3. Der rote Stein

[412] Während nicht nur in der Fichtau, sondern im ganzen Lande noch ein außerordentliches Geschrei über das Wunder war, so sich begeben; während Arbeitsleute aller Art auf dem Rothensteine beschäftigt waren, so daß es schien, als rühre sich nun der ganze Berg, der früher so vereinsamt gewesen; während das vermauerte Tor nun wieder gastlich seine Wölbung offen hielt und auf einem Gerüste Steinmetzen oder Steinhauer an seiner Verzierung arbeiteten; während kein Weg auf dem Berge war, auf dem nicht ein Karren quiekte, kein Busch, hinter dem es sich nicht rührte, kein Dach, auf dem es nicht ging, kein Zimmer, in dem es nicht scheuerte – – während dieses alles geschah, ging Heinrich langsam bei dem großen verfallenen Tore des Julianschlosses hinein, in das einzige Bauwerk, in welchem keine Hand sich regte; er ging den betretenen Pfad über den Schutthügel; er ging bei der ent gegengesetzten Öffnung wieder hinaus, durchwandelte den verfallenen Garten auch auf dem wohlbetretenen Pfade, und hielt vor dem hohen roten Felsen stille, zu dem die Pfade führten. Hier zog er einen Schlüssel aus seinem Busen hervor, – denn die Siegel waren schon alle nicht mehr da – drehte ihn dreimal in dem Schlosse und öffnete sanft die hohen, glatten, eisernen Torflügel. Da sah ein weiter, matt dämmernder Gang heraus; weit ge schweifte, flache, halbkreisartige Stufen von blutigrotem Marmor wiesen zu einem zweiten Eisentore von wunder schöner Arbeit, die zwei Schlüsselmündungen mit gediegenem Golde umlegt. Er trat ein. Hinter sich schloß er die äußern Tore und schritt über das Lichtgezitter, das eine Spiegelvorrichtung von oben herab auf den Estrich des Ganges warf und ihn schwach beleuchtete. Nachdem er die Stufen emporgegangen war, nahm er die zwei kleinen stählernen Schlüssel aus einem Samtfache, das er mit[412] sich trug, und öffnete die eiserne, goldbelegte Pforte. Ein großer, ruhiger Felsensaal tat sich auseinander, auf seinem Fußboden dasselbe Spiegellichterspiel zeigend wie der Gang und damit die im Sechseck gestellten Wände matt beleuchtend, an denen es wie von Metallen glänzte. Heinrich ging ebenfalls hinein und schloß hinter sich zu. Dann aber ging er den Wänden entlang, drückte an verschiedenen Stellen, worauf sich die eisernen Lehnen von den Fenstern der Kuppel zurückschlugen und sanfte Lichtbäche von oben herabfallen ließen, die alles klar machten, aber die spielenden Lichtwunder des Fußbodens auslöschten. Bevor nun Heinrich irgend etwas anderes tat, schritt er gegen eine Stelle der Marmorwand, öffnete dort ein kleines stählernes Türchen, auf dem mit goldenen Buchstaben das Wort: ›Henricus II‹ stand, und legte ein beschriebenes Heft, das er aus seinem Busen zog, hinein. Dann schloß er langsam das Wandkästchen wieder und trat zurück. Es standen aber noch viele andere solche Türchen herum, und jedes trug in goldenen Buchstaben einen Namen. Sonst war aber weder Geräte noch irgend etwas im Saale, außer einem marmornen Tische, der vor einer Art Altar stand, und einem hochlehnigen Stuhle aus Erz. Heinrich ging an den vielen Türchen vorüber; erst eines der letzten, bevor die unbeschriebenen kamen, öffnete er und zog die Schriften aus dem Eisenschranke hervor, die drinnen waren. Auf dem hohen Stuhle sitzend, die Papiere vor sich auf dem Tische, schlug er die ersten Blätter um, bis er zu einem eingelegten Zeichen kam, dann sein Haupt sachte vorwärts neigend, las er weiter, wie folgt:

»Und darum kann ich euch keinen Dank haben, Ubaldus und Johannes, und Prokopus und Julianus – und wie ihr heißet; denn der Dämon der Taten steht jederzeit in einer neuen Gestalt vor uns, und wir erkennen ihn nicht, daß er einer sei, der auch schon euch erschienen war – und eure Schriften sind mir unnütz. Jedes Leben ist ein neues,[413] und was der Jüngling fühlt und tut, ist ihm zum ersten Male auf der Welt: ein entzückend Wunderwerk, das nie war und nie mehr sein wird – aber wenn es vorüber ist, legen es die Söhne zu dem andern Trödel der Jahrtausende, und es ist eben nichts als Trödel; denn jeder wirkt sich das Wunder seines Lebens aufs neue.

Was ich hier schreibe, bin nicht ich – mich kann ich nicht schreiben, sondern nur, was es durch mich tat. Ich habe die Erde und die Sterne verlangt, die Liebe aller Menschen, auch der vergangenen und der künftigen, die Liebe Gottes und aller Engel – ich war der Schlußstein des millionenjährig bisher Geschehenen und der Mittelpunkt des All, wie es auch du einst sein wirst; – – aber da rollt alles fort – wohin? das wissen wir nicht. – Millionenmal Millionen haben mitgearbeitet, daß es rolle, aber sie wurden weggelöscht und ausgetilgt, und neue Millionen werden mitarbeiten, und ausgelöscht werden. Es muß auch so sein: was Bilder, was Denkmale, was Geschichte, was Kleid und Wohnung des Geschiedenen – wenn das Ich dahin ist, das süße, schöne Wunder, das nicht wieder kommt! Helft das Gräschen tilgen, das sein Fuß betrat, die Sandspur verwehen, auf der er ging, und die Schwelle umwandeln, auf der er saß, daß die Welt wieder jungfräulich sei, und nicht getrabt von dem nachziehenden Afterleben eines Gestorbenen. Sein Herz konntet ihr nicht retten, und was er übrig gelassen, wird durch die Gleichgültigkeit der Kommenden geschändet. Gebt es lieber dem reinen, dem goldnen, verzehrenden Feuer, daß nichts bleibe, als die blaue Luft, die er geatmet, die wir atmen, die Billionen vor uns geatmet, und die noch so unverwundet und glänzend über dir steht, als wäre sie eben gemacht und du tätest den ersten, frischen, erquickenden Zug daraus. Wenn du seinen Schein vernichtet, dann schlage die Hände vor die Augen, weine bitterlich um hn, soviel du willst- aber dann springe auf, und[414] greife wieder zu an der Speiche, und hilf, daß es rolle – bis auch du nicht mehr bist, andere dich vergaßen, und wieder andere und wieder andere an der Speiche sind.

Wundere dich nicht über diesen meinen Schmerz, da doch alles, was ich in den vielen Blättern oben geschrieben habe, so heiter und so freundlich war, wundere dich nicht; denn ich gehe dem Engel meiner schwersten Tat entgegen, und aus den Pergamenten des roten Felsensaales kam dieser Engel zu mir. Dort liegen die Schläfer, von ihrem Ahnherrn verurteilt, daß sie nicht sterben können; eine schauderhaft durcheinanderredende Gesellschaft liegt dort, vor jedem Ankömmling müssen sie ihre Taten wieder neu tun, sie seien groß oder klein; – diese Taten, genug, sie waren ihr Leben und verzehrten dieses Leben. Wenn es dein Gewissen zuläßt, später Enkel, so verbrenne die Rollen und sprenge den Saal in die Luft. Ich täte es selber, aber mir schaudert vor meinem Eide. Kannst es aber auch du nicht tun, so vergiß doch augenblicklich das Gelesene, daß sich die Gespenster all ihres Tuns nicht in dein Leben mischen und es trüben, sondern daß du es lieber rein und anfangsfähig aus der Hand deines Schöpfers trinkest.

Ich fahre fort.

Als ich aus Frankreich zurückkehrte, und das Bild des treuen Alfred doch schon zu erblassen begann – als ich fast alle Welt durchreiste – als ich jeden Brief der Marquise unerbrochen zurücksandte, bis keiner mehr kam da fiel es mir ein – – – lese nun das Folgende, weil du es zu lesen geschworen, so wie ich es schrieb, weil ich es zu schreiben geschworen –; aber wenn du das Eisentor des Gewölbes zuschlägst, so lasse alles hinter dir zurück und streue die Erinnerung in die Winde, damit du keinen Hauch davon, kein trübes Atom zu den Deinen nach Hause trägst, zu deinen armen Kindern, zu deinem schönen, unschuldigen Weibe.[415]

Das Land Indien war es, wo mir der Engel meinerschwersten Tat erschien; – unter dunklem Schatten fremder Bäume war es, an einem Flusse, der so klar floß, als walle nur dichtere Luft längs der glänzenden Kiesel – das Schlechteste und Verachtetste, was die Menschheit hat, war dieser Engel, die Tochter eines Paria; aber schön war sie, schön über jeden Ausdruck, den eine Sprache ersinnen mag, und über jedes Bild, das in Jahrtausenden einmal in eine wallende Phantasie kommt. –

In den Pergamentrollen hatte ich gelernt, wie alles nichtig und eitel sei, worauf Menschen ihr Glück setzen; denn es war Torheit, was alle meine Vorfahren taten. Ich wollte Neues tun. Den Kriegsruhm hatte ich schon genossen, dies ekle, blutige Getränke; die Kunst hatte ich gefragt, aber sie sagt nichts, wenn das Herz nichts sagt; die Wissenschaften waren Rechenpfennige, und die Liebe Sinnlichkeit, und die Freundschaft Eigennutz. – – Da fiel mir ein, wie ich oben sagte, ich wolle nach dem Himalaja gehen. Ich wollte die riesenhaften und unschuldigen Pflanzen Gottes sehen, und eher noch wollte ich das große, einfache Meer versuchen.

Ich kam nach dem Himalaja. Dort lernte ich die Hindusprache, dort sah ich das Bramanenleben, ein anderes als unseres, das heißt anders töricht – und dort ging auch die Paria zwischen Riesenpalmen nach dem Flusse, um Wasser für den Vater zu schöpfen. Sie hat, seit sie lebte, sonst nichts getan, als daß sie durch die Palmen ging, um Wasser zu holen und für den Vater Datteln zu lesen und Kräuter zu pflücken.

›Rühre mich nicht an und rede nicht mit mir‹, hatte sie zu dem fremden Manne gesagt, ›daß du nicht unrein werdest‹, – und dann stellte sie den Wasserkrug auf ihre Schulter neben den glänzenden, unsäglich reinen Nacken, und ging zwischen den schlanken Stämmen davon.

Und so ging sie Tage und Monden – kein Mensch war[416] in dem Walde als ich; denn sie würden unheilig durch Rede und Berührung mit ihr geworden sein. Der Vater saß unter Feigenbäumen und sah blöde und leer gegen die Welt – und als er eines Tages tot war und sie nicht zu dem Flusse kam, so ging ich zu ihr und berührte sie doch; denn ich nahm ihre Hand, um sie zu trösten – ich redete mit ihr, daß sie erschrak und zitterte und mich ansah wie ein Reh.

›Du mußt dich nun waschen‹, sagte sie, ›daß du wieder rein seiest.‹

›Ich werde mich nicht waschen‹, sagte ich; ›ich will ein Paria sein wie du. Ich werde zu dir kommen, ich werde dir Früchte und Speise bringen, und du reichest mir den Krug mit Wasser.‹

Und ich kam auch, und kam wieder und oft. Ich redete mit ihr, ich erzählte ihr von unserm Brama, wie er sanft und gut sei gegen die Kinder seines Volkes, und wie er nicht den Tod des Weibes begehre, wenn der Mann starb, sondern daß sie lebe und sich des Lichtes wieder freue.

›Wenn sie aber freiwillig geht, so nimmt er sie doch mit Wohlgefallen auf?‹ fragte sie und heftete die Augen der Gazelle auf mich.

›Er nimmt sie auf‹, sagte ich, ›weil sie es gut gemeint hat; aber er bedauert sie, daß sie sich ihr schönes Erdenleben geraubt hat, und nicht lieber gewartet, bis der Tod selber komme und sie zu ihrem Manne führe, der auch schon ihrer harrte.‹

›Siehst du, wie du selber sagst, daß er schon harrte‹, antwortete sie rasch. ›Du bist also im Irrtume, und man muß ja zu ihm kommen.‹

›Wenn du wieder in dein Land gehst‹, setzte sie langsamer hinzu, ›in deine Heimat, die etwa gar jenseits dieser hohen, weißen Berge ist, so werde ich traurig sein und auch meinen, daß ich dir folgen solle.‹

›Und willst du mein Weib werden?‹ setzte ich plötzlich hinzu.[417]

Und hier war es, wo ich zum ersten Male gegen sie schlecht war. Ihr Wort hatte mich entzückt, ich beredete sie, mein zu werden und mir zu folgen. Sie kannte kein anderes Glück, als im Walde zu leben, Früchte zu genießen, Blumen zu pflücken und die Pflanzenspeisen zu bereiten, die ihr sanfter, reinlicher Glaube vorschrieb; ich aber kannte ein anderes Glück, unser europäisches, und hielt es damals für eins. – Das weiche Blumenblatt nahm ich mit mir fort, unter einen fremden Himmel, unter eine fremde Sonne. Sie folgte mir willig und gerne – nur sehr blaß war sie, als wir über das breite, endlose Salzwasser fuhren, und es machte ihr Kummer, wenn sie sich mit dem schmutzigen Schiffwasser waschen oder es trinken mußte. Ihre Seele war in mir, und sie wußte es nicht, darum liebte ich sie mehr, als eine Zunge sagen kann. Ich tat ihrer Meinung und ihrem Willen nie Gewalt an, sondern ließ sie vor mir spielen und sah zu, wie sie mein Herz und ihr Herz, meinen Unterricht und ihren Hinduglauben kindisch durcheinandermischte und in Betörung lächelte.

Als sie nach den Gesetzen unsres Landes mein Weib geworden war, führte ich sie auf meinen Berg. Ich hatte schon vor meiner Abreise ein Gebäude nach griechischer Art angefangen, und dieses stand nun, als wir ankamen, bereits fertig da. Ich taufte es ›Parthenon‹ und richtete es zu unserer Wohnung ein. Es war sehr schön, und sein Inneres mußte von jeder Pracht und Herrlichkeit strotzen, damit ich ihr ihr Vaterland vergessen machen könne. Auch einen Garten legte ich rund herum an, und hundert Hände mußten täglich arbeiten, daß er bald fertig würde. Ich zog schwarze Mauern und Terrassen, um die Sonnenhitze zu sammeln; ich warf Wälle auf, um den Winden zu wehren; ich baute ganze Gassen von gläsernen Häusern, um darin Pflanzen zu hegen, dann ließ ich kommen, was ihr teuer und vertraut war: die schönsten Blumen[418] ihres Vaterlandes, die weichsten Gesträuche, die lieblichsten Vögel und Tiere – aber ach, den dunkelblauen Himmel und die weißen Häupter des Himalaja konnte ich nicht kommen lassen, und der Glanz meiner Wohnung war nicht der Glanz ihrer indischen Sonne.

So lebte sie nun fort. Sie aß kein Fleisch; an mir duldete sie bloß, daß ich es tue und mich mit dem Blute der armen Tiere beflecke. Aber höher hätte sie mich gewiß geachtet, wenn ich es ebenfalls vermocht hätte, nur ihre Pflanzengerichte, ihre Früchte und ihr Obst zu genießen. Oft in jenen Tagen, die in den ersten Jahren so gleichförmig dahin flossen – oft, wenn ihr Mund an meinem hing, wenn ihre weichen, kleinen Arme mich umschlangen, und wenn ich in ihr großes, fremdes Auge blickte und darinnen ein langsam Schmachten sah – sie wußte selbst nicht, an welcher tiefen, schweren Krankheit sie leide oft sagte mir eine Stimme ganz deutlich in das Ohr: ›Gehe wieder mit ihr nach Indien, sie stirbt vor Heimweh‹; – aber mein hartes Herz war in seinem Europa befangen, und ahnete nicht, daß es anders sein sollte, daß ich, der Stärkere, hätte opfern sollen und können, was sie, die Schwächere, wirklich opferte, aber nicht konnte. Ich hörte die Stimme nicht, bis es zu spät war, und eine Tat geschah, die alles, alles endete. – – Siehst du, damals rollte auch der Wagen des Geschickes, nur daß er über zarte Glieder ging und sie zerquetschte.

Ich hatte einen Bruder, Sixtus mit Namen – einen schöneren Jüngling kann man sich kaum denken – und dabei war er gut und herrlich, und ich liebte ihn wie ein Teil meines eigenen Herzens. Dieser Bruder kam von seinen weiten Reisen zurück und wollte einige Monate bei uns wohnen. Das sah ich gleich, daß er vor der Schönheit meines Weibes erschrak und zurückfuhr, und daß in sein armes Herz das Fieber der Leidenschaft gleichsam wie geflogen kam; aber ich kannte ihn als gut und mißtraute[419] nicht, ja er dauerte mich, und ich sagte ihr, daß sie ihm gut sein möge, wie man einen Bruder liebt. – Ich kam seinem Herzen zu Hülfe, ich war noch freundlicher, noch liebreicher als je, daß es ihn erschüttere und er sich leichter besiege. Ich mißtraute nicht – und dennoch schwirrte es oft mit dunkeln Fittigen um mein Haupt, als laure irgendwo ein Ungeheuer, welches zum Entsetzen hereinbrechen würde. Ich wußte bisher nicht, ob sie damals von dem eine Ahnung hatte, was wir Treubruch in der Ehe nennen; denn ich war nicht darauf verfallen, ihr dies zu erklären: jetzt erzählte ich ihr davon, sie aber sah mich mit nichtssagenden Augen an, als verstände sie das Ding nicht, oder hielte es eben für unmöglich.

Noch war nichts geschehen.

Er schwärmte wild in den Bergen herum, oder saß halbe Nächte an der Äolsharfe des Prokopus. Seine Abreise näherte sich immer mehr. Ich aber war gedrückt, wie ein Tropenwald, auf dem schon die Wucht unsichtbarer Gewittermaterie liegt, wenn die Regenzeit kommen soll und die Sonne doch noch in dem heitern, aber dicken Blau des Himmels steht.

So war es, als ich einmal in der Nacht von einer Reise zurück, die ich in einem Streite wegen schnöden Mammons tun mußte, gegen den Rothenstein angeritten kam. Es war eine heiße Julinacht; um den ganzen Berg hing ein düsteres, elektrisches Geheimnis, und seine Zinnen trennten sich an manchen Stellen gar nicht von den schwarzen Wolken. Die weißen tröstlichen Säulen des Parthenon konnte ich gar nicht sehen, aber um den dunklen Hügelkamm, der sie mir deckte, ging zuweilen ein sanftes, blauliches Leuchten der Gewitter. Mir war, wenn ich nur einmal dort wäre, dann wäre alles gut, – aber je mehr ich ritt, desto mehr war es, als würde der ganze Berg von den Wolken eingetrunken, und ich konnte ihn nicht erreichen, ach ich konnte ihn nicht erreichen! Auch mein[420] Rappe, schien es, teile meine Angst; denn er war nicht wie gewöhnlich, wenn er die Heimat witterte, freudig und ungestüm, sondern er stöhnte leise, und sein Nacken war feucht. Einmal war mirs, als höre ich auch meinen Diener nicht mehr hinter mir reiten, aber wie ich anhielt und umblickte, so stand doch seine dunkle Gestalt dicht hinter mir.

Nicht Eifersucht war es, die mich trieb – nein, nicht Eifersucht – – aber es war mir immer, Chelion würde in dieser Nacht ermordet, wenn ich nicht zeitig genug käme.

Endlich, da wieder ein stummer Blitz durch den Himmel zog, stand ganz deutlich der Prokopusturm darinnen, und mein Weg führte mich auch schon bergan. Die Fichtenallee nahm mich auf, und stand regungslos, wie eine schwarze Doppelmauer. Ruprecht, der junge Sohn meines unlängst verstorbenen Kastellans, öffnete das Tor der Ringmauer, ohne daß ich ein Zeichen zu geben brauchte; es war, als hätte er schon meiner geharrt.

›Nichts Neues?‹ fragte ich ihn.

›Nichts‹, sagte er.

Ich ritt den weiteren Berg hinan. Kein einziger Gegenstand desselben rührte sich, als wäre alles in Finsternis eingemauert. Hinter den Trümmern des Julianhauses waren die Stallungen; ich warf meinem Knechte die Zügel des Rappens zu, empfahl ihm das treue Tier und ging durch die Eichen gegen das Parthenon, aber da ich an dem Flügel des alten Sixtusbaues vorbeikam, in dem mein Bruder wohnte, und da ich Licht sah, ging ich hinein, um ihn zu grüßen. Das Tor des Gebäudes stand offen, die Tür zu seinen Gemächern war nicht gesperrt, sein Diener schlief auf einem Stuhle im Vorsaale, aber Sixtus war nicht zu Hause. Ich ging wieder weiter – durch die schönen Gesträuche Chelions ging ich. – – An den weißen, langen Säulen meines Hauses leckten die immer häufiger[421] werdenden Blitze hinan – da wars, als gleite eine Gestalt schattenhaft längs dem Korridor: ›Sixtus‹, schrie ich, aber das Wesen sprang mit einem furchtbaren Satze herab und seitwärts ins Gebüsche. – Mir war, als klapperten mir die Zähne, und ich eilte weiter. Die Lawine hing nun – der feinste Hauch konnte sie stürzen machen – und er blieb auch nicht aus, dieser Hauch: von der allzeit fertigen Zunge eines Weibes kam er; Bertha war es, die Braut Ruprechts, die Dienerin meiner Gattin. Sie stand unbegreiflicher Weise in tiefer Nacht vor dem Tore des Parthenon, und da sie meiner ansichtig wurde, stieß sie im Todesschreck heraus, was sie wahrscheinlich um den Preis ihres Lebens gerne verschwiegen hätte: ›Graf Sixtus ist bei Eurem Weibe.‹

Ich ergriff das Gespenst bei dem Arme, um zu sehen, ob es Leben habe. ›Es ist nicht wahr, Satan,‹ schrie ich und schleuderte das unselige Geschöpf mit meiner Hand rücklings in das Gesträuch, daß sie kreischte; ich aber ging durch das bloß eingeklinkte Tor hinein und schloß es hinter mir ab. Das Tor aber sollte nach meinem Befehle jedesmal bei Einbruch der Nacht geschlossen sein – heute war es offen gestanden. Sachte, daß kein Fußtritt schalle, ging ich durch den Gang längs der Gemächer meiner Diener zu dem zweiten Tore des Gebäudes, um mich zu versichern, ob es gesperrt sei, – es war zu. Ich zog den innen steckenden Schlüssel ab und ging dann eben so leise auf mein Zimmer. Dort stand ich mitten auf der Diele des Bodens – und stand eine Weile. Dann tat ich leere Gänge im Zimmer und unnütze Dinge. – – Es lebte ein alter, weiser Mann, bei dem ich einmal gelernt hatte, als ich noch mein Heil im Wissen suchte; er war in der Scheidekunst weiter als alle seine Genossen. – Möge nie wieder erfunden werden, was er erfand und geheim hielt: ein klares, schönes, helles Wasser ist es. Er erhielt es aus dem Blute der Tiere – aber nur ein Zehnteil eines Tropfens[422] auf die Zunge eines lebenden Wesens gebracht, ja nur sanft damit die Lippen befeuchtet, macht, daß augenblicklicher, süßer, seliger Tod die Sinne umnebelt und das Wesen rettungslos verloren ist. Wir hatten es einmal an einem Kaninchen versucht – ich erinnerte mich, wie es damals, als sein Zünglein damit befeuchtet ward, das Haupt mit allen Zeichen des Wohlbehagens seitwärts lehnte und verschied. In einem silbernen Schreine hatte ich ein Teil. Ich nahm das Kristallfläschchen hervor – und hell und klar, wie von einem Bergquelle, und prächtig, wie hundert Diamanten, funkelte das Naß im Lichte meiner Lampe.

Um den innerlichen Frost zu vertreiben, ging ich einige Male in der Stube auf und ab.

Dann trat ich zu der stummen, mit Tuch überzogenen Tür meiner Seitenwand, öffnete sie und ging in den Gang, der zu Chelions Zimmern führte. Aus dem letzten Gemache, worin sie schlief, floß mir ein sanftes Lampenlicht entgegen – alle Türen standen offen, und durch die hohen Glaswände, die den Gang von dem indischen Garten trennten, schimmerten zeitweise die lautlosen Blitze des Himmels.

Schläft sie?

Ich ging weiter – durch alle Zimmer ging ich, bis in das letzte. Ich trat näher – ein schwaches Rauschen schreckte mich – es war aber nur einer ihrer Goldfasane, der sich entweder bei ihr verspätet hatte und entschlummerte, oder der bei der ein wenig offenen Gartentüre hereingekommen war. – Warum blieb sie offen? warum gerade heute? – Fast ein Mitleid wollte mich beschleichen: Also so unerfahren seid ihr beide im Verbrechen, daß euch nicht beikam, selbst die geringste Spur desselben zu vertilgen?! Der Fasan scheute mich und schlüpfte sachte bei der Spalte hinaus, – – Und da er fort war, wünschte ich ihn wieder zurück, das schöne, heimliche, goldglänzende[423] Tier; denn ich fürchtete mich allein im Zimmer, weil so viele Schatten waren. Ich drehte ein wenig den Schirm, daß das Licht gegen das Bett fiel – sie schlief wirklich; mit sanftem Schimmer lag das Lampenlicht auf ihrer Gestalt – wie ein furchtsam Kind in die Kissen gedrückt, schlief sie. Ihre Hand, wie ein Blatt der Lotosblume, lag auf der reinen Decke ihres Lagers. Der Mund war leicht geschlossen – ich sah lange die rosenfarbenen Lippen an und dachte sie mir bereits feucht – – – also darum hast du das unwissende Geschöpf nach Europa gebracht, darum mußtest du so nach Hause eilen, daß du selber – – – ich erschrak bei dem Gedanken, als hätte ihn ein Fremder gesagt; in der Tat sah ich auch um, aber es war nichts da als die gezogenen Schatten, und wie ich wieder gegen sie sah, so flirrte ihr weißes, scharf beleuchtetes Bettzeug worin sie lag – – – nein, dachte ich, du schönes, du armes, du teures, teures Weib! – Ich stand vor ihr, und ein Tröpflein Mitleid träufelte sich so milde in mein Herz und dann wieder eines, und auch der süße Zweifel, ob sie schuldig sei. Ihren Atem konnte ich nicht hören, aber ich sah ihn gehen – und lange sah ich hin, wie er ging. Da knisterte es wiederholt ganz leise hinter mir, wie wenn Brosamen fielen – ich blickte um – der Fasan war es, der durch die Stille im Zimmer getäuscht wieder herein gekommen war und nickenden Hauptes vorwärts schritt. Ich trat nun näher an das Bett und berührte sanft ihre Hand – sie regte sich, öffnete die Augenlider und sah mich mit den schönen, heimatlosen Augen an, aber es war kein Bewußtsein darinnen, und sie ließ die Wimpern gleich wieder schlaftrunken darüber sinken.

›Chelion‹, sagte ich sanft.

Der Ton ist dem Herzen näher als das Bild – sie fahr empor: ›Jodok, bist dus?‹

›Ich bins, Chelion‹, sagte ich; sie aber wandte sich ab und vergrub ihr Haupt in die Kissen.[424]

›Mein Weib, mein Kind‹, sagte ich noch einmal sanft; sie aber kehrte sich gegen mich, sah mich verzagt an und sagte: ›Jodok, du willst mich töten.‹

›Ich dich töten, Chelion?‹ ›Ja, du bist so furchtbar.‹ ›Nein, nein, ich will nicht furchtbar sein‹, rief ich – ›siehe, sage mir nur du, Chelion, daß du unschuldig bist – ich will dir glauben und wieder glücklich sein; denn du hast ja nie gelogen, – – du schweigst? – – Chelion, so sag es doch.‹

›Nein, Jodok, ich bin nicht unschuldig,‹ sagte sie furchtsam; ›wie du es meinst, bin ich nicht unschuldig – – aber ich liebe doch nur dich, nur dich allein – – – ach, ihr Götter in den Wolken meines Landes, ich liebe ja nur ihn allein!‹

Und sie brach in ein Schluchzen aus, als wollte sie ihre ganze Seele herausweinen. Dann aber, als sich dieses milderte, sagte sie: ›Siehe, er ist spät abends herein gekommen, ich weiß nicht wie – er war nie hier, aber ich hielt es nicht für Sünde, und da sagte er, er wolle Abschied nehmen, er werde mich nun nie mehr sehen, und dich auch nicht mehr – und er liebe uns beide doch so unaussprechlich – – und sein Angesicht war so unglücklich, daß es mich im Herzen dauerte und ich ihn recht heiß liebte; denn er ist ja dein armer, vertriebener Bruder. Ich streichelte ihm die Locken aus der Stirne – er weinte wie ein Kind, wollte aufstehen – denn er war bisher auf dem Teppiche gekniet – er wollte gehen – – er weinte nicht mehr, aber seine Lippen zitterten noch vor Schmerz – er kam mir vor Augen, als wäre er noch ein Knabe, der keine Mutter habe – ich hielt noch einmal meine Hand auf seine Locken, wie er sich gegen mich neigte und seinen Mund reichte, küßte ich ihn – er hielt meine Hand und wir küßten uns wieder. – – Ach, Jodok, dann küßte ich ihn – nicht mehr wie deinen Bruder – es wehte so[425] heiß im Zimmer, das Fühlen seines Mundes war süß, das Drücken seines Armes süß wie deines – – mir war, als seiest du's – – ach, deine arme, arme Chelion! – Und dann war er fort. Die Lampe brannte im Zimmer, draußen blitzte es, und mein Fasan saß auf dem Teppiche und blickte mich mit den schwarzen Äuglein an – – und wie ich schlief, träumte ich, du ständest vor mir, und es sei schwere Sünde, was ich getan – – und es ist auch Sünde; denn siehe, dein Auge, dein gutes Auge ist so krank, es ist so krank. – Du wirst mich töten, Jodok; ich bitte dich aber, töte mich sanft, daß ich nicht leide und dir etwa zürne.‹

Da fiel mir ein, es ist ja süßer, seliger Tod, und ein furchtbarer Schauer lief durch meine Nerven, aber ich sagte gebrochenen Herzens zu ihr: ›Chelion, stehe auf und folge mir nur hinweg aus diesem schwülen Zimmer – ich tue dir kein Leid.‹

›Nein, du mußt mir eins tun‹, antwortete sie, ›ich werde nicht aus diesem Bette gehen, sondern auf den weißen Kissen liegen bleiben, bis das rote Blut darüber wegfließt und sie purpurrot färbt; dann werden sie rot sein, und ich weiß – aber ich werde dann ruhig sein, nicht gequält, nicht fehlend, sondern ich werde sein wie einer der weißen, marmornen Engel in deiner Kirche.‹

Dabei suchte ihr Auge furchtsam im Zimmer, wie nach einem Schwerte; das Fläschchen, das ich auf den Tisch gestellt, beachtete sie nicht.

›Nicht wahr, Jodok‹, fuhr sie fort, ›du lässest mich noch ein wenig diese Luft atmen – das Atmen ist so gut; mir deucht es ängstlich, nicht mehr zu atmen.‹

›Atme, atme‹, rief ich, ›atme bis an das Ende aller Tage.‹

Und in Hast griff ich das Fläschchen von dem Tische und eilte zur Tür hinaus in die Glashäuser ihres indischen Gartens. Sie waren größtenteils offen, und eine[426] heißere Luft, als sonst immer in ihnen war, strömte heute von außen herein. Die Pflanzen ihres Vaterlandes standen in schwarzen Klumpen und sahen mich vorwurfsvoll an. Ich gewann das Freie. Im Sixtushause standen alle Fenster schwarz und stumm, auf dem Berge war Todesschweigen, nur unten schien es, als würden Tore zugeschlagen, und als tönte es von davonjagenden Hufen – – ich betete inbrünstig, daß er möchte geflohen sein; denn mein Herz knirschte gegen ihn. Ich stieg aus dem Tale des Parthenon empor, und ein zerrissener Himmel starrte um mich. Es waren schwarze Fahnen droben, aus denen feurige Zungen griffen. Ich eilte gegen den Turm des Prokopus. Dort stand ich einen Augenblick, daß die heiße Sommerluft in meinem Mantel stockte, den ich abzulegen vergessen. Dann aber stieg ich noch höher und hastig fort, bis die äußerste Zinne erreicht war. Dort hob ich meinen Arm, als müßte ich Lasten brechen, und schleuderte das Fläschchen in den Abgrund – – es ist dort unsäglich tief, wo die Bergzunge gegen die Fichtau auslauft – und wie ich nachhorchte, kam ein zarter Klang herauf, da es an den hervorragenden Steinen zerbrach – – und nun erst war mir leichter. Ich blieb noch auf dem Gipfel stehen und atmete aus dem Meere von Luft, das um mich stand und finster war. In diesem Augenblicke schien es auch, als höbe sich ein Lüftchen und rausche freundlich in den Sträuchen. Und es war auch so. Der harte Himmel lösete sich und floß in weiche Schleier ineinander, und einzelne Tropfen schlugen gegen die Baumblätter.

Ich lief nun wieder hinab, ging in ihr Zimmer, trat zu dem Bette – sie lag noch immer darinnen und richtete die trockenen, brennenden Augen harrend gegen mich ich aber nahm sie in die Arme, küßte sie auf den heißen Mund und sagte: ›Schlafe nun ruhig und schlafe süß; ich krümme dir kein Haar; ich werde dich auch lieben[427] fort und fort, wie mein Weib, wie mein eignes einzig Kind – ich will dich noch zarter pflegen als sonst, daß du diese Nacht vergessen mögest. Gute Nacht, liebe Chelion, gute Nacht.‹

Sie hatte dies alles geduldet, aber nicht erwidert. Ich mochte sie nicht weiter quälen, sondern ging zum Zimmer hinaus, und hörte noch, wie mir ein leises, auflösendes Schluchzen nachfloß.

Des andern Tages kam ein kühler, heiterer Morgen. Ich erfuhr, daß Graf Sixtus in der Nacht abgereiset war. – Ruprecht, sein junger Freund, sein Jagd- und Abenteuergenosse, hatte ihn befördert; ich wußte es wohl, denn sie hatten sich immer sehr geliebt – aber ich sagte nichts, obleich mich Ruprecht mit der Angst des bösen Gewissens anblickte – mir war es wohl, daß er fort war, mir war es sehr wohl, daß er geflohen.

Als ich zu Chelion kam, kauerte sie eben auf dem Boden und drückte eine Taube an ihr Herz. Ich tat mir noch einmal den Schwur, ihr die Qual dieser Nacht durch lebenslange Liebe vergessen zu machen, wenn ja das Schrecknis auszutilgen ist aus dem weißen, unbeschmutzten Blatte ihres Herzens. –

Aber es war nicht mehr auszutilgen.

Sie hatte mich einmal mit dem Mörderauge an dem Bette stehen gesehen, und dies war nicht mehr aus ihrer Seele zu nehmen. Einst war ich ihr die sichtbare Gottheit auf Erden gewesen, nun zitterte sie vor mir. – Wie kann es auch anders sein? Wer einmal den Arm erhob zum Totschlage eines seiner Mitgeschöpfe, wenn er ihn auch wieder zurückzog, dem kann man nicht mehr trauen; er steht jenseits des Gesetzes, dem wir Unverletzlichkeit zutrauen, und er kann das frevle Spiel jeden Augenblick wiederholen.

Ich habe jahrelang das Übermenschliche versucht, daß alles wieder sei wie früher, allein es war vergebens: das[428] Einfältige ist am leichtesten zerstört, und bleibt aber am festesten zerstört. Sie war hinfüro bloß die Demut mehr, die Ergebung und Aufopferung bis zum Herzblute, aber nur das eine nicht mehr, was statt allem gewesen wäre, nicht die Zuversicht. Sie klagte nie; aber sie hing in meinen Armen wie die Taube in denen des Geiers, gefaßt auf alles – – die kalte Sonne des Nordens schien auf sie wie mein Auge, beides kein Leben mehr spendend. Nie mehr seit jener Nacht ist die Röte der Gesundheit wieder in ihr Angesicht gekommen – und so starb sie auch an einem Nachmittage; die brechenden Augen noch auf mich gerichtet, wie das arme Tier den Mörder anschaut, der ihm die Kugel in das furchtsame Herz gejagt hatte.

Ich wurde vor Schmerz wahnsinnig, wie sie als kalte Leiche lag, und wie sie begraben war. Ich wußte nicht, sollte ich Bertha morden, die Beschützerin, oder Ruprecht, ihren Mann, oder soll ich Sixtus suchen und ihm Faser für Faser aus dem Leibe reißen – – aber ich tat endlich alles nicht, weil ich die Macht gewann, nicht den Frevel durch einen neuen sühnen zu wollen. Er, da er ihren Tod vernommen, hatte sich mit einer Kugel das Gehirn zerschmettert – in das Haus der andern kam Wut und Unfriede; Ruprecht warf seinem Weibe den Tod des Sixtus vor; sie war düster gegen ihren Mann, und starb auch bald an innerem Siechtum. Ich aber schloß das Parthenon mit Schlössern zu, bis auf ein Gemach, in dem ich wohnte – die Diener dankte ich ab – die Pflanzen ließ ich verkommen – die Tiere nährte ich, bis sie eines nach dem andern starben, und dann begrub ich sie jedes einzeln. – Was von Chelion übrig war, jedes Stückchen Kleid, ihr Spielzeug, den Fußboden und den Teppich, auf dem sie wandelte, das Tischchen, an dem sie saß, das Bett, in welchem sie in jener Nacht gelegen – – alles hütete ich, daß es blieb, wie es an dem Tage ihres Todes[429] war. Auf Erden hatte ich keinen Menschen mehr; – mein Sohn Christoph, das Ebenbild Chelions – hatte er nun erkannt oder geahnt, was ich seiner Mutter getan – war fort und nicht wieder gekommen – – und als ich alt geworden war, erbarmte es mich der Überreste in dem Parthenon; ich nahm viel Geld, das ich zusammengespart, hinterlegte es als Ersatz für meine Erben, und zündete das Parthenon an, daß alles und alles durch das Feuer verzehret würde, was übrig wäre von ihr und mir. – Es war eine schöne, schmerzensvolle Lohe! – Ich hatte nie den Berg verlassen, habe keine Taten mehr verrichtet keine guten und keine bösen. Jetzt wohne ich in dem steinernen Häuschen, das ich am Fuße des Berges erbaut, nicht weil ich ein Einsiedler bin und in Schmerzen lebe nein, weil es lieblich ist, daß ein Mensch nicht mehr brauche, als was einem not tut. – In den Büschen neben mir sind die Vögel, die es auch so halten, und weiterhin die Strohdächer, die es so halten müssen, es aber töricht für ein Unglück wähnen – der Berg steht hinter mir mit seinen Denkmalen und widersinnigen Vorkehrungen, daß die Besitzer sich zerstören müssen – – in meinem Testamente, Artikel 13, steht geschrieben: ›Ein blauseiden Vorhang über Chelions Bild, der sich selber rolle; dann ein weiß einfach Würfel aus Marmel über unser gemeinschaftlich Grab im indischen Garten, mit nichts als den zwei Namen‹ – – befolget mir nur genau den Artikel, damit es ja so geschieht. Ich habe jetzt schon einen Stoß Papiere wie ein Tisch hoch gesammelt, und werde die Geschichte beginnen von den Verkehrtheiten des menschlichen Geschlechtes, und die von den Großtaten desselben – es ist aber seltsam: oft weiß ich nicht, ob eins in diese Geschichte gehöre, oder in jene – – ich muß wohl noch älter werden – – ach, ich sehne mich nach meinem Sohne ...«

Bei diesen Worten brach das Manuskript ab, und keine[430] Zeile stand weiter auf dem Pergamente. Nur unten am Rande des letzten Blattes stand von fremder Hand: ›? [gestorben] einundzwanzig Tage nach dem Worte: Sohne.‹

Ach – und so muß ja jede dieser Rollen enden, die in den eisernen Kästen noch liegen mögen. Wenn der Mann dachte: morgen oder übermorgen schreibe ich wieder, -so war er morgen oder übermorgen krank, und die andern Tage darauf tot!

Heinrich stand auf und wischte sich mit der Hand über Stirne. Eine Schrift hatte er nun gelesen. Er sah deutlich nun auch schon das Kreuz von fremder Hand auf seinem letzten Blatte stehen und dabei: ›gestorben nach dem Worte....‹ – welches Wort mag es wohl sein? etwa Gattin? oder ein anderes, oder eins im Wörterbuche, auf das man jetzt gar nicht denkt?! Er legte das Pergamentheft wieder in seinen Kasten und schloß ihn zu. Dann ließ er alle Fensterlehnen niederfallen, daß wieder nichts als das geheimnisvolle Spiegellicht auf dem Estrich wankte, – dann ging er ins Freie, beide Tore hinter sich auf die Art und Weise schließend, wie es vorgeschrieben ist.

›Das ist keine gute Einrichtung unserer Vorfahren‹, dachte er, als er den von so vielen Lesern und Schreibern betretenen Pfad durch den alten Garten zurückging und im Schutte die Fußstapfen drückte, die so viele vor ihm drückt. Er konnte dem Rate des Jodok nicht folgen und das Gelesene in die Winde streuen, sondern mit beschwertem Herzen überall die Gestalt des Jodokus sehend, er vor kurzem hier gewandelt, dachte er: ›Wie viele Gestalten mögen sich noch hinzugesellen, bis der Garten voll Gespenster ist? – Und wenn alle ähnlich diesem Jodok sind, wie wenig verdient ihr Haus den Namen, den ihm die Leute draußen geben – ihre Narrheit ist ihr Unglück, und ihr Herz. – – Wie fürchte ich schon die[431] Geschichte jenes Prokopus mit dem düsteren, funkelnd dürstenden Auge, das vielleicht zuletzt aus Verzweiflung nach den Sternen geschaut – – oder was wird in der von Julianus stehen – oder von dem ersten Sixtus – oder von dem verwahrlosten Christoph mit Narcissa und Pia? – – Was wird von mir selber noch stehen müssen?‹

Unter diesen und ähnlichen Gedanken gelangte er durch den dunklen Eichenhag gegen die freieren Teile des Berges, und hier war alles heiterer. Der verständige Baumeister trat ihm mit einer Zeichnung entgegen und bemerkte, welche Veränderungen er für gut hielte, nachdem er die Plätze noch einmal untersucht und vermessen habe. Die Werkleute blieben ehrbar stehen und lüfteten die Mützen, als die Männer vorbeikamen. Die Grundfesten der alten Glashäuser des Jodokus waren bei Wegräumungen wieder entdeckt worden, und man hatte darauf weiter gebaut. Da sie zur Besichtigung an den Platz gelangten, standen schon die luftigen Gerüste da, nur das Glas mangelte und der Maueranwurf. Oben blickte der grüne Fichtenwipfel und die lustigen Bänder. Nicht weit davon, im Parthenon, gingen die Schubkarren, um den Schutt und die Ziegel wegzuführen, und die gereinigten Säulen blickten wieder weiß und ruhig gegen die grüne Wiege ihres Tales. Im Christophhause hing der Schieferdecker auf dem Dache und pfiff ein Liedlein, indes er Lücke nach Lücke verstopfte und verstrich. Die Leitern an der Vordermauer ließ man eben niedersinken, da die Mauer bereits nachgebessert und herausgeputzt war. Die Fenster standen nun spiegelnd daran; alle grünen Seidenvorhänge waren aufgezogen, und wo die Flügel offen standen, wehte die Sommerluft freundlich und allgegenwärtig aus und ein. Der Werkmeister des Innern kam, als Heinrich und der Baumeister eintraten, ihnen aus dem hintersten Zimmer entgegen und zeigte, was er in der letzten Zeit gefördert. In manchen Zimmern wurde noch[432] gehämmert und genagelt, und die Gesellen mußten inne halten, während er mit den Herren sprach; andere waren schon ganz fertig; der Werkmeister schloß sie auf, indem er sich vorher sorgfältig die Schuhe abwischte, führte sie hinein und zeigte, wie alles spiegele und schimmere und nichts mehr fehle als die kostbaren Kleiderstoffe, die auf den Tischen herum liegen, und die Diamanten, die in ihren geöffneten Fächern wie Lichttropfen blicken sollen. Heinrich ging wieder heraus und besuchte noch den großen Saal, der verziert wurde. Den Berghang hinab gegen das große Tor zu scharrte die Schaufel, daß die Wege ausgebessert wurden, und klang die Axt, daß die dürren Stämme und Äste niederfielen. Alles sollte vorerst schön sein und sich sittig erweisen, wenn etwa in Bälde Augen kämen, es zu sehen; das Nützliche und Nachhaltende war schon vielfach besprochen und entworfen, mußte aber seiner Zeit harren, daß es sich allmählich und dauernd entwickle.

Indessen wurde auch in einem andern, viel kleineren Hause unten an der Pernitz gearbeitet, daß ganze Schneeberge von Linnen da lagen und sich überall Kleider und Stoffe bauschten – das andere, der Schmuck, der da glänzen und funkeln sollte, lag schon als Kränzlein von leuchtenden Steinen oben in einem reinen, dämmernden Stübchen, dessen Fenster marmorrote Simse hatten und von schneeweißen Vorhängen verhüllt waren.

Im Lande aber draußen dauerte noch das Geschrei fort über Heinrich und sein Glück. Man neidete es ihm, und gönnte es ihm. Man sagte, er eile jetzt und könne keine Zeit abwarten, sondern überwühle bereits den ganzen Berg, um seine Macht nur recht zu genießen. Man wählte ihm Heiraten aus den Familien des Landes, zankte darüber und stellte Vermutungen an, welche ihn nehmen, und welche ihn ausschlagen würde. Ja es wurde sogar gemunkelt, er werde, ganz nach Art seiner Väter, niemand[433] mehr, und niemand minder, als eben nur eine Wirtstochter heiraten.

Aber die Zeit ging fort und fort und klärte nichts auf. Heinrich, gerade der Meinung entgegen, die man von ihm hatte, war schamhaft in allem seinem Tun, und übereilte nichts, bis es war, wie er es wollte, und wie es seinem Herzen wohl tat – dann aber kam auch der Augenblick, der es allen offen darlegen sollte, wie es sei. In der Kirche zu Priglitz war es Sonntags verkündet worden, nach der Art, wie es alle Pfarrkinder halten, Hohe und Geringe: »Der ehr- und tugendsame Junggeselle: Heinrich, unser erlauchter Herr und Graf zu Rothenstein, und die ehr- und tugendsame Jungfrau Anna, eheleibliche Tochter Erasmus' und Margarethas, Besitzerin der Wirtschaft Nr. 21, zur grünen Fichtau....« Erasmus hatte an allen Gliedern gezittert und im Angesichte geglänzt, – und draußen vor der Kirche prahlte er unverhohlen von seinem Kinde und dessen Glücke, als sich die Männer um ihn scharten und ihn mit Fragen bestürmten. Er erlebte die Freude, die er einst im Übermute vorausgesagt, daß die ganze Fichtau die Hände zusammenschlug über dieses Ereignis. Er allein von den Seinen war in die Kirche hinausgefahren, um es recht in seine Ohren hinein zu genießen, wenn es gelesen würde. Den Boten-Simon, der mit verwirrten Sinnen da stand, lud er zu sich auf den Wagen und sagte beim Einsteigen: »Gelt? Gelt?«

»Aber wir müssen es in Demut aufnehmen, Vater Erasmus, und ohne Hoffart genießen!« sagte der andere.

»Ich nehme es ja in Demut auf«, entgegnete Erasmus, »aber daß ich voll Freude bin, ist ja meine väterliche Schuldigkeit, damit es Gott nicht verdrießt, der es so gemacht hat.«

Von dem Tage der Verkündigung an bis zu dem der Hochzeit war ein groß Gerede, wie sie sich nun überheben werde, wie sie hochmütig fahren, und wie sie übermütig[434] tun werde. Anna aber war nicht so: sie konnte vor Scham kein Auge aufschlagen. Die ganze Gasse der grünen Fichtau stand gedrängt voll Menschen, da die Stunde gekommen, wo er sie zum Wagen führte, um in die Kirche zu fahren. Ihre Wangen, da sie an den Leuten vorbeiging, waren so purpurrot, daß man meinte, sie müßten sie brennen; die Augenlider schatteten darüber, und sie getraute sich keines zu rühren, weil sonst Tränen fielen. Alle ihre Mitschwestern aus der ganzen Fichtau waren gekommen, um zu sehen, wie sie gekleidet und geschmückt sei. Aber nur ein einfach weißes Seidenkleid floß um ihre Gestalt, und in den Haaren war ein sehr kleines, grünes Kränzlein und eine weiße Rose aus ihrem Garten. Sie hatte die Steine doch wieder in der Kammer gelassen, weil es ihr als Sünde vorkam, sie an dem heutigen Tage zu tragen. So ging sie vorüber, und als er mit ihr bis zu dem Wagen gekommen war, sah man, daß von der Hand, bei der er sie führte, kaum zwei Finger die seine berührten, und daß diese Finger zitterten. Auch der Schleier, der zunächst ihrer linken Wange und dem Nacken hinabging, bebte an ihren schlagenden Pulsen, und man sah es, da sie vor dem Wagen ein wenig anhielt, um

hineinzusteigen.

»Das ist eine demütige Braut«, sagte ein Weib aus dem Volke.

»Das ist die schönste, demütigste Braut, die ich je gesehen«, sagte eine andere.

Und aus dem Flüstern und aus dem Gemurmel der Zuschauer gingen die deutlichsten Zeichen des Beifalles hervor. Anna wurde dadurch nur noch verwirrter, wie er sie einhob und sie sich zurechtsetzte. Er stieg nun auch in denselben Wagen, in dem bereits eine schöne alte Frau saß, die niemand kannte. Es war Heinrichs Mutter. Dann besetzten sich auch die andern Wagen mit Erasmus, dem Schmiede, mehreren Fichtauern und Fremden. Annas[435] Mutter mußte eingehoben werden, weil sie mit ihrem Fuße vor Verwirrung den Wagentritt nicht finden konnte.

Endlich fahr die ganze Wagenreihe gegen Priglitz ab, wobei sich viele mit ihren Gebirgswägelchen anschlossen. Erst, da alle der Steinwand des Julius entlang flogen, löste sich die Volks- und Gebirgslust, die vorher gefesselt war, los, und manche Rufe und das klingendste Jauchzen des Gebirges flogen ihnen nach – es flog doppelt freudig, weil einer ihrer Herren eine aus ihrer Mitte gewählet. Auch aus mancher Waldhöhe längs dem Wege krachte ein Böller empor, der aus einem Holzstocke gebohrt war, oder es löste sich das Scheibengewehr oder die Jagdbüchse manches lustigen Fichtauers.

Auch Anna schien von Ehrfurcht überkommen zu sein; denn dieselben Augen, die ihn sonst, wie er noch mit Pflanzen und Steinen nach Hause gekommen, so freundlich angeblickt hatten, schlugen sich auch während des Fahrens nicht ein einziges Mal zu ihm auf – sondern sie weinten nun fast unablässig fort.

Er redete ihr nicht zu, sondern er dachte an Chelion, wie sie kaum so rein, so schön, so schuldlos gewesen sei als wie die an seiner Seite, und er bezähmte sein Herz, daß es nur nicht breche vor Freude und vor Glück.

Als die Trauung vorüber war und die Wagen wieder zurückkehrten, zeigte sich ein Bild, das fast rührend erschien. Auf der Gasse der grünen Fichtau, wo hundert Wagen Platz gehabt hätten, standen nun hundert Tische. Der neue Graf hatte keine große Familie und keine hohen Verbindungen. Seine Gäste waren daher alle Fichtauer. Sie waren seine Untertanen, also seine Verwandten. Dieselben Holzschläger, mit denen er sich sonst an Samstags Abenden unterredet hatte, dieselben Jäger, die gerne eingesprochen, und alle andern saßen herum und tranken heute den besten Wein aus Erasmus' Keller und den noch bessern aus den Fässern des uralten Ruprecht. Daneben[436] saß der verständige, heitere Schlag der Gebirgshauern, und Heinrich mit Anna mitten unter ihnen. Den Ehrenplatz nahm Erasmus ein, und neben ihm Annas und Heinrichs Mutter; man sah seinen Stuhl aber häufig leer; denn nach alter Gewohnheit ging er unter den Gästen herum, als müßte er sie auch heute bedienen, und fragte und redete, und ordnete an. Sein großer Hund folgte ihm hiebei, und manchmal legte er sein Haupt vertraulich auf Heinrichs Knie und schaute mit dummen Augen zu seiner Herrin, Anna, hinauf. Neben den Brautleuten saßen Robert und Thrine und Heinrichs Schwester. Der Boten-Simon konnte nicht da sein, weil es sein Amt nicht zuließ, aber geladen war er, und er erhielt als Entschädigung einen Zinsnachlaß seines Grundstückes im Asang. Aber der Hirt Gregor war da, und sein Sohn und sein Hund durften heute die Herde noch lange vor Sonnenuntergang nach Hause geleiten, damit sie den Abend mit genießen könnten. Alle Nachbarsleute des Erasmus saßen zunächst an ihm, und jeder Wanderer, der des Weges kam, war freundlich geladen. An den Grenzen der Gesellschaft, und hie und da selbst zwischen den Tischen balgte sich die Knabenschaft der Fichtau, und hinter dem Garten gegen den Grahns zu krachten schon die Vorübungsschüsse zu dem großen Scheibenschießen, das auf morgen und die folgenden Tage angeordnet war. Und so entstand vor der grünen Fichtau ein Gebirgsfest, dessen man denken wird, so lange ein Berg steht.

Heinrich redete mit so vielen, als er nur konnte; er ließ sich von den Holzknechten noch einmal von ihren Arbeiten und Abenteuern erzählen. Er hörte den kühnen Fahrten der Jäger zu und fragte manchen Bauer um die Lage seines Gutes, dessen Bewirtschaftung und Erträgnis. Und ehe noch von den Bergen das kleinste Stückchen Schatten auf die Gesellschaft hereinfiel, hatte er schon alle Gemüter gewonnen, und jeder, etwa die ganz Rohen und Mißgünstigen[437] ausgenommen, gönnte Anna von Herzen ihr Glück.

Ein Abend, wie wir ihn am Eingange dieser Geschichte erzählt haben, kam auch heute prachtvoll und herrlich: die Sonne war über die Waldwand hinunter und warf kühle Schatten auf die Pernitz – im Rücken der Häuser glühten die Felsen, und wie flüssiges Gold schwamm die Luft über all den grünen Waldhäuptern weg.

Und immer feierlicher floß die Abenddämmerung, immer abendlicher rauschten die Wasser der Pernitz, und immer reizender klangen die Zithern.

Nur daß heute auch noch die Bursche mit den kühnen Gebirgsaugen die sanftblickenden, aber gleichwohl feueraugigen Mädchen an manchen Stellen zu den Zithern im Tanze herumdrehten, und daß der Mond schon viel länger als damals auf die Häuser hereinschien, ehe es auf der Gasse der grünen Fichtau verstummte.

Da aber endlich fast gegen Morgen die letzte Gruppe Abschied genommen hatte, und es stille war, folgte keine Szene im Garten, wie damals, sondern Heinrich schlief schon lange auf seiner einstigen Stube neben Robert, seinem Gaste, und Anna war mit Thrinen in ihrem einstigen Stübchen; aber sie schliefen nicht, sondern sie konnten sich nicht sättigen von Plaudern und Erzählen.

Des andern Tages, da das Scheibenschießen begann, führte Heinrich sein junges Weib in Begleitung der vornehmsten Gäste mit Prunk auf seinen Berg, und geleitete sie dort in die für sie eingerichteten fürstlichen Gemächer des Christophhauses, so wie Jodok einst die unschuldige Chelion in das Parthenon geführt hat. Erasmus war stolz darauf, daß desselben Tages noch vor Anbruch des Morgens fünf beladene Wagen mit Annas Gütern und betrunkenen Fuhrleuten auf den Rothenstein vorausgefahren waren. Er konnte sagen, daß sein Kind die reichste Braut der Fichtau sei; denn selbst der Hasenmüller im[438] Asang vermag seiner einzigen Tochter nicht fünf schwere Wagen zu beladen.

Wir enthalten uns, die Empfangsfeierlichkeiten auf dem Rothensteine zu beschreiben, sondern beschließen unsere Erzählung mit diesem heitern Ausgange der trüben Geschichten des Rothensteins, und wünschen dem Paare, daß es so glücklich fortlebe, wie ihre Ehe glücklich begonnen.

Ein Anfang dazu ist schon gemacht; denn die einigen Jahre, die seit dem, was wir eben erzählten, bis auf heute verflossen, sind ganz glücklich gewesen. Eine Reihe Glashäuser mit den Pflanzen aller Länder steht neben dem Parthenon, dann sind Säle mit den Herden ausgestopfter Tiere, und dann die mit allen Erzen und Steinen der Welt. Diese Leidenschaft ihres Herrn, meinen die Fichtauer, sei doch auch eine Narrheit, wie sie alle seine Ahnen hatten, aber daß er sonst auch rastlos schaffe und wirke, geben sie zu. In der hohen Frau, die mit zwei blühenden Knaben wandelt, würde niemand mehr die einstige Anna aus der grünen Fichtau erkennen; denn sie wird in Heinrichs Schule fast ein halbes Wunderwerk aber ein anderes vollendetes Wunder steht neben ihr, ein Mädchen, namenlos schön wie ein Engel, und rein und sanft blickend wie ein Engel; es ist Pia, die Tochter Narcissas und des unglücklichen Grafen Christophs, der eher gestorben, ehe er seine Sünde gut machen konnte. Heinrich hatte sie an Kindes Statt angenommen, nachdem er sie und den alten Ruprecht, die sich bei seiner Ankunft in dem Kastellanhäuschen verkrochen hatten, an sich gelockt und an sein Wesen und Tun gewöhnt hatte. Durch ein seltsames Naturspiel ist sie ihrer Großmutter Chelion ähnlich geworden, und zugleich ihrem Großvater Jodok, so daß man sie den Bildern nach für ein Kind dieser beiden halten mußte; aber sie ist minder dunkel als Chelion, und noch um vieles schöner als das Bild derselben,[439] was aber vielleicht nur der Jugend zuzuschreiben ist. Das Bild des zweiten Sixtus steht nun im grünen Saale auch offen, daneben Heinrichs und Annas, und jeder, der den Rothenstein besucht, kann sich von der vollendeten Ähnlichkeit Heinrichs und Sixtus' überzeugen.

Der alte Ruprecht lebt noch. Er sitzt ewig hinten an der Sandlehne in der Sonne, dreht lächelnd seinen Stab in den Fingern und erzählt Geschichten, die niemand versteht; er erzählt sie auch niemanden, und meint, er sei noch immer Kastellan, obgleich schon ein anderer ein neues Häuschen neben dem Tore der Ringmauer hat.

Viel Besuch kommt auf den Berg, und viele Augen fallen schon auf Pia; aber sie scheut noch jeden Mann so, wie sie einst die zwei Freunde scheute, als sie dieselben zum ersten Male in den Juliantrümmern gesehen, wo sie auf dem Geländer des Balkons geritten war. Der häufigste und liebste Besuch aber ist der von Robert und Thrine. Heinrichs Mutter und Schwester leben auf dem Schlosse.

Draußen in der Fichtau ist es, wie es immer gewesen, und wie es noch Hunderte von Jahren sein wird.

Während der Schmied sagt: ›Mein Schwiegersohn, der Herr Stadtschreiber‹, sagt Erasmus nie anders als: ›Mein Herr Schwiegersohn, unser gnädigster Herr Graf.‹

Boten-Simon und der Schecke fahren Land aus, Land ein, und beide gewannen bei den letzten Ereignissen, da der Asang sogleich bei der Übernahme eingelöset und Simons Grundzins alldort erniedrigt worden ist.

Und so, du glückliches Paar, lebe wohl! Gott der Herr segne dich und führe noch unzählige glückliche Tage über deinen Berg und die Herzen der Deinen empor.

Wenn von den andern Schriften des roten Felsensaales von Julian, Christoph, Prokop etwas bekannt wird, so wird es dereinst vorgelegt werden.[440]

Quelle:
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 1, Wiesbaden 1959, S. 412-441.
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