du sie mir nicht gerne lässest, und sie mir doch gerne lassest, daß ich dein Kleid streife, daß du neben mir niedersitzest – – siehe, schon daß ich deinen Atem empfinde, dünkt mir lieblich – ist es dir denn nicht auch so? – – ist es nicht so?«

Sie antwortete nicht, aber die Hand, die er ergriffen hatte, ließ sie ihm; zu dem Sitze ließ sie sich niederziehen[342] – und wie das Luftsilber des Mondes durch das Zweiggitter auf ihre beiden Angesichter hereinsank, so sagte ihm ihr Auge, das nachgebend und zärtlich gegen seines blickte, daß es so ist.

Er zog sie gegen den Sitz nieder, und sie folgte widerstrebend, weil fast kein Raum war; denn Anna hatte ihn einst so klein machen lassen, da sie noch nicht wußte, wie selig es zu zweien ist. Jetzt aber wußte sie es, und bebend, mehr schwankend als sitzend, stützte sie sich auf das zu kleine Bänkchen – auch der Mann war beklommen; denn in beiden wallte und zitterte das Gefühl, wodurch der Schöpfer seine Menschheit hält – das seltsam unergründliche Gefühl, im Anfange so zaghaft, daß es sich in jede Falte der Seele verkriechen will, und dann so riesenhaft, daß es Vater und Mutter und alles besiegt und verläßt um dem Gatten anzuhangen – es ist ein Gefühl, das Gott nur an dem Menschen, an seinem vernünftigen Freunde, so schön gemacht hat, weil er seiner zermalmenden Urgewalt ein zartes Gegengewicht angehängt ein zartes, aber unzerreißbares – die Scham. Darum, was das Tier erst recht tierisch macht, das hebt den Menschen zum Engel des Himmels und der Sitte, und die rechten Liebenden sind heilig im menschenvollen Saale, und in der Laube, wo bloß die Nachtluft um sie zittert ja gerade da sind sie es noch mehr, und bei ihnen fällt kein Blättchen zu frühe oder unreif aus der großen Glücksblume, die der Schöpfer ihnen zugemessen hatte; es fällt nicht, eben weil es nicht fallen kann. Und so saßen die zwei, und hatten noch nicht die Macht gewonnen, die Rede zu beginnen. Er sann auf einen Anfang, und konnte ihn nicht finden; sie fühlte es ihm an, und dennoch konnte auch sie das Wort nicht vorbringen, das ihm das seine erleichtert hätte. Ihr dritter Gesellschafter blickte zu ihnen auf, als begriffe er alles, und es war fast lächerlich, wie er, obwohl er beide liebte, doch auf beide[343] eifersüchtig war und sich stets bemühte, sein ungeschlachtes Haupt zwischen sie zu drängen.

Anna in der Güte ihres Herzens sah freundlich auf ihn nieder, ja sie legte ihre Hand auf seine Stirne, weil er sie dauerte, daß sie ihm nun – ja nicht nur ihm, sondern auch dem Vater und der Mutter fast alle Liebe entzog und einem fremden Manne zuwende.

Dieser fremde Mann aber sagte mit gedämpfter Stimme: »Damit du weißt, Anna, warum ich dir das Briefchen zustellte und dich gar so dringend bat, heute in die Laube zu kommen, so wisse, es hat sich etwas sehr Wichtiges zugetragen, was auf mein und auf dein Schicksal großen Einfluß haben kann; aber vorher muß ich etwas anderes wissen, und ich frage sich darum, ob es denn wirklich, ob es denn möglich ist, daß du mich so sehr lieben kannst, wie ich dich? – – Du schweigst? – Anna, so sage doch –« »Wäre ich denn sonst gekommen?«

»Du liebe Blüte – wie bin ich in der Welt schon so viele Tage unnütz herumgegangen, und da kam ich in dieses Tal, um Steine und Pflanzen zu suchen, und fand dich, die liebliche, die seltene Blume der Erde.«

»Redet nicht so,« antwortete Anna, »denn es ist nicht so jetzt sagt Euch bloß Eure Empfindung dieses vor, aber in der Tat ist es doch anders. Draußen in den Städten werden viele herrliche Jungfrauen sein, gegen die ich nur arm bin, wie ein Grashalm, den Ihr in unserm Tale pflücket, um Euch etwa einige Stunden daran zu erfreuen, wie an den andern, die Ihr sammelt.«

»Du ahnest nicht,« entgegnete er eifrig – »du Alpenblume, – o wenn du nur wüßtest, wie hoch du über ihnen stehst, – aber wenn du es wüßtest, so ständest du ja schon nicht mehr so hoch – – aber lasse dieses, – nur das eine wisse: daß ich dich mehr liebe als alles in dieser Welt, und daß ich dich in alle Ewigkeit lieben werde; – doch das alles ist natürlich und kein Wunder. Du wirst es selbst[344] begreifen, wenn du die Welt einst wirst kennen lernen, aber eines ist ein Wunder, und erkläre es mir du, wie kam es denn, daß du mir gut wurdest, mir, den sie hier alle mißachten, und an dem auch wirklich nichts ist als ein unauslöschlich gutes Herz?«

»Wie ich Euch gut wurde? – – –«

»Höre, Anna, nenne mich auch du.«

»Nein, laßt mir das, ich kann nicht du sagen, es ist mir, als schicke es sich nicht; und ich könnte dann nicht so frei und freundlich reden.«

»Nun so rede frei und freundlich.«

»Wie ich Euch gut wurde? – seht! ich weiß nicht, wie es kam; als ich es merkte, war es eben da. Ich will Euch etwas von meiner Kindheit erzählen, vielleicht, daß Ihr es dann herausfindet. Mein Vater sagte immer, ich sei ein sehr schönes Kind gewesen, und da ich sein einziges bin, so tat er mir immer viel Liebes und Gutes, und ich und Schmieds Katharina bekamen schönere Kleider als die Nachbarskinder und die der ganzen Fichtau; deshalb wurden sie uns gram, und wir mußten immer allein gehen, und dies taten wir auch gerne, und da saßen wir oben auf der grünen Haide jenseits des Baches, über den der Vater den gedeckten Steg bauen ließ, daß wir nicht hineinfielen – da saßen wir und machten Grübchen in die Erde, oder pflückten Gras und Blumen, redeten mit den Käfern oder horchten den Erzählungen der alten Plumi ...«

»Wer ist die Plumi?«

»Ei, Appolonia, die alte schwäbische Amme Thrinens, die sie bekommen hat, weil ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist, und die nach ihrer Heirat mit in die Stadt gezogen ist. Sie erzählte uns von Goldfischchen, die gefangen war, und Prinz Heuschreck, der klein und grasgrün war, und sieben Jahre durch fremde Länder hüpfen mußte, bis er beide erlöste, wo er dann ein schöner Prinz[345] ward und die schöne Prinzessin Goldfischchen heiratete und von andern Prinzen in Samt und Seide, in Samt und rotem Gold, so schön wie Milch und Blut – dann von klingenden Wäldern, redenden Karfunkeln – von den sieben klugen Hähnen – von dem armen Huhn, das auf dem hohen Nußberge erdurstete – und von tausend und tausend andern Dingen, täglich etwas Neues und täglich das Alte. – – Denkt nur, als Ihr vor dreizehn Wochen zum ersten Male in unser Haus tratet, hielt ich Euch im ersten Schreck selber für einen solchen Prinzen – weil Ihr so jung und mit so närrischem Zeuge beladen waret – und wie wir größer wurden, bekam ich vom Vater schöne Fabelbücher, und oben eine eigene Kammer mit schneeweißen Vorhängen und Simsen, und Tischen von schönem rotem Steine. Er verbot mir, in die Schenkstube zu kommen, und von der Stadt erschien eine Frau, die uns die Fabelbücher lesen und selber schöne Dinge schreiben lehrte – nur leider ist diese Frau zu früh gestorben, und ließ uns nur einige Bücher zurück, die wir dann immer lasen, – ach, da standen Euch Dinge darinnen, daß mir oft das Herz zerspringen mochte vor lauter Schmerz und Sehnsucht – und die alte Plumi kroch auch wieder aus ihrer Hinterstube hervor, in die sie sich seit det Ankunft der fremden Frau versteckt hatte, und erzählte wieder, und ging mit uns ins Gebirge, die einsamen, heißen Steinriesen empor, Erdheeren oder Haselnüsse suchend, oder Blumen, deren oft eine bei diesem oder jenem Steine stand, so prachtvoll und wildfremd, daß Ihr erschrocken wäret – Ihr habt vielleicht gar keine solche in Euren großen Blumenbüchern – und wenn wir tief genug in der Grahnswiese zurückgingen, daß wir weder den Bach noch die Schmiede und Sägemühle hören konnten, und bei dem wilden Schlehenbusche kauerten, und sie nun erzählte und immer tiefer hineinkam und unter den grauen Haaren hervor die pechschwarzen Augen in unsre Gesichter[346] bohrte: da fuhr ich Euch oft entsetzt zusammen, wenn sich von der Wand daneben ein Steinchen löste und zu dem andern Gerölle niederfiel – und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn die Krüppelföhren zu reden begonnen hätten und der Fels sich zu neigen, namentlich wenn gar zuweilen der schwache weinende Ton durch die Luft herüberschnitt, da der alte, tote Graf Prokopus auf dem Sternenturme musizierte – – aber was wollte ich Euch denn eigentlich erzählen?«

»Wie es kam, daß du mir so gut geworden bist.«

»Ach, die arme Thrine mußte den Stadtschreiber heiraten – sie tat es wohl gerne, und ging gerne mit, und die Plumi auch; aber ich war dann so arm, daß ich es Euch gar nicht beschreiben kann – – – und da kamet Ihr und habt mich mit so guten Augen angeschaut, und mit so schönen, und seid dann wieder so traurig geworden, daß es ordentlich ein Schmerz und eine Seligkeit war – – höret, wenn Ihr falsch sein könntet, das wäre nun recht abscheulich ...«

»Nein, Anna, du unschuldsvoller Engel, sei mir gut, so lange mir dieses Leben währt; ich kann mir kein größeres Glück und keine größere Freude denken und wünschen als dich. Du bist viel besser als ich – und wenn du mein Weib bist, und wenn wir immer und immer beisammen sein werden, dann will ich ihnen in der Stadt zeigen – – nein, wir gehen gar nicht in eine Stadt, – unter Blumen und Bäumen will ich dich hüten, daß du bleibst, wie du bist, du holde, liebe Dichtung ...«

»Laßt diese Dinge, und hört nur« – fiel sie ihm in die Rede. »Es war fast närrisch, wie sehr ich Euch gut ward die Hühner, und die Blumen, und die Tauben halfen doch alles nichts, ich konnte die Thrine nicht vergessen, und sie kam kaum jeden Sonntag heraus. – Der Vater ließ mich fast nichts arbeiten, und ich tat auch nichts im Hause als unnützes Zeug, höchstens die Küchlein füttern,[347] weil sie meinten, ich sei ihre zweite Mutter, und die Blumen begießen, und diese Laube zimmern lassen. – – Und wenn ich dann in meiner Kammer das Abendgebet verrichtet hatte und der Wind in die Fenstervorhänge blies, da war ich recht traurig. – Die Bücher, welche mir Thrine immer schickte – – sagt, habt Ihr auch schon einmal bei einem Buche geweint?«

»Wohl, Anna, wohl.«

»Seht, ich hab es gleich gedacht, daß Ihr das getan habt – – wie Ihr so die allerlei Steine in unser Haus truget und mit ihnen lateinisch redetet, und wie Ihr die Blumen, wie Augen so schön, in die großen Bücher legen konntet und sie oft recht lange ansahet, so dachte ich: sie können ihn doch nicht wieder lieben, weil sie trotz ihrer Schönheit nur unvernünftige Dinge sind – und wer weiß, wie weit seine Mutter entfernt ist – und Ihr sahet aus, als müßtet Ihr gar so unendlich gut sein, noch besser als Thrine selber – und wenn sie Euch schalten, daß Ihr so unnütze Dinge treibt, so dachte ich: ich weiß es schon, weshalb er dieses tut; denn die Leute hier, wisset Ihr, kennen die Blumen und Steine nicht – und wenn mein Vater auf die Bücher Thrinens schmälte und sagte, es sei lauter Narrheit in ihnen, und wenn ich es auch schon selber zu glauben anhob, so war mir doch dazumal – – aber das ist zu lächerlich. – –«

»Nun, Anna, nun?«

»Es war mir öfters, als seid Ihr in einem solchen Buche gestanden und daraus in unsern Garten getreten – und wenn Ihr hinten saßet und das Antlitz so wie nachdenkend in Eure beiden Hände drücktet, so dachte ich, dies sei meinetwegen.«

»Es war auch deinetwegen – es war auch deinetwegen.«

»Seht Ihr? – und darum wars auch so da ich mir dachte, ich will ihm recht gut werden, war ich es schon, mehr war ich es, als es nur ein Mensch aussprechen kann, und[348] ich dachte, Ihr müßtet mich ja auch unaussprechlich lieben, es könne ja gar nicht anders sein, es sei so gewiß, als wenn Ihr es schon selber gesagt hättet.«

»Und wenn es nun nicht gewesen wäre?«

»Es mußte ja, weil sonst alles ein Unding gewesen wäre, las nicht sein kann – ich weiß nicht, warum der Bach in die Pernitz fließen muß, aber ich weiß, das er es muß.«

»O, du ahnungsreiches Herz! er muß es, und er ist selig, daß er es muß. Das Ziel und Ende seiner Wanderung findet er dort – was weiter sein wird, ist ungewiß; nur ins ist sicher, das Beisammensein, und dieses eine ist alles, ob nun gezählte Jahre fließen, oder die ungezählte Ewigkeit, ob die Körper sich berühren, ob nicht, es bleibt so – – Die Leute nennens sonst auch Treue – – Aber siehe, der häßliche Fliederschatten deckt dir deine Stirne, und das süße Auge – neige das Haupt – so – noch ein wenig, mehr gegen mich – so –. Ich möchte den Mond dort an jenes blaue Fleckchen fest bannen, daß er immer herschiene und immer deine reine Stirne und das rührend schöne Auge beleuchtete – –.«

Und er nahm ihre Hand, drückte sie gegen sein pochendes Herz, gegen seine Lippen, gegen seine Augen – ihren Mund zu küssen, wagte er nicht. – Ihr Auge aber voll scheuer, unbewußter, heißer Zärtlichkeit blickte auf ihn, und sie sagte mit vor Rührung zitternder Stimme: »Da ich Euch nun so schnell und so sehr liebgewonnen und es Euch gesagt habe, da ich gar in der Nacht herausgekommen bin, weil Ihr so sehr batet, so dürft Ihr nun nicht falsch sein, Ihr dürft es durchaus nicht.«

»Gegen die Natur, geliebtes Herz, kann man nicht falsch sein, man ist es nur gegen Wiederfalsches – man verläßt nur den, der uns verließ, noch ehe er uns fand, weil er in uns nur seine Freude suchte. Du liebst, wie die Sonne scheint; du siehst mich an, wie sich das grenzenlose Himmelblau der Luft ergießt; du kommst, wie der Bach zum[349] Flusse hüpft, und wandelst, wie der Falter flattert: und gegen den schönen Falter, gegen den Bach, die Luft und gegen das goldne Sonnenlicht bin Ich nie falsch gewesen, und gegen dich vermöcht ichs nicht zu sein um alle Reiche dieser Erde – siehe, Anna, es ist so; – – aber, Anna, sage, liebst du mich denn auch wirklich so, so unaussprechlich, so über alles Maß, wie ich dich liebe? – – so sag es doch, Anna – – nicht?!«

Aber sie sagte nichts, nicht eine Silbe; das naturrohe Herz, das nie gelernt hatte, mit seinen Gefühlen zu spielen und sie zu lenken, war bereits von ihrer Allmacht iiberwältigt, und sie konnte nichts tun, als das unsäglich gute Antlitz gegen ihn emporheben und den Mund empfangen, der sich gegen ihren drückte – und so süß war dieser Kuß daß sie mit der einen Hand den sich ungestüm empordrängenden Hund wegstemmte, während sie hinübergebeugt emporgehobenen Hauptes die Seligkeit von den Lippen des teuren Mannes saugte. Er hielt sie mit beiden Armen fest umschlungen und fühlte ihren Busen an seinem klopfenden Herzen wallen.

»Heinrich,« flüsterte sie, »ich möchte dich doch du nennen.«

»So nenne, mein Herz, nenne.«

»Und eine Bitte habe ich – –.«

»So rede.«

»Die Bitte, daß du nie, nie mehr auf dieser Erde ein anderes Mädchen so liebst, wie mich – – und daß ich – ...«

»Was, Engel, daß du ...?«

»Nicht wahr, Heinrich, du nimmst kein anderes Weib, ich müßte mich dann recht schämen.«

»Und ich, bei dem lebendigen Gotte, mich noch mehr. Anna, höre mich: jetzt lieben wir uns bloß, das ist leicht und süß, aber es muß mehr werden. Ich werde dich von hier fortführen; du mußt meine Gattin werden, ich dein Gatte – das ist schwer, aber unendlich süßer: immer an[350] demselben Herzen, losgetrennt von Vater und Mutter und von der ganzen Welt. Du mußt lieben, was ich liebe, du mußt teilen, was ich teile, du mußt sein, wo ich bin, ja außer mir muß dir nichts sein: ich aber werde dich ehren bis ins höchste Alter, werde dich schützen, wie den Schlag meines Herzens, werde dein Geliebtes lieben, werde außer dir nichts haben – – und wenn eines stirbt, muß das andere Trauer hegen bis zum Grabe. Anna, willst du das?«

»Ja, sagt einmal, kann es denn anders sein?«

»Freilich, wo es recht ist, kann es ja nicht anders sein; das andere ist eben keine Ehe.«

»Und wohin werdet Ihr mich denn führen? – – aber ach Gott? wie wird es denn sein können? Der Vater wird in Ewigkeit nicht einwilligen und die Mutter auch nicht. – Ihr seid so gut, ganz lieb und gut – aber Ihr tut ja nicht wie alle andern Männer, die ein Weib nehmen. Sie haben Haus und Hof, oder sind wie Thrinens Stadtschreiber; aber Ihr geht in den Bergen herum, schlagt Steine herab, bringt Blumen ins Haus. – – –«

»Siehe, das ist so: wie du in deinen Büchern liesest, so bin ich bestimmt, im Buche Gottes zu lesen, und die Steine und die Blumen und die Lüfte und die Sterne sind seine Buchstaben – wenn du einmal mein Weib bist, wirst du es begreifen, und ich werde es dich lehren.«

»O, ich begreif es schon, und begriff es immer; das muß wunderbar sein!«

»O, du unbewußtes Juwel! freilich ist es wunderbar!! unausstaunlich wunderbar!! O, ich werde dir noch vieles, vieles davon erzählen, wann wir erst unveränderlich beisammen sind – da wirst du staunen über die Pracht und Schönheit der Dinge, die da auf der ganzen Erde sind. Jetzt aber, Anna, werde ich dir etwas anderes sagen, merke auf und behalte es in deinem klugen Haupte. Es ist das, weshalb ich dich in den Garten bat, und was deinen[351] Vater und deine Mutter betrifft. Da ich vorgestern nachmittags wohl drei Meilen von hier im Schatten schöner Ahornen saß und nachdachte, wie nun alles werden solle: da fiel mir ein, daß ich nun hinausgehen und mir Stand und Amt erwerben müsse – ich habe Freunde, die mir helfen werden – dann werde ich kommen und deinem Vater das rechte Wort sagen, daß er es über sich vermöge, dich mit mir zu lassen. Es ist wohl, aber weit von hier, ein Gärtchen und ein Haus, und kleine Felder – das ist alles mein; es nähret mich und die Meinen, die zu Hause sind, die liebe Mutter, und eine Schwester, die fast so gut ist wie du selber; aber das alles würde in den Augen deines Vaters zu geringe sein – darum, Anna, bat ich dich, daß du in den Garten kommest, damit ich dir sage, daß ich nun fortgehe, aber wieder komme, dich zu holen, – daß du an mich glaubest und freundlich auf mich wartest – – und daß ich dich noch einmal vorher frage, ob du mich denn auch so sehr, wie ich dich, liebst und in alle Ewigkeit lieben willst – das alles wollte ich tun – – aber siehe, da geschah indessen etwas – nein es ist zu fabelhaft; ich getraue mir es selber nicht zu glauben – – erschrecke nicht, es ist nichts Böses – ich kann es keinem Menschen anvertrauen, doch dir will ich es sagen – du, liebe Unschuld – aber du darfst es nicht verraten –.«

»Nein, sagt es lieber nicht, ich verriete es vielleicht doch, und ich glaube ja ohnedies an Euch – und sagt es nur einst dem Vater, daß es gewiß wird, daß ich Euer Weib werde – es ist ohnedies schon hart genug, daß ich es verschweigen muß, daß ich Euch so gut bin. – – Denkt nur, neulich hab ich es sogar dem Philax ins Ohr gesagt: ich lieb ihn von Herzen, von Herzen, von Herzen – – aber der Thrine darf ich es doch morgen sagen?«

»Wann du mich liebst ...«

»Nein, ich sage ihr auch nichts. – – Wenn Ihr nur nicht zu lange ausbleibt, werd ich es schon überdauern.«[352]

»O, du schönes, naturgetreues Herz, wie werd ich dich verdienen können?« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt hatte. Seine Stimme war gerührt, und wenn seine Augen nicht im Schatten gewesen wären, so hätte sie sehen können, wie zwei Tränen in dieselben getreten waren. Sie aber sah es nicht, und da sie wegen seines Schweigens meinte, es sei ein Schmerz in ihm, so nahm sie seine Hand in ihre beiden, und hielt sie fest und herzlich.

Und wie sie so saßen und schwiegen, und wie um sie auch die ganze glänzende Nacht schwieg – und Minute nach Minute verging, ohne daß das Herz es wußte: da krähte hell und klar der Hahn, die Trompete des Morgens, der Herold, der da sagt, daß Mitternacht vorüber und ein neuer Tag anbricht. – – Anna sprang auf: »Um Gottes willen, seht, der Mond steht so tief, daß er in den Laubeneingang scheint, und die Luft wird heller – ich muß zurück ins Haus – haltet mich nicht auf – und lebt recht wohl.«

Er stand auch auf: »Nur noch eine Minute, Anna, noch eine Sekunde – nur diesen Kuß – – so – – aber du sagst ja schon wieder: Ihr.«

»Nun, du – so lebe wohl, lieber, teurer Mann, und komme doch recht bald und sage das Wort zum Vater.«

»Und die Tage, die ich bleibe – kommst du noch einmal zur Laube, Anna?«

»Nein, Heinrich, es ist nicht recht; ich will Euch unter Tags in dieser Zeit recht freundlich anblicken, wenn auch der Vater scheel sieht, aber kommen kann ich nicht mehr, es ist doch nicht recht. – – Sagt nur bald das Wort, dann bin ich ja immer bei Euch, Tag und Nacht.«

Noch einmal, auf die Spitzen ihrer Zehen gestellt, empfing sie seinen Kuß.

»Lebe wohl,« sagte er, »du innig süßes Herz – gute Nacht.«[353]

»Gute Nacht«, sagte sie, und verschwand im Schatten des Laubes.

Er war allein.

Frischer, gleichsam dem Morgen zu, rauschten die Wasser der Pernitz, und die Blätter der Zweige begannen sich in einem kurzen Nachmitternachtlüftchen zu rühren. Der Wanderer ging aber tiefer in den Garten zurück, schwang sich über die Einfriedigung und schritt über den mondhellen Wiesenhügel dem Walde zu, als sei es ihm nicht möglich, in diesem Augenblicke seine Schlafstelle zu suchen. Die glänzende Nachtstille blieb von nun an ungestört, und nichts rührte sich, als unten die emsig rieselnden Wasser, und oben die Spitzen der flimmernden Sterne.

Quelle:
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 1, Wiesbaden 1959, S. 321-354.
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