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[319] Der Schein ging über Feld und Wald.


Als der Herzog Wladislaw auf seinen Zug nach Prag ging, war derselbe in der folgenden Weise eingerichtet. Zuerst waren Reiter, welche den Weg erforschen, berichten, und Hindernisse, wenn es geschehen konnte, zerstreuen sollten. Dann kamen Fußgänger mit jenen Reitern und Wägen, die zu ihnen gehörten. Diese Vorhut führte Diepold der Bruder des Herzogs. Dann kamen die Verwundeten Welislaw, Casta, Hermann von Attes, Beneda, und andere. Sie waren in Tragbahren, deren Bänder über die Buge von je zwei Pferden gingen. Sie wurden von Reitern behütet, die Milota führte. Dann kamen wieder Reiter und Fußgänger. Diese führte Heinrich der zweite Bruder des Herzogs. Nach ihnen waren Wägen, welche Kriegsdinge und Kranke und Verwundete trugen. Die Männer der Wägen befehligte Jurik der Sohn Juriks. Hierauf kamen die entseelten Körper derjenigen, die auf dem Berge Wysoka ihr Leben ausgehaucht hatten, und denen man die Sorge weihen wollte, daß sie nach Prag gebracht würden. Darunter waren die Körper Smils und seiner beiden Söhne, Bens, Dalimils, Pustimirs und anderer hervorragender Männer. Die Ärzte hatten sie in der Nacht, soweit es erreicht werden konnte, mit Spezereien gegen das Verderben eingerieben. Diese Körper waren in Tücher gehüllt, und wurden entweder von Säumern getragen, oder auf Wägen geführt. Das Geleite dieser Mitfolge befehligte Zwest. Nun erschien zum[319] Schlusse die größte Schar der Krieger Wladislaws, Reiter und Fußgänger. An diese Stelle waren die erfahrensten Kriegsherren und jene Abteilungen der Männer gewiesen worden, die den geschlossensten Stand zu halten vermochten, damit sie, wenn die Feinde nacheilen und angreifen sollten, schnell in Schlachtordnung wären, und so lange ausdauern könnten, bis auch die andern in Kampfesbereitschaft wären. Diese Nachhut führte der Herzog Wladislaw selbst. Um ihn waren die vorzüglichsten Männer, die Bischöfe und die Führer. Der alte Bolemil war in seiner Tragbahre mit seinen noch übrigen Reitern da. Der alte Lubomir ritt mit seinen Söhnen, die ihm geblieben waren, neben dem Herzoge. Diwiš und sein Sohn Zdeslaw waren da. Odolen folgte mit seinen Freunden. Preda und Gervasius ritten mit. Die Waldleute hatten den Vorzug erhalten, der Abteilung des Herzogs einverleibt zu werden, und zogen nun in ihr dahin. Unter ihnen war Witiko, Rowno, Diet von Wettern, Osel und die anderen, die von dem Mittage des Landes stammten. Zwei der Männer trugen in Tüchern, die man an zwei Stangen gebunden hatte, den verwundeten Tom Johannes den Fiedler. Sie hatten ihn sorgsam zugedeckt, und hatten ihm einen Pack Frühlingskräuter auf die Wunde gebunden. Zwei andere Männer trugen David den Zimmerer, und wieder zwei Veit Gregor. Christ Severin der Wollenweber und Mathias und Urban, der Neffe des Schmiedes, gingen in dem Zuge, weil sie geringere Wunden hatten. Die Waldleute hielten sich geschlossen, und suchten das Benehmen der andern Krieger nachzuahmen. Am Ende des Zuges waren wieder Reiter, wie sie am Anfange waren. Zu beiden Seiten des Weges waren Reiterfähnlein ausgesendet worden, das Land zu durchsuchen, und zu melden, was sie gesehen hätten.

Die Häuser von Suchdol waren nach und nach rückwärts des Zuges gekommen, die Mauern von Radbař, die zuerst[320] gegen Mitternacht gestanden waren, konnten nun gegen Mittag erblickt werden, und man näherte sich den Wiesen von Wolešec.

Von den streifenden Reitern kamen Abgesendete herzu, die sagten, daß kein Mensch in der Gegend sei, daß sich die Felder in Unordnung befinden, und kein Vieh zu sehen ist, und daß sich keiner der Feinde zeige.

Die Sonne ging nun über die Länder Mähren und Böhmen herauf, und beleuchtete den Zug. Man konnte an dem Rauche, der gegen Morgen war, sehen, daß die Feinde etwa an der Stelle seien, von der aus sie die Schlacht begonnen hatten, ja aus entfernterem Rauche, daß einige vielleicht schon gegen Mähren zurück gehen.

Die Scharen kamen in den Ort Wolešec, und gingen durch ihn, der leer war, hindurch. Als die letzten die Häuser hinter sich hatten, wurden die Zeichen zur ersten Rast gegeben. Die Zeichen wiederholten sich in den Abteilungen, und man richtete sich zur Ruhe. Einige Zelte wurden aufgeschlagen, zumeist aber ließen sich die Männer nur in die Breite auseinander, um sich nieder zu setzen. Die Waldleute kamen an eine Mauer aus losen Steinen, die neben dem Felde lief. Einige setzten sich auf die Steine der Mauer, andere an die Mauer in das kurze Frühlingsgras der Wiese, die neben dem Felde war. Wie ihnen der Herzog Lebensmittel versprochen hatte, ging es jetzt in Erfüllung. Es kamen Träger und Karren zu ihnen, und brachten Säcke mit geräuchertem Schweinefleisch, mit Brod aus Gerste und Roggen, mit Käseziegeln und Klößen. Auch Fässer mit Getränken wurden herbei geführt, von denen die meisten mit klarem Wasser gefüllt waren, das man aus kühlen Quellen geschöpft hatte. Andere enthielten Bier und Met. Die Waldmänner erquickten sich zuerst an den Getränken, am Wasser, am Biere, am Mete. Dann nahmen sie von den Speisevorräten in ihre Säcke, was sie zum Zuge nach Prag als nötig[321] gedachten. Dann aßen sie, tranken wieder, und machten sich zurecht, die kurze Rast zu genießen. Was von den Lebensmitteln übrig geblieben war, wurde wieder fort geschafft. In dieser Zeit kam Jakob, der Knecht aus dem Wangetschlage, mit seinem lahmen braunen Pferde zu den Waldleuten. Man hatte nichts von ihm gewußt, und in dem Kampfe seiner nicht gedacht. Er erzählte, daß er in der Schlacht gewesen sei, und daß sie ihn mit einer Lanze in die Wange gestochen haben. Er habe sich aber sehr gewehrt, und sei jetzt dem Zuge nach geeilt, um ihn einzuholen. Witiko untersuchte seine Wunde, und fand sie geringe. Dann gab er ihm von seinen Vorräten zu essen, und ließ das gehetzte Pferd erquicken.

Als die Ruhezeit aus war, tönten die Hörner zum Aufbruche. Die Eckmänner der Waldleute gaben ihre Zeichen mit Hörnern von Ziegenböcken.

Der Zug richtete sich wieder ein, und ging weiter.

Man rastete noch zwei Male, und am Abende lagerte man sich auf weiten baumlosen Feldern, an denen keine Häuser waren, und die in dieser Kriegszeit keine Saaten trugen. Es wurden Gezelte geschlagen, die Grenzen des Lagers gesteckt, Wachen gestellt, und Kundschafter ausgesendet. Dann zündete man Feuer an, pflegte sich, und bereitete Schlafstellen. Und die Körper der Krieger genossen eine festere Ruhe, als sie in der vorigen Nacht gehabt hatten. Bis zum Morgen war es stille in dem Lager und um das Lager.

Wie an diesem Tage, so war es ähnlich an dem zweiten und an dem dritten und an dem vierten.

Und am fünften Tage kam Wladislaw mit seinen Kriegern vor der Stadt Prag an.

Die Augen aller Krieger sahen auf diese Stadt. Da war der hohe Wald des Berges Petrin, und von diesem Walde gingen die lichten Mauern dahin, die Soběslaw hatte umbauen und mit Türmen versehen lassen, und hinter[322] den Mauern ragten die Gebäude empor: die Kirche des heiligen Veit, die Kirche der heiligen Jungfrau Maria, die Kirche des heiligen Georg, die Hofburg des Herzoges, der Bischofsturm, die Priesterhäuser, die Häuser der Ämter, und noch viele andere, die sie nicht kannten. Aber zwischen dieser Stadt, die sie aufnehmen sollte, und den Kriegern war der weit gedehnte rechtsufrige Burgflecken Prag. Und vor dem Burgflecken standen unzählige Menschen gedrängt, um den Herzog und sein Heer zu sehen. Einige waren auf Dächer und Bäume geklettert. Vor allen Menschen aber stand die Herzogin. Neben ihr stand der Hofrichter und der Kämmerer und der Maier des Herzogs, welche nicht in den Streit hatten mitziehen dürfen, es standen die Kmeten neben ihr, die der Herzog über seinen rechten und linken Burgflecken gesetzt hatte, und es standen der Unterkämmerer, der Truchseß und der Schenk des Bischofes und der Dechant und der Hüter und Priester neben ihr, es stand Hugo, der Propst vom Wyšehrad mit Priestern neben ihr, und der Kmete vom Wyšehrad, und jeder hervorragende Mann, der zur Hut von Prag hatte zurückbleiben müssen. Die Herzogin und alle, die sie umstanden, begrüßten den Herzog und die Seinigen.

Der Herzog dankte des Grußes, die Herzogin und die um sie bestiegen ihre Pferde, und der Herzog führte von allen begleitet seine Krieger durch die langen Gassen des Burgfleckens und die vielen Menschen in ihnen auf das große Feld, das zwischen dem Burgflecken und dem Wyšehrad war, und als Verkaufsplatz diente.

Dort ließ er sie ein Lager schlagen, und in dem Lager sich niederlassen. Er aber ritt mit der Herzogin und mit den Bischöfen Priestern Lechen Kriegsherren und einem Geleite von Kriegern in die Burg. Diwiš ging in sein eigenes Haus, dort zu übernachten, eben so Bolemil. Lubomir ging in das Haus seines Stammes, so tat auch[323] Ctibor, so Chotimir und Nemoy und Preda und andere. Der Bischof Zdik ging mit seinen Priestern und Leuten in das Haus des Bischofes von Prag, und auch Božebor ging mit einem Geleite dahin. Witiko wurde in dem Hause der Priester des heiligen Veit aufgenommen. In zwei kleinen Gemächern neben dem Torwege fand er Raum für sich und die Knechte Raimund und Jakob, und für die Pferde erhielt er einen kleinen Stall.

Im Morgengrauen des nächsten Tages machte Wladislaw mehrere Anordnungen. Die erste war, daß die Körper der Toten zu ihrer Bestattung möchten hergerichtet werden; die zweite war, daß man die Einteilung treffe, daß die Krieger von dem Verkaufsfelde in die Stadt hinauf zögen, und ihre Abteilungen die Plätze einnähmen, die für sie bestimmt wären. Hierauf sendete er Kundschafter aus, dann ordnete er Werbungen von Arbeitern an, die Mauern, wo es notwendig wäre, noch mehr zu befestigen, und auszubessern. Dann befahl er Sendungen in das Land, um Krieger zum Zuzug aufzufordern, und Lebensmittel einzubringen, und endlich schickte er seinen Bruder Heinrich in das Land Budissin, um dort Männer zur Beihilfe zu werben.

Da der Abend heran nahte, wurde gemeldet, daß man zur Bestattung der Toten in Bereitschaft sei. Der Herzog begab sich auf das Verkaufsfeld, wo sie aufgestellt waren. Eine große Menschenmenge und die Schar der Priester war um sie. Pustimir in schwarzen Sammet gekleidet lag auf einem mit schwarzem Sammet überzogenen Wagen, um nach Daudleb geführt zu werden. Der demütige Priester von Daudleb kniete an dem Wagen, und betete. Smil und seine zwei Söhne lagen auf drei Wägen von grünem Sammet und Silber in dunkelgrüne Sammetgewänder gekleidet mit Silber verziert, die weißen Federn auf den Hauben, und das helle Schwert an der Seite, um gegen Dečin gebracht zu werden. Dalimil, in Braun[324] und Gold gekleidet sollte von seiner Sippschaft nach Taus geleitet werden. Swen, ein hochbeherzter Mann, dessen Begräbnisstelle in Mähren lag, sollte, da er mit Spezereien eingesalbt war, in eine Gruft der Marienkirche getragen werden, daß er nach Beendigung des Streites endlich in seine Heimat gebracht werden könnte. Die andern sollten in Prag begraben werden. Der Bischof Otto von Prag, der Bischof Zdik von Olmütz, Peter der Abt von Břewnow, Gezo der Abt von Strahow, die Äbte von Kladrau und Wilimow, der Priester Daniel und viele Priester feierten die heilige Handlung. Der Bischof Otto hielt nach der Segnung eine Predigt, und als sie geendigt war, und als alle auseinander gehen wollten, viele darunter mit Tränen in den Augen, sagte der Herzog: »Die Waffenbrüder der Verstorbenen, dann Männer und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen, welche das Land lieben, mögen die, welche für das Land gestorben sind, nicht vergessen.«

»Sie werden nicht vergessen«, riefen sehr viele.

»Nein, wir vergessen sie nicht«, riefen andere.

Mehrere Menschen gingen noch besonders zu der Stätte Bens des Kriegsanführers, um von ihm Abschied zu nehmen, der so bald nach dem Tage auf dem Wyšehrad sein Leben hatte verlieren müssen.

Dann zerstreuten sich alle, und die Toten wurden ihren Bestimmungen entgegen geleitet.

Am Morgen des nächsten Tages begann der Zug der Krieger von dem Verkaufsfelde und derer, die bisher in dem Burgflecken gewesen waren, in die Burg, welche besonders und mit Vorzug die Stadt Prag geheißen wurde. In langer Reihe gingen sie über die hölzerne Brücke, sie gingen zu dem Brückentore der Stadt, und dann in der Stadt empor, an allen den hohen und erhabenen Gebäuden, die da waren, und an dem Herzogstuhle vorüber.[325]

Sie wurden in der Stadt eingeteilt, und jeder Abteilung der Platz zugewiesen, der ihr zur Wirksamkeit dienen sollte.

Witiko erhielt von dem Herzoge den Oberbefehl über die Waldleute, die sich auf dem Wysoka freiwillig unter ihn gestellt hatten.

Da die Krieger in die Stadt gezogen waren, rüsteten sich nun die Bewohner der beiden Burgflecken auf die Dinge, die da kommen sollten. Die fremden Kaufleute in dem Teyn verpackten ihre Waren, und sendeten sie auf dem Wege über Pilsen gegen Taus in die deutschen Länder hinaus, oder sendeten sie sonst irgend wohin, und richteten sich, ihnen zu folgen. Die Juden bargen, was sie Wertvolles hatten, und schickten, was in kleinem Raume großen Wert hatte, in entfernte Gegenden. Manche Menschen verließen die Stadt, und die da blieben, vergruben Habseligkeiten, und behielten so viel, den Feinden, die da kommen würden, Verpflegungen zum Schutze vor Mißhandlung reichen zu können.

Als die Krieger auf der Burg ihre Plätze eingenommen, und sich dort eingerichtet hatten, ordnete Wladislaw eine Versammlung auf dem freien Platze vor dem Herzogstuhle an, zu welcher die Kriegsherren und Unterführer geladen waren, und zu welcher Preda mit den Gefangenen kommen mußte. Als sich alle versammelt hatten, und rings um sie viele andere Krieger und Leute aus dem Volke standen, erschien der Herzog auf seinem Pferde, und neben ihm ritt die Herzogin in einem schönen Gewande. Sie stiegen von den Pferden, und der Herzog begab sich auf eine Erhöhung, die hergerichtet war, und sprach zu der Versammlung: »Waffenbrüder, Freunde, Kriegsherren, Männer des Landes, Krieger und Volk, das gekommen ist! Ich spreche zu euch allen, ich spreche, was ich für unser Land als nötig erachte. Mein Großvater Wratislaw ist ein großer und weiser König gewesen, den[326] Ländern zum Wohle, sein Sohn, der Herzog Wladislaw, mein Vater, war großmütig und gütig, sein anderer Sohn, der letzte Herzog Soběslaw, lebt in euerm Angedenken, und wird in dem Angedenken derer nach Euch leben. Ich bin auf sie gefolgt. Ich bin nicht wie mein Großvater, mein Vater und mein Oheim. Ich weiß nicht, ob ich ihnen an Gaben gleich oder untergeordnet bin; aber im Guten will ich ihnen gleich sein. Vor diesem ehrwürdigen Stuhle, der schon so viele große und gute Fürsten getragen, und auch manche Verirrungen gesehen hat, kann ich es aussprechen, daß ich die Pflichten treu in mein Herz geschrieben habe, die mir durch diesen Stuhl entstanden sind. In dem Kampfe, der naht, werde ich entweder siegen, und dieses wird nach dem Ratschlusse Gottes dem Lande zum Heile sein, wir werden Gott preisen: oder ich werde unterliegen, und dieses wird nach dem unerforschlichen Ratschlusse Gottes dem Lande zum Heile sein, wir werden auch Gott preisen. Wir kleinen Menschen können das Höchste nicht sehen; aber wir, die wir hier versammelt sind, glauben, daß wir auf dem Rechte stehen, und wir müssen das Recht mit der Herzhaftigkeit und der Einsicht, die wir haben, zu Ende bringen. Ich werde alle Mittel, die zu erringen sind, gebrauchen. Über die Mittel werden wir beraten, wenn wir wissen, was not tut. Jetzt aber sage ich nur, wer im geringsten an der Gerechtigkeit unseres Vorhabens zweifelt, oder wer nicht mit seiner ganzen Seele bei dem Vorhaben ist, der verlasse das selbe mit getrostem Mute, er mag gehen, wohin er will. Der größte Teil der reichen und vornehmen Herren der Länder ist bei den Feinden, der ehrenreichste kleinste Teil der Priesterschaft und der Lechen ist bei mir, und jener kleinerer Männer, die von mir Schutz erwarten, den ich gewähren will. Selbst von meinen Burgflecken kann gehen, wer es verlangt. So sage ich, wie jener kühne Führer aus der alten heiligen Zeit, der zu[327] mehreren Malen die fortgehen ließ, die dem Kampfe abträglich sein könnten. Beherziget es.«

Wladislaw schwieg. Da trat Otto der Bischof von Prag hervor, und sprach: »Die Lechen und Herren, die um dich versammelt sind, haben gedacht, wie du sprechen willst, erlauchter Herzog, und haben mich zur Antwort erwählt, nicht um meiner Gaben willen, sondern, weil ich die kirchliche Herrschaft in dem Lande führe, und so sage ich: Keiner aus denen, die schon auf dem Wysoka für das Recht gekämpft haben, und keiner aus denen, die zu dem jetzigen Kampfe gekommen sind, zweifelt an dem Rechte, und keiner wird sich dem, was kommt, entziehen. Wer von den untergeordneten Kriegern gehen will, die werden sie verzeichnen, und die mögest du ziehen lassen.«

»Sie werden in dem Amte meiner Kammer das Reisegeld zum Wege in ihre Heimat finden«, sagte der Herzog.

»Heil Wladislaw«, rief eine Stimme.

»Heil dem großmütigen Herzoge«, rief eine andere.

»Heil«, »Segen«, »Glück« und andere Rufe tönten nun vielstimmig durcheinander.

Da es wieder ruhig geworden war, rief Wladislaw: »Ihr, die ihr dort unter der Hut meines alten Županes Preda steht, und die der Tag auf dem Berge Wysoka als Gefangene in meine Hände gegeben hat, ihr seid frei. Ich fordere nicht, daß ihr versprechet, in diesem Kriege nicht mehr gegen mich zu kämpfen, wer Ehre hat, wird es nicht tun, der andere wird es nicht lassen, und wenn er in meine Hände fällt, wird er auf einem Baume aufgehängt, wie vor zwei Jahren die Diebe des Landes. Wer geht, erhält morgen das Reisegeld in meiner Kammer, wer aber seine Handlungen gegen mich bereut, und mir dienen will, der melde sich, er wird mit Liebe angenommen werden. Jetzt aber entfernet euch.«

Unter den Gefangenen entstand ein Jubelruf; sie wendeten[328] sich gegen den Herzog; aber auf den Befehl Predas stellten sie sich, und zogen unter Freudenrufen ab.

Unter dem Volke ertönten wie aus allen Kehlen Rufe der Freude und des Vergnügens.

In diesem Augenblick aber ritt ein Mann auf den Platz, und meldete, daß die Späher eine Jungfrau mit mehreren Begleitern gefangen hätten, und daß die Jungfrau vor den Herzog wolle.

»So laßt sie kommen«, antwortete Wladislaw.

Der Mann ritt fort, und kam in kurzer Frist wieder zurück. Es waren nun vier Männer auf kleinen Pferden bei ihm und ein Mädchen auch auf einem Pferde. Die Männer waren in sehr grobe dunkelwollene weite gegürtete Gewänder gekleidet, trugen Schwerter, und auf den Häuptern rauhe Wolfshauben. Das Mädchen saß auf einem schönen braunen Pferde, es hatte ein schwarzes Gürtelgewand an, darüber ein Waffenkleid, das wie Silber glänzte, und an dem Gürtel ein Schwert. Auf dem Haupte trug es eine Spangenhaube, darunter schwarze Haare hervor sahen. Das Angesicht war jung.

Der Mann führte seine Begleiter vor den Herzog, wies mit der Hand auf ihn, und sagte: »Das ist der erlauchte Herzog, edle Jungfrau, welcher dir die Huld erweist, mit dir zu reden.«

Das Mädchen stellte sich mit seinem Pferde vor die vier Männer, sah den Herzog an, und sprach: »Bist du der Herzog Wladislaw, welcher im Kriege mit den hohen Fürsten ist, die im Lande Mähren einen Bund wider Böhmen geschlossen haben?«

Kaum hatte das Mädchen diese Worte gesprochen, so ertönte aus dem hinteren Geleite des Herzoges ein Laut, der das Wort ›Dimut‹ ausrief. Es war Rowno gewesen, der den Ruf ausgestoßen hatte, und der nun sein Pferd gegen den Herzog vorwärts drängte.

»Rowno«, sagte das Mädchen gegen ihn hin, »ich rede[329] jetzt nicht mit dir, jetzt rede ich mit dem Herzoge, und wenn das Gespräch geendet ist, so komme ich zu dir, und werde mit dir reden.«

»Wenn du Rechte gegen die Jungfrau hast, Rowno«, sagte der Herzog, »so übe sie ungeschmälert aus; jetzt aber erwarte das Ende des Gespräches, um das sie gebeten hat, und das ich ihr gewährt habe.«

Rowno zog die Zügel des Pferdes zurück, und blieb stehen.

Der Herzog wendete sich wieder zu dem Mädchen, und sagte: »Dimut heißest du, schöne Jungfrau?«

»Ob ich schön bin, reden wir nicht«, antwortete das Mädchen; »aber Dimut heiße ich.«

»Schön bist du, und als dich meine Krieger gefangen nahmen, hast du zu mir verlangt?« fragte der Herzog.

»Nein«, antwortete das Mädchen, »ich bin von meiner Heimat aus zu dir geritten.«

»Zu mir?« fragte der Herzog.

»Ja«, sagte Dimut, »in dem Walde im Mittage des Landes steht in einem gereuteten Tale ein Turm, in welchem mein Bruder Rowno herrscht. Er ist der Wladyk seines Stammes, und sein Stamm wohnt um ihn. Ich bin in dem Turme. Als noch der Schnee lag, kam die Kunde, daß reiche und mächtige Herren und Fürsten wider dich in Waffen wären, und das Land Böhmen nehmen wollen. Da beschloß Rowno, und es beschlossen Leute aus unserer Župe, auszuziehen, um zu sehen, was sich ergäbe. Ich sagte damals: ihr werdet alle ins Feld gehen, die ihr könnt, ihr werdet ergründen, wo das Recht ist, und dafür mit euerm Leben streiten, und, wenn es sein muß, sterben. Ich will tun, was ein Weib vermag. Das Rechte muß geschehen, wie es auf Erden und im Himmel gilt. So sagte ich, und Rowno und Osel und Diet von Wettern und Witiko zogen fort. Und darauf meldete Rowno, daß das Recht bei dir sei, daß die reichen Herren noch reicher[330] werden und noch mehr Županeien haben wollen, und daß du die kleineren Männer gegen sie schützest. Und weil die Knaben des Waldes auf Kundschaft liefen, brachten sie die Nachricht, daß eine große Schlacht gewesen sei, in der Herren und Fürsten und niedere Männer und Knechte erschlagen worden sind, und weil ich solche Dinge, so lange ich lebe, nicht gehört habe, so konnte ich nicht mehr bleiben, ich nahm die vier Männer, und ritt fort, und da erfuhren wir, daß die Schlacht erst jetzt gewesen ist, daß du nach Prag gezogen bist, und da ritt ich nach Prag zu dir.«

»Wenn alles so ist, schöne Jungfrau, ich muß dich wieder schön nennen«, antwortete der Herzog, »was ist in Prag bei mir dein Begehren?«

»Zu sehen, wie die Sache ist«, antwortete Dimut.

»Nun, so siehe, wie die Sache ist«, erwiderte der Herzog; »aber beeile dich, es könnte bald alles anders werden, und wenn draußen Gefahr ist, könnten wir dir kein großes Rückgeleite geben, weil wir die Männer brauchen.«

»Dann würde ich ja nur wissen, wie die Sache jetzt ist, nicht wie sie immer wieder ist«, entgegnete Dimut.

»Und das willst du wissen, Dimut?« fragte der Herzog.

»Ja, hoher Herr«, antwortete Dimut.

»Was sagt meine erlauchte Herzogin dazu?« fragte der Herzog.

»Lasse das Mädchen heute abends zu mir in meinen Hof kommen, damit ich mit ihm spreche«, antwortete die Herzogin.

»So machet die Sache nach Euerm Sinne in das Reine«, sagte der Herzog, »die Jungfrau wird uns von unsern Vorräten hier wenig wegzehren. Aber Rownos Wille muß gehört werden, und seinen Rechten muß Genüge geschehen.«

»Wenn das Gespräch zu Ende ist«, sagte Dimut, »so werde ich jetzt mit meinem Bruder reden.«[331]

»Es ist zu Ende«, sprach der Herzog, »rede mit ihm.«

»Ich aber rede nicht mit ihr«, rief Rowno von seinem Platze, »ich bitte den erlauchten Herzog um ein Wort meiner Stimme zu ihm.«

»Du hast jederzeit die Erlaubnis, mit mir zu reden«, sagte der Herzog.

»Hoher Herr«, rief Rowno, »ich bin kein Krieger deiner Župe Daudleb, was wir gegen die Županei schuldig sind, haben wir erfüllt, und Lubomir ist mit allen Župenkriegern zu dir gegangen, ich bin ein freier Mann in Rowna, dem Eigen unserer Sippen, ich bin freiwillig mit den Rownakriegern in die Schlacht auf dem Berge Wysoka gegangen, bin dir freiwillig nach Prag gefolgt, und bleibe freiwillig bei dir. Ich bitte dich, erlauchter Herzog, um die Vergunst, daß ich vor der ganzen Versammlung reden darf.«

»Wenn es notwendig ist, so rede«, sagte der Herzog.

»Du wirst selber sehen, daß es notwendig war, wenn ich gesprochen habe«, entgegnete Rowno.

»So komme hervor, und sprich«, sagte der Herzog.

Rowno ließ seinem Pferde den Stachel spüren, es setzte sich in Bewegung, die Männer machten eine Gasse, und er ritt durch dieselbe vorwärts bis zu dem Herzoge. Dort stellte er sich den vier Männern gegenüber, die mit Dimut gekommen waren. Er war wie einer von ihnen. Er hatte wie sie ein dunkelwollenes weites gegürtetes Gewand an, trug ein Schwert, und hatte auf dem Haupte eine rauhe Wolfshaube. Er richtete sich aber hoch empor, sah die Männer an, und rief mit lauter Stimme: »Du, Wentimir, und du, Diš, und du, Meneš, und du, Walchun, reitet ungesäumt über diesen Berg hinab, und reitet ohne einen andern Aufenthalt fort, als zu eurer und eurer Pferde Erquickung notwendig ist, reitet immer fort, bis ihr in Rowna angekommen seid. Dort stellt euch unter die Herrschaft Bustins, den ich zur Verteidigung[332] des Turmes zurückgelassen habe, und sagt, euer Urteil, daß ihr Rowna verlassen habt, werde ich sprechen, wenn ich aus diesem Streite werde nach Hause zurückgekehrt sein, und sagt, Bustins Urteil, daß er euch fortgelassen hat, werde ich zu derselben Zeit sprechen.«

Er schwieg, und die versammelt waren, schwiegen, und warteten.

Die vier Männer wendeten ihre Pferde um, und suchten einen Weg nach abwärts. Keiner sprach ein einziges Wort. Man machte ihnen Platz, und man sah sie nach dem Tore gegen den Burgflecken hinab reiten. Sie waren bald nicht mehr zu sehen. Jetzt war nur mehr Rowno allein mit einer Wolfshaube auf dem Platze.

Er sprach nun zu Dimut: »Wenn ich von dieser Stelle fort reite, wirst du mir folgen.«

»Ich werde dir folgen«, antwortete Dimut.

Nach diesen Worten wendete er sich zu dem Herzoge, und sagte: »Erhabener Fürst und Herzog! Du siehest, daß ich vor allen, die hier sind, sprechen mußte, weil die Sünde des Ungehorsams vor allen begangen worden ist. Das Land und die Leute müssen wissen, daß die Wladyken Gerechtigkeit üben, weil sonst das Land und die Leute zu Grunde gingen. Wer gegen seinen Obern seinen eigenen Willen verlangt, ist ein Unterdrücker.«

»Du hast recht getan, so zu sprechen«, sagte der Herzog, »ich bin ja auch ein Wladyk, gegen den seine Sippen jetzt ihren eigenen Willen verlangen, und diese Sippen fügen sich nicht so wie die deinigen, darum dieser Kampf entstanden ist. Ich denke nun, du wirst, wenn hier in Prag oder bei Prag alles ausgeordnet ist, und du wieder in deine Heimat zurück gekehrt bist, Bustin, den du zum Führer deiner Burg zurück gelassen hast, bestrafen, daß er Männer leichtfertig aus derselben gelassen, und du wirst ihn belohnen, daß er die Torheit deiner Schwester unschädlich gemacht hat, und du wirst die vier Männer[333] strafen, daß sie ihren Platz verlassen haben, und du wirst sie belohnen, daß sie deiner Schwester in Gefahren beigestanden sind.«

»Hoher Herzog, höre mich an«, sagte Rowno, »da lebt in der Burg Daudleb der edle Župan Lubomir. Er hat seine Sippen in den Ämtern. Da ist sein Sippe Wentislaw der Župenrichter, sein Sippe Rastislaw der Meier, sein Sippe Widimir der Schreiber, sein Sippe Kodim der Kämmerer, sein Sippe Momir der Zöllner, und da ist seine Base die Kleideralte. Mit diesen richtet und rüstet er alles, die Pflege der Županei, die Gerechtigkeit, die Zier und Ordnung des Krieges, und sie sind ihm untertan, und er hält sie in der Zucht. Ich bin kein Župan, ich bin ein Wladyk des Waldes; aber ich will in meinen Sippen das Recht erhalten, wie ein Župan, und werde nach der Gerechtigkeit sprechen, wie Lubomir.«

»Wenn dieser Mann seinen Wert so genau betrachtet, und auch so eifrig ist in den Taten des Krieges, so können wir auf ihn bauen«, sagte die Herzogin.

»Das können wir«, entgegnete Wladislaw, »er hat es auf dem Berge Wysoka erwiesen. Rowno, du hast dir an Lubomir ein gutes Vorbild des Rechten gewählt, und denke, daß jeder, der ein Župan ist, einmal keiner gewesen ist.«

»Ich bin in den Krieg gegangen«, sagte Rowno, »daß das Recht werde, daß der Unterdrücker gestraft werde, und daß ein kleiner Mann sich etwa dehnen könne.«

»So strebe darnach«, sagte der Herzog, »und mit deiner Schwester rede nach deinem Rechte und deinem Ansehen, damit das, was wir mit ihr vorhaben, deine Billigung erhält.«

»Sie wird meinen Befehlen folgen«, antwortete Rowno.

»So sprecht mit einander, zeige uns vor Abend deinen Beschluß an, und jetzt entferne dich«, erwiderte der Herzog.

Rowno verneigte sich, bedeutete Dimut, ihm zu folgen,[334] wendete sein Pferd, und ritt wieder unter die versammelten Menschen hinein. Dimut grüßte, wie Frauen von Pferden zu grüßen pflegen, gegen den Herzog und die Herzogin, und folgte ihrem Bruder.

Wladislaw sagte nun. »Die Versammlung ist schon zu lange aufgehalten worden, es ist billig, daß wir sie schließen, seid nicht ungünstig des Verzuges, hohe Herren, und seid für das Erscheinen bedankt.«

Er und die Herzogin bestiegen ihre Pferde, und entfernten sich.

Die Versammlung ging auseinander, und die Leute sahen teils dem Herzoge und der Herzogin, teils Dimut und ihrem Bruder nach, und zerstreuten sich dann.

Als der nächste Tag gegen das Ende ging, kamen mehrere Männer von dem Berge Wysoka an. Es waren die Männer, die Wladislaw zur Besorgung der Verwundeten und Begrabung der Toten zurückgelassen hatte. Die Begraber sagten, es seien in der Nacht, die auf die Schlacht gefolgt ist, ruchlose Menschen gekommen; denn am Morgen haben sie sehr viele nackte Tote gefunden, und nur einen Teil mit Gewändern. Sie haben alle zur Ruhe bestattet, und auch manchen Feind, weil sie ihn nicht kannten, geborgen. Die Feinde haben desgleichen getan, und fromme Priester sind herbei gekommen, und haben geholfen. Die für die Verwundeten sorgten, sagten, es seien mildtätige Frauen und Brüder mit Labung und Tragen gekommen, und denen haben sie einige gegeben, andere haben sie mitgenommen, und haben sie in abgelegene Häuser, wenn ein Mensch in ihnen zu finden war, oder in die Stadt Prag gebracht. Die Feinde sind noch immer weit entfernt, und die Gegend zwischen Suchdol und Prag ist leer.

Von den Leuten des Waldes kamen auch einige Männer. Sie sagten, daß sie Norbert unter den Büschen begraben haben. Dann haben sie Tesin von Prachatic und Arnold[335] vom schwarzen Bache und auch einige Leute von den untern Friedberghäusern und den Steingewänden begraben, weil sie gelobt haben, im Kriege einander beizustehen. Und weil sie Verantwortung geben müssen, so haben sie an den Gräbern aller gebetet, und ein Pfarrer hat mitgebetet. Wenhart vom Dürrwalde hat einen Haufen Männer um sich versammelt, und sie haben gesagt: arme Leute können hier nichts mehr erwerben, sie gehen in die Heimat, weiter von diesem Berge werde ihnen schon jemand Nahrung geben, und immer wieder so, bis sie zu ihren Sippen kommen.

»Das sind verzagte Rehe«, sagte der Schmied von Plan, »die Herren, welche bei dem anderen Herzoge Konrad sind, haben große Županeien, es hat einer gar drei Županeien, und sie haben Gründe und Felder und Sippen und Gesinde, und sie haben Steine, deren einer leicht ein Pfund Pfennige wert ist, und Gold und Silber. Das alles gehört dem Herzoge, wenn wir sie besiegt haben, und er verteilt davon an die, welche ihm geholfen haben. Die einen werden Župane, die andern kommen in Ämter, und die andern erhalten Wälder und Länder, und die andern Geld und Gut. Und die fort gegangen sind, haben sich alles vereitelt. Ihr habt ja gehört, wie manche Männer groß geworden sind. Und dem armen Witiko werden auch ein paar Hände voll Goldstücke wohlbekommen.«

Die Leute, die von dem Wysoka gekommen waren, sagten, darum seien sie nach Prag gegangen, und werden in Prag bleiben.

An diesem Tage machten die Kriegsherren auch die Namen derer kund, die sich zum Wegziehen aus Prag gemeldet haben. Sie sagten, es seien Strolchenmänner, die dem Lotterleben nachliefen, und keiner Sache gehörten. Die Leute erhielten ihr Weggeld, und wurden entlassen. Von den Gefangenen gingen viele fort, andere gesellten sich zu den Kriegern Wladislaws.[336]

Am Morgen des Tages, der folgte, ritt der Herzog herum, und sah, wie weit alles in der Stadt gediehen sei. Mit ihm ritten Diepold und die Herzogin, gefolgt von Frauen ihres Hofes, darunter Dimut in ihrem Waffengewande. Der Herzog ritt zu allen Plätzen, und sah, wie die Männer von ihren Führern geübt und belehrt wurden, und wie die Krieger und die Hilfsarbeiter die Geräte und die Wehren richteten. Er belobte sie, ordnete noch manches an, und beriet sich mit den Kriegsherren. Die Männer auf den Zinnen hatten zuversichtliche Angesichter, und taten willig die Arbeit. Als die Schau beendigt war, ritten der Herzog und die Herzogin wieder in ihren Hof.

In dieser Zeit kamen fortan auch Wägen mit Lebensbedürfnissen in die Stadt, es kamen Boten und Kundschafter, und wurden wieder fort gesendet. Es kamen noch manche Krieger, welche sich von dem Berge Wysoka aus zerstreut hatten, und nun wieder die Ihrigen suchten. Es kamen auch neue Krieger, welche bei der Verteidigung der Stadt helfen wollten. Noch immer verließen Menschen die Burgflecken, und zogen in weite Entfernungen, andere aber kamen von den Feldern herein, und suchten Schutz in den Häusern.

Witiko brachte seine meiste Zeit bei den Waldleuten zu. Er unterrichtete und übte die, welche ihm untergeben waren, in allem Notwendigen, und sie suchten es zu erlernen. Eine andere Zeit wendete er dazu an, daß er die genaue Einsicht gewinne, was seine Führerschaft verlange, und wie die Verteidigung werde geführt werden. Er ging zu den älteren Führern um Rat, und sie erteilten ihn gerne, besonders Lubomir, der es öfter so einrichtete, daß Witiko zusehen konnte, wenn die Daudlebkrieger ihre Übungen machten. Der alte Bolemil gab manche gute Weisung. Auch zu den jüngeren Rittern ging Witiko öfter, und sie gingen zu ihm. Mehrere Male war er in dem Geleite des Herzoges, wenn dieser seine Umritte[337] machte. Er besuchte die Kranken und Verwundeten, und war gerne bei Welislaw, der in einem Gemache der Hofburg war, und dort auf einem weichen Gesiedel saß oder lag, oder auch an ein Fenster ging, um, so weit er konnte, zu sehen, welche Einrichtungen man treffe, von denen er auch stets Erzählungen verlangte. Seine Verwundung ging schneller Genesung entgegen. In seiner Wohnung hatte es Witiko so, daß Raimund die Pflege derselben und die Wartung der Pferde besorgte, Jakob aber alles Auswärtige tat, weil er dazu geschickter war.

Wenn seine Leute ihre Arbeiten verrichtet hatten, waren sie müßig, und so standen nun die Männer des Waldes oft in ihren groben Röcken und schweren Stiefeln auf den Mauern der Stadt, und blickten auf das, was sie sehen konnten, besonders der Schmied in seiner grauen Filzhaube, dem grauen Rocke und den grauen Beinbekleidungen und den nägelbeschlagenen Stiefeln. Um seine Schulter hing die Keule, mit welcher er den Sohn Načerats erworfen hatte. Seinem Neffen Urban war ein grobleinenes Tuch über die Wunde gebunden, und so auch Christ Severin dem Wollenweber. Tom Johannes den Fiedler, David den Zimmerer und Veit Gregor hatten sie bei den guten Frauen des heiligen Georg zur Pflege untergebracht.

Die Männer sahen nun da auf die lange Brücke der Moldau hinunter, auf die vielen Häuser der beiden Burgflecken, auf die Berge an dem Wasser, oder auf die Felder außer den Häusern. Dann blickten sie ganz nahe hinab auf die Kleider, welche die Leute hier trugen, auf die Pferde, wenn Reiter vorüber zogen, oder gar ein Wagen ging, und zeigten sich die Fügungen der Steine oder des Holzes, woraus die Häuser gebaut waren. Sie saßen auch sehr gerne auf vielerlei Gegenständen in dem Kreise herum, und erzählten sich von den Dingen, die sie durch zahlreiche Leute auf vieles Fragen hier erfahren hatten.[338] Da stand auf einem Felsen an der Moldau, ehe ihre Wasser nach Prag kommen, die Burg Wyšehrad. Als noch der anfängliche Wald alle diese Berge an der Moldau bedeckte, ist sie gebaut worden, lange, bevor der Held Zaboy lebte und der Sänger Lumir. Und dann ist Krok gekommen, und hat auf der heiligen Burg seinen goldenen Sitz gehabt. Dann ist Libuša gewesen, die unter allen Schwestern sein liebstes Kind gewesen ist, und sie hat den Ackersmann Přemysl geheiratet, und sie hat den ersten Holzblock zu der Burg Prag aushauen lassen. Und von ihr ist ein zahlreiches Geschlecht gekommen, und sie haben über die Völker gewaltet. Einer hat sich taufen lassen, da Christus geboren worden ist, und den heiligen Glauben in die Welt gebracht hat. Er hat der Herzog Bořiwoy geheißen. Sein Enkel ist der heilige Wenzel gewesen, und seine Hausfrau die heilige Ludmila. Er hat die erste Kirche in Böhmen gebaut, in seiner Burg Hradec. Dann hat er sogleich die Kirche der heiligen Jungfrau Maria in der Burg Prag gebaut. In dieser Kirche hat der Herzog Wratislaw das Abschneiden der Haare seines Sohnes, des heiligen Wenzel, gefeiert, und sie bringt bis heute Heil allen Gläubigen. Dann steht die hohe Kirche des heiligen Veit da. Sie ist mit Mühseligkeiten gebaut worden. Der heilige Wenzel hat sie gebaut, und der Bischof von Regensburg, Tuto, hat es ihm erlaubt. Und dann ist der Bischof Tuto gestorben, und, der nach ihm gekommen ist, der Bischof Michael, hat sie geweiht. Sie hat von Gold und Silber gestrahlt, und war voll von Pracht. Und da sie zu klein war, hat sie der Herzog Spitihněw wieder niedergerissen, und weit größer gebaut, und dann ist sie verbrannt, und ist abermals wieder aufgebaut worden, und dann hat ein Blitzschlag den Turm zerstört, und der Turm ist wieder errichtet worden. Die größten Heiligtümer sind in ihr. Der deutsche König hat dem heiligen Wenzel einen Arm des heiligen Veit in sie[339] geschenkt. Dann ist der Leib des heiligen Wenzel selber in ihr begraben worden, und es sind dann seit der Zeit viele Wunder geschehen. Und der Leib des heiligen Märtyrers Adalbert ruht in ihr, und seine Meßgewänder sind in ihrer Schatzkammer aufbewahrt, und der Leib des Märtyrers Podiwen, des treuen Dieners des heiligen Wenzel, ist in ihr begraben, und der Leib Radims, des Bruders des heiligen Adalbert. Sie kann die Menge der Menschen gar nicht fassen, wenn das Fest des heiligen Wenzel ist, und auch Kranke um Genesung aus fremden Ländern herbei kommen, und wenn das Fest des heiligen Adalbert gefeiert wird. Diese Kirche ist die heiligste Kirche in dem ganzen Lande Böhmen. Dann ist auch die Kirche des heiligen Georg. Sie ist noch früher gebaut worden als die Kirche des heiligen Veit. Es hat sie schon der Sohn des getauften Herzogs Bořiwoy, der Vater des heiligen Wenzel, der Herzog Wratislaw gebaut. Er ist sodann in ihr begraben worden, und der Leib seiner Mutter, der heiligen Märtyrerin Ludmila, ruht auch in ihr. Neben ihr steht das Kloster der frommen Frauen des heiligen Georg, wo jetzt die Verwundeten gepflegt werden. Dann ist der große Begräbnisplatz allhier, wo Priester und Herzoge und Herren liegen, und wohin der Herzog Břetislaw begraben zu werden verlangte, da er in dem Walde von Bürglitz zu Tode gestochen worden ist. Vor der Kirche des heiligen Veit steht unter freiem Himmel der steinerne Stuhl des Herzogs. Er ist tausend Jahre in der Burg Wyšehrad gestanden, und ist dann mit sechzehn Pferden und acht Ochsen in die Burg Prag geführt worden. Der Herzog von Böhmen und Mähren legt schlechte Gewänder und die Bastschuhe des Ackermannes Přemysl, die in der Kammer der Burg Wyšehrad aufbewahrt werden, an, damit er sich seines Ursprungs erinnere, und dann wird er mit schönen Gewändern bekleidet, und auf den steinernen Fürstenstuhl gesetzt, und dadurch[340] wird er erst der Herzog. Darum wollen die von Mähren den Fürstenstuhl gewinnen. Und neben dem Fürstenstuhle steht die Hofburg des Herzoges, darin er in Pracht und Herrlichkeit lebt, und von dem Söller derselben werden Münzen unter das Volk geworfen, wenn der Herzog den Fürstenstuhl besteigt. Und dann ist das Haus des Bischofes, welches der Bischofsturm heißt, und die Häuser des Propstes, der Kirchenherren, der Kirchendechante, und der Priester und der Diener, daß sie den Gottesdienst in Prag, das über alle Länder herrscht, feiern. Dann sind die Häuser des HofŽupanes, des Hofrichters, des Hofkämmerers, des Hofkanzlers, des Hofjägers, des Truchsessen, des Marschalles, des Schenken, und mehrerer Herren und Männer, und dann noch viele, in denen die Herren wohnen, und ihre Hausfrauen und die schönen Jungfrauen, die sich zeigen.

So erzählten sich die Männer unter einander von den Dingen, die um sie waren.

Oft gingen einzelne oder mehrere zu ihren Genossen, die bei den milden Frauen gepflegt wurden, sie zu trösten.

Eines Tages verlangte Sebastian, der Schuster von Plan, daß ihm Witiko gestatte, nach Plan zu gehen, um sich notwendige Dinge zu holen, er werde schon zurückkehren, wenn man ihn brauche.

Witiko sagte: »Du weißt, daß der Herzog gesagt hat, jeder dürfe gehen, also gehe.«

Sebastian ging nun über den Berg hinunter, über die Brücke, durch den Burgflecken, und gegen den Wyšehrad hinaus.

Nach mehrerer Zeit kam der Späher Wladiwoy, der mit Reitern weit in das Land geritten war, zurück.

Der Herzog versammelte die Kriegsherren. Wladiwoy mußte herbei kommen, und seine Nachrichten verkündigen.

Er sprach vor der Versammlung.[341]

»Hohe Herren! Wir sind in einem großen Umkreise durch das Land bis gegen Mähren geritten, und auf einem andern Wege wieder zurück. Die Feinde sind von dem Berge Wysoka zurückgegangen, haben aber dann ein Lager befestigt, und haben ihre Männer geordnet und eingeteilt. Sie haben angefangen, Belagerungswerkzeuge aller Art und von allen Orten zusammen zu bringen, und neue zu bauen, dergleichen bisher noch gar nicht zu sehen gewesen sind, deren Zahl noch nie angewendet worden ist, und die schwerere Lasten weiter schleudern, als es bis jetzt im Kriege geschehen ist. Sie senden Abteilungen von Reitern und einzelne Männer durch das ganze Land, um zu werben, und Vorteile zu versprechen, die der neue Herzog gewähren werde; sie sagen, die reichsten und größten Herren sind bei Konrad, und das Ende kann gar nicht ungewiß sein. Ganze Haufen strömen ihnen täglich zu, und sie vermehren sich beständig. Es sind aber auch Leute in dem Lande für uns, sie sagen, wenn die Fürsten und Herren den Herzog Wladislaw zu Grunde gerichtet hätten, dann würden sie die Macht und Gewalt gegen das Land richten, und alles an sich reißen, und nach ihrem Willen leben. Mancher Župan, der nicht in Prag ist, hat die reitenden Scharen der Feinde angegriffen, geschlagen und zerstreut, zwischen manchem kleinen Manne und den Fähnlein der Mährer kömmt es zu Kämpfen, und die Streifer, die von Prag ausgesendet wurden, befehden den Feind, wo sie ihn finden. So ist ein zerstückter Krieg schon in großen Strichen des Landes. Und Tagediebe, die zu keinem Herzoge gehören, und nur Beute suchen, ziehen herum, und greifen jede Schar an, der sie überlegen sind, und erklären sich als Freunde jeder, der sie nicht gewachsen sind. Die Felder zwischen den Fein den und Prag sind verödet und die Ortschaften meistens verlassen.«

Ipoch, ein anderer Mann, wurde vorgerufen, und er sagte das nämliche.[342]

Und ein dritter sprach auch so.

Darauf sagte der Herzog: »Es gefalle euch, Herren, morgen, da der siebenzehnte Tag des Monates Mai gekommen ist, mit dem frühesten Tage in dem großen Saale euch zur Beratung zu versammeln. Alle, die da eine Führerschaft haben, sind geladen.«

Da der Morgen des nächsten Tages anbrach, kamen alle, die geladen worden waren. Sie reihten sich um den langen Tisch. Da sie geordnet waren, kam der Herzog in einem braunen Gewande und einer dunkelbraunen Haube herein. Seinen Oberkörper zierte ein Waffenhemd, und an seiner Seite hing ein Schwert. Neben ihm ging sein Bruder Diepold. Hinter ihm war das Hofgeleite seiner Krieger. Als die Männer eingetreten waren, schloß sich hinter ihnen die Tür, und das Geleite blieb an derselben stehen. Der Herzog aber ging mit seinem Bruder an das obere Ende des Tisches, und sie setzten sich. Nach einem Augenblicke stand Wladislaw auf, und alle Versammelten erhoben sich. Wladislaw entblößte sein Haupt, grüßte und sprach: »Seid willkommen, Herren des Landes, du, Diepold, der einzige von den Sprossen des Stammes Přemysl, welcher hier ist, ihr, Bischöfe, Äbte, Pröpste und Priester, ihr, Lechen, Župane, Führer, und ihr, meine Kmeten meiner Burgflecken! Ich bitte, setzet euch nieder!«

Die Männer setzten sich.

Der Herzog legte seine Haube auf den Tisch, blieb stehen, und sprach: »Es ist endlich dahin gediehen, daß wir über den Entscheid der Sache, die sich in diesen Reichen erhoben hat, beraten, und zu einem Schlusse kommen, der allen lieb ist, und den alle gerne ausführen werden. Ihr habet die Nachrichten vernommen, die über das Land und über die Feinde eingegangen sind, und werdet über dieselben nachgedacht haben. Ich habe den allmächtigen Gott angefleht, daß er mich erleuchte, das vorschlagen zu können, was am sichersten fromme. Ich habe auch mit[343] vielen der weisen einsichtsvollen und guten Männer, die hier versammelt sind, gesprochen. Ihr werdet ebenfalls euer Gemüt zu Gott erhoben, und mit einander geredet haben. Wir wollen nun zum Ende gelangen. Im Hornung des Jahres 1140 bin ich von einer Versammlung der Herren der Länder Böhmen und Mähren auf dem Wyšehrad zum Herzoge dieser Länder erwählt worden. Einige der anwesenden Männer haben mich gewählt, andere nicht, weil sie ihres Versprechens an Soběslaw gedachten. Sie haben mich aber später anerkannt, und mir gedient. Auch Soběslaw hat auf seinem Sterbebette seinem Sohne Wladislaw geraten, sich mir zu unterwerfen. So ist das Recht geworden, und so habe ich zwei Jahre ohne Widerrede als Herzog gehandelt. Da hat ein Teil jener Männer, die mich gewählt haben, wieder einen neuen Herzog gewählt. Sie haben eine Kriegsmacht zusammen gebracht, und sind heran gezogen. Wir sind ihnen entgegen gegangen. Auf dem Berge Wysoka konnte es nicht zur Entscheidung kommen, weil sie der Verrat in unseren eigenen Gliedern gehindert hat. Wir sind nach Prag gegangen, und haben uns vor den heiligen Stuhl Přemysls gestellt. Sie bauen Geräte aller Art, den Stuhl zu gewinnen. Ich habe gesagt, daß wir mit allen Mitteln, und mit unserer Einsicht und Herzhaftigkeit kämpfen werden, und ihr habt auf dem Berge Wysoka gesagt, daß für das Land der Weg der größten Sicherheit und schnellsten Entscheidung gewählt werden müsse. Ich habe in dieser Stadt gesprochen, daß wir die Mittel beraten werden, wenn wir alles genau wissen. Heute ist nun der Tag, die Mittel zu beraten, und den Weg der größten Sicherheit und schnellsten Entscheidung zu suchen. Schon auf dem Berge Wysoka ist vieles Blut unglücklicher und unschuldiger Leute vergossen worden, jetzt wird vieles Blut in leichtfertigen, freventlichen, unnützen und heftigen Kämpfen vergossen, bis zur Schlacht ist vieles Eigentum vernichtet worden,[344] und wird noch vernichtet. Und es ist gar nicht zu ergründen, was für Elend Wildheit und Zuchtlosigkeit noch kommen kann. Die tapferen und starken Herzen in diesen Mauern werden auf lange Zeit widerstehen, ehe die Feinde in die Stadt kommen. Ja vielleicht müssen die Feinde durch Zeit und Leiden aufgerieben von der Belagerung abstehen, und die Stadt verlassen. Aber der Krieg ist dann nicht beendet, und der Weg der schnellsten Entscheidung ist nicht betreten. Die Zahl der Feinde ist weit größer als die unsrige. Und wie streitbar unsere Schar auch ist, und wenn sie im offenen Felde auch immer siegte, so kann sie schnelle Entscheidung nicht bringen. Mit meinem Bruder Heinrich werden Männer aus dem Lande Budissin kommen; aber ihre Zahl wird nicht hinreichend sein. Wir können in dem Lande werben; aber die Feinde werben auch, und die Zeit des Unheils geht indessen immer fort, weil die Werbezeit lange sein muß. Da ist nun mein Gedanke, daß jetzt Hilfe von außen notwendig ist. Mein Schwager Leopold, der Sohn Leopolds, des Markgrafen von Österreich, würde sie bringen, aber ihr wißt, daß er zu Altaich in Baiern nach dem Kriege, den er gegen den Wittelsbacher so herrlich geführt hat, gestorben ist. Sein Bruder Heinrich, mein anderer Schwager, ist wieder im Kriege um das Herzogtum Baiern. Aber da ist mein Nebenschwager, Konrad, der König der Deutschen, der Stiefbruder meiner Gemahlin Gertrud, die mit ihm von Agnes der Tochter des unglücklichen Kaisers Heinrich abstammt. Diesem Kaiser Heinrich ist auch mein Oheim Bořiwoy gegen seinen aufrührerischen Sohn Heinrich zu Hilfe gezogen. Ich habe an den König Konrad gesendet. Er will aus Liebe zu seiner Mutter Agnes, aus Liebe zu seiner Schwester Gertrud, aus Liebe zu seinem Großvater, dem gestorbenen Kaiser Heinrich, und aus Dankbarkeit gegen Böhmen Scharen gewähren, die ergiebig sein sollen. Ihr, geliebten[345] Freunde und Kampfgenossen, bleibt in der Stadt, und haltet den Feind von ihren Mauern zurück; ich gehe mit wenigem Geleite, daß ihr nicht geschwächt werdet, zu Konrad, werbe auf dem Zuge, kehre mit seinen Kriegern und mit denen, die ich aus unserem Lande gezogen habe, zurück, und schlage vor den Mauern hier die Schlacht. Die Feinde können in einigen Tagen vor diesem Berge sein, und unsere Handlungen dürfen nicht zögern. Ich habe gesprochen, und fordere die Herren aus den Ländern auf, ihre Meinung zu sagen.«

Nach diesen Worten blieb der Herzog noch einige Augenblicke stehen, dann setzte er seine Haube auf, und ließ sich auf seinen Stuhl nieder.

Es war eine kleine Zeit stille.

Da erhob sich der Bischof von Prag von seinem Stuhle, und sprach: »Hoher Herr, treuer Sohn der Kirche! Ich glaube, du hast den kürzesten Weg zum Heile und zur Sicherheit angedeutet, wie wir auf dem Berge nach der Schlacht gesagt haben, daß es der kürzeste sein müsse; ich glaube, du sollst diesen Weg wandeln, und Gott segne dich, und seine Himmelsscharen geleiten dich.«

Und der Bischof setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.

Dann erhob sich Zdik der Bischof von Olmütz, und sprach: »Ich glaube, damit das Unheil vermieden werde, das die früheren Nachfolgekämpfe gebracht haben, sei kein anderes Mittel möglich, als welches der erlauchte Herzog ausgesprochen hat.«

Dann setzte er sich wieder nieder.

Der Abt von Kladrau sprach: »Möge deine gute Absicht, hoher Herr, eine gedeihliche Vollendung finden.«

Der Abt Gezo von Strahow sagte: »Wir hoffen, daß der Freund im hinreichenden Maße eintreten wird.«

Der Abt von Břewnow sagte: »Er wird es tun, wie wir ihm ja auch vor drei Jahren gegen die Sachsen Zuzug geleistet haben.«[346]

Hierauf sprach kein Priester mehr.

»Und was sagt mein Bruder Diepold?« fragte der Herzog.

Diepold erhob sich, und sprach: »Du bist das Haupt unseres Geschlechtes, der Wladyk unseres Stammes, ich unterwerfe mich deinem Willen.«

Dann setzte er sich wieder nieder.

Der alte Wšebor mit den weißen Haaren hob beide Arme empor, zum Zeichen, daß er reden wolle. Der Herzog wies mit der Hand gegen ihn hin, die Männer sahen auf ihn, man half ihm, sich empor zu richten, und da er stand, sprach er: »Ich tue Einrede. Das Ansinnen ist ein Fehler, das Vorhaben ist nicht gut. Da wir vor zwei Jahren in dem Saale der Burg Wyšehrad saßen, und ich noch nicht so alt war wie jetzt, und da wir dich, erlauchter Herr, auf den Fürstenstuhl der Länder Böhmen und Mähren wählten, da sprach ein Mann, der älter war als ich, und dem die Gnade des Himmels erlaubt hat, noch heute unter uns zu sein, ein Mann, der viele Dinge gesehen und erlebt hat, ein Mann, dem weise Gesinnungen in dem Haupte sind, und der das Land und die Leute liebt, dieser Mann sprach, daß wir stets in der Gewohnheit haben, in unsern Streitigkeiten die Fremden zu rufen, daß der Fremde kommt, daß er immer mehr Macht bei uns gewinnt, und daß er eines Tages unsern Fürstenstuhl nehmen wird. Ich habe schon viele Fremde hier gesehen, und habe gesehen, wie sie gewaltet haben. Unser verstorbener ruhmreicher Herzog Soběslaw hat selbst seinen Knaben Wladislaw von dem deutschen Könige Konrad in Bamberg mit der Fahne von Böhmen und Mähren belehnen lassen, von einem Fremden; denn Konrad war noch nicht der Kaiser und noch nicht der Schirmvogt der Christenheit. Wir verlieren die Gewalt über uns, und werden bald nichts mehr haben, worüber wir streiten könnten. Deine Weisheit, Herr, und die Weisheit der Räte, die um dich sitzen, wird ein anderes Mittel ersinnen,[347] das uns hilft, und das uns nicht unser eigenes Eigen raubt.«

Nach diesen Worten faßte er mit beiden Händen den Rand des Tisches, und ließ sich wieder auf seinen Sitz nieder.

Nach ihm erhob sich Božebor, und sagte: »Ich rede mit Wšebor. Hoher Herr! ich bin noch dabei gewesen, als vor sechzehn Jahren Veit, der Hofkaplan des Herzogs Soběslaw, mit Panzer und Helm bei Chlumec die Fahne des heiligen Adalbert auf dem Speere des heiligen Wenzel in die Schlacht trug, und wir haben den ruhmreichsten Sieg gegen Lothar erfochten. Tu desgleichen. Ziehe mit der Fahne von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, und sammle die Deinigen. Es ist besser, wenn wir unser eigenes Blut hingeben, wenn wir unsere Habe aufopfern, wenn wir bis zu dem Rande des Unterganges kämpfen, ja wenn wir sogar unsere Rechte lassen müssen, als wenn von außen ein Herr kömmt, der das Land und die Sitten nicht kennt, der schaltet, wie er will, und wie es uns schmerzt, und der vielleicht statt des vielen alles nimmt.«

Wecel sprang schnell auf, und rief: »Ich spreche mit Božebor.«

»Ich auch«, rief eine Stimme.

»Ich auch«, eine andere, und eine dritte.

Und es entstand nun ein Rufen der Männer durcheinander und eine Unruhe.

Da streckte Bolemil die Hand über den Tisch, und gab ein Zeichen.

Als sich nach und nach die Ruhe herstellte, und er sich erheben wollte, sagte der Herzog: »Bolemil, rede auf deinem Stuhle sitzend.«

Bolemil aber antwortete: »Ich bin noch nicht so hinfällig, hoher Herr, daß ich die Gebühr vergesse.«

Darauf erhob er sich langsam, und da er mit den weißen Haaren und dem langen weißen Barte vor dem Tische[348] stand, sprach er: »Wenn Wšebor von einem Manne geredet hat, der älter ist als er, und der sich in diesem Saale befindet, so bin ich es; denn sonst ist niemand hier älter als er. Wenn er aber von weisen Gaben gesagt hat, die in dem Haupte dieses Mannes sind, so bin ich es nicht; denn in meinem Haupte sind viele Torheiten gewesen, und ich bin nur bestrebt, sie abzulegen. Aber das ist wahr, was er gesagt hat, daß ich viele Dinge erlebt habe. Ich habe viele Dinge erlebt, und habe mir manches gemerkt. Ich habe es erfahren: wenn üble Körner in die Erde gelegt worden sind, so ist eine üble Saat aufgegangen, sie ist uns in unsere Häuser hinein gewachsen, sie ist uns in unsere Kirchen hinein gewachsen, sie ist uns in unsere Kammer und in unsere Schlafstätte hinein gewachsen, und wir haben die bittere Frucht davon weg zehren müssen. Ich habe auch erkennen gelernt, wann es eine böse Saat war, die gelegt worden ist. Und auf dem Herzogschlosse des Wyšehrad ist eine solche Saat gesäet worden. Ich habe damals unsern Herzog Wladislaw nicht wählen geholfen, weil es gegen das Recht war, und weil jedes Wählen der Herzoge übel ist; aber da er dann der Herzog war, und da Wladislaw, der Sohn Soběslaws, sein Recht weg gegeben hat, so bin ich ihm nach meiner Pflicht gefolgt. Ich habe in der Versammlung gesagt, daß aus dem Wählen die Kämpfe folgen werden, wie sie in den früheren Jahren gefolgt sind. Die Kämpfe sind da, und ich bin wieder in ihnen, wie ich früher in ihnen gewesen bin. Ich habe auch gesagt, daß in Nachfolgekämpfen der Fremde gerufen wird, es ist so gewesen, und muß so sein, entweder ruft ihn der eine Teil oder es ruft ihn der andere, oder er kömmt, wenn die Teile sich bis zum Niedersinken zerfleischt haben, selber. Die Fahne des heiligen Wenzel hilft euch in solchen Streiten nichts, weil er der Heilige beider Teile ist, und jeder auf ihn hofft, und ihn ruft. Aber er hört ihn nicht, und Gott und[349] alle Heiligen wenden sich von solchen Streiten mit Verdammnis ab, weil sie Bruderstreite sind, und wenn Gott in solchen Streiten dem Rechte hilft, so geschieht es durch Bitterkeit und Not, daß wir das Recht in Zukunft vor Leichtfertigkeit sichern. Weil es nun nicht zu vermeiden ist, daß der Fremde komme, so komme er zu uns, nicht zu den Feinden; damit aber unser Übel kurz daure, komme er bald, und damit er sich nicht an das Land gewöhne, ende er schnell. Dann, hoher Herzog, sage ich in meinem Alter, herrsche fort, und herrsche, wie du begonnen hast. Aber versammle deine Räte, und errichtet mit Langsamkeit und Weisheit ein Gesetz der Fürstenfolge, das mit großer Macht wirkt, die keiner anzutasten wagt, und das die Leiden endet, die ich sonst für alle Zeiten sehe, und denen ich nicht mit diesen weißen Haaren, und nicht mit diesen Worten meines Mundes wehren kann.«

Als er dieses geredet hatte, ließ er sich wieder so langsam, wie er aufgestanden war, auf seinen Sitz nieder.

Nach ihm meldete sich niemand sogleich, zu sprechen, sondern die Männer redeten wieder mit einander.

Da gab Diwiš das Zeichen, daß er sprechen wolle, und da es stille geworden war, sprach er: »Ich habe in der Versammlung auf dem Wyšehrad für Wladislaw, den Sohn Soběslaws, gesprochen. Aber Wladislaw hat sein Recht aufgegeben, und Konrad hat gar kein Recht. Wladislaw, der Sohn unsers vorletzten milden Herzoges, ist jetzt der Fürst und im Rechte, und wir kämpfen für das Recht. Und wenn wir auch unser und unserer Angehörigen Blut, und unsere Habe, wie Božebor gesagt hat, dafür hingeben, so dürfen wir doch nicht das Blut von tausend andern hingeben, die nicht wissen, weshalb gekämpft wird, und es fließet dieses Blut der tausend andern wie von Unschuldigen, ihre Habe wird vertilgt, wie die von Verfolgten, daß sie dem Jammer verfallen,[350] davon sie zeitlebens nicht genesen. Damit das Übel nicht größer werde, und länger daure, gehe der erhabene Herzog zu Konrad, und dieser helfe. Dann aber sage ich wie Bolemil, es werde Vorsicht getroffen, daß die Streite der Söhne Přemysls nicht mehr entstehen.«

Als er gesprochen hatte, setzte er sich wieder nieder.

Nach ihm redete Lubomir, und sprach: »Weil der hohe Herzog durch zwei Meinungen gewählt worden ist, durch die eine Meinung, die das Wohl des Landes zum Ziele hatte, und durch die andere Meinung, deren Ziel war, statt des jungen Herzoges, den sie fröhlich und eitel meinten, schalten und herrschen zu können, so war es unvermeidlich, daß komme, was gekommen ist. Die zwei Meinungen mußten zerfallen. Wir sind bei der besseren Meinung des Wohles des Landes und bei dem Rechte des Herzogs. Wenn die andere Meinung siegte, hätten wir gar keinen Herzog, sondern nur die Macht vieler einzelner, und der Streit wäre unauslöschlich. Darum muß der jetzige ausgestritten werden. Solche Streite kommen wie Gewitter, die Wehe und Unheil bringen, das getragen werden muß. Väter verlieren ihre Söhne, die Kinder verlieren ihren Vater, ein edles Weib wird eine Witwe, eine alte Mutter überlebt den jungen Sohn, und das Geschenk Gottes, die Liebe in den Banden des Blutes wird zerrissen. Ich rede nicht von dem Verluste der Habe; denn Habe kann wieder zu dem Menschen kommen; aber das Blut, das verloren ist, bleibt verloren. Damit das Unglück nicht noch unglücklicher werde, und durch den Sieg der Feinde erst recht unglücklich, ergreift zum schnellen Ende jedes christliche Mittel, das geboten wird, dann, sage ich auch, macht ein Nachfolgegesetz. Zu seiner Hilfe aber streuet den heiligen Glauben aus, daß sich die Menschen zähmen, und nicht nach Unrecht trachten. So rede ich wie viele, die gewußt haben, was kommen wird, und sich ihm, da es gekommen ist, gestellt haben.«[351]

Er nahm nach diesen Worten seinen Platz wieder ein.

Ctibor stand auf, und sprach: »Und wenn sie sollten doch herein kommen, die sich jetzt den Mauern nähern, so werden sie uns erst recht alles nehmen, Weib und Kind und Hab und Gut, und wir sind verloren. Das bedenkt.«

Nach ihm erhob sich der Kmete des rechten Burgfleckens, und sagte: »Hoher Herr, ich bin noch dabei gewesen, als der Herzog Bořiwoy Prag gegen deinen guten Vater überfiel, da sind viele Menschen desselben Blutes gegen einander gestanden, Dinge unerhörter Art geschehen, so entsetzlich, daß sich die Greise die Haare ausrauften, und die Frauen ihren Leib verfluchten, daß er geboren hat. Gehe zu dem erlauchten Könige Konrad, hoher Herr, wir werden in der Zeit die Stadt mit unserm Leben verteidigen, daß kein Stein in die Hände der Feinde geraten soll. Dann aber erscheine, und rette alles, daß nicht das größte Unglück geschieht.«

»Ja, es ist wahr, die großen Unheile dürfen nicht kommen«, »sie dürfen nicht kommen«, riefen mehrere Stimmen.

Der Kmete setzte sich wieder auf seinen Platz.

Nun erhob sich noch einmal mühsam von seinem Stuhle der alte Wšebor, und sprach: »Ich bin ein alter Mann, und kann nicht mehr viel vollbringen, ich kann auch nicht ansagen, welche Mittel außer den Fremden helfen würden, und weil sie unvermeidlich sind, wie Bolemil gesagt hat, so füge ich mich; aber ich beklage es.«

Er suchte wieder seinen Platz einzunehmen.

Da stand auch Božebor noch einmal auf, und sprach: »Ich beklage es auch; aber ich füge mich nicht. Wenn das, wovon ihr redet, unvermeidlich ist, so ist es doch schlimm, und ich will nicht helfen, daß das Schlimme geschehe.«

»Rufe nicht den Zwiespalt hervor«, schrie Zwest.

»Du stiftest Hader«, rief Odolen.

»Keine Uneinigkeit«, »nicht Uneinigkeit«, riefen mehrere[352] Stimmen, und ein Teil der Männer sprang von den Sitzen empor.

Der Herzog winkte mit seiner Hand. Und als sich die Ruhe wieder nach und nach eingefunden hatte, fragte er, wer weiter sprechen wolle.

Es sprach niemand.

Nach einer Weile stand er auf, und sagte: »Es hat hier ein jeder die Freiheit, zu reden, wie sein Herz denkt. Es soll nicht gesagt werden, ich höre meine Räte nicht; aber es soll gesagt werden, daß ich nicht in der Gewalt meiner Räte bin. Wer in unserem jetzigen Streite gerufen wird, ist nicht ein Fremder. Es ist der Bruder, welcher zu der geliebten Schwester, es ist der Schwager und Freund, welcher zu dem Schwager und Freunde kömmt. Es ist bei der Menschheit so, daß der Mensch dem Menschen, der Nachbar dem Nachbar, der Freund dem Freunde hilft. Wessen Haus brennt, dem stehen die bei, die um ihn sind. Und es werden die Zeiten kommen, daß die Völker nicht mehr allein sind, daß sie sind, wie Mensch und Mensch, wie Nachbar und Nachbar, wie Freund und Freund. Und dessen Hilfe ich heute brauche, der braucht die meinige morgen. Es wäre uns besser, wenn wir unser brennendes Haus selber löschen könnten, aber ehe wir mit dem Löschen fertig sind, verbrennt es. Es ist mir in das Herz gegangen, als Bolemil gesagt hatte, daß er in den früheren Kämpfen gewesen ist, und daß er in dem jetzigen wieder ist, als Lubomir gesagt hatte, was getragen werden muß, und als mein Kmete gesagt hatte, was geschehen ist, da mein Vater um den Fürstenstuhl ringen mußte. Ich rufe: es sei Gott vor, daß sich solche Dinge bei mir erneuern. Konrad wird in das Land kommen. Ich werde meine Männer mit den seinigen vereinen, und ich, der Herzog, werde es sein, der die Schlacht schlägt. Er wird sich wieder entfernen, und wir werden daran gehen, eine Schranke zu gewinnen, daß solche Zwiste nicht mehr[353] möglich sind. Du aber, Božebor, handle nach deinem Sinne, und so jeder, der da will. Bleibe in deinem Hofe, oder wo du willst, bis diese Sache aus ist, und dann komme zu mir, so es dir gefällt, und ich werde dir die Hand reichen. Die unseres Sinnes sind, lade ich für die dritte Stunde des Nachmittages wieder in diesen Saal, daß wir das weitere in das Werk setzen. Jetzt aber rede noch jeder, der zu reden gesonnen ist.«

Der Herzog schwieg.

Es redete niemand mehr.

Dann sagte er: »So bringe ich euch meinen Dank dar, daß ihr euch hier eingefunden habt, und wir zerstreuen uns.«

Die Versammlung ging auseinander. Dann verließ er seinen Sitz, sprach noch mit mehreren, und ging dann aus dem Saale. Die Krieger seines Hofes folgten ihm.

Als die dritte Stunde des Nachmittages gekommen war, versammelten sich die Männer wieder in dem Saale des Herzoghofes. Es waren alle gekommen, die am Morgen in dem Saale gewesen waren, nur Božebor nicht.

Der Herzog ging zu seinem Stuhle, und setzte sich auf denselben.

Als eine aufmerksame Stille eingetreten war, erhob er sich, und sprach: »Liebe und Getreue! ich danke euch, daß ihr, wie ich sehe, alle bis auf einen gekommen seid. Ich habe euch heute gesagt, daß die Feinde in einigen Tagen vor diesem Berge sein werden, und daß unsere Handlungen nicht zögern dürfen. Lasset uns dieselben in Schnelligkeit vollführen. Ehe das Licht des morgigen Tages scheint, verlasse ich die Stadt. Für die Zeit, in der ich fort sein werde, ordne ich an, wie folgt: Dir, Otto, Bischof von Prag, vertraue ich die Stadt zu dem überirdischen Schutze. Bitte Gott, daß er dem Rechte hilft, wenn es auch durch Bitterkeit und Not geschieht, wie Bolemil sagt. Dir, Bruder Diepold, vertraue ich die Stadt zum irdischen Schutze. Du wirst eher das Leben lassen,[354] als deine Ehre und deinen Ruhm auf dieser Erde und deine Seligkeit im Himmel verlieren. Dir, Zdik, Bischof von Olmütz, vertraue ich unsern Zug zum überirdischen Schutze, begleite uns, und bitte um sein Gedeihen. Für den irdischen Schutz unseres Zuges werde ich selber sorgen, so gut ich kann. Ich nehme einen kleinen Teil des blauen Fähnleins mit. Du, Welislaw, gehst mit mir nach Deutschland, und dann in die Schlacht; du, Odolen, desgleichen. Witiko, du gehst mit mir, sei in der neuen Schlacht umsichtig, wie in der letzten. Und daß es uns nicht an Schreibern fehlt, gehen aus meinen Hofkaplänen Wiliko und Berthold mit. Versammelt euch, ehe morgen die Frühdämmerung kömmt, vor dem Herzogstuhle der Stadt. Ihr andern aber, höret mich: Otto, du Mann der Kirche, Bolemil, du Schwerbetroffener, Lubomir, dessen Schmerz ich gedenken werde, Diwiš, du treuer Župan, Chotimir, Preda, Wšebor, ihr Äbte, Daniel, Gervasius, Nemoy, und du, Ctibor, Bartholomäus, Předbor, und du, Casta, der du kaum von deiner Wunde genesen bist, und du, Wecel, der du, wenn gleich ein Widersacher meines Vorhabens, doch hieher gekommen bist, und Diet, und Osel, und Rowno, und die Kmeten meiner Burgflecken, und alle! Mein Befehl an euch hört in diesem Augenblicke auf, und es beginnt der meines Bruders. Wenn ich auf den Zinnen der Stadt das große rosenfarbene Banner wieder berühre, ist der Befehl wieder bei mir. Verteidiget die Stadt, und wenn ihr mich kommen seht, so zieht das rosenfarbene Banner höher hinauf, und wenn die Schlacht vor der Stadt ist, so kommt hinaus, wenn die Zeit es gebietet.«

Da er diese Worte redete, kam die Herzogin mit ihren Frauen in den Saal. Sie ging an das obere Ende des Tisches, und stellte sich neben den Herzog an die Stelle, von der Diepold zurückgetreten war. Ihre Frauen standen hinter ihr.[355]

Der Herzog sagte: »Ich vertraue euch Gertrud, die Herzogin der Länder Böhmen und Mähren, die Tochter des frommen Markgrafen Leopold von Österreich, meine erlauchte und vielgeliebte Gemahlin. Ihr seht, wie gewiß ich es weiß, daß die Stadt in eurer Gewalt bleiben wird.«

Otto, der Bischof von Prag, antwortete hierauf: »Erlauchter Herzog, wir werden deine Anordnungen befolgen. Gott geleite dich, und kehre siegreich, wie Josua in das Gelobte Land, und die Herzogin werden wir hüten, wie seine Krieger den Bundesschrein gehütet haben.«

Lubomir sagte: »Gehe mit Gott, hoher Herr, lasse uns bald dein Banner vor diesen Zinnen sehen, daß unsere Augen und die Augen der Herzogin dieses Zeichen schauen können.«

Bolemil sprach: »Auf diesem Berge, wie in einem Herzen des Landes steht der Fürstenstuhl. Auf diesem Berge steht die Kirche des heiligen Veit, die Herrscherin der Kirchen des Landes, auf diesem Berge und in dieser Kirche sind unsere Heiligtümer, die Leiber unserer Heiligen, Wenzel und Adalbert, auf diesem Berge ruhen manche hohe Fürsten, auf diesem Berge steht der Herzogshof und der erste Župenhof, auf diesem Berge, in der Kirche des heiligen Veit, sind Schriften und Zeichen aufbewahrt, die die Handfesten und Geschicke des Landes enthalten, und auf diesem Berge ist jetzt das lebende Kleinod, die Herzogin, weil sie die Herzogin ist. Wir werden die Heiligtümer und das Kleinod bewahren. Du, Herr, siege, wie du gesagt hast, in deinem Namen, und ende bald.«

Diwiš sagte: »Wir werden treu sein wie immer, gehe mit Zuversicht deine Wege, hoher Herr!«

»Wir werden treu sein dem Lande, dem Herzoge und der Herzogin«, rief Jurik.

»Treu und streitbar«, rief Předbor mit seiner gewaltigen[356] Stimme, wie er einst auf dem Wyšehrad gerufen hatte: ›Wladislaw ist gewählt.‹

»Treu und streitbar«, riefen fast alle Anwesenden nach.

Der Kmete des rechten Burgfleckens sagte: »Hoher Herr! lasse die Herzogin durch die Leiber deiner Krieger des Burgfleckens wahren, sie werden alle eher an diesen Mauern nieder sinken, als gestatten, daß eine Schleife ihres Gewandes gebogen werde.«

»Ich danke euch«, sagte der Herzog, »alle werden mannhaft sein wie immer, und meine Krieger der Burgflecken werden mit allen andern die Herzogin schützen.«

Die Herzogin sagte darauf: »Ziehe in Frieden, mein Gemahl, wir alle werden die Stadtschützen.«

»Und so sei es geschlossen, was hier noch zu reden gewesen ist«, sagte der Herzog.

»Erlaube noch ein Wort, hoher Herr«, sagte Otto, der Bischof von Prag, »nicht ein Wort dieser Erde, sondern kraft meines Kirchenamtes ein Wort des Segens, das der Herr im Himmel neu erfüllen möge, wenn es so in seiner heiligen Vorsicht ist.«

Der Herzog neigte sich.

Der Bischof machte das Zeichen des Segens, und sprach die Worte des Segens.

Alle beugten ihre Leiber vor der heiligen Handlung.

Dann verließ der Herzog mit der Herzogin den Tisch, sprach noch manches kurze Abschiedswort gegen die Nächsten, machte mit der Hand ein Abschiedszeichen gegen alle, und dann gingen der Herzog und die Herzogin mit ihren Gefolgen aus dem Saale.

Nun ertönten auch Hörner zum Zeichen, daß die Versammlung geendet ist.

Die Männer verließen den Saal.

Witiko begab sich zu den Waldleuten, und rief diejenigen, die ihm untergeben waren, zusammen.

Als sie in einer Ordnung standen, trat er vor sie, und[357] sprach: »Liebe Heimatgenossen! Der erlauchte Herzog Wladislaw wird fortgehen, und mit einer Macht kommen, um die Feinde, welche diese Stadt umringen und erobern wollen, anzugreifen und zu zerstreuen. Er hat mir befohlen, ihn zu begleiten. Ich muß euch daher auf eine Zeit verlassen. Traget in dieser die Willigkeit, die ihr mir bisher erwiesen habt, auf Rowno über, er ist in der Heimat euer Nachbar, ist in dem Streite auf dem Berge Wysoka euer Nachbar gewesen, und ist in der hiesigen Anordnung wieder euer Nachbar. Ich sage es euch zuerst, um zu hören, ob es euch so genehm ist. Einige von uns mögen mit mir gehen, wenn sie wollen, Lambert, Urban, Augustin und noch andere, die zu reiten verstehen. Der Herzog wird uns Pferde geben.«

»Du mußt den Knaben Urban sehr gut bewahren«, rief Peter Laurenz, der Schmied von Plan, »er ist meiner Schwester Kind, ich bürge für ihn, und belehre ihn. Wenn er besser reiten lernt, ist es gut, und es ist gut, wenn er vor den Herzog kömmt. Wir sind ohnehin die Kriegsgenossen des Herzogs, und der Herzog hat den Knaben schon gesehen. Werft die Feinde nieder, und wehret euer Leben. Der erlauchte Herzog wird zu dem Könige Konrad nach Deutschland reiten. Wir wissen es schon, heute vormittag ist es sicher gemacht worden. Urban kann zu dem deutschen Könige mitgehen, und der König kann ihn sehen. Und mit Rowno werden wir uns schon vertragen. Und wenn die kommen, die auf dem Berge Wysoka so gegen uns waren, so werden wir ihnen die Stadt nicht lassen, wie wir ihnen den Berg nicht gelassen haben, damit das Recht besteht, und wir werden ihnen das Gold und die Steine nehmen, die sie hieher gebracht haben, Redet, Männer, wie es mit Rowno ist.«

»Rowno soll nur bei uns bleiben, wenn Witiko fortgeht«, sagte Stephan, der Wagenbauer.[358]

»Rowno soll bei uns bleiben, bis Witiko kömmt«, rief Adam.

»Wir halten mit Rowno«, rief Paul Joachim.

»Rowno, Rowno«, schrien mehrere Stimmen.

»Ich gehe mit dir zu den deutschen Rittern«, rief Lambert.

»Ich gehe auch mit«, rief Augustin.

»Ich gehe auch mit zu dem Könige Konrad«, rief Urban.

»Ich auch«, rief Zacharias.

»Ich auch«, rief Maz Albrecht.

»Das werden wir schon ordnen«, antwortete Witiko, »jetzt müssen wir Rowno fragen, ob er die Führerschaft übernehmen will, wenn nicht zu viele dagegen sind.«

»Niemand ist dagegen«, rief Tobias.

»So geht zu ihm, Maz Albrecht, und Zacharias, und sagt, daß wir ihn bitten, er möchte auf ein kurzes zu uns kommen«, sagte Witiko.

Die zwei Männer gingen, und als sie mit Rowno zurückkamen, sagte Witiko zu ihm: »Rowno, du hast in dem Saale gehört, daß ich mit dem Herzoge gehen muß. Ich möchte nun, so lange ich fort bin, dir, hochehrbarer Wladyk, den Schutz und die Führung derer anvertrauen, die mich auf dem Berge Wysoka zu ihrem Vormanne gewählt haben, und ich möchte dich bitten, diesen Schutz und die Führerschaft zu übernehmen. Meine Männer sind einverstanden.«

»Ja, wir sind einverstanden«, riefen mehrere Stimmen.

Rowno antwortete: »Meine lieben Heimatleute! wir sind benachbart, ihr kennt mich und meine Angehörigen, und ich und meine Angehörigen kennen euch. Wir haben uns immer Gutes gewünscht. Ich tue gerne, was Witiko verlangt. Wenn ihr Euch, bis er wieder da ist, unter meine Leute einordnen wollt, so werden wir zusammen halten, und uns gegenseitig helfen, wenn die Feinde vor die Stadt kommen.«[359]

»Ja, bis er da ist«, rief der Schmied.

»Bis er da ist«, rief Philipp.

»Bis er da ist«, riefen mehrere Stimmen.

»Es ist schon recht«, sagte Zacharias, »wir und Osel und die andern werden zusammen stehen.«

Witiko sprach: »Das ist nun geordnet. Lambert, Augustin und Urban reiten mit mir, sie mögen sich rüsten, und eine Stunde nach Mitternacht zu mir kommen. Und ihr, Männer, werdet fest und stark sein, wenn die Feinde erscheinen, und haltet, wenn ihr an einer Stelle angehen müsset, die Reihe geschlossen.«

»Wie geschweißtes Eisen«, antwortete der Schmied, »daß sie uns eben so wenig wie damals von dem alten Manne, der in einer Tragtruhe saß, trennen können.«

»Ja, tut nur so«, rief eine Stimme wie von der Erde auf. Witiko blickte um, und sah Tom Johannes den Fiedler, der auf einem gehauenen Steine saß.

»So bist du wieder in fröhlicher Gesundheit da?« sagte er zu ihm.

»Ja«, entgegnete der Fiedler, »gesund bin ich fast, aber mit der Fröhlichkeit ist es aus. Sieh nur, wie ich verändert bin, wie wenn der Wind einen Dornstrauch verdreht hat.«

»Der verdrehte Dornstrauch bringt wieder Rosen«, sagte Witiko.

»Weil er ein Narr ist, der in jeder Gestalt blühen kann«, antwortete der Fiedler. »Meine Hand ist wie das Winkelmaß Davids des Zimmerers, ich kann nicht mehr geigen, und wenn ich zur Vergeltung einen Spieß nähme, so müßte ich mich seitlings stellen, um werfen zu können.«

»Sie werden es ohne deinen Spieß auch machen«, sagte Witiko, »du wirst für dich etwas ersinnen, und wenn die lustigen Tage kommen, wird deine Fiedel wieder im grünen Walde singen, wie immer.«[360]

»Daß die Dohlen und Häher davon fliegen«, entgegnete Tom Johannes.

»Habt acht auf ihn, daß ihm nichts geschieht«, sagte Witiko.

»Wir werden schon sorgen«, antwortete der Schmied, »und von unserer Beute, die die Feinde bringen werden, ihm etwas geben. Er ist nicht zu bewegen gewesen, nach Hause zu gehen.«

»Weil ich erwarten will, was hier noch geschieht, und weil ich nicht fort sein will, wenn der Herzog seine Männer belohnt«, antwortete Tom Johannes.

»Du wirst belohnt werden, Tom«, sagte Witiko, »und den Verwundeten wird man es wohl insonderheit gedenken.«

»Ich meine, wenn sie sich nichts erwerben können«, sagte der Fiedler.

Da Witiko noch mit Tom Johannes sprach, kam Sebastian, der Schuster von Plan.

Die Männer lachten, riefen und begrüßten ihn. Er hatte einen geflochtenen Korb auf seinem Rücken, wie Frauen, wenn sie Dinge zum Markte tragen.

»Bist du da«, sagte Witiko, »und was bringst du uns?«

»Sie sind alle gesund«, antwortete Sebastian, »Martin und Lucia grüßen euch, es sind nur zwei Weiber gestorben, davon eine nicht aus der Pfarre war, ich habe den Weg in zehn Tagen hin und zurück gemacht, und der Brettermelchior hat einen wunden Fuß. Ich habe Stiefel und Fußtücher und andere notwendige Dinge geholt, und mir Marderbälge und Iltisbälge mitgebracht.«

»Wozu brauchst du denn die Bälge?« fragte Witiko.

»Die Schuster nähen hier Bälge zu so wunderbar feinen Sachen zusammen«, antwortete Sebastian, »zu zierlichen Fußschuhen, zu Hauben, zu Umwürfen, zu Gürtelsäumen, und da will ich das lernen, und in Plan solche kostbare Dinge verfertigen.«

»Du hast eine ungefüge Lernezeit gewählt«, entgegnete[361] Witiko, »bringe nur deine Bälge in Sicherheit, und stelle dich wieder zu deinen Männern.«

»Ich werde alles verrichten, was not tut«, erwiderte Sebastian.

Dann setzte er sich mit seinem Korbe neben Tom Johannes, den Fiedler, auf einen andern behauenen Stein.

Hierauf sagte Witiko: »Ich muß mich von euch verabschieden, ihr Männer, Gott behüte euch, wir werden nicht lange getrennt sein.«

»Gott behüte dich«, riefen mehrere Stimmen.

»Sieh nur, daß sie dich nicht verunstalten wie mich«, sagte Tom Johannes der Fiedler.

»Ich werde mich schon wehren«, antwortete Witiko.

»Ich habe mich auch gewehrt«, sagte der Fiedler.

»Und sieh nur auf den Urban«, rief der Schmied.

Witiko reichte Rowno die Hand, dann auch mehreren Männern, grüßte alle, und entfernte sich.

Er ging in seine Wohnung, und richtete zurecht, was er mitnehmen wollte.

Eine Stunde nach Mitternacht kamen Lambert und Augustin und Urban zu ihm. Er sendete seinen Knecht Jakob um vier Pferde aus den Pferden des Herzoges, Jakob brachte die Tiere, die Männer rüsteten sich, und bestiegen sie, Witiko sein eigenes, und Jakob und die drei andern die Pferde des Herzogs. Raimund mußte in Prag zurückbleiben. Da sie von dem Priesterhause weg ritten, sahen sie, daß vor dem Hofe des Bischofes Pferde standen, und daß die Leute Božebors daran waren, sie zu besteigen.

Witiko ritt mit seinen Männern gegen den Herzogstuhl, und als alle dort versammelt waren, und der Herzog mit seinem Geleite erschienen war, nahm der Bischof, es nahmen die Priester und die hohen Kriegsherren, die herzu gekommen waren, Abschied, und der Zug begann. An der Spitze ritt eine Abteilung des blauen Fähnleins,[362] dann kam der Herzog, an dessen linker Seite der Bischof Zdik ritt, dann kam das Gefolge des Herzogs und des Bischofs, dann kamen Welislaw, Odolen und Witiko und die Kapläne. Welislaw hatte dreißig Männer, Odolen sieben, Witiko vier. Den Schluß machte die andere Abteilung des blauen Fähnleins.

Sie ritten zu dem Tore nieder.

Da sie dort anlangten, stand Božebor mit den Seinigen da.

Der Herzog sagte zu ihm: »Du wirst mir gönnen, Božebor, daß ich mit meinen Männern zuerst durch das Tor reite.«

Božebor stellte sich mit seinen Leuten seitwärts, das Tor wurde geöffnet, und der Zug des Herzoges ritt hinaus.

Der Zug ging in den Büschen dahin gegen die Waldhöhe, welche neben dem Dorfe Břewnow war. Sie konnten, wenn sie umsahen, Božebor mit seinen Männern eine Strecke hinter sich sehen. Als sie auf der Waldhöhe zu dem Scheidewege Zernownice gekommen waren, und auf dem einen der Wege fortritten, sahen sie dann Božebor nicht mehr hinter sich.

Der Zug ging nun unablässig in der Richtung gegen den Abend des Landes fort.

Diepold, der neue Befehler der Stadt, machte sofort an diesem Tage mehrere Anordnungen. Für den folgenden Tag hieß er alle, wenn die Sonne aufginge, an ihren Stellen sein.

Als sich die Sonne an diesem Tage erhob, ritt Diepold mit den Männern seines Geleites gegen die Zinnen der Stadt. Er hatte den Waffenschmuck an sich, den er auf dem Berge Wysoka getragen hatte. Ein schwarzes Kleid bedeckte seinen Körper, eine schwarze Haube sein Haupt. Ein roter Edelstein hielt eine weiße kurze Feder an der Haube. Auf dem Oberkörper trug er ein dunkles mattes Waffenhemd. Der Gürtel hatte rote Edelsteine, und so[363] auch die schwarzsammetne Schwertscheide. An der rechten Seite Diepolds ritt die Herzogin Gertrud. Sie war in ein dunkelbraunes Gewand gekleidet, wie es ihr Gemahl gerne trug. Hinter ihr ritten einige Frauen in weiten Gürtelkleidern. Unter den Frauen war auch Dimut auf ihrem braunen Pferde. Sie hatte ihr schwarzes Gewand an, darüber das Waffenkleid, das wie Silber glänzte, und auf dem Haupte die schwarze Spangenhaube, daran eine Rabenfeder empor ging. Am Gürtel trug sie ihr Schwert. Sie wäre wie Diepold gewesen, wenn sie nicht das lichte Waffenkleid und die schwarze Rabenfeder gehabt hätte. Da sie an die Zinne kamen, trafen sie vor der Brustwehre den Župan Jurik mit seinen Männern und den Schleudergeräten und Wurfdingen, dann war Chotimir mit denen aus Dečin und den Gerätschaften, dann war Diwiš, der Župan von Saaz, mit großen Geschossen für Pfeile, Balken, Steine und Brandwerke, dann weiterhin der alte Lubomir mit vielen Gerüsten für dicke Bolzen und andere schwere Dinge, und dann war der Leche Bolemil mit dem Reste der Seinigen. Er saß unter ihnen auf einem Stuhle, und die größte Schleuder, welche die Männer hatten, war bei ihnen. Dann kamen Wecel und der alte Wšebor, und Preda, und Ctibor, und die Äbte, und der Bischof, und Gervasius, und Milota, und andere. Dann war Nemoy von Netolic mit seinen Männern vom Rande des mittäglichen Waldes und seinen Schleudergeräten, dann kamen die von Taus, und die weiter hinauf vom Walde herstammten: Wenzel von Winterberg, und Wyhon von Prachatic, dann war Rowno von Rowna mit den Seinigen und mit denen, die ihm von Witiko übergeben worden waren. Sie hatten eine Schleuder bei sich, die große Steine bewältigen konnte, dann kam Diet von Wettern, und Hermann von Attes, der kaum von seiner Wunde genesen war, und Wernhard von Ottau, und andere. Dann war Ben, der Sohn Bens, des Führers, der[364] auf dem Berge Wysoka sein Leben gelassen hatte, dann Bartholomäus, Zdeslaw, Casta und andere Männer. Als Diepold und die Herzogin bei allen gewesen waren, und alles besehen hatten, und mit vielen Männern gesprochen hatten, ritten sie wieder in die Hofburg zurück.

Auf den zweiten Tag nach diesem Tage war in der Morgenstunde ein großer Gottesdienst in der Kirche des heiligen Veit angesagt. Als diese Morgenstunde kam, feierte Otto, der Bischof von Prag, mit den Äbten und Priestern in kirchlichem Schmucke den Gottesdienst wie an einem erhabenen Feste des Herrn. Die Herzogin, Diepold, die Führer, viele Krieger und andere Menschen waren zugegen. Am Ende des heiligen Opfers war das Kriegsgebet und die Segnung.

Am Nachmittage des nämlichen Tages kamen die Feinde gegen die Stadt. Man sah den lichten Schein der Lanzen und die Bewegung der Scharen. Unzählige Menschen blickten hinaus. Sie breiteten sich vor dem rechten Burgflecken aus, wie um ein Lager zu errichten. Alle Krieger waren auf den Mauern. Die Herzogin war bei ihnen.

Als der Abend dieses Tages gekommen war, sah man eine Schar von Reitern von dem rechten Burgflecken über die Brücke eilen. Sie hatten Friedensfähnlein auf den Lanzen. Als sie in dem linken Burgflecken angekommen waren, hielten sie stille.

Diepold sagte zu Sezima: »Nimm zwanzig Reiter, reitet mit Friedensfähnlein hinaus, und frage um ihr Begehren.«

Sezima ritt mit zwanzig Reitern gegen das Brückentor, man ließ ihn hinaus, er näherte sich den Feinden, und von den Zinnen aus konnten sie ihn eine Zeit bei ihnen verweilen sehen.

Dann kehrte er wieder zurück.

Als er vor Diepold gekommen war, berichtete er: »Sie sagen, daß ein Mann unter ihnen sei, der die Macht habe,[365] im Namen Konrads, den sie ihren Herzog nennen, mit dir, wenn du der Befehler der Stadt bist, weil du Boten sendest, zu sprechen. Konrad will Blutvergießen meiden. Wratislaw von Brünn, Otto von Olmütz, Spitihněw, Leopold und Wladislaw lassen dir Gutes sagen.«

Diepold antwortete: »Reite wieder hinaus, und sprich: ›Diepold redet nur mit denen, die sich unterwerfen, und er wird es daran erkennen, daß sie mit zwei Friedensfähnlein auf einer Lanze kommen. Ein anderes Fähnlein wird er nicht mehr anerkennen, und die jetzt da sind, sollen sich entfernen, so sie Schaden meiden wollen. Mit den Nachkommen Přemysls, Wratislaw von Brünn, Konrad von Znaim, Otto von Olmütz, Spitihněw, Leopold und Wladislaw wird er sprechen, wenn sie mit Säcken auf dem Haupte und Stricken und Steinen um den Hals vor ihm knien.‹«

Sezima ritt wieder hinaus, und da er zurückgekommen war, sagte er: »Sie verlangen mit Wladislaw zu sprechen, und wenn dieser, wie es heißt, entflohen sei, mit Gertrud.«

Gertrud sprach: »Diepold, lasse Kugeln in sie werfen.«

Diepold sagte: »Sezima, du gehst jetzt nicht mehr hinaus.«

Dann schwieg er.

Die feindlichen Reiter blieben auf ihrem Platze stehen.

Nach einer Weile sagte er: »Legt auf.«

Die Männer legten einen Stein auf die Schaufel einer Schleuder.

Wieder nach einer Weile sagte Diepold: »Richtet, und dreht ab.«

Die Männer gaben der Schleuder eine Richtung, dann drehten sie an kurzen Speichen, die Schaufel fuhr in die Höhe, und in dem Augenblicke fiel eine große Steinkugel im Bogen gegen die Reiter nieder.

Diese wendeten sich um, und ritten über die Brücke davon.[366]

Ein Geschrei des Jubels folgte ihnen von den Mauern der Stadt.

Es kam der Abend, und als es finster geworden war, konnte man den Schein der Feuer der Feinde von den Burgflecken und von den Feldern her sehen.

Nach dem Frühgottesdienste des nächsten Morgens sahen die Männer, daß Feinde am unteren Ende des rechten Burgfleckens mit Schiffen, Flößen und Brettergerüsten über die Moldau und auf das hohe Feld Letne gingen, in welchem die Dörfer Owenec, Holišowic und Buben waren. Der andere Teil stand in Ordnung am Wasser.

Es wurde an diesem Tage keine Botschaft an Diepold gerichtet.

An dem folgenden Tage und an dem nächsten waren alle Feinde herüber gegangen, und errichteten ein Lager. Diepold störte sie nicht, und wenn es in der Stadt stille war, und die Luft von dem Felde daher ging, konnte man die Hammerschläge und den Schall der Arbeiten vernehmen.

Endlich erhob sich eine großes weißes Banner bei den Feinden, und mehrere kleine weiße Banner wurden sichtbar. Sofort entfaltete sich auch auf der Kirche des heiligen Veit das große rosenrote seidene Banner Wladislaws, und es wehten auf dem Herzogshofe und auf anderen Bauwerken und an Stellen der Zinnen kleinere rosenrote Banner.

Das große weiße Banner auf dem Felde war das Konrads von Znaim, den sie zum Herzoge erwählt hatten, weiterhin war das weiße grüngeränderte Banner Wratislaws von Brünn, dann war das Banner Ottos von Olmütz, dann Spitihněws und Leopolds, dann waren die Zeichen der andern Männer, Bogdans, Domaslaws, des alten Mikul, und mehrerer. Weit hinter den Feinden war Kochan, und man sagte, daß er gekommen sei, zu sehen, wie sich beide Herzoge vernichten, worauf dann die übrigen Lechen herrschen würden.[367]

Da der sechste Tag gekommen war, seit sich die Feinde vor der Stadt gelagert hatten, näherten sich am Morgen dieses Tages verschiedene Geräte der leichten Art den Mauern. Auf Wägen wurden allerlei Dinge geführt. Die Männer der Feinde rückten auch heran. Da sie nahe waren, hielten sie an, und von den Geräten flogen nun Pfeile, Pflockbolzen, Steine, Wurflanzen und Eisenstücke auf die Zinnen. Die Männer Diepolds rührten sich nicht. Auf seinen Befehl hatten sie sich hinter die Bergen begeben müssen. Da endete das Werfen der Dinge, und von den Feinden sonderte sich ein Haufen Krieger ab, und ging gegen die Mauern vorwärts, dies tat auch ein zweiter, ein dritter und mehrere. Da sie nahe an der Mauer waren, begannen sie zu rennen, indem sie Leitern, Stangen, Haken, Schilde, Stricke und Kletterdinge trugen. Sie befestigten Werkzeuge an den Mauern, und suchten, empor zu klimmen. Hinter ihnen standen viele Bogenschützen, welche unaufhörlich Pfeile gegen den oberen Rand der Zinnen sendeten. Jetzt gab Diepold ein Zeichen in die Luft, und auf dieses Zeichen ertönte die größte Glocke des Turmes des heiligen Veit, und da der erste Klang erscholl, stürzten die Männer Diepolds heran, und warfen Ziegel, Steine, Blöcke, Bäume, eisengezackte Balken, siedendes Wasser und brennendes Pech auf die Emporklimmenden nieder. Ein Teil der Krieger war in Bereitschaft, dort, wo sich zwischen den Schirmen, die die Feinde über sich emporschoben, menschliche Glieder zeigten, Pfeile und Lanzen hinein zu schicken. Ein anderer Teil suchte insbesondere diese Bergeschirme der Feinde durch schwere Wurfdinge oder Feuer zu zerstören, oder auf die Feinde selber zu schleudern. Viele Krieger sendeten beständig aus Geräten Steine und Wurflanzen und von Bögen Pfeile gegen die Schützen der Feinde.

Die Glocke des heiligen Veit tönte fort.

Zuweilen erscholl ein geller Ruf zum Zeichen einer[368] schweren Verwundung, oft rann an einem Manne Blut hinunter, ohne daß er es wußte, man sah manchen Krieger taumeln, ohne daß man erkennen konnte, ob die Schauer des Todes ihn stürzen wollten, oder eine Verwundung. Er wurde zurückgetragen, wo die Pfleger versammelt waren. Auch Feinde sah man fallen, oft wurden mehrere zugleich samt ihren Geräten von den Leitern gestürzt, und man sah, wie Männer von den Mauern weg getragen wurden. Aber neue drangen nach, und die Leitern füllten sich immer wieder. Der Bogenschützen, welche die Verteidiger zu schädigen suchten, wurden immer mehr. Diepold vermehrte auch die seinigen. Er sah, daß die Bergen, die von jenen Männern hinaus geschoben wurden, welche die Dinge auf die Felder hinunter zu werfen hatten, zu schwach seien, und suchte sie durch stärkere zu ersetzen. Auf der ganzen Strecke, an der die Feinde empor drangen, waren die Verteidiger versammelt, und die ermüdet wurden, ließ Diepold mit frischeren wechseln. Die Waldleute fanden sich in die Sache, und arbeiteten stetig, wie sie mit den Baumstämmen ihrer Felsen oder gegen die Tiere ihres Waldes arbeiteten. Tom Johannes saß hinter einer Berge, und schrie Worte, die niemand vernahm, und machte mit den Händen Zeichen, auf die niemand achtete.

Da dieses geschah, ritt die Herzogin an die Zinnen. Sie war von mehreren Hofherren begleitet, aber von keiner ihrer Frauen. Nur Dimut ritt in ihrem Waffenkleide neben ihr. Die Herzogin ermunterte die Männer, und belobte sie. Als sie zu den Waldleuten kam, erhoben diese einen so wilden Ruf, daß die Glocke des heiligen Veit dagegen nicht zu vernehmen war.

Von den Feinden lösete sich jetzt eine Schar ab, welche größer war als alle, die bis zu der Zeit an die Mauern gekommen waren. Sie eilte gegen eine Stelle, welche weniger Krieger enthielt, und strebte in Schnelligkeit empor[369] zu klimmen, indes andere unter ihnen durch Sandsäcke Rasen Reisig und dergleichen schleunig den Boden an den Mauern zu erhöhen versuchten; aber die Männer Diepolds kamen wie eine Wolke, welche den Hagel birgt, herbei, und sie erhoben ein Freudengeschrei, weil sie die Absicht der Feinde erkannten, und die Mittel hatten, sie zu vereiteln. Das Hinabwerfen der Verteidigungsdinge wurde dichter, als es bisher gewesen war, es wurde ein Schütten, und wenn man meinte, das Schütten sei am heftigsten, wurde es noch heftiger. Das Hinaussenden der Lanzen, Pfeile, Steine, und anderer Wurfsachen auf die Bogenschützen wurde ein stetiger Strom. Der Kampf war sehr kurz. Die Feinde glitten zurück, verließen ihre Geräte, und wichen gegen die Ihrigen. So taten sie an allen Stellen. Da sie in Unordnung zurückgingen, öffnete Diepold das Tor, und drang mit einer Schar Männer, die er bereit gehalten hatte, hinaus, indem er auf seinem schwarzen Pferde unter ihnen ritt. Er eilte den Feinden nach, und was durch Lanze und Schwert zu erreichen war, wurde durch Lanze und Schwert geschlagen. Als sie gegen das ganze Heer der Feinde kamen, wendeten sie um, ritten in Schnelligkeit zurück, und wurden durch das Tor aufgenommen.

Jetzt war Ruhe auf den Mauern, und die Glocke des heiligen Veit tönte nicht mehr.

Diepold, die Herzogin, der Bischof, Äbte, Priester und Führer gingen jetzt auf den Kampfplatz. Da waren die Rüstzeuge des Krieges, die man gebraucht hatte, da waren die ermatteten Krieger, es waren Verwundete und Tote. Die Ärzte und die Pflegediener waren da, Leute aus der Stadt, Frauen, Jungfrauen, Priester und andere waren gekommen, und spendeten Labung. Manche Männer gingen herum, und bluteten an diesem oder jenem Teile ihres Körpers. Andere saßen oder lagen. Der Priester von Daudleb wusch Moyslaw die Wunde eines Lanzenstiches,[370] die er an der Achsel erhalten hatte, und verband sie ihm. Dann schnitt er Zwest die Spitze eines Pfeiles aus dem Arme, und verband ihn, Jurik, der Sohn Juriks, dem ein Stein das Knie gestreift hatte, und Zdeslaw, der Sohn Diwiš', der einen Lanzenstich hatte, wurden verbunden. Andere wurden von den Ärzten in Sorge genommen, und jeden, wenn es sein konnte, trug man in die Verpflegungsorte. Diepold und seine Begleiter gaben überall Trost. Diepold verlangte, die Toten zu kennen. Man wußte sie noch nicht alle. Budilow, ein reicher Wladyk aus den Fluren von Gradec, hatte sein Leben verloren, so auch Wat, ein Leche aus den Gebirgen an Polen, der mit seinen Leuten unter Jurik gestanden war, so der Wladyk Kuneš aus dem Abende des Landes, so Izzo von Tynec, Welich von Suchomast, Radoslaw von Bezno, Welkaun von Jesenic, und andere Männer, die auf ihrem Eigen mit Sippen gesessen waren. Diepold verordnete, daß von allen ein genaues Verzeichnis gemacht werde, wenn etwa Verhandlungen mit ihren Angehörigen würden.

Dann ging er mit allen, die um ihn waren, zu den Verwundeten und Kranken in die Verpflegungshäuser. Dann ordnete er an, daß Erquickung an Speise und Trank, reichlicher und besser als zu anderen Zeiten, an die Krieger komme.

Nach einer Zeit ritt eine Schar von Feinden gegen die Mauern, mit schwarzen Fahnen, welche die Bitte anzeigten, daß ihnen gestattet werde, ihre Toten und Verwundeten weg zu bringen. Diepold ließ eine schwarze Fahne der Gewährung errichten. Sogleich gingen die Feinde daran, die Ihrigen zu bergen. Die Männer auf den Mauern sahen auf sie, und konnten die Gewänder erkennen, wie sie in dem einen oder in dem andern Striche des Landes getragen wurden, und wenn einer Verwandte unter ihnen gehabt, und auf sie hinab gesehen hätte, so hätte er ihre Angesichter zu erkennen vermocht.[371]

Am Abende des Tages wurde ein ernster Lobgesang in der Kirche des heiligen Veit gehalten. Diepold, die Herzogin, und alle Führer wohnten bei, und so viele Krieger, als die Kirche zu fassen vermochte. Die Waldleute knieten in ihren rauhen Gewändern auf dem Boden der Kirche.

Als die Nacht anbrach, ging man, die Wurfdinge zu ergänzen, daß sie zum Gebrauche wieder hergerichtet wären.

An dem nächsten Tage begannen die Feinde nichts gegen die Stadt.

Da der Abend gekommen war, ließ Diepold die Führer rufen, und eröffnete ihnen, wie er wisse, daß an dem Felde, auf welchem die Feinde gelagert seien, sich eine Wiese befinde, die Sumpf und Moor habe, daß das Lager gegen die Wiese weniger befestigt und bewacht sei. Er aber wisse einen festen Weg durch den Sumpf und das Moor, und ein vertrauter Mann habe noch in diesen Tagen Rütchen auf den Weg gesteckt. Er wolle in der Nacht mit einer Schar durch den Sumpf gehen, und das Lager überfallen, und so viel Schaden tun, als er könne. Und wenn er zurück ginge, wolle er die Verfolger in den Sumpf locken. Die Führer möchten die Männer wählen, die sich zu dem Unternehmen melden. Um Mitternacht ist die Versammlung bei dem Herzogstuhle.

Die Führer entfernten sich.

Als die Mitternacht gekommen war, standen die Männer an dem Herzogstuhle. Es waren mehr als not tat. Diepold las sie aus, erklärte ihnen die Sache, und sagte: »Unser Wort heißt: Wladislaw, und das Wort zur Umkehr heißt: Gertrud.«

Hierauf gingen sie gegen das Tor, gefolgt von einem Häuflein Reiter, das Jurik führte. Das Tor öffnete sich. Außerhalb desselben stellte Diepold das Häuflein Reiter auf. Dann ging er mit den Männern gegen die Wiese. Auf derselben gingen sie gegen den Sumpf, und dann auf dem festen Wege in den Sumpf hinein. Der Mann, welcher[372] die Ruten gesteckt hatte, ging als Führer zwischen zwei Kriegern mit. Sie kamen auf dem Wege bis an das Lager. Dort war eine Umzäunung von Pflöcken, die in die Erde getrieben waren. Diepold hieß mit Brechstangen Pflöcke ausheben. Die Werkleute schritten daran. Da lehnte der Schmied von Plan seine Keule seitwärts, faßte einen Pflock mit seinen Händen, und zog ihn heraus, dann einen zweiten, dann einen dritten, und so fort. Als er zwanzig ausgezogen hatte, sagte Diepold, es sei genug, ließ einen Pflock über der Umzäunung als Zeichen erhöhen, und führte seine Männer durch die Lücke ein. Nach einer Weile fanden sie drei Männer, die im Grase standen, und von denen sie nicht erkannt wurden, sie nahmen dieselben mit. Bald gelangten sie zu Lichtern. Da scholl ihnen entgegen: »Konrad.«

Sie riefen: »Wladislaw«, und rannten gegen die Feinde.

Da standen Wachen, sie wurden niedergeworfen. Dann standen wieder solche, sie wurden wieder niedergeworfen. Dann kamen sie zu Gezelten, und wenn Männer aus denselben eilten, oder von der Erde empor sprangen, wurden sie gestürzt, oder weiter getrieben. Ein Schreien erhob sich, und pflanzte sich in das Lager hinein fort. Diepold verbot, etwas anzuzünden, daß seine Schar von dem Scheine nicht erhellt werde. Der Fliehenden wurden immer mehr, und wenn einige Haufen sich widersetzten, wurden manche aus ihnen niedergestreckt, und die andern zurückgedrängt. Diepold war stets hinter ihnen, und schlug sie, und es durfte zwischen den Fliehenden und den Verfolgern kein Raum entstehen. So drang er in das Wirrsal der Feinde, wie eine Meereswoge gegen den kiesreichen Strand dringt, und alles mitnimmt.

Da wurde in dem Lager ein Lichtschein in gerader Richtung. An dem Scheine bewegten sich Lichter hin und wider, und glänzten Waffen. Die Feinde hatten eine Reihe gebildet.[373]

»Gertrud«, rief nun Diepold.

»Gertrud«, riefen die Männer sich zu.

Und sie wendeten sich, und rannten gegen die Umzäunung zurück.

Sie hörten hinter sich Kriegsruf und das Dröhnen von Schritten.

Da kamen sie an ihre Öffnung, warfen den erhöhten Pflock herab, und drangen hinaus. Sie gingen auf ihrem festen Wege in langer Zeile dahin. Bald hörten sie hinter sich ein Geschrei, wie wenn jemand von Entsetzen ergriffen wird, dann hörten sie Rufe der Weisungen und Mahnungen, und dann, wie sie immer weiter vorschritten, hörten sie nichts mehr. Da sie an dem Rande der Wiese ankamen, schollen zu ihrer Rechten Hufschläge, und an dem Tore fanden sie feindliche Reiter mit den Reitern Juriks im Kampfe. Sie griffen von hinten an, die Feinde, an den zwei Enden gedrängt, verwirrten sich, suchten seitwärts zu entkommen, und litten Schaden, da die einen den Hang empor ritten und überschlugen, die andern den Hang hinunter ritten, und stürzten. Diepold und Jurik verfolgten sie, wie es möglich war, dann kehrten sie um, und gönnten ihren Kriegern die Ruhe des Teiles der Nacht.

Als der Morgen des nächsten Tages angebrochen war, sahen sie die Feinde in ihrem Lager an der Wiese eifrig arbeiten. Bald sonderte sich ein Haufen Krieger ab, und ging in Schiffen über die Moldau in den rechten Burgflecken. Ihm folgten noch andere. Dann erhob sich Rauch an verschiedenen Stellen des Burgfleckens, und Häuser brannten, und das Feuer wurde immer größer, und die Einwohner bestrebten sich, zu löschen.

Die Männer auf den Mauern schrien: »Die Tiere, die Scheusale, die Wölfe, wenn wir einen fangen, sollen wir ihn töten, und keiner, wenn Tausende in unsere Hände kommen, soll das Leben behalten.«[374]

Leute aus der Stadt rannten herzu, und riefen: »Diepold, lasse uns hinaus gehen, und sie morden, vernichten, vertilgen, und wenn es auch unser und aller deiner Krieger Tod wäre.«

»Wir werden hinaus gehen, wie wir in der heutigen Nacht hinaus gegangen sind«, sagte Diepold.

Die Herzogin ritt herzu. Sie war im Waffenkleide, ihr goldenes Haar deckte ein glänzender Helm, und in der Hand hatte sie ein gezogenes Schwert. Hinter ihr ritten mehrere Herren des Hofes und andere Männer. Alle waren bewaffnet. Neben ihr ritt Dimut in ihrem gewöhnlichen Waffenkleide.

»Diepold«, rief die Herzogin, »ich bringe Krieger, und werde noch mehrere bringen, ich will eingereiht sein unter die Verteidiger der Stadt.«

»Hohe Herzogin«, sagte Diepold, »es geschehe nach deinem Sinne.«

Nun kamen auch Männer und Jünglinge der Stadt, und verlangten unter die Verteidiger aufgenommen zu werden.

Diepold sagte es zu, und wies sie an Plätze zur Einteilung.

Erst gegen den Abend sänftigte sich das Feuer, und in der Nacht wurde ihm Einhalt getan.

Am vierten Tage darnach kamen die Feinde wieder gegen die Mauern. Sie waren um viele mehr als das erste Mal, und führten eine große Zahl von Wagen mit sich, auf denen Erkletterungsgeräte, Leitern, Schilde, Bergen, Dinge, um den Boden zu erhöhen, und anderes waren. Eine größere Menge von Bogenschützen war aufgestellt, eine größere Menge von Männern rannte gegen die Mauern, und sie suchten mit größerer Heftigkeit und größerer Eifrigkeit empor zu dringen. Aber die Verteidiger waren auch schneller und unermüdlicher, in dichter Menge stürzten die Abwehren hinunter, in ununterbrochener[375] Reihe flogen die Geschosse hinaus, und wenn man die Krieger wechseln wollte, ließen sie es nicht zu. Aus der Stadt rannten Menschen herbei, und trugen in ihren Händen oder in ihren Kleidern Steine, Ziegel, Eisen, Blei, daß es auf die Feinde geworfen würde, wenn etwa der Vorrat der Krieger nicht ausreichen sollte. Die Herzogin war mit ihrer Schar auf den Zinnen, und eines Augenblickes ritt sie auch zu allen Kriegern. Ihre Augen waren glänzender und ihre Wangen röter als sonst. Dimut folgte ihr, und auch ihre Augen waren glänzender und ihre Wangen röter. Sie kam zu Jurik, der die Seinigen befehligte, sie kam zu Chotimir, der unter seinen Männern war. Sie grüßte und wurde gegrüßt. Sie kam zu Diwiš, der seine Balkengerüste ordnete. Er grüßte sie ernst. Sie kam zu Lubomir, der unter seinen Župenleuten stand, und dicke Bolzen versendete. Er neigte sich ehrerbietig. Sie kam zu Bolemil. Er saß neben der großen Schleuder, und befehligte. Seine Haube war ihm entfallen, und seine weißen Haare glänzten in der Luft. Er neigte sein Haupt vor der Herzogin, und fuhr fort zu befehlen. Sie kam zu dem Bischofe, der seine Männer leitete. Sie kam zu Milota. Sie kam zu den Waldleuten. Rowno trat einen Augenblick vor, zu grüßen. Die Männer des Waldes warfen Dinge gegen die Feinde, von denen man glaubt, daß sie von Menschenhänden nicht zu bewältigen sein könnten. Sie kam zu dem jungen Ben, zu Zdeslaw, Casta, und den weitern. Die Feinde mußten von ihrem Beginnen ablassen, Diepold verfolgte sie mit großen Scharen, und tötete viele, und ein Wehegeschrei und ein Geschrei des Zornes war unter den Verfolgten und Verfolgern.

Nun begannen die Feinde andere Arbeiten in ihrem Lager. Sie machten Wälle, Bollwerke und Gräben gegen die Stadt, als wollten sie gegen die Veste eine zweite Veste errichten. Sie bauten Bergen aus Balken und Bäumen, und arbeiteten hinter den Bergen. Und wenn ein Werk[376] aus Erde fertig war, so schoben sie die Bergen näher gegen die Stadt, und vergrößerten das Werk. Sie gruben auch Gräben mit Wällen, um sich in den Gräben der Stadt zu nähern.

Diepold ließ seine Mauern verbessern. Die Männer mauerten an schwachen Stellen eine zweite Mauer hinter der ersten, Verbalkungen, Bergen, Schutzwerke und neue Schleuderwerke wurden erbaut, und die Zimmerer, Schmiede, Pechgießer, Waffenmeister, Flechter, Pfeil- und Lanzendreher und alle, die in Pflicht genommen waren, arbeiteten rastlos.

Mit Greifzangen ließ Diepold Geräte und Dinge, welche die Feinde an den Mauern gelassen hatten, herauf nehmen, und was man nicht herauf nehmen konnte, wurde durch Feuer zerstört.

Alle Wurfdinge, welche tauglich erachtet wurden, sandte man gegen die Feinde, und sie sandten ihre Wurfdinge gegen die Stadt. Und oft ging Diepold mit Kriegern aus den Seinigen aus der Stadt, und kämpfte in dem Felde. Wenn er eine Stelle erkundigt hatte, die ihm eines Angriffes wert erschien, machte er mit Kohle eine Angriffszeichnung auf dem Tische, erklärte den Seinigen die Zeichnung, und brach dann mit einer Schar aus dem Tore, überfiel die Stelle auf Wegen, die ihm bekannt waren, und schlug mit Lanzen, Spießen, Keulen, Schwertern, Messern, was diese Waffen erzwingen konnten, und drängte mit Kraft gegen den Feind, so stark sie die Seinigen zu erregen vermochten. Die Männer faßten sich so nahe, als sie sich fassen konnten, an Riemen der Rüstungen, an Säumen der Gewänder, mit den Armen an den Armen, Brust gegen Brust, Körper an Körper, wie wütende kämpfende Brüder, wie Söhne der nämlichen Fluren, die mit Söhnen der nämlichen Fluren kämpfen. Und nach dem Kampfe eilte er wieder mit den Seinen in die Stadt.[377]

So dauerte es eine Zeit.

Endlich stellten die Feinde ihre großen Geräte, die sie zusammen gebracht oder neu gebaut hatten, und die Diepold nicht hatte hindern können, in die Erdwerke gegen die Mauern, die gegen sie befestigst worden waren. Und nun begannen sie die größten Wurfdinge gegen die Mauern zu schleudern, um sie zu zertrümmern. Von kleineren Geräten sandten sie Geschosse gegen die Verteidiger der Zinnen. Diepold sandte seine großen Geschosse gegen die Werke der Feinde, und die kleinen gegen die Angreifer. Wenn sich an einem Platze die Mauer zu lockern begann, ließ er Rahmen mit Geflechten über die Stelle hängen, und wenn die Geflechte sich zerfaserten, erneuerte er sie, und wenn die Feinde gerade dahin ihre Würfe richteten, ließ er dicke Stierhäute hinab, und brachte immer neue solche Häute.

Und die Nacht unterbrach nicht die Bemühungen, sie dauerten fort, und dauerten Tage und Nächte, und wenn kurze Fristen eintraten, so endeten sie bald wieder, und der Drang, zu gewinnen und zu verteidigen, kam mit erneuerter Kraft an ihre Stelle.

Die Führer, der alte Lubomir, der alte Diwiš, Wšebor, Preda gaben sich der Sache hin, der alte Bolemil gab das Teilchen seiner Tage, die ihm noch gegeben waren, preis, die Äbte waren da, der Bischof Otto, und Jurik und Gervasius und Nemoy und alle andern. Die Krieger wurden in ihren Anstrengungen abgelöst, die Führer nicht.

Die Herzogin befehligte ihre Schar Kriegsleute wie ein Mann, sie leitete mit Diepold die ganze Verteidigung. Dann ging sie zu den Kriegern, und sprach mit ihnen. Dimut war bei ihr. Sie ließ oft, wenn die Mauer Schaden litt, durch hinab gelassene Pechpfannen und andere Dinge Rauch erregen, und die Männer arbeiten. Fast alle Menschen der Stadt halfen bei der Verteidigung. Die Pflege der Verwundeten ging ununterbrochen fort.[378]

Der Priester aus dem Župenhause von Daudleb war stets bei Lubomir. Er suchte keine Bergen auf, sondern er führte hier einen Verwundeten abseits, um ihn zu verbinden, er trachtete dort etwas herbei zu schaffen, das man bedurfte, er sprach einem, der gestürzt war, Trost in das Angesicht, oder in die Ohren, wenn seine Augen aus Schwäche schon geschlossen waren, oder er suchte sonst Beistand zu leisten, wie er konnte.

Endlich griff man zu dem Feuer. Die Feinde sendeten brennende Pfeile, glühendes Eisen, lodernde Pechkugeln und andere Zündstoffe gegen die Zinnen, um Brand zu erregen, oder die Männer zu schädigen. Diepold ließ brennendes Harz, ölgetränkte brennende Ballen, glühende Metalle, flammende Balken und ähnliches in die Werke der Feinde werfen. Und wenn auf den Zinnen Feuer aufloderte, ließ man es durch nasse Zottentücher, Sandsäcke, Wassergüsse oder, wie man konnte, löschen. So taten auch die Feinde.

Es war eine Schleuder in den Belagerungswerken, welche ungemein große Steine warf, und die Mauer so beschädigte, daß man dieses kaum auszugleichen vermochte. Da las Diepold eine Schar der Seinigen aus, und da einmal in der Nacht das Stürmen sehr groß war, ging er mit ihnen, die Leitern Äxte und Hauen trugen, aus der Stadt, führte sie in dem Getobe gegen die Schleuder, und begann, ehe die, welche bei dem Werke waren, es ahnten, die Verwallung zu stürmen, erkletterte sie, drang vor, kam zu der Schleuder, und der Schmied von Plan, David der Zimmerer, dann Stephan der Wagenbauer, dann Kaspar von dem schwarzen Bache, dann Witek von Dečin und Wok von Gradec hieben mit Äxten gegen die Planken, Balken und Stangen der Schleuder, daß die Späne flogen, und alles gelockert und gefasert wurde. Da tat der Wollweber Christ Severin Feuer hinzu, daß bald das Holz in Flammen empor brannte. Die Feinde mischten sich in[379] die Schar Diepolds, wehrten sich des Angriffes, Mann kämpfte gegen Mann, und mit der Spitze des Schwertes, mit der Handhabe desselben, mit Äxten, Keulen, Spießen und Stangen hieb, stach, stieß und schlug man in die Glieder der Männer. Über manche Augen sanken die Schatten des Todes, und über manche kam seine Finsternis, daß sie Vater und Mutter und Geschwister und Heimatgenossen nie mehr sehen werden, und andere sanken mit zerschmetterten Gliedern oder schweren Wunden in das Wirrsal der Menschen nieder. Osel blutete an zwei Stellen, Grup von Wettern an drei, es bluteten Wolf von Winterberg, Braniš von Rowna und Luta und Radim von Daudleb. Simon, ein gewaltig groß gewachsener Mann vorn Reutschlage, lag mit entzwei gehauener Hirnschale da, und Pet von Saaz, ein Mann Diwiš', lag mit einer breiten Spalte in der Brust. Da die Schleuder überall lohete, rief Diepold die Seinigen zur Sammlung zu sich, und da sie ihn erreicht hatten, gingen sie fast rücklings stets kämpfend gegen den Rand des Werkes zurück, und als sie zu demselben gekommen waren, glitten sie schnell hinab, und suchten auf einem Wege, der ihnen mehr als den Feinden bekannt war, die Stadt zu gewinnen. David der Zimmerer und Kaspar vom schwarzen Bache trugen den toten Simon, Pet von Saaz ist bei den Feinden liegen geblieben.

Am nächsten Tage flogen die großen Steine der großen Schleuder nicht mehr gegen die Stadt, auch die andern waren sparsamer. Und nach einiger Zeit kam Ruhe von den Angreifern und den Verteidigern. Aber in der Ruhe rüsteten sich beide Teile wieder mit Eifer zu ihrem Werke, und es war nicht zu erkennen, wie alles endigen würde.

Da diese Dinge in Prag geschahen, ritt der Herzog Wladislaw mit seiner Schar auf dem Wege gegen den Abend des Landes weiter.

Es kamen von beiden Seiten Männer herzu und vermehrten[380] die Schar. Es kamen von Župenhöfen Leute, die dort noch entbehrt werden konnten, und es kamen Abgeordnete von den Županen, welche um die Dinge fragten, und Zuzug anboten. Und auch mancher kleine Wladyk und andere Mann kam herzu. Der Herzog ordnete an, daß sich Krieger sammelten, wie sie könnten, daß sie dann harrten, bis er wieder nach Prag zöge, und daß sie sich anschlössen.

Es wurde die Verheißung gemacht.

Als der Zug des Herzoges am dritten Tage des Abends auf dem ebenen Wege durch den Föhrenwald gegen den Ort Mies ritt, sahen die Krieger einen andern Zug, der auf einem Waldwege daher kam, und ihren Weg in einem geraden Kreuze schnitt. Dieser Zug ging sehr langsam, und die Männer, welche ihn bildeten, waren in dunkle weite Gewänder gekleidet. Die Reiter des Herzoges Wladislaw ritten näher hinzu. Die Männer in den dunkeln Gewändern ritten auf ihrem Wege immer zu dreien. Endlich kamen starke Saumpferde in dunkelgrauem Sammet. Die Saumpferde trugen auf einer Bahre eine lange Truhe, über welche ebenfalls dunkler grauer Sammet mit Silberzierden gebreitet war. Den Saumpferden folgten wieder Saumpferde, die eine andere ganz gleiche Truhe trugen.

Da sagte Stran, ein Mann des blauen Fähnleins: »Ich kenne die Lilienblumen, die auf dem Sammet sind. Der Leche Načerat hat sie auf manchen Dingen gehabt, wie die Sitte jetzt wird.«

»Dort reitet hinter den Säumern Znata, der Bruder Načerats«, sagte Dihuš, ein anderer Mann.

»Sie führen die Leichname Načerats und seines Sohnes in die Länder, die sie besessen haben, daß sie dort begraben werden«, sagte Mil, ein dritter Mann.

Der Herzog Wladislaw und Zdik und Welislaw waren ganz nach vorne gekommen, und sahen den Zug an.[381]

Da rief Timeš, ein Begleiter Welislaws: »Reißet das Aas aus seiner schönen Truhe, und werfet es den Vögeln des Waldes hin. Da es noch in den prächtigen Kleidern ging, hat es Unheil gestiftet, und ist schuld, daß tausend Menschen ihr Leben verloren, daß Städte und Dörfer rauchen, daß Felder dorren, daß Prag zerstört wird, daß Menschen nach Menschen umkommen, und der Herzog Wladislaw als Bitter in die Fremde reiten muß.«

Der Herzog aber antwortete auf diese Rede: »Načerat hat viel gewirkt, und hat Böses getan; jetzt ist er ein Mann der Ruhe, und die Wandelbarkeit der menschlichen Dinge hat ihn getroffen. Einige verwünschen ihn nur noch; die hier um ihn sind, lieben ihn, wir haben nichts zu tun, stört sie nicht in ihrem Werke.«

Die Reiter Wladislaws blieben ruhig stehen. Die Männer in den dunkeln Gewändern zogen an ihnen vorüber, sahen sie an, und ritten ihres Weges weiter. Da die letzten drei hinter den Föhren waren, und nicht mehr gesehen werden konnten, setzte Wladislaw die Seinigen wieder in Bewegung, und sie ritten in ihrer Richtung gegen Sonnenuntergang fort.

Da sie Mies erreichten, und den Berg gegen den Ring des Ortes hinan strebten, brannten schon die Lichter, und sie wurden von vielen Menschen empfangen.

Wladislaw zog von Mies auf schmalen Wegen durch Felder und Heiden und Wälder weiter, bis er bei der deutschen Stadt Amberg wieder zu dem großen Heerwege gelangte.

Am fünfundzwanzigsten Tage des Monates Mai kam er vor Nürnberg an.

Die grüne Ebene im Mittage der Stadt war weithin mit Gezelten bedeckt, und Banner und Fähnlein und Wimpel weheten über denselben: Banner von Kurherren, von Erzbischöfen und Bischöfen, von Herzogen, Fürsten, Herren, Rittern und Städten. Eine Menge von Menschen[382] war da in Rüstungen, in schönen Gewändern und in veralteten Wämsern und in Lumpen.

Da die Schar der böhmischen Männer herzu geritten war, kamen Lagermeister, und zeigten ihnen einen Platz, auf dem sie sich einrichten könnten. Es kam auch ein Geschwader von Herren und Rittern, namens des Königs den Herzog Wladislaw zu begrüßen. Der Herzog dankte ihnen, und sie ritten wieder fort.

Nun wurden die Saumtiere entladen, man sendete zu den Männern, die auf den Feldern ihre Verkaufsgerüste aufgeschlagen hatten, um Dinge, die man brauchte, zu erhandeln, und es wurde zur Errichtung des Lagers geschritten.

Der König sendete einige Männer zu dem Herzoge, um ihr Geleite und ihre Dienste anzubieten. Zu Witiko kam Wolfgang von Ortau, ein junger Ritter, der Sohn Anselms von Ortau, eines Herren aus der Wetterau, der bei allen Zügen Konrads gewesen war. Er bot Witiko Genossenschaft und Dienste an. Witiko empfing sie, und sagte, er werde sie erwidern, wenn Wolfgang zu ihm käme.

Da die Gezelte des Herzoges Wladislaw, des Bischofes Zdik und andere aufgerichtet standen, und da der Herzog mit den Seinigen festlichere Gewänder angezogen hatte, ritt er mit dem Bischofe Zdik und mit Welislaw, Odolen, Witiko, und den Kaplänen, mit einem Geleite der Seinigen, und mit dem Geleite, das der König Konrad gesendet hatte, in die Stadt Nürnberg und durch die Stadt in die Burg zu dem Könige Konrad empor.

Zdik, Welislaw, Odolen, Witiko und die andern Männer der beiden Geleite blieben in Gemächern der Burg; Wladislaw aber ging in die Stube des Königs, und blieb eine Stunde bei ihm. Dann kam er wieder zu den Seinigen, sie begaben sich in den Burghof, bestiegen die Pferde, und ritten in das Lager zurück.[383]

Des andern Tages tönten die Zeichen zu einer Versammlung in der Kaiserburg. Die Herren zogen von dem Lager in die Stadt. Der Herzog Wladislaw ritt mit einem festlichen Gefolge, und mit Zdik und Welislaw und Odolen und Witiko und den Kaplänen in schönen Gewändern dahin. Neben Witiko ritt Wolfgang von Ortau. Sie sahen unzählige Menschen an ihrem Wege. Sie ritten in die Burg hinauf, und ritten durch das Tor neben dem alten Heidenturme in den Hof. Da sahen sie eine Linde inmitten des Hofes, welche schon hundert Jahre stand, und welche von der Kaiserin Kunigunde gepflanzt worden war. Bei der Linde stiegen sie von den Pferden, und die Pferde wurden auf einen Platz vor der Burg geführt, um dort zu harren. Die Männer aber stiegen die Treppe zu den Gemächern an dem Kaisersaale empor. Da man sich sammelte, und da die Geleite harreten, stand Witiko mit Wolfgang an einem Fenster gegen den Hof, und Wolfgang zeigte ihm die Ankommenden, und sprach: »Siehst du, der Mann in den veilchenfarbnen Gewändern mit den grauen Haaren, dem man jetzt an der Linde von dem milchweißen Zelter hilft, ist Albero, der Erzbischof von Trier, der dem Könige Konrad in dem ersten Sachsenkriege mit Wein einen großen Dienst geleistet hat. Der andere in dem vergoldeten Harnische mit dem Kreuze ist Markolf, der Erzbischof von Mainz. Er ist immer schnell, und wird Albero auf der Treppe einholen. Die zwei, die jetzt in schimmernder Rüstung beim Tore herein reiten, sind der Markgraf Hermann von Baden und der Pfalzgraf Hermann am Rheine. Der auf dem schwarzen Pferde ist der Pfalzgraf. Der Mann auf dem Maultiere, der ihnen ausweicht, und der den breiten Hut trägt, und um den Priester sind, ist der Schwabe Dietwin, der Kardinal, den der Papst Innozenz nach Deutschland gesendet hat. Er hat unsern König Konrad am dreizehnten Tage des Monates März im Jahre des Heiles 1138 gekrönt.[384] Der ist der nämliche Kardinal, der vor Jahren den Bann über Konrad ausgesprochen hat. Nun kömmt mit seinen bunten Leuten Ludwig, der Landgraf von Thüringen, den sie den Eisenmann heißen. Er sitzt sehr aufrecht auf seinem Pferde. Wenn wir von seinen Leuten die andern, die kommen, wieder sehen, werde ich sie dir nennen. Der nun durch Reisige und Priester von seinem Pferde gehoben wird, ist Egibert, der Bischof von Bamberg, und der noch auf dem braunen Zelter sitzt, mit den weißen Haaren unter dem Helme und dem Harnische über dem Priestergewande, ist Embriko, der Bischof von Würzburg. Die alle werden in dem Zuge gegen Böhmen mitgehen. Sie sind nicht immer so zahlreich gekommen. Vor vier Jahren ist es noch anders gewesen. Da der König Konrad im Beginne seiner Herrschaft auf dem Hoflager in Augsburg war, kam der stolze Herzog Heinrich von Baiern mit so großen bewaffneten Scharen, daß der König in der Nacht vor ihm entfliehen mußte. Auch auf den Hoftagen zu Würzburg und zu Goslar zauderten sie noch; aber der König Konrad, von dem neuen Geschlechte der Hohenstaufen, konnte sich eine solche Würde geben, und gewann solche Macht, daß sie endlich fast alle zu ihm gingen. Euer gestorbener Herzog Soběslaw ist frühe an seiner Seite gewesen. Mein Vater hat ihm vom Beginne treu gedient. Der auf dem goldlichten Pferde dort ist der reiche Graf von Namur, und der im blauen Gewande der Graf von Kleve. Da kommen die von Zütphen und Rineck, und der dort auf dem schwarzen Zelter mit Männern herein reitet, ist der Bischof von Utrecht. Er ist zumeist der letzte. Und wenn auch noch Leute herein dringen, so ist es Zeit, daß wir in den Kaisersaal gehen, weil dort jetzt die Sammlung sein wird.«

Und Witiko und Wolfgang traten in den Kaisersaal.

Der Saal war mit Männern gefüllt. Die Geleite, welche sich sehr drängten, wurden nun verabschiedet, und entfernten[385] sich. Die Herren suchten sich an einem Tische zu ordnen.

Wolfgang sagte zu Witiko: »Siehe den Mann dort an dem ersten Fenster, der nicht zu groß ist, und die lichten Haare um die Stirne hat: der ist jetzt ein sehr gewaltiger Mann, wenn auch sein Vater Büren, obgleich von edlem Stamme, doch im Beginne selber nur ein edler Mann war. Er ist der Herzog Friedrich von Schwaben, der Sohn der Agnes, die noch auf dem Kahlenberge bei Wien lebt, der Tochter des Kaisers Heinrich des Vierten, er ist der Bruder unsers Königes Konrad, und der Stiefbruder der Kinder des gestorbenen frommen Markgrafen Leopold von Österreich, also auch eurer Herzogin Gertrud, und also der Schwager deines Herzoges Wladislaw. Der mit dem schwarzen Ritter spricht, und die blauen Augen und die blonden Haare und den jungen blonden Bart hat, den einige einen Helden nennen, weil er schon Männer siegreich geführt hat, ist Friedrich, der Sohn des Herzogs von Schwaben, den sie den Rotbart nennen. Der dort am Ende der Bank, mit dem Rücken an der Vertäflung, ist Arnold, der Erzbischof von Köln, und der Blonde, der mit ihm spricht, ist Otto, der Bischof von Freisingen. Er ist ein Sohn der Agnes und des frommen Markgrafen Leopold, und also ein Halbbruder unseres Königs. Man sagt, daß er auf alle Begebenheiten der Welt achtet, und sie aufschreiben will. Sein Bruder Heinrich, der Markgraf von Österreich, setzt sich eben schräghin von uns an den Tisch.«

Die Herren setzten sich nun alle an den Tisch. Ordner wiesen Witiko und Odolen und Welislaw und Ortau und andern Männern einen Platz auf der Bank des Wandgetäfels.

Nun trat der König Konrad mit Geleite des Hoflagers in den Saal, und begab sich auf die kleine Erhöhung, die an dem Tische für ihn errichtet war. Er hatte den Kaiserrock[386] an seinem Leibe, und seine Gestalt, die nicht zu groß und nicht zu klein war, konnte von allen gesehen werden. Um seine Stirne waren blonde Haare, und seine blauen Augen blickten auf die Versammlung.

Da es stille geworden war, sprach er: »Hochehrwürdige und hocherhabene Herren der Erzbistümer, Bistümer, Stifte und Kirchen, dann der Herzogtümer, der Markgrafschaften, Grafschaften, Gaue, Burgen und Städte, seid in Gott gegrüßt. Es sei sein Segen über euern Häuptern, und Gedeihen in unserer Zukunft. Das Reich schuldet euch Dank, daß ihr zu dessen Macht und Stärke in so großer Zahl auf den Reichstag in diese alte und ehrwürdige Stadt, und heute zu seinem Schlusse gekommen seid. Das auf diesem Reichstage geschlichtet werden mußte, habt ihr zu Nutz und Frommen geschlichtet. Die große Sache, die nach dem Tode des im Himmel seligen Kaisers Lothar in das Reich gekommen ist, der Streit wegen der Herzogtümer Baiern und Sachsen, ist beendet. Der junge Heinrich, der Sohn des Herzoges Heinrich von Sachsen und Baiern, ist mit Sachsen begabt worden, Baiern wird vergeben werden, wie es Nutz und Recht einmal verlangt. Die Geschlechter, die sich bekämpft, sind vereinbart: zwischen Gertrud, der Witwe Heinrichs des Herzoges von Sachsen und Baiern, und zwischen Heinrich, dem Markrafen von Österreich, ist ein heilig Band vorbereitet, und wird bald geschlossen werden. Ihr habt alle mitgewirkt, und Markolf, der hochehrwürdige Erzbischof von Mainz, hat seines Friedensamtes gewartet. Aus dem Streite sind die Kaiserin Richenza und Heinrich, der mächtige Herzog von Sachsen und Baiern, und Leopold, der junge Markgraf von Österreich, zu Gott gerufen worden, und werden dort von unserem Tun billigen, was zu billigen ist. Zu der Herrlichkeit des Reiches ist nun noch eines nötig, dazu ihr nach euerm Wunsche und meiner Meinung die Vorbereitungen gemacht habt,[387] und das jetzt in Erfüllung gehen kann. Wladislaw, der Sohn Wladislaws des vorvorigen Herzoges von Böhmen und Mähren, ist als Herzog der Länder Böhmen und Mähren anerkannt worden. Nun aber nennen die Fürsten in Mähren und viele reiche und große Herren der Länder Böhmen und Mähren Konrad von Znaim ihren Herzog, sie stehen mit Kriegsmacht vor der Stadt Prag, und höhnen das Reich. Es ist also an dem, daß sie vertrieben, und die Anerkennung aufrecht erhalten werde. Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, und der hochehrwürdige Bischof von Olmütz, Zdik, sind gekommen, und sagen, daß es an der Zeit ist.«

Der König schwieg.

Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, aber sprach: »Hochehrwürdige Männer der Kirche, erhabene Fürsten des Reiches. Am vierten Tage des Monates Hornung des Jahres 1140 bin ich auf dem Schlosse Wyšehrad von einer Versammlung der hohen und niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren auf den Fall des Todes des Herzoges Soběslaw, der in Hostas Burg krank lag, zum Herzoge von Böhmen und Mähren gewählt worden. Am zwölften Tage des Monates Hornung hat der kranke Herzog Soběslaw zu seinem Sohne Wladislaw, der vor mir auf einem Tage zu Sadska als künftiger Herzog von Böhmen und Mähren bestimmt worden war, gesagt, daß er sich mir unterwerfen solle. Am vierzehnten Tage des Monates Hornung ist der Herzog Soběslaw gestorben. Am siebenzehnten Tage des Monates Hornung des Jahres 1140 bin ich in Prag auf den heiligen Fürstenstuhl gesetzt worden. Meine Herrschaft hat begonnen und gedauert. Da der Frühling des Jahres 1142, dieses jetzigen Jahres, herannahte, haben viele der Herren der Länder Böhmen und Mähren, welche mich auf dem Wyšehrad gewählt hatten, und viele andere reiche und mächtige Herren wieder einen Herzog gewählt, den Nachkommen[388] Přemysls, Konrad, den Fürsten von Znaim. Sie haben auf ein Pergament geschrieben, was er ihnen zugestehen muß, wenn sie ihm helfen. Im Monate April kamen ihre Krieger nach Böhmen. Ich habe in der Schlacht auf dem Wysoka die Entscheidung nicht erreichen können, weil Verräter in meinem Heere waren. Meine treuen Männer stehen nun um den Fürstenstuhl in Prag gegen die Belagerer. Was ein großes Heer, das schnell das Ende bringt, an Geld und Gut auch erheischt, das können die Länder Böhmen und Mähren leichter tragen als einen langen Krieg, der Menschen hinrafft und die Ordnung umstürzt. Und so rufe ich um Beistand, wie ich wieder einmal Beistand gebe, wenn man ruft.«

Als der Herzog seine Worte geendet hatte, sprach Markolf, der Erzbischof von Mainz: »Weil der Stab des heiligen Erzstiftes Mainz in den christlichen Dingen über die Länder Böhmen und Mähren waltet, so achte ich es erlaubt, daß ich der erste nach dem erlauchten Herzoge in der Sache dieser Länder die Rede ergreife, und sage: Damit in dem Lande Böhmen im Gebüsche des Heidentumes der göttliche Glaube empor wachse, und damit es aufhöre, daß sie mehrere Weiber nehmen, und Sippen heiraten, das Eheband auflösen, heilige Haine, Bäume und Vögel haben, zu den Diasen und Wilen beten und Götzenopfer bringen, heidnische Dinge auf abgelegenen Gräbern üben, und Wahrsager, Zeichendeuter und Zauberer in dem Lande haben, damit gefestigte Pfarrstellen, wie oft geboten, errichtet werden, daß sie die Sonntage und Feiertage feiern, und die Fasttage halten, und daß nur der Heiland in dem Lande herrsche, dazu muß der Frieden und die Ordnung aufgebaut werden, und müssen die, welche gegen die gottgefällige Macht die Waffen führen, niedergeworfen werden, daß sie gleiches für jede künftige Zeit nicht mehr versuchen, und forthin die gerechte Herrschaft das Frommen und das Gedeihen erstreben[389] kann. Darum habe ich meine Ritter und meine Männer zu dieser Stadt geführt, und gehe mit ihnen zum Kampfe.«

Als der Erzbischof Markolf geredet hatte, sprach Arnold, der Erzbischof von Köln: »Es ist in den heiligen Pergamenten verzeichnet, wie die frommen griechischen Brüder Cyrillus und Methodius in alter Zeit in das Land Mähren zu dem Fürsten Rastislaw gekommen sind, und wie Cyrillus wunderbare Buchstaben erfunden hat, welche die Laute der slawischen Sprache ausdrückten, und wie er in dieser Sprache die heiligen Bücher aufschrieb, und wie er die Slawen bekehrte, und wie der gottselige Papst Hadrianus die Lehre des Cyrillus und Methodius als die rechtgläubige erklärt hat. Darum sind die Mährer schon länger Christen gewesen als die Böhmen, und sie übten Gottesdienst und Frömmigkeit. Daß es nun in Böhmen auch so werde, und daß die beiden Länder in die gleiche heilige Zucht gelangen, und daß das glänzende Licht, welches von dem Erzstifte Mainz über diese beiden Länder gehalten wird, immer gleich leuchte, muß, wie der fromme Erzbischof von Mainz gesagt hat, die Ordnung und der Frieden aufgerichtet werden, ich habe meine Herren und Männer hieher geführt, und ziehe mit ihnen in den Streit.«

Dann sagte Albero, der Erzbischof von Trier: »Und wenn mein Bruder in Gott, der hochehrwürdige Erzbischof von Mainz, in dem Streite wegen der Herzogtümer Sachsen und Baiern seines Friedensamtes gewaltet hat, so habe ich auch in Sachsen einen kleinen Dienst getan, und der heilige Glaube soll in allen Ländern stets sieghafter sein, und ich bringe meine Streiter, und was sonst not tun sollte, in den Krieg.«

Nun erhob Ludwig der Eiserne, der Landgraf von Thüringen, seine Rede, und sprach: »Vor dreizehn Jahren sind die Deutschen von böhmischen Kriegern bei Chlumec[390] geschlagen worden, und mehrere hundert edle Männer, darunter der Vetter des Kaisers, Gebhard von Querfurt, und der Graf Milo von Ammensleben, und der Graf Berthold von Achem, und Tausende der tapferen Krieger haben das Leben verloren, und viele sind in Gefangenschaft geraten: der Markgraf Albrecht der Bär und der Bischof von Merseburg und der Bischof von Halberstadt, und Äbte und Grafen und Herren. Es ist seitdem kein Heer der Deutschen in das Land Böhmen gekommen, und es ist an den Männern, die bei Chlumec gewesen, und an denen, die nachher gekommen sind, daß sie den Böhmen zeigen, wie der Deutsche kriegt, und sein Schild über ihrem Lande hält. Ich habe meine Pflichtigen anhergeführt.«

Darauf sagte Heinrich, der Markgraf von Österreich: »Der Herzog Soběslaw, gegen den damals der Kaiser Lothar von dem schwarzen Otto trügerisch aufgehetzt worden ist, ist im Siege mäßig gewesen, er ist im Jahre darauf mit mehreren tausend Reitern zu dem Fürstentage Lothars nach Merseburg gekommen, und hat Gaben gebracht, und wieder um ein Jahr hat der Kaiser Lothar das Söhnlein Soběslaws aus der Taufe gehoben, und Soběslaw hat zu den zwei Romfahrten des Kaisers Reiterscharen gestellt, und die Fürstentage des Kaisers besucht, und er hat dem erlauchten Könige Konrad Zuzug nach Sachsen geleistet. Der jetzige Herzog Wladislaw ist mit seiner Gemahlin zu dem Könige Konrad nach Würzburg gegangen, ist bei Reichstagen gewesen, und ist jetzt um einen Bund hier, für den er Dank verspricht. Ich meine, das Reich soll wie aus anderer Rücksicht so auch aus Rücksicht der Freundlichkeit mit Böhmen umgehen, und dadurch die eigne Stärke mehren. Ich habe, was ich an Leuten und Kriegsbedarf vermochte, nach Nürnberg gebracht.«

Nach dem Markgrafen von Österreich sprach Friedrich,[391] der Herzog von Schwaben: »Das Reich soll zu andern Rücksichten auch die Rücksicht als Schirm der Christenheit tragen, daß es nicht die böse Lehre des Aufruhrs duldet. Mein Stamm steht zu dem Rechte, wie mein Vater zu dem Kaiser Heinrich gestanden ist, und ich stelle, was Schwaben vermag, zum Streite.«

»Und ich meine«, rief jetzt der Pfalzgraf am Rheine, »die Rücksicht ist die Macht und die Herrlichkeit und das Ansehn des Reiches.«

»Das Reich, das Reich, das Reich«, riefen mehrere Stimmen.

»Es soll das Reich nicht geschädiget, es soll als das Höchste geachtet werden, was da besteht«, rief der Graf von Kleve.

»Es ist das Höchste, und muß so angesehen werden«, rief der Graf von Rineck.

»Keine Schmälerung ist zu dulden«, rief Rudolph, der Graf von Stade.

»Keine Schmälerung, keine Schmälerung«, riefen mehrere Stimmen.

»Und die Ordnung muß in jeder Mark hergestellt werden, und sohin auch in der gegen Polen«, rief Konrad von Meißen.

»Die Ordnung soll sein, und die Kurherren, und die Kirche, und die Fürsten, und die Stifte und die Städte sollen die Wächter sein«, rief der von Zütphen.

»So ist es«, »so soll es immer sein«, »gedenkt es«, »so ist es«, »so ist es«, »so tut es«, riefen mehrere Stimmen durcheinander.

Da es stille geworden war, sprach Embriko, der Bischof von Würzburg: »Es sind alle die angeführten Ursachen giltig und aufrecht, wir bedenken sie, und ziehen in die gerechte Entscheidung.«

»Und der Herr wird sie segnen, wie er die Kämpfe für den heiligen Glauben und für die Schirmmacht des[392] Reiches gesegnet hat«, sagte der Abt von Hirschfeld.

Dann erhob Wallram, der Herzog von Niederlothringen, seine Rede, und sprach: »Weil wir nach den Übereinstimmungen zu dieser Stadt Nürnberg mit unsern Männern gekommen sind, und die Rüstungen schon vollbracht haben, so sollen die Punkte festgestellt, und es soll sogleich der Zug begonnen werden.«

Nun stand ein geharnischter Mann auf, es war der Graf von Quenstide, und legte die Hand auf den Tisch, und sprach: »Ich sage, es ist in der vergangenen Zeit schon genug geredet worden, und wir sollten endlich zur Tat gehen.«

»Zur Tat«, »zur Tat«, »wir sollen zur Tat kommen«, »die Tat sollen wir tun«, »die Tat«, »die Tat«, riefen verschiedene Stimmen.

Da streckte der König Konrad die Hand aus, und als es stille geworden war, sprach er: »So ist ja daher der Beistand beschlossen, die Männer sind geeinigt. Es ist mancher gekommen, der ein Gegner der neuen Zeit gewesen ist, und so wird unsere Macht sich erhöhen. Wir werden die Einteilung, die schon gemacht ist, in das Heer stellen, und den Zug beginnen. Seid bedankt, ihr Herren, für die heutige Zusammenkunft, sie ist die letzte, und der Reichstag geschlossen. Und so sage ich: mit Gott der Dreieinigkeit.«

»Mit Gott der Dreieinigkeit für das Reich und den König«, rief der Erzbischof von Mainz.

»Gott und das Reich und der König«, riefen die Männer. Konrad ging von seinem Platze, und redete mit mehreren Männern.

Die Herren standen auf, und traten zu verschiedenen Haufen zusammen. Viele kamen zu dem Herzoge Wladislaw, und umringten ihn.

»Wir werden dir, der du ein treuer Sohn der Kirche bist,[393] Raum verschaffen, daß du ihr Gedeihen wie seit deinem Beginne fördern magst«, sagte Markolf, der Erzbischof von Mainz.

»Ich trachte, daß die Heiligkeit unseres Glaubens ihre Wurzeln immer mehr ausbreite«, antwortete Wladislaw.

Albero, der Erzbischof von Trier, sagte zu dem Herzoge: »Ich bringe den Mährern keinen Wein, wie den Sachsen; aber es ist manches Fuder in meinem Geleite, dessen Lieblichkeit ihr alle erfahren sollt.«

»Der hohe Kirchenherr führt manche Waffen«, sagte Hermann, der Markgraf von Baden.

»So müssen wir ja in unserem Amte mit Liebe und Strenge walten«, entgegnete Albero.

Der Markgraf von Österreich nahm den Herzog Wladislaw bei der Hand, und sagte: »Ja, du lieber Schwager, so mir Gott helfe, werde ich mit den Männern, die mir nach meinen Händen frei sind, nicht der Schwächste sein, die Strolche von Prag zu verjagen. Die Angst meiner Schwester Gertrud wird bald dahin sein, wir werden in Prag ein Fest feiern, und dann ein anderes, zu dem die Ladung kommen wird.«

»Habe Dank, mein Schwager«, entgegnete Wladislaw, »der Krieg wird kurz sein, du wirst zu deiner Gertrud zurückkehren, und ich werde dir mit meiner Gertrud folgen. Diese wird aber jetzt in Prag nicht Angst, sondern etwas Höheres empfinden.«

»Die Angst um ihr Volk«, erwiderte der Markgraf; »denn die aus dem Stamme Babenberg wissen nichts von Angst um sich.«

»So ist es«, antwortete der Herzog, »und möge Gertrud neues Glück zu deinem Stamme bringen.«

»Ich werde sie in die heitere Stadt Wien führen, in der ich eine Wohnung errichte«, sagte der Markgraf, »die heiteren Sangeszeiten meines Geschlechtes werden wieder sein, und mögen ihnen noch heitrere folgen.«[394]

»Und wenn ich dir heitrere und schönere erringen helfen kann, Schwager, werde ich auch nicht der Schwächste sein, wie du eben gesagt hast«, sprach Wladislaw.

Jetzt trat Friedrich, der Herzog von Schwaben, herzu, und sagte: »Nun, mein hoher Schwager Wladislaw, jetzt werden die, welche um den hohen Staufen wohnen, auch die Gefilde von Böhmen sehen, und ich hoffe, der Raum, den sie bedecken werden, wird nicht der kleinste sein.«

»Und er wird durch solche Krieger, die ihn betreten, geehrt sein, mein erlauchter Schwager«, antwortete Wladislaw.

»Wir bringen dir auch die vom Rheine«, sagte Wallram, der Herzog von Niederlothringen.

»Sie werden willkommen sein«, entgegnete Wladislaw.

»Wir führen selber unsere Ritter und Männer«, sprach Arnold, der Erzbischof von Köln.

»Ich werde des in aller Zeit gedenk sein«, sagte Wladislaw.

»Und mich wirst du doch auch begrüßen, lieber Schwager, wenn ich nach Prag komme«, sprach Otto, der Bischof von Freisingen.

»Ich werde dich grüßen, Otto, und deine Schwester Gertrud wird dich grüßen«, antwortete Wladislaw.

»Wir kommen mit reichen Scharen«, sagte der Pfalzgraf.

»Und es sind noch immer Zuzüge da«, sagte der Graf von Kleve.

»Habet Dank, ihr Herren«, entgegnete Wladislaw, »ich hoffe euch zu vergelten.«

»Das wissen wir, und es wird die Zeit kommen«, riefen mehrere.

Und da alles ausgesprochen war, und da der König den Saal verlassen hatte, schickten sich die Männer an, auseinander zu gehen.

Die Geleite kamen heran, die Pferde wurden in den Hof gebracht, und die Herren ritten in ihren Gewändern aller[395] Art durch das Tor, durch die Stadt und durch die Zuschauer in das Lager.

Der Herzog Wladislaw ritt desselben Tages noch zu dem Könige Konrad, und war mit dem Bischofe Zdik und den Kaplänen zwei Stunden bei dem Könige und dem Kanzler.

Dann ritt er zu dem Kardinale Dietwin dem Schwaben, um zu erwirken, daß der Heilige Vater einen Beauftragten von Rom nach Böhmen und Mähren sende.

Am Nachmittage war ein Mahl. Der König und die Männer des Saales und die erhabenen Frauen und Jungfrauen, welche in dem Lager waren, saßen unter einem Gezelte, und genossen bei dem Klingen der Flöten und Geigen die Speisen und Weine des deutschen Landes.

Nach dem Mahle waren Kampfspiele, und die Frauen verteilten die Preise.

Am nächsten Tage kamen Herren und Fürsten zu Wladislaw, um ihn zu begrüßen, und er ritt wieder zu ihnen, um den Gruß zurück zu geben.

Zdik führte die Bischöfe und ihre Priester zu Wladislaw, und Wladislaw ging mit Zdik wieder zu ihnen.

Er führte an dem Tage auch Welislaw, Odolen, Witiko und andere Männer zu dem Könige Konrad.

Der König sprach mit jedem, und sagte: »Witiko hat uns bei Fulda die Furt gewiesen, durch die wir die gute Stellung erlangten.«

»Ich bin noch ein Knabe gewesen, hoher Herr«, antwortete Witiko, »und ein Bauer hat mir die Furt gezeigt.«

»Und hast Gutes gestiftet, mein Kind«, sagte der König.

Am Nachmittage ging Witiko mit Wolfgang von Ortau zu mehreren deutschen Rittern, und es wurde Genossenschaft gestiftet.

Seinen Begleitern Lambert, Augustin, Urban und dem Knechte Jakob gab er Freiheit, sich am Lager, an der Stadt, an Liedern und Gauklern zu erlustigen.[396]

Da es Abend wurde, ging eine große Zeile von Wagen und Saumtieren in der Richtung gegen Morgen, und es ritten auch Männer dahin, um den Zug des Heeres vorzubereiten. Durch die grünen Felder kamen von Erlangen her noch Reisige, und es kamen Reisige von Würzburg.

Am dreißigsten Tage des Monates Mai nahmen die hohen und niederen Herren von ihren Ehefrauen und Müttern oder Schwestern oder Kindern, die in dem Lager waren, Abschied, und der Zug begann. An der Spitze war der Herzog Wladislaw mit seiner Schar. Dann kamen die Männer von der Mosel und dem Rheine, von der Donau und der Weser, von dem Neckar und dem Maine, vom Spessart, vom Taunus, vom Schwarzwalde und den Alpen. Der König der Deutschen, Konrad, aus dem Geschlechte der Hohenstaufen führte sie. Volk und Troß war am Ende der Reihe.

Bei dem Orte Taus gelangten sie in den Wald, der Böhmen von Deutschland scheidet.

Auf dem böhmischen Boden kamen die Männer herbei, die sich für Wladislaw gesammelt hatten. Es waren so viel, daß seine Schar selber eine Macht wurde. Er teilte sie ein, und gab den Župenmännern die Župenkrieger, den Wladyken die Wladyksippen, und Welislaw, Odolen und Witiko eigene Leute.

Diese streiften oft vor oder neben dem Heere.

Bei Pilsen sammelten sich alle, und lagerten.

Eines Tages ritt Witiko mit seiner Schar auf dem Wege, der von Pilsen gegen Prag führt, vorwärts. Nach einer Zeit folgte ihm Odolen auch mit seiner Schar. Sie kamen am Mittage zusammen, und vereinigten ihre Leute. Es war an der Stelle ein kleiner Föhrenwald neben einer Seite des Weges, und hinter ihm waren trockene Wiesen. Odolen und Witiko führten ihre Reiter auf die Wiese hinter dem Walde, daß sie geborgen wären, und ließen[397] sie ruhen, und sie und die Pferde die Mittagsnahrung einnehmen. An die Spitzen des Waldes und an den Saum gegen den Weg hin wurden Späher gestellt.

Da die Erquickung für Menschen und Tiere schon fast vollendet war, kam einer der Späher von der unteren Spitze des Waldes, und meldete, daß sich Reiter auf dem Wege von Prag her näherten. Witiko und Odolen hießen ihre Leute sich rüsten, die Pferde besteigen, und ruhig stehen bleiben. Sie aber faßten den Entschluß, daß sie die Reiter, wenn sie Feinde, und in nicht zu großer Zahl wären, an dem Walde vorüber lassen, und ihnen dann nachreiten wollten.

An den Waldrand wurden noch mehr Späher gestellt.

Da kam einer von ihnen, und sagte, die Reiterschar sei um vieles kleiner als die ihrige, es müssen Feinde sein, weil man kein Abzeichen des Herzogs an ihnen sehe. Sie reiten sehr langsam, und haben keine Vorreiter.

Nun stiegen Witiko und Odolen von ihren Pferden, ließen dieselben unter die Bäume führen, und dort von Knechten bewachen. Sie aber gingen gegen den Weg an den Saum des Waldes, um die Reiter kommen zu sehen.

Diese kamen, und ritten in ruhigem Gange ihrer Pferde an dem Rande des Waldes dahin. An ihrer Spitze war Wratislaw, der Herzog von Brünn, Otto, der Herzog von Olmütz, und Wladislaw, der Sohn des verstorbenen Herzoges Soběslaw. Sie hatten keine Zierden an sich. Dann war Bogdan mit der Rabenfeder, dann der rothaarige Beneš mit weißen Federn, dann Domaslaw mit seinem roten Gefieder, dann der ältere Bohuš mit der Feder aus einem Schwanenfittiche. Sonst waren Männer, die als Mährer erkannt wurden, und einige, die von Böhmen stammten. Die Reiter gingen bis gegen die Mitte des Gehölzrandes. Dort blieben sie stehen, als hielten sie Beratung. Witiko und Odolen gingen gegen die Stelle so weit vorwärts, daß sie die Worte der Reiter vernehmen konnten.[398] Es sprach nur zuweilen einer von ihnen. Sie sandten dann einen Mann vorwärts an die Spitze des Waldes, der dort stehen blieb. Es war an dem Orte eine Krümmung des Weges gegen Pilsen, und der Mann stand vielleicht als Späher.

Nach einer langen Zeit sah man ein Häuflein Reiter auf einem Wege zwischen den Feldern gegen den Wald heran reiten. Sie kamen näher, und man sah, daß sie in Gewänder der Landleute gekleidet seien. Sie ritten zu den Mährern, und einer grüßte gegen Wratislaw.

»Swak, du hast Jarohněw verlassen«, sagte Wratislaw zu ihm.

Der Mann antwortete: »Er wird mit den Seinigen sogleich kommen, wir haben verschiedene Wege eingeschlagen.«

»Und wann seid ihr umgekehrt?« fragte Wratislaw.

»Heute nach Mitternacht, der Weg von Milin her ist weit und beschwerlich«, antwortete der Gefragte.

»Und warum bist du abseits nach Milin gegangen?« fragte Wratislaw.

»Damit Zeugen sind, welche uns in Milin gesehen haben«, antwortete der Mann.

»So fürchtest du Gefahr?« fragte Wratislaw.

»Ja«, entgegnete der Mann, »und Jarohněw ist gegen Manetin geritten, davon er noch weiter hieher hat.«

»Und wo seid ihr gestern gewesen?« fragte Wratislaw.

»In Pilsen, und auf dem Felde vor Pilsen sind wir auseinander gegangen«, antwortete der Mann.

»Und seid umgekehrt?« sagte Wratislaw.

»Der König Konrad ist nach Pilsen gekommen«, entgegnete der Gefragte, »wir sind in seinen Scharen gewesen, dann haben wir das weite Feld gesucht, und haben uns getrennt.«

»Nun?« fragte Wratislaw.

»Hoher Herr!« antwortete der Mann, »der Kriegsbann[399] der Deutschen ist dreimal und viermal größer als das Heer vor der Stadt Prag, sie tragen blanke Harnische von Stahl oder von Gold, und da sie auf dem ebenen Boden vor Pilsen standen, erglänzte das Feld und der Wald von ihrem Scheine. Dann hat Wladislaw noch eine große Schar.«

»Du bist ein kluger Mann, Swak«, sagte Otto, der Herzog von Olmütz, »und es ist gut, Wratislaw, daß wir selber gekommen sind.«

»Es ist gut«, sagte Wladislaw, der Sohn Soběslaws, »es müssen unsere Augen schauen, und unsere Herzen dabei sein.«

Da sie noch sprachen, gab der Mann an der Spitze des Waldes ein Zeichen, und bald darauf kam ein Häuflein anderer Reiter auf dem Pilsener Wege zu den Fürsten.

Wratislaw sagte: »So bist du auf dem Rückwege, Jarohněw?«

»Wir haben in Manetin nur eine Stunde gerastet«, antwortete der Mann, »wir sind in der finsteren Nacht und auf den ungefügen Wegen geritten, und die Tiere haben kaum eine Handvoll Futter verzehrt.«

»Und warum bist du so geritten?« fragte Wratislaw.

»Weil mein Weg weiter ist als der von Swak«, antwortete der Mann, »und weil ich nicht wissen konnte, ob er nicht gefangen worden ist; denn darum haben wir uns getrennt, und weil ich die Botschaft zu dem Herzoge bringen wollte.«

»Ist deine Botschaft so nötig?« fragte Wratislaw.

»Sie ist nötig«, antwortete der Mann, »der König Konrad ist bei Pilsen, seine Macht ist sechsmal größer als die eurige, alles glänzt von Helmen, Harnischen, Schilden, Schwertern.«

»Hast du sie gezählt?« schrie Otto, der Herzog von Olmütz.

»Die deutsche Macht ist zehnmal größer als die mährische«, rief ein Mann aus den Reitern Jarohněws.[400]

»Zehnmal, zwölfmal größer, und sie wird noch größer«, rief einer von dem Geleite Swaks.

»Ja, immer größer«, rief ein anderer.

»Ihr seid Tröpfe, und also, lieben Brüder, vorwärts«, rief Wratislaw.

»Vorwärts«, rief Wladislaw, der Sohn Soběslaws.

»Wir müssen nach vorwärts«, rief Bogdan.

»Vorwärts, vorwärts«, riefen mehrere.

»Nehmt die Männer Swaks und Jarohněws in die Mitte«, sagte Wratislaw, »sie müssen mit uns gegen Pilsen.«

»Wir können nicht gegen Pilsen«, sagte Jarohněw, »wir sind im Dienste des Herzogs Konrad, und müssen ihm die Botschaft bringen.«

»Ihr bringt sie nicht«, sagte Wratislaw, »ich werde den Herzog Konrad bedeuten.«

»Ach, hoher Herr«, sagte Jarohněw, »reitet nicht gegen Pilsen, der König Konrad zieht heran, Wladislaw wird wie ein Sturmwind daher reiten, ihr könnt ihm nicht entrinnen, und er wird euch die Häupter von den Leibern hauen. Nehmt in der Gegend jemanden gute Pferde, gebt sie uns, daß wir eilig mit der Meldung an die Stadt Prag kommen, damit der Herzog Konrad die Stadt erobere, und sich auf den Herzogstuhle setze, und daß der König Konrad dann Prag belagern muß. Der Hunger wird die Deutschen töten, oder ihr wollt euch dem Herzoge Wladislaw ergeben.«

»Du Hund«, schrie Wratislaw, »ich lasse dich mit deinen Genossen an diesen Föhren aufhängen.«

»Habt Barmherzigkeit«, rief Swak, »ich habe Weib und Kinder.«

»Nehmt sie unter euch«, rief Wratislaw, »und vorwärts.«

»Vorwärts«, riefen mehrere.

Die Männer der Reiterschar umringten die von Swak und Jarohněw, die Pferde derselben wurden gewendet, und der Zug ging auf dem Heerwege gegen Pilsen weiter.[401]

Odolen und Witiko verließen jetzt ihre Stelle an dem Waldsaume, gingen zu ihren Pferden, und ritten zu den Ihrigen, um sie zu ordnen, und den Feinden nachzueilen.

Witiko hatte eine größere Zahl, und brauchte eine längere Zeit.

Als er nun seine Männer von der Wiese auf den Heerweg hinaus geführt, und Odolen eingeholt hatte, standen die Scharen schon zum Streite. Die Männer drohten und die Pferde drängten zum Kampfe, und das Schwert Odolens war gegen Wladislaw gerichtet.

Da sprengte Witiko mit einem Satze seines Pferdes zwischen die Reihen, und rief: »Odolen, töte ihn nicht.«

»Gib Raum«, schrie Odolen.

»Ich gebe nicht Raum«, rief Witiko, »töte ihn nicht, ich habe das Brod seines Vaters gegessen, und die Hand seiner Mutter hat auf meinem Haupte geruht. Soběslaw hat das Land beglückt, und Adelheid hat darauf geschienen wie eine Sonne. Du darfst das Kind dieser beiden nicht töten.«

»Der Krieg hat seine Art«, schrie Odolen, »man frägt nach nichts, man kann siegen oder unterliegen, es ist alles gleich. Gib Raum, daß dich die Schärfe des Schwertes nicht trifft.«

»Ich weiche nicht, Odolen«, rief Witiko, »Odolen, du hast gesagt, du liebest mich wie einen Bruder, und wollest mir einen Bruderdienst tun, wenn ich ihn nenne: ich habe ihn nicht genannt, jetzt nenne ich ihn. Gib Frist, daß mit diesen Männern gesprochen werden kann.«

»Sie stehn nicht Rede«, sagte Odolen, »aber weil ich dir den Dienst tun will, so rede, wenn du Worte weißt, die diese Menschen rühren können.«

»Sie werden wohl einen Führer haben«, sagte Witiko.

»Der dort ist Wratislaw von Brünn«, sagte Odolen, »ein abtrünniger Sprosse Přemysls; der da ist Otto, der Fürst von Olmütz, der mit Verrat dankt; und dieser ist Wladislaw, der Knecht des Knechtes der Lechen.«[402]

»Das sind nicht die Worte, Odolen«, sagte Witiko, »höret mich, erlauchte Herren. Ich sage: Erhabene Söhne Přemysls, ich kann nicht denken, daß ihr leichthin von der Belagerung Prags in das Land hinaus reitet, ich muß erkennen, daß ihr einen großen Vorsatz habt. Wenn die Reue in euer Herz gekommen ist, und ihr zu Wladislaw zieht, um euch zu unterwerfen, so werden wir euch mit Ehrerbietung geleiten, und das Herz des Herzogs wird voll Freude sein.«

»Wer bist du denn, der du zu reden wagst wie ein Gebieter«, schrie Bogdan, »du Landstreifer!«

»Ich rede nicht zu euch, und doch will ich dir antworten, Bogdan, ihr habt mich einst zu eurer Versammlung geladen«, sagte Witiko.

»Damit du uns verraten konntest«, schrie Bogdan.

»Ich habe nichts versprochen«, entgegnete Witiko.

»Er will Worte machen, wie auf dem Wyšehrad«, schrie Bohuš.

»Nicht um Worte ist es zu tun«, sagte Witiko, »und um den, der sie redet, sondern daß sie Gutes wirken, und daß ihnen dazu die Kraft gegeben sein möchte. Aber ich rede nicht mit euch, und eure Antwort gilt mir nichts.«

»Du Gauch!« schrie jetzt der rothaarige Beneš, »den wir selber auf dem Wyšehrad übermütig gemacht haben, statt ihn auf den Pfahl zu hängen, wie der arme Milhost geraten hat. Wähnst du denn, daß die Fürsten dir antworten werden, der du hier weniger bist als die Lehmscholle, die ihr Hufschlag schleudert, wenn sie über ihre Länder reiten?«

»Es ist niemand unter euch, mit dem die Herzoge sprechen wollen«, sagte Domaslaw.

»Hohe, erlauchte Herren«, sprach jetzt Witiko wieder, »möge es euch gefallen, mir ein Zeichen zu geben, ob ihr mir antworten wollet oder nicht.«

Die Fürsten schwiegen.[403]

»Hast du nun Zeichen genug?« schrie Odolen mit tönender Stimme, »bei allen Heiligen im Himmel, bei Gott dem Vater, und bei allen Götzen, die unsere Vorfahren angebetet haben, und die ihr etwa noch anbetet, hier ist einer, der wirklich ein Gebieter ist, und dieser bin ich. Seht her, unsere Macht ist zehnmal, zwölfmal, fünfzehnmal größer als die eurige, in fünf Augenblicken kann ich euch vertilgen. Wratislaw, der du Herzog von Brünn gewesen bist, Otto, der du durch Wladislaws Gnade Herzog von Olmütz gewesen bist, und du, Wladislaw, der du des besten Vaters Sohn bist, und die ihr alle nur bettelhafte Sünder seid: ich befehle euch, legt eure Schwerter nieder, und folgt mir als Gefangene zu dem erlauchten Herzoge Wladislaw, der euer Richter ist, und der nur immer zu gelinde richtet, was bei euch Gott verhüten möge. Mit euch andern, die ihr hier wie allwärts unnütz seid, rede ich nicht. Ihr folgt als Troß in das Lager.«

»So haut ihn doch in tausend Stücke«, schrie Bogdan.

»Haue«, rief Odolen, indem er sein Schwert schildgemäß über dem Haupte hielt, und an der Spitze seiner Männer stand.

»Du Hund, du Katze, du Scheusal«, rief Beneš.

Bohuš und Domaslaw aber drangen in diesem Augenblicke durch ihre Leute gegen Odolen vor.

Doch Witiko stellte sein Pferd in ihren Weg, hielt sein Schwert zur Abwehr, und rief: »Um die Barmherzigkeit Gottes und die Fürbitte des heiligen Adalbert! haltet inne, es darf kein Kampf hier sein. Männer, ihr seid in unserer Gewalt. Fünfzehnfach stehen wir gegen euch, ihr könnt nicht entrinnen, ein Kampf ist hier nur ein Mord, und wir morden nicht. Er ist auch ganz unnütz. Wir machen euch eine Gasse, geht zu Konrad, und sagt ihm, daß sein Kampf vergeblich ist, und zerstreut das Herr.«

»Bist du sinnlos?« schrie Odolen, »ich gebe keine Gasse.[404] Und ehe man ein Auge hebt und senkt, erfüllet meinen Befehl.«

»Odolen, der Herzog selber verabscheut unnützes Blutvergießen«, rief Witiko, »und diese, wenn sie zurückkehren, und berichten, wie die Sache ist, werden den Streit enden, wie kein Mensch denken kann.«

»Das ist Sache des Herzogs«, rief Odolen, »der Herzog kann sie entlassen.«

»Was kann indessen in Prag geschehen, augenblicklich müssen sie fort«, rief Witiko.

»Du feiges Tier«, schrie Beneš herüber, »wir werden den Mut zu den Unsrigen tragen, und wir werden wie Samo heran ziehen und euch vertilgen.«

»Beneš«, rief Witiko, »ihr werdet den Mut nicht zu den Eurigen tragen, ihr und eure Boten werdet die Sache erzählen, und wenn ihr auch lügen wollt, so wird die Wahrheit durchscheinen. Und von Samo reden wir nicht.«

In diesem Augenblick erhielt Witiko von einem Manne der Mährer unversehens einen Schlag, daß Blut aus seiner Schulter floß. Sogleich wendete er sich gegen den Mann, und stürzte ihn von dem Pferde. Er drang nun gegen die andern vor, seine Männer scharten sich um ihn, und es wurde der heißeste Kampf.

»Jetzt haltet fest, ihr Brüder«, schrie Wratislaw, »macht die Spitze, wir werden die Übermacht besiegen wie oft, ihr seid Helden, sie Gesindel.«

»Jetzt haben die Hundeherzoge die Sprache«, schrie Odolen. »Auf, und in sie.«

Sofort war er an den Feinden, und seine Männer mit ihm.

Die Mährer ließen ihre Boten zurück, machten einen Schlachtkeil, und drängten vor.

Sie hatten die Kriegserfahrung und die Kunst, die andern den Mut, und Odolen und Witiko beteuerten ihn noch mehr. Die Schwerter mischten sich in dichter Nähe, Blut[405] floß durch die Gewänder, Blut floß auf die Pferde, Männer sanken, und in die große Tapferkeit der Mährer kam die Müdigkeit schneller; immer neue Streiter drangen gegen sie, sie wankten. Da gab Witiko seinen Reitern den Befehl zu einer Wendung der Umgehung der Feinde, es entstand eine Lücke, und die Feinde flohen durch dieselbe auf dem Wege gegen Prag davon.

»Verrat, Verrat, Verrat!« schrien die Männer Odolens, und drangen gegen Witiko vor.

Auch die Leute Witikos riefen: »Verrat, Verrat«, und wendeten sich gegen ihn.

Augustin, Lambert, Urban und der Knecht Jakob suchten ihn zu schützen.

Da sprengte Odolen durch die Scharen, deckte Witiko mit seinem Leibe, und rief: »Haltet! Er ist nur ein Tor, ich werde ihn zum Gerichte führen.«

Witiko rief: »Männer, hört mich nur einen Augenblick.«

Und da es stiller geworden war, rief er: »Alles wird zur Klarheit kommen. Odolen, ich gebe mich dir gefangen, und übergebe dir den Befehl über meine Leute. Ich werde mit dir gehen, und wenn du kämpfst, werde ich mitkämpfen, und Gott mag verfügen, was ihm gefällt.«

»So ist es gut, Witiko, wie du tust«, rief Odolen, »und ihr, verworrene Männer, ihr habt in euerm Durcheinanderstürmen dem Feinde einen Vorsprung gegeben, wir müssen ihn erreichen, stellt euch in Ordnung. Die Pfleger bleiben bei den Verwundeten und Toten.«

Die Männer machten schnell ihre Reihen, und in dem nächsten Augenblicke ritten sie, was die Pferde zu rennen vermochten, auf dem Wege gegen Prag den Mährern nach, die vor ihnen waren.

Sie sahen den Staub, den sie erregten, und sie erregten selber Staub, und beständig sahen sie auf den Abstand dieser zwei Staubsäulen. Nach einer Stunde erkannten sie, daß der Abstand sich mindere.[406]

Da kamen sie in den Wald von Holaubkau. Sie sahen in dem Walde die Feinde nicht; erkannten aber an dem Staube, daß sie durchgeritten seien. Sie durchritten den Wald. Da sie sein Ende erreichten, brannte vor ihnen das Dorf Holaubkau, und Menschen und Geräte und Wägen und Haustiere waren vor ihnen auf dem Wege, und die Flammen von den hölzernen Häusern wehten über denselben.

Odolen ritt gegen die Menschen, und rief: »Zeigt einen Weg um das Dorf.«

Eine Menge Stimmen antworteten, daß man die Antwort nicht verstehen konnte.

»Der mit den weißen Haaren und dem blauen Gewande antworte allein«, schrie Odolen.

»ES geht kein Weg um das Dorf«, sagte der alte Mann, »die Wege gehen alle von den Wiesen und Feldern in die Häuser.«

»Nur einen festen Grund, einen festen Grund, auch ohne Weg«, rief Odolen.

»Ich zeige einen«, »ich zeige einen«, riefen mehrere Stimmen.

»Fünf Reiter folgen einem jeden, der sich gemeldet hat«, rief Odolen, »und wo sie Boden für die ganze Schar finden, kommen sie zurück, und zeigen es an.«

Die Reiter sonderten sich ab, und folgten den Boten.

Odolen ritt selber mit dem Greise und mit vier Männern rechts an dem Dorfe hin, und forschte. Es waren meist weiche Wiesen, und wo er Boden für die Schar fand, war er wieder unterbrochen, und an dem Greise sah er, daß derselbe nicht wisse, welchen Grund eine Reiterschar brauche. Eine Richtung, die er endlich erkannte, war ein langer Bogen. Er ritt wieder zurück, die Reiter kamen auch, und jeder sagte, wie man es versuchen könne, und jeder sagte, daß man vorüber könne.

»Man kann vorüber«, rief Odolen, »ich habe es selber gesehen,[407] und ich kann euch auch führen; aber Brüder, Freunde, Kampfgenossen, das andere ist auch vorüber. Mehr als eine Stunde ist vergangen, seit wir hier angekommen sind, ihr seht es an dem Niederbrennen des Feuers. Und wenn wir den Abstand von den Feinden in jeder Viertelstunde um tausend Ellen kürzen könnten, erreichen wir sie in fünf Stunden, und sind in der Steinschlucht am Wasser, oder in der Nähe ihres Lagers. Pflegt die Pferde, nehmt Nahrung, ruhet, und wir kehren um.«

Die Männer führten ihre Pferde in die Waldschatten, und bereiteten sich zu dem, was Odolen gesagt hatte.

Witiko blickte in das Feuer, und sprach kein Wort.

Dann ließ er seine Wunde, die gering war, von Jakob verbinden.

Als Menschen und Tiere erquickt waren, ließ Odolen den Vorstand des Dorfes kommen, und sagte, daß er die armen Leute der Gnade des Herzogs empfehlen werde, und dann begann die Schar den Rückweg.

Auf dem Platze des Kampfes fanden sie nichts mehr.

In der Nacht kamen sie in das Lager des Herzogs.

Odolen ging zu ihm, und berichtete ihm den Hergang. Dann besuchte er die Verwundeten, und fragte nach den Toten.

Nach Odolen ging Witiko zu dem Herzoge in das Gezelt, und sagte: »Hoher Herr! du weißt, was geschehen ist. Ich übergebe dir mein Schwert mit dem Bilde des heiligen Petrus, dem ich vertraut habe. Ich bitte dich, lasse mich erst richten, wenn deine Sache entschieden ist. Wenn eine Schlacht sein sollte, so gib mir in deiner Gnade mein Schwert, daß ich in ihr kämpfe, wie ich sonst gekämpft habe. Dann reiche ich es dir wieder.«

»Witiko«, antwortete der Herzog, »behalte dein Schwert, und gebrauche es. Dem Gerichte aber stelle dich.«

»Ich werde es tun, hoher Herr«, sagte Witiko.[408]

Darauf verließ er das Gezelt, und ging auch zu den Verwundeten.

Indes diese Dinge geschahen, war es in Prag, wie es schon viele Tage vorher gewesen war. Das Schleudern gegen die Mauern dauerte, und die Verteidigung dauerte. Die Männer in der Stadt waren weniger, und die Männer vor der Stadt waren auch weniger. Die Mauern zeigten größere Beschädigungen, die Geräte der Feinde waren in geringerer Wirkungskraft, und die auf den Mauern auch.

Am fünften Tage des Brachmonates drängten sich so viele Feinde gegen die Stadt, daß die auf den Mauern meinten, kein einziger Mensch sei in dem Lager zurückgeblieben. Das Werfen aus den Schleuderstücken der Feinde wurde stärker, als es früher gewesen war. Sie schoben Gerüste und Geräte noch näher an die Stadt, obgleich sie da ohne Bergen waren, und harreten bei ihnen während des Werfens gegen sie aus. Diepold sandte an Geschossen in die Feinde, was er zu senden vermochte. Die Mährer änderten ihre Feuerwürfe. Da sie früher nur Branddinge gegen die Krieger auf den Zinnen geschleudert hatten, so ging nun ein brennender Pfeil in hohem Bogen gegen die Gebäude der Stadt. Dem Pfeile folgten bald mehrere, und Feuerballen gingen in die Luft. Die Feinde suchten auch an der schwächsten Stelle der Mauer empor zu klimmen. Diepolds Scharen drängten sich zur Verteidigung heran. Da, als es schon gegen den Abend ging, begann die Kirche des heiligen Veit zu brennen. Der Türmer ließ das große Banner des Herzogs Wladislaw nieder, und rettete es zu Diepold. Darauf faßte das Feuer das ganze Dach, und es ging eine breite Lohe gegen den Himmel empor. Und fast zur nämlichen Zeit begannen das Kloster und die Kirche des heiligen Georg zu brennen, und die Flammen gingen in die Lüfte.

Die Männer auf den Mauern wendeten ihre Angesichter dahin, und es war, als erstarrten sie.[409]

Da sprang Dimut unter den Pfeilen auf eine hohe Stelle der Zinnen, streckte ihren blutenden Arm mit dem Schwerte empor, und rief: »Jetzt kommt der Retter, jetzt kommt der Retter, der Feind weiß es, und sendet uns das Zeichen. Er übt im Aberwitze der Verzweiflung Rache an den Heiligtümern. Unsere Heiligtümer sind nicht verloren, wir werden sie wieder aufbauen, sie werden schöner sein als früher, und mit der Weihe des Erzbischofes wieder hilfreich und gnadenreich; die aber an ihnen gefrevelt haben, werden mit zerrauften Haaren und mit entblößtem Armen auf der Erde liegen, und den Himmel um Barmherzigkeit anflehen, und den irdischen Richter um Gnade, daß er nicht zu hart strafe. Der Retter kommt, der Retter kommt.«

Sie schwang ihr Schwert freudenvoll um das Haupt, und hundert Männer riefen: »Der Retter kommt, der Retter kommt.«

Sie stieg von der Zinne nieder, und zwei Pfeile hingen an ihrem Panzer, und einen trug sie in der linken Hand.

Der Ruf verbreitete sich längs der Mauern.

Die Herzogin sendete Trompeter, die verkündeten: »Der Herzog Wladislaw kommt.«

Jetzt sah man den Bischof Otto mit seinen Priestern in kirchlichem Zuge heilige Kleinodien aus der Kirche des heiligen Veit gegen die Kirche der heiligen Jungfrau Maria tragen.

Da riefen sie: »Laßt uns hinaus gegen sie, laßt uns hinaus.«

Diepold antwortete: »Mit dem Herzoge gehen wir hinaus, jetzt wahrt die Mauern.«

Und die Männer stürzten noch eifriger zur Verteidigung vor.

Er aber ließ das große rosenrote Banner des Herzoges an einem hohen glatten Baume empor ziehen.

Nun regte alles, was in der Stadt Hände hatte, dieselben.[410] Man warf nicht nur die Dinge des Krieges gegen die stürmenden Feinde: Pfeile, Bolzen, Pflöcke, Steine, Fäßchen mit siedendem Öle und ätzenden Flüssigkeiten, Brandpech, glühende Metalle und brennende Pfeile und Brandwerke, es wurde nicht nur, was von den Feinden herein kam, und tauglich war, wieder gegen sie gesendet, sondern man nahm jedes, was zu bewegen und zu zerreißen war, Mauertrümmer, Bausteine, Treppenstufen, Stücke, die man von Werken oder Gittern riß, Dachrinnen, Brunnenröhren, und was Hände fassen konnten, und warf es auf die Feinde.

Diese ließen nicht ab.

Endlich kam die späte Abenddämmerung dieser Jahreszeit, und die Feinde wichen von den Mauern, und gingen zurück, und gingen immer weiter zurück, und endeten ihr Werfen. Die Verteidigung hörte auch auf, und es war nach einer Stunde so stille, als ob nichts gewesen wäre, nur daß der Schein der Feuer, die sanfter brannten, gegen die Luft empor leuchtete.

Der Bischof Otto hielt nun mit seinen Priestern unter dem freien Himmel ein Dankgebet. Dann ging er in die Kirche der heiligen Jungfrau Maria, und betete mit ihnen dort wieder, und es beteten die Krieger mit.

Man konnte nun die Sorge für die Verwundeten und die Toten anwenden. Es hatten viele Menschen das Leben verloren, auch solche, die aus der Stadt und nicht von den Kriegern waren. Dobromil, ein edler Mann aus dem Morgen des Landes und Ded, aus dem Mittage, hatten ihren Tod gefunden.

Die Herzogin ging zu der Brandstelle der Kirche des heiligen Veit, und fragte, was man denn von den Heiligtümern und wichtigen Dingen zu bergen im Stande gewesen sei. Die, welche die Rettung der Kirche und die Löschung des Brandes versucht hatten, sagten, daß manches schnell fortgeschafft worden sei, daß man es in verschiedene[411] Plätze gebracht habe, daß man aber nicht erkennen könne, was gerettet worden sei, und was das Feuer verzehrt habe.

Hierauf konnte man die Ruhe, die mit der Sicherheit möglich war, suchen.

Die kurze Nacht ging bald vorüber.

Als sich der erste Schein des Morgens lichtete, spähten Menschen nach jeder Richtung. Und da es endlich hell geworden war, sah man, daß das Lager der Feinde leer sei, und daß die Nähe und die Ferne um die Stadt und die Burgflecken leer sei. Kein Feind war zu erblicken, und kein Retter war zu erblicken. Im Lager der Feinde standen die Geräte da, es standen Reihen von Gezelten, und es lagen Dinge des Krieges und andern Gebrauches umher.

Die Männer auf den Zinnen erhoben einen Siegesruf, und die Menschen in der Stadt riefen ihn nach, und die in den Burgflecken auch, daß man die Stimmen von oben herab und von unten hinauf zu hören vermochte.

Kundschafter kamen und sagten, daß die Feinde abgezogen seien.

Da ertönten, als die Sonne sich erhob, die Glocken der Kirche der heiligen Jungfrau Maria, die Glocken der Kirche am Teyn, und es ertönten die Glocken in den Burgflecken, die Glocken der Kirchen im Wyšehrad, und in allen Kirchen wurden Gottesdienste gefeiert.

Fabian, der Župan vom Wyšehrad, sandte Boten an Diepold, die sagten, daß die Burg dem Herzoge unverletzt sei.

Nun wurde gerufen, daß man hinaus gehen, und das Lager der Feinde plündern solle. Diepold aber verweigerte es; er ließ die Tore und die Mauern besetzt, und sandte wieder Kundschafter aus.

Die Männer zeigten sich nun von den Mauern die Stellen, wo gekämpft worden war, wo arge Geschosse gestanden waren, und was sonst die Feinde getan hatten.[412]

Gegen Menschen, die sich in dem Lager blicken ließen, befahl Diepold einige Steine zu werfen. Darauf gingen sie fort.

Die Kundschafter kamen wieder, und sagten, das Heer der Feinde sei im Eilwege in der Richtung nach Mähren.

Diepold ließ nun das Brückentor öffnen.

Da es zwei Stunden nach dem Mittage war, sprengten Reiter vom Abende her gegen die Stadt, welche rosenfarbene Fähnlein auf den Lanzen trugen. Sie ritten ein, und meldeten, daß der Herzog Wladislaw am Abende dieses Tages mit seinen Scharen in Prag eintreffen werde, daß der König Konrad ihm mit einem großen Heere folge, und morgen kommen werde. Die Feinde seien schon eine Tagereise weit von Prag entfernt, und würden sich auflösen.

Diepold ließ die Kunde allen seinen Kriegern mitteilen, und die Herzogin ließ sie in der Stadt und in den Burgflecken ausrufen.

Diepold sendete Leute zur Hut in das verlassene Lager der Feinde.

Am Nachmittage war der Weg nach dem Petrin hin mit Menschen gefüllt.

Gegen die Abendzeit, ehe die Sonne den Berg Petrin rot färbte, sah man in ihrem Scheine vom Abende her unzählige Lanzen funkeln. Sie wogten auf und nieder wie von Reitern getragen, und näherten sich, und man erkannte dann das blaue Banner und die rosenfarbenen Fähnlein, und in der Mitte die große rote Fahne. Es war die Schar Wladislaws, des Herzogs von Böhmen und Mähren.

Ein luftbewegender Ruf erhob sich weit draußen jenseits des Berges Petrin, und ging an allen Menschen bis in die Stadt hinein. Das große rosenrote Banner auf den Zinnen der Stadt rückte nun bis an die Spitze seines Tragbaumes empor.

Der Herzog Wladislaw ritt mit den Seinigen sehr langsam[413] auf dem Wege an der Moldau zwischen der Menschenmenge gegen die Stadt Prag dahin. Sein Schwert war in der Scheide und sein Haupt entblößt. Nur der Schmuck der blonden Haare war auf demselben und um die Stirne. Alle Glocken der Stadt und der Burgflecken begannen zu läuten. Neben dem Herzoge ritt in schöner Rüstung der Bischof Zdik, dann ritt Welislaw in schönem Gewande, Odolen in schimmerndem Ringleinpanzer, Witiko mit besonders schönem Kleide geziert, die zwei Hofkapläne in Rüstungen, und Župane und Wladyken und andere Führer. Viele deutsche Jünglinge hatten sich dem Zuge beigesellt, Wolfgang von Ortau mit dreien seiner Freunde zu Witiko, Rudolph von Bergheim mit drei Freunden zu Welislaw, Hanns vom Wörthe mit fünf Freunden zu Odolen, und Adalbert von der Au, und Werinhart von Hochheim, und der junge Graf Heinrich von Rineck. Da der Herzog gegen die Stadt kam, warfen Knaben in schönen Kleidern und schöngekleidete Mädchen Blumen und Zweige auf den Weg, und das Volk warf grüne Reiser und Kränze, und sang Lieder.

An dem Brückentore harrete Otto, der Bischof von Prag, mit seinen Priestern, mit den Priestern der Burgflecken und den Jungfrauen des heiligen Georg, dann der Propst vom Wyšehrad mit seinen Priestern, dann die Äbte mit ihren Priestern, und dann die Herren des Hofes.

Da Wladislaw vor dem Bischofe angekommen war, stieg er von seinem Pferde. Der Bischof begrüßte ihn mit dem Zeichen des Segens, und er und die Priester und die Jungfrauen sprachen die Begrüßungsworte. Wladislaw antwortete dem Gebete mit der Kirchensprache, dann grüßte er den Bischof, und küßte seine Stirne. Dann bestieg er wieder sein Pferd, und zog im Geleite aller, die da waren, und in dem Geleite seines Heeres in die Stadt empor.

Da er zu den Trümmern der Kirche des heiligen Veit gekommen[414] war, stieg er wieder von dem Pferde, kniete vor der Kirche nieder, und tat ein Gebet. Dann ritt er zu der Kirche der heiligen Jungfrau Maria, ging in dieselbe, und betete.

Hierauf ritt er gegen die Zinnen der Stadt. Dort standen alle Krieger, welche die Stadt verteidigt hatten. Als er zu ihnen gekommen war, stieg er von dem Pferde, schritt zu dem Baume, auf welchem das große Banner war, berührte den glatten Schaft, und rief: »So beginnt mein Befehl und meine Macht wieder über alle, die in Prag sind.«

Dann wendete er sich gegen die, welche neben dem Banner standen.

Da war Diepold, der Befehler der Verteidigung, und es waren alle Führer, und hinter ihnen alle Unterführer, und hinter diesen die Krieger. Die Herzogin stand unter den Führern.

Wladislaw verlangte sein Pferd.

Man führte es herzu, er bestieg es, und stellte sich mit ihm gegen die Männer. Dann zog er sein Schwert aus der Scheide, und begann mit demselben das Grüßen.

Er grüßte zuerst Diepold, indem er das Schwert tief senkte, dann grüßte er den alten Bolemil, der aufrecht da stand, er grüßte den alten Wšebor und den alten Preda, dann Lubomir und Diwiš, dann die Führer, dann die Herzogin Gertrud und Dimut, die neben der Herzogin stand, und dann weiter alle die Unterführer.

Die gegrüßt worden waren, dankten mit dem Schwerte.

Dann grüßte der Herzog mit seinem Schwerte weithin ausholend das ganze Heer der Verteidiger. Dann das Schwert in seiner Rechten haltend sprach er: »Männer, Freunde, Brüder, Kampfgenossen! Seid gegrüßet in dem Herrn. Wir sind wieder vereinigt. Gott hat alles gewendet. Kein Feind ist mehr vor der Stadt und in dem Lande, und es ruht der Kampf. Lob, Preis und Ehre allen,[415] die dazu gewirkt haben. Ihr habt im Mute der Helden diese Stadt geschirmt, und mit Herzen der Männer ausgedauert. Lob und Dank euch allen. Lob und Dank denen, die Lob und Dank nicht mehr hören können, weil sie den Tod herrlicher Krieger gefunden haben; Lob und Dank denen, welche Wunden an ihrem Körper tragen, denen sie für das Recht entgegen gegangen sind; Lob und Dank auch dem edlen Herzoge Sobeslav, der diese Mauern so gefestigt hat, daß sie euch die Stadt verteidigen halfen; Lob und Dank allen Vorgängern, die den Schutz des Herzogstuhles gepflegt haben; Lob und Dank denen, welche aus dem ganzen Lande sich zu mir gesellt und die Macht so erhöht haben, daß die Feinde vor ihr flohen, und Lob und Dank denen, die dem Feinde den Mut genommen haben: das größte Lob und den größten Dank aber dem, ohne den alles vergeblich gewesen wäre, dem großen dem gerechten dem allmächtigen Gott. Ihr habt ihm schon gedankt, ich tat es auch schon, vereinigt werden wir ihm morgen danken, wenn das erste Licht scheint. Morgen kömmt der König Konrad, empfanget ihn als Gast, nicht als Hilfsgenossen; denn es ist keine Schlacht mehr. Er wird den Kirchenfesten beiwohnen, und dann in sein Land zurückkehren. Und nun noch einmal: Gruß und Dank. Für heute abend lade ich alle Führer und Unterführer zum Mahle in die Hofburg. Albero, der Erzbischof von Trier, hat Wein und der König Konrad allen Bedarf in die Stadt geschickt. Teilt den Männern auf den Wällen aus und den Leuten in der Stadt, die Mangel haben. Nach der Kirchenfeier kommet morgen in den Saal der Hofburg, daß wir kurz einen kleinen Entgelt für alle die Mühe beraten. Ich gehe jetzt in mein Haus, geleitet mich, wenn es euch gefällt, und zum dritten Male: Gruß und Dank.«

»Gruß und Dank«, riefen alle Männer einstimmig, und schlugen an ihre Schwerter.[416]

Der Herzog steckte sein Schwert in die Scheide, wendete sein Pferd, und begann mit seinem Geleite den Zug in die Hofburg. Die beiden Heere begleiteten ihn, wie der Raum es zuließ.

Da sie an dem Hofe angekommen waren, hingen an dem Tore Blumengewinde, und es standen schöngekleidete Jungfrauen mit Blumenkränzen und Blumensträußen vor dem Volke da, und Gras und Laub und Blumen bedeckten den Boden. Eine aus den Jungfrauen sprach zu dem Herzoge Wladislaw Begrüßungsworte, und reichte ihm einen Strauß.

Der Herzog nahm den Strauß, und dankte ihr.

Dann sangen alle Jungfrauen einen Begrüßungsgesang.

Der Herzog dankte gegen alle hin.

Da es stille geworden war, stieg er von seinem Pferde, ging zu der Herzogin, faßte sie an ihrer Hand, küßte sie auf die Stirn, und sprach: »Hocherlauchte und vielliebe Frau! Ich habe Euch auf den Mauern als Führer begrüßt, und begrüße Euch jetzt als Herzogin. Ich führe Euch von dem Kriegsplatze in Euer Haus, und seid bedankt für das, was ihr über Euer Geschlecht getan habt.«

Hierauf wendete er sich zu Diepold, schloß ihn in die Arme, und sprach: »Sei gegrüßt, mein lieber Bruder, gehe unter mein Dach ein.«

»Sei gegrüßt«, sagte er dann zu Bolemil, und nahm seine rechte Hand.

Dann reichte er die Hand an den Bischof und die Äbte, an Diwiš, Lubomir und an mehrere.

»Sei gegrüßt, Jungfrau«, sprach er zu Dimut, »du bist so tapfer als schön, wir sind in deiner Schuld, und Rowno wird dich nicht zu hart strafen.«

Die Führer des Heeres des Herzogs näherten sich denen der Verteidigungsscharen, reichten die Hände, und gaben Grüße.[417]

»Du schöner Krieger«, sagte Welislaw zu Dimut, »du fängst ja die Pfeile der Feinde mit den Händen?«

»Durch das Wunder eines Heiligen, den ich nicht kenne«, sagte Dimut, »ist ein Pfeil ohne Schaden zwischen mein Panzerhemd und den Kleiderärmel gedrungen, und ich habe mir den Pfeil aufbewahrt.«

»Wenn ich ein hoher Mann dieses Reiches wäre«, antwortete Welislaw, »würde ich dich um den Pfeil bitten.«

»Und wenn du ein hoher Mann des Reiches wärest«, entgegnete Dimut, »würde ich dir den Pfeil nicht geben.«

Der Herzog aber führte nun die Herzogin im Geleite seines Bruders Diepold, der Führer, der Hofherren und der Frauen in den Herzogshof.

Die Jungfrauen erhoben wieder einen Gesang, welchen sie lieblich fortführten, da auch der Herzog nicht mehr unter ihnen war. Dann mischte sich eine Stimme von dem Volke bei, und wieder eine, und wieder eine, und endlich sangen die Krieger und das Volk jenen Gesang, welcher in dem ganzen Lande Böhmen bekannt und geliebt war.

Als der Gesang geendet war, harreten sie eine Weile, und sangen ihn dann noch einmal. Dann aber zerstreueten sich die Menschen nach allen Richtungen. Die Scharen des Herzoges Wladislaw wurden über die Brücke in den rechten Burgflecken geführt, um auf dem großen Marktplatze zwischen dem Burgflecken und dem Wyšehrad zu lagern. Von den Männern Diepolds wurden die ausgelesen, welche auf den Wacheplätzen und Spähetürmen sein mußten, die andern durften in ihre Lagerstellen und in ihre Ruhestellen gehen.

Als die Krieger Wladislaws auf dem großen Marktplatze angekommen waren, und sich einzurichten begannen, ritt Witiko mit Lambert Augustin und Urban und mit seinem Knechte Jakob im Geleite Wolfgangs von Ortau und seiner drei Freunde von ihnen weg zu den Waldleuten.[418] Diese hatten ihre Lagerstelle noch auf dem Walle, wo sie die Mauern verteidiget hatten. Da sie die heran reitenden Männer sahen, stellten sie sich zusammen, und die auf dem Boden lagen, erhoben sich, und die, welche Witiko auf dem Berge Wysoka zu ihrem Führer erwählt hatten, und alle andern auch, die von dem Walde stammten, riefen ihm einen Gruß zu.

Witiko rief ihnen auf seinem Pferde sitzend entgegen: »Seid mir von Herzen gegrüßt, alle ihr Männer, deren Heimat von Fichtenzweigen umweht ist oder von den Zweigen der Tannen und Föhren, oder umrauscht von denen der Buchen und Ahornen, welche zu den Millionen der Bäume gehören, die da wachsen, wo die junge Moldau von Abend gegen Morgen geht. Ich erkenne es, daß wir ein anderes Geschlecht sind, als das auf den offenen Feldern. Wir sind hart und arm aber guten Herzens und guter Treue. Ich glaube, daß die Waldmänner fest zusammen gehalten haben. Und ihr seid im besondern gegrüßt, die ihr mich jungen Krieger zu euerm Vormanne gewählt habt. Ich bin wieder bei euch.«

Nach diesen Worten stieg er von seinem Pferde, seine Begleiter stiegen auch von den ihrigen, und sie traten näher zu den Männern.

Es kam auch Rowno herzu, und Diet und Osel und Hermann und mehrere andere.

»So seid ihr also noch immer zwischen den gemauerten Steinen«, sagte er, »wir sind indessen durch ein weites grünes Land geritten, und wieder durch ein weites grünes Land zurück. Ihr habt bittere Arbeit getan, wenn ihr nur nicht zu Großes erduldet habt.«

»Es ist zum Ertragen«, sagte Stephan der Wagenbauer, »sei gegrüßt, Witiko.«

»Sei gegrüßt«, rief Adam.

»Sei gegrüßt«, rief Paul Joachim.

»Ich grüße dich auch, Witiko«, sagte Christ Severin der[419] Wollweber, »dem Wolfgang haben sie mit einem Steine den Kopf eingeschlagen. Er hat kein Weib und keine Kinder, und seine Mutter wird um ihn weinen. Dem starken Simon vom Reutschlage hat einer, da wir das große Schleuderholz anzündeten, die Gehirnschale entzwei gehauen. Osel hat eine doppelte Wunde erhalten.«

»Es ist mehr Blut als Verletzung gewesen«, sagte Osel, »und die Sache bessert sich schon.«

»Und Grup von Wettern hat drei Wunden erhalten«, sagte Christ Severin, »und Wolf von Winterberg eine, und Braniš aus Rowna eine. Dem Schmied haben sie den linken Arm mit einem Stricke an den Leib gebunden, weil er sich ihn verrenkt hat; dem Mathias haben sie, als wir in der Nacht auf der sumpfigen Wiese draußen waren, mit einem Pfeile den Ohrflügel durchschossen, Zacharias hat ein Pfeilloch im rechten Arme, es heilt aber schon, und dem Maz Albrecht hat ein Balken das ganze Fleisch auf der Brust zerrissen, hat aber die Rippen nicht brechen können, und er wird heil. Wir andern sind gut, und haben Schrammen und blaue Flecke.«

Jetzt nahm Peter Laurenz, der Schmied, das Wort, und rief: »Du hast den Urban gesund zurückgebracht, das ist gut, Witiko, und er sitzt recht schön auf dem Pferde, wie ihr herzu geritten seid. Er wird noch viel lernen. Und sieh nur, Witiko, was wir für einen schönen großen Schleuderschragen haben. Steine, die wir unser fünf Männer kaum heben konnten, haben wir mit dem Haspel auf die Dächer ihrer Holzhäuser geworfen, die sie herzu geschoben haben, als ob ich nach einem Uhu würfe. Wir hätten ihnen die Stadt schon noch eine Weile nicht gelassen, bis alles zerbröckelt und angezündet gewesen wäre wie die Kirche des heiligen Veit und des heiligen Georg.«

»Ihr habt gekämpft, und wir haben zu keinem Kampfe gelangen können«, sagte Witiko.[420]

»Weil sie vor dem neuen Heere davon gerannt sind«, antwortete der Schmied, »der Herzog wird uns doch von den kostbaren Dingen im Lager etwas geben, die sie jetzt so bewachen lassen, und morgen kömmt der König Konrad, hat er gesagt, und wir werden ihn und die Ritter sehen.«

»Und ich habe gar nichts tun können«, sagte Tom Johannes.

»Du hast die Leute angeeifert«, antwortete Witiko.

»Und sie haben nicht gefolgt«, entgegnete der Fiedler.

Urban drängte sich jetzt auch vor, sprach mit den Männern von der Kuckuckspfeife und dem Messer und dem Buffenrocke, den er sich gebracht habe, und der noch bei dem Packzeuge sei.

Und auch Lambert und Augustin begannen zu erzählen.

Witiko aber wendete sich zu Rowno, und sprach: »Verzeihe, ehrenvoller Wladyk, daß ich zuerst die Männer begrüßte, welche zu mir gehören. Ich bringe dir jetzt den Freundschaftsgruß, und den Dank, daß du sie geführt hast. Gewähre mir die Bitte, ein Schwert aus guter Waffenarbeit Nürnbergs, welches ich dir gebracht habe, anzunehmen. Ich denke, daß alle willig gewesen sind.«

»Willig und treu wie die Waldleute«, antwortete Rowno. »Ich grüße dich, Witiko, ich nehme dein Geschenk gerne an, und gebe dir die Leute mit einigen Beschädigungen wieder. Den Wolfgang von Plan und den starken Simon vom Reutschlage kann ich dir nicht mehr geben. Sie liegen schon in der Erde der Stadt Prag. Sie haben ihrem Platze genug getan, und Simon hat den Feinden im vorhinein vergolten, ehe sie ihn weggerafft haben.«

»Wir werden die Mutter Wolfgangs in Plan trösten und stützen«, sagte Witiko, »und um Simon tut es mir leid, er ist ein starker treuherziger Mann gewesen. Hat er Angehörige?«

»Die vom schwarzen Bache sagen«, antwortete Rowno,[421] »daß er Vater und Mutter hat und einen Bruder, der an der Stelle des Alten die Felder besorgt.«

»Gott lohne ihm, er hat ihn gerufen«, sagte Witiko, »und den Seinigen werden wir helfen, wie wir können.«

»Man kann in einer Stadt nicht viel tun, wenn man bloß abwehren muß«, sagte Rowno, »aber zur Erhaltung haben wir doch beigetragen.«

»Beigetragen und es wird anerkannt«, sagte Witiko.

»Wir gehören nun wieder zu dir, Witiko«, rief David der Zimmerer mit heller Stimme.

»Zu dir«, rief Philipp.

»Zu dir«, riefen mehrere Stimmen.

»Zu dir«, riefen dann alle.

»Wir gehören zu ihm«, sprach der Schmied, »weil er zurückgekehrt ist, wie wir gesagt haben, wir gehören zu ihm, so lange diese Sache dauert.«

»Freunde und Waffengenossen«, sprach Witiko, »die Sache ist aus. Es ist kein Feind mehr da, der Herzog hat die Länder und den Fürstenstuhl, und wir können nach Hause gehen. Er hat aber befohlen, daß er noch mit uns sprechen will.«

»Wenn der Herzog mit uns sprechen will, warten wir schon«, sagte der Schmied.

»Jetzt aber gehabt euch wohl«, sagte Witiko, »ich und Urban und Augustin und Lambert und Jakob gehören noch zu des Herzogs Leuten, und müssen zu ihnen. Morgen und zunächst wird sich schon das andere fügen. Heute werden noch Speisen und Getränke zu euch geschafft werden, genießet sie fröhlich und gedenket unser.«

»Wir gedenken eurer«, riefen die Männer.

»Wie du schön angezogen bist, Witiko«, sagte Tom Johannes der Fiedler.

»Ich habe dir auch ein Wams aus Nürnberg gebracht, du armer Mann«, antwortete Witiko, »es wird, wenn du im Sommer keinen Rock an hast, weithin im Walde leuchten.«[422]

»Das ist schön«, sagte Tom Johannes, »wenn nur auch die Fiedel wieder wäre.«

»Sie wird sein und klingen, und gewiß wird sie klingen, du zaghafter Mann«, sagte Witiko.

»Und nun erquickt euch«, fuhr er dann fort, »ruhet gut in der Nacht, und morgen komme ich wieder zu euch. Lebe wohl, Rowno, du auch, Osel, und ihr andern. Jetzt, Reisegenossen, besteigt die Pferde, und wir gehen zu unserer Schar.«

»Nehmt auch einen deutschen Gruß und ein deutsches Lob für eure Taten, ihr Männer der Wälder«, rief Wolfgang von Ortau.

»Wir danken euch«, sprach Rowno, »gewähret uns einmal einen Besuch in dem Walde, und genießet unser Haus.«

»Ja, ja, ja«, riefen mehrere Männer des Waldes, »kommt und wir danken für das Lob.«

»Wer weiß, was geschieht«, sagte Wolfgang von Ortau, »und ob wir nicht einmal in die Heimat Witikos kommen.«

Witiko antwortete: »Dann seid ihr dort wie die Unsrigen.«

»Wir denken es, Witiko«, sprach Wolfgang von Ortau.

»Ihr müßt dann von einem zu dem anderen gehen«, sagte Rowno.

»Nach Dub auch zu mir«, rief Osel.

»Und zu mir nach Wettern«, rief Diet.

»Und nach Hora«, rief Witislaw.

»Und nach Attes«, rief Hermann.

»Und nach Tusch«, rief Wolf.

»Es ist gut, ihr Männer«, sagte Wolfgang von Ortau, »wir kommen. Ruhet in der Nacht, morgen reiten wir wieder zu euch.«

Witiko und die Seinigen bestiegen die Pferde, und sie und die deutschen Begleiter ritten in das Lager auf dem großen Marktplatze.

Dort war neben dem Gezelte Witikos ein schöneres und[423] geräumigeres für Wolfgang und seine Freunde hergerichtet worden. Witiko führte sie in dasselbe ein.

Jetzt kam auch der Knecht Raimund, den Witiko in Prag zurückgelassen hatte, um in der Nacht bei Witiko zu bleiben.

In dem Lager wurden des Abends Speisen bereitet, zu den Verteidigern der Stadt und zu andern Leuten derselben wurden Speisen und Getränke gesendet, und in dem Hofhause des Herzogs wurde das angekündigte Mahl abgehalten.

Am andern Morgen war bei dem Aufgange der Sonne unter dem freien Himmel auf dem großen Platze vor dem Herzogstuhle ein heiliger Dankgottesdienst. Der Herzog, die Herzogin, die Führer, die Hofherren, die Geleite und alle Krieger außer den Wachen und sehr viele Menschen waren bei dem Gottesdienste zugegen. Nach dem Danke wurden die Gebete für die Toten gesprochen.

Dann gingen der Herzog, die Herzogin, die Bischöfe, Äbte und viele Priester und die Führer zu den Verwundeten und Kranken.

Wladislaw verlangte, daß man ihm ein Verzeichnis von allen verfertige, welche Wunden erhalten, und welche den Tod erlitten haben.

Darauf versammelte man sich zu dem Rate in dem Saale der Hofburg.

Nach dem Rate wurden die Männer, welche den Herzog Wladislaw auf seinem Wege nach Nürnberg begleitet hatten, und welche zu dem Heere, das auf dem Wysoka gekämpft hatte, gehörten, wieder zu den Ihrigen eingeteilt.

Witiko ging zu den Waldleuten, und ließ für seine deutschen Freunde und für sich und seine Knechte Zelte errichten. Lambert, Augustin und Urban gingen auf ihre Plätze, und die Pferde des Herzogs wurden in ihren Stall zurück geschickt.[424]

Jetzt kam auch Heinrich, der Bruder des Herzoges Wladislaw, mit den Hilfsmännern aus dem Lande Budissin an. Es wurde ihnen ein Platz gegen das Dorf Buben hin neben dem verlassenen Lager der Feinde angewiesen.

Als die Sonne an dem Mittage des Himmels stand, meldeten die Späher, daß das Heer des Königs Konrad komme.

Eine große Zahl Menschen versammelte sich an dem Wege, auf der Brücke und an anderen Stellen, um es kommen zu sehen.

Bald zog es auf dem Wege neben der Moldau herein. Und alle Menschen und alle Dinge, welche sich neben dem Wege befanden, und auch alle, die weiter waren, die Büsche des Berges Petrin und die Felsen gegen die Burg hin leuchteten von dem Scheine der Waffen und Rüstungen. An der Spitze des Zuges ritt der König Konrad. Er hatte einen goldenen Harnisch und einen goldenen Helm. Unter dem Helme waren an der Stirne blonde Haare und seine blauen Augen blickten freundlich umher. Weil man sagte, daß er so männlich sei, wie der erste Ritter in seinem Heere, so sahen alle Augen auf ihn. Dann waren die Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Kurherren, Herzoge, Grafen, Ritter, Herren und Führer der Klöster und Städte. Oft waren auf ihren Rüstungen und Schilden Verschlingungen von Laub und Zweigen, von Gestalten und Zeichen aus Gold, Silber oder edlen Steinen. Hermelin oder anderes Rauhwerk war an Säumen und Rändern. Dann kamen die Krieger meist in heller Beschienung, und alles, was zu dem Zuge gehörte. Die Menschen riefen dem Könige zu, und warfen ihm Blumen oder Reiser.

Als der König zu der Brücke gekommen war, harrten an derselben auf ihren Rossen sitzend der Herzog Wladislaw, die Herzogin Gertrud, Diepold und Heinrich, die Brüder des Herzoges, dann die Bischöfe Otto und Zdik,[425] die Äbte und Priester, dann die Herren der Ämter des Hofes und die Führer der Krieger. Sie begrüßten den König und die Seinigen, und geleiteten sie über die Brücke. An das Heer des Königs schloß sich das Heer der Stadtverteidiger an, und das, welches Heinrich aus dem Lande Budissin gebracht hatte. In langen Zügen bewegten sich die Männer über die Brücke der Moldau dahin. Sie durchzogen den rechten Burgflecken bis zu dem Marktplatze, der zwischen dem Burgflecken und dem Wyšehrad war. Dort schlossen sich auch die Krieger an, die seit gestern auf dem Marktplatze lagerten. Vor dem Burgflecken des Wyšehrad blieben die Heere stehen, und der Herzog und die Seinigen geleiteten den König mit seinen Vornehmen durch den Burgflecken gegen das Pankratiustor der Burg empor. Vor dem Tore stand der Propst Hugo und der Diakon und der Subdiakon in dem Schmucke der kirchlichen Haube und der Fußsohlen, die sie aus Vergunst des Heiligen Vaters tragen durften, und es stand der Dechant, der Meister, der Hüter, und es standen die übrigen Priester des Hauses da, und neben ihnen stand der greise Župan Fabian mit dem Gaurichter, dem Kämmerer, dem Maier, dem Jägermeister und den anderen Župenherren, und hinter ihnen standen die Diener der Kirche und die Diener der Županei.

Der Propst machte das Zeichen des Segens gegen den König und die Seinigen, und sprach die Worte des Segens.

Der König bezeichnete sich, antwortete mit den Segensantworten, und sprach dann: »Wir werden eure Heiligtümer, hochehrwürdiger Herr, mit unsern Bitten und Gebeten belästigen.«

»Gott wird das Gebet erhören, das du, hoher Herr, in unserer Kirche tust«, antwortete der Propst, »und unser Haus ist dein Haus.«

»Ich bin der Gast meines Schwagers, und besuche auch euer Haus«, sagte der König.[426]

»Unser Haus ist das der Herzoge, wie alles hier der Herzoge ist«, sagte der Propst. »Der erste Bořiwoy hat diese Kirche gegründet, der König Wratislaw hat sie größer gebaut, und zwölf Körbe Steine dazu getragen, und der Herzog Soběslaw hat sie erst glänzen gemacht. Und was wir an Friedenssteuer, Überfuhren, Ansässigkeiten, Pflugmaßen und andern Dingen haben, stammt von den Herzogen. Und mögen auch deine Herren Gelegenheit zu unserer Gastlichkeit nehmen.«

Darauf sprach Fabian, der Župan von Wyšehrad: »Durch die Gnade des Herzogs bin ich dein Wirt, hoher Herr, und die Županei ist von dem Saale bis zur Kleiderstube hinab dein Eigentum.«

»Ich werde wie meine Vorgänger«, sagte der Herzog, »die Pfründe dieser Kirche mehren, weil sie auch so guten Absichten dienet. Jetzt aber, Herr, gehe in das Haus.«

»So gehen wir denn in diese Hochburg«, sagte der König, »welche in uralter Zeit so heilig gegolten hat.«

»Sie ist heilig gewesen, da sie noch in dem Walde gestanden ist, und die heidnischen Fürsten in ihr geherrscht haben, und sie ist noch heiliger geworden, da christliche Kirchen in sie gekommen sind. Der König Wratislaw und der Herzog Soběslaw haben hier gewohnt, und die künftigen Herzoge werden desgleichen tun«, sagte Hugo.

Der König und alle, die um ihn waren, ritten in die Burg.

Dort stiegen sie von den Pferden, und der König ging gegen die Kirche der Heiligen Petrus, Paulus und Clemens.

Er betrachtete ihren Bau.

»Siehe, Herr, die Krone an der Mauer wiegt zwölf Mark Gold und achtzig Mark Silber«, sagte Hugo, »sie hat der Herzog Soběslaw machen lassen. In der Kirche wirst du den Fußboden mit glänzenden Steinen belegt sehen, goldene und silberne Kreuze und kostbare Tücher an den Altären, und schöne Wandelgänge an den Mauern. Das alles hat Soběslaw errichtet.«[427]

»Ich habe von diesem Baue gehört«, sagte der König, »und bin erfreut, ihn nun mit meinen eigenen Augen zu sehen, und, wenn auch das uralte Kirchlein Bořiwoys nicht mehr steht, hier meine Andacht zu verrichten.«

»Das Kirchlein Bořiwoys«, entgegnete Hugo, »an dessen Stelle dieses schimmernde Haus steht, ist ein heiliges Kirchlein gewesen; in ihm hat Cyrillus drei Jahre den Leib des heiligen Clemens aufbewahrt, ehe er ihn nach Rom brachte.«

»So erzählen die heiligen Geschichten«, sagte der König.

Dann gingen alle in die Kirche. Sie gingen an den goldenen und silbernen Kreuzen und schönen Tüchern der Altäre und an den Wandelgängen vorüber zum großen Altare.

Dort kniete der König, und es knieten alle andern nieder, und taten ein kurzes Gebet.

Dann betrachteten sie die Kirche.

Dann gingen sie noch in die Kirche der heiligen Maria Magdalena und in die des heiligen Martin, und beteten dort, und betrachteten die Kirchen.

Dann besuchte der König die Gräber der Herzoge Wratislaw und Soběslaw und der Herzoginnen Swatawa und Adelheid.

Dann besah er in der Kammer des Fürstenhofes die Bastschuhe des Herzoges Přemysl.

Dann ging er in den großen Saal.

»In diesem Saale«, sagte Hugo, »werden die Landtage und die Feste des Reiches abgehalten, und hier ist unser hoher Herzog Wladislaw gewählt worden. Vor zwölf Jahren sind mit dem Herzoge Soběslaw einmal dreitausend Menschen in diesem Saale gewesen.«

»Hier«, sagte der König, »nehme ich Abschied von dir, erlauchter Herzog, und gehe in meine Stube. Das andere dieser Herrscherburg, in welche du mich geladen hast, werde ich mit den Meinigen allein einmal besehen.«[428]

Hierauf ging er in sein Gemach, und dort verabschiedete sich der Herzog, und ritt mit den Seinigen in die Burg Prag zurück.

Die geistlichen und weltlichen Fürsten ritten zu den Ihrigen.

Das Heer des Königs Konrad zog auf das Feld vor dem Wyšehrad, um dort ein Lager zu errichten. Alle andern Krieger gingen auf ihre Plätze.

Gegen den Abend ritten der König Konrad, dann Heinrich, der Markgraf von Österreich, und Otto, der Bischof von Freising, mit Geleiten in die Burg Prag.

Dort sprach der König zur Herzogin Gertrud die Worte: »Sei mir in deinem Hause gegrüßt, du liebe Schwester. Ich sollte dir Bolzen und Lanzen und Schwerter und Harnische bringen statt der Perlen, die ich für dich in der Hand halte. Wenn man dich im Flitter unter deinen Frauen sieht, sollte man es nicht glauben, was die Leute von dir erzählen. Ich werde meine Versäumnis durch ein schönes Waffenkleid zur Erinnerung an die vergangenen Tage gut machen. Meine Hausfrau Gertrud sendet dir auch einen Gruß, und die andere Gertrud, die bald deine Schwägerin sein wird, hat einen andern Boten für ihre Grüße gewählt.«

»Ich bringe sie«, sagte Heinrich, der Markgraf von Österreich, »und bringe die Ladung zur Vereinigung mit ihr. Bei diesem Feste werden die drei verwandten Gertruden in einem Saale sein.«

»Ich nehme alle Grüße und Ladungen mit Freuden auf«, antwortete Gertrud.

»Ich bin mit den zwei andern Brüdern auch hier«, sagte Otto, der Bischof von Freising, »um meine liebe Gertrud zu begrüßen. Wir haben kämpfen wollen, und finden nur Feste. Gott hat uns geführt, und das Gebet unserer frommen Mutter auf dem Kahlenberge hat uns begleitet.«

»Sie hat gewiß gebetet, und ihr Gebet ist erhörenswert«,[429] sagte Gertrud, »und du, den sie so liebt, wirst es gedenken.«

»Wenn ich es kann, ist es durch meinen Wandel«, sagte Otto, »und den will ich unserer Mutter genehm zu machen suchen.«

Als es Nacht wurde, ritten alle in den Wyšehrad zurück.

Witiko übergab an diesem Tage Rowno das Schwert, welches er für ihn aus Nürnberg gebracht hatte, und teilte an die Waldleute die Geschenke aus, die er für sie dort erworben hatte.

Der König blieb drei Tage in der Stadt Prag.

Es waren an diesen Tagen Feste der Kirche und andere Feste, und die Herren gaben sich Gastlichkeiten. Kostbare Fische und Speisen aller Art wurden herbei gebracht, und der Herzog Wladislaw vergalt an Wein, der an der Elbe gewachsen war, den, welchen die Herren vom Rheine und vom Neckar gebracht hatten. Es wurden Spiele gehalten, und die deutschen Ritter zeigten, was sie mit Waffen und Pferden konnten, und die böhmischen Herren zeigten, was in ihrem Lande gebräuchlich war. Unzählige Menschen waren gekommen, und die böhmischen Mädchen wiesen den fremden Reitern die Schönheit ihrer Landeskleider und ihrer Angesichter. Auch die Männer des Waldes kamen herzu, und ließen sehen, was sie an Laufen und Ringen und Springen vermochten, und der Schmied von Plan vermaß sich, zu sagen, kein Mann könne einen so schweren Stein heben wie er. Geschenke wurden gegeben und empfangen.

Die Kundschafter meldeten, daß die Feinde wirklich auseinander gegangen seien.

Am vierten Tage zog das deutsche Heer auf dem Wege zwischen dem Petrin und der Moldau hinaus, auf dem es herein gekommen war.

Der Herzog Wladislaw nahm nun das verlassene Lager der Feinde in Empfang. Was an Wert dort war, wurde[430] verteilt. Die Schleudergeräte, welche brauchbar waren, wurden zu dem Kriegszeuge des Landes gestellt. Das Holz der Verbalkungen und anderer Werke wurde den Armen gegeben. Die Verwundeten, welche man fand, wurden zu einer besseren Besorgung in die Burgflecken von Prag getragen, und die schlecht begrabenen Toten wurden besser mit Erde bedeckt. Die Priester sprachen den christlichen Segen über sie. Aus Dingen, die man in dem Lager oder auf dem Kampfplatze fand, konnte man erkennen, daß alle an den letzten Kämpfen Teil genommen haben mußten, die es vermocht hatten, Arbeiter, Schenken, Händler, Trödler, Troßbuben, selbst Frauen.

Wladislaw ließ nun die Ebnung des Bodens beginnen, und verkündigen, daß alle, welche ein Eigentum dort haben, sich ausweisen sollen, um eine Entschädigung zu erhalten.

Als diese Dinge geschehen waren, hielt der Herzog einen Rat, wie die Kirche des heiligen Veit und des heiligen Georg wieder aufzubauen sei, und wie man die Mauern der Stadt wieder herrichten und mehr festigen könne, damit sie künftigen Bestürmungen noch wirksamer zu widerstehen vermögen.

Der Herzog, die Priester und die Herren des Rates beschaueten den Schutt der Kirche, und beschlossen, daß sie stärker und schöner aufgerichtet werde, und daß man ein steinernes Dach setze.

Es wurden nun die Weisungen an die Werkmeister und Bauherren des Landes um Rat und Beihilfe gesendet.

Darauf versammelte Wladislaw alle Führer der Krieger, und verteilte an sie Ländereien, Gold, Silber, Geschmeide, Waffen, Pferde, Gewänder, Gezelte, Kriegszeuge, und was sonst zum Lohn und zur Erinnerung dieser Tage zu dienen vermochte. Er bestimmte auch, was an alle übrigen Krieger zu verteilen sei, und gab die Art an, wie es sogleich getan werden müsse.[431]

Dann sprach er: »Wir haben nun einen kleinen Entgelt für eure Taten abgefertigt, wie wir ihn am Morgen nach meiner Ankunft in diesem Saale beraten haben. Er soll kein Lohn sein, sondern nur der Beginn des Lohnes, und was ein treuer Mann von mir wünscht, dafür werde ich zu aller Zeit ein offenes Ohr haben. Die Gabe stammt aus dem fürstlichen Gute, und das Gut hat nach den Kräften getan, die ihm jetzt eigen sind. Wir werden fürder ohne Hilfe fremder Männer die Mittel des Landes rüsten, um den Feind vollständig zu besiegen, und dann ist es nach dem Kriegsgebrauche Recht, daß das Gut des Fürsten durch das Gut des Feindes wieder erstarken und die Getreuen ihre Beteiligung erhalten. Wer in diesem Streite zu mir gezogen ist, und seine Männer gebracht hat, möge in seine Heimat ziehen, und dem Lande wieder helfen, wenn das Land seiner bedarf. Meine Krieger verteile ich an ihre bestimmten Plätze. Und so möge jeder das Denkmal der Waffenbruderschaft dieser Zeit dahin nehmen, und keiner in üblem Mute von hier scheiden.« Darauf sprach Otto, der Bischof von Prag. »Sie haben mich zur Antwort an dich gewählt, hoher Herr! Wir sind in diesen Streit gezogen aus Liebe zu Gott und den Himmlischen, daß durch Blut und Wirrsal nicht der heilige Glaube, die heilige Religion und die christliche Sitte leide; ferner aus Liebe zu dem Lande, daß es vor großem Schaden bewahrt werde, und dann aus Liebe zu dir, hoher Herr, daß dir dein Recht erhalten werde. Gott und die Heiligen haben geholfen, wir haben ihnen gedankt, und sind zu Ende. Wenn du großmütig wie deine Vorgänger Gaben verteilt hast, so ehren die Gaben uns, wie die Gaben deiner Vorgänger unsere Voreltern geehrt haben, und wir ehren die Gaben wieder und genießen sie in Ansicht ihres Ursprungs. Zur weiteren Schlichtung der Dinge wird dir die Treue der Deinen nicht fehlen.«[432]

»Es soll immer das Rechte und Gute geschehen«, rief Bolemil.

»Das Rechte und Gute«, riefen nun alle Männer.

Dann sprach wieder der Herzog. »Ehe wir scheiden, geliebte Herren, haben wir noch ein Urteil über einen Schuldigen zu sprechen. Er harret draußen, und hat sich in der Freude, die jetzt in dem Lande ist, zu dem Empfange seines Spruches gestellt. Der Spruch wird gerecht sein, und die Gerechtigkeit wird vollzogen werden. Rufet den Mann.«

Einer der Krieger an der Tür des Saales ging hinaus, und kam mit Witiko zurück.

»Witiko, tritt vor«, sagte der Herzog.

Witiko ging von der Tür des Saales auf den Platz vor der Versammlung.

Er hatte das Ledergewand an, welches er auf dem Ritte bei Chynow getragen hatte, und in welchem er vor der Wahlversammlung in dem großen Saale des Wyšehrad gestanden war.

Der Herzog sprach: »Ihr kennet diesen Mann, und habt ihn schon einmal vor euch gesehen.«

»Wir kennen ihn«, sprach Bolemil.

»Wir kennen ihn«, sprach Lubomir.

»Wir kennen ihn«, sprach Otto.

»Wir kennen ihn«, sprach Zdik.

»Wir kennen ihn«, sprachen viele.

»Odolen, der du die Tat des Mannes gesehen hast, derentwillen er hier steht, erzähle in Getreuem, was sich alles zugetragen hat«, sagte der Herzog.

Odolen erhob sich von seinem Sitze, der in einer hinteren Reihe stand, und sprach: »Hoher Herr! Wir ritten zwischen Pilsen und dem Dorfe Holaubkau. Da kam eine Schar von Reitern der Feinde. Es waren die Fürsten Wratislaw von Brünn, Otto von Olmütz, und Wladislaw, der Sohn des Herzogs Soběslaw, unter ihnen. Es[433] wurde ein Kampf. Wir waren ihnen an Zahl um vieles überlegen. Wir standen so, daß sie mit dem Rücken gegen das Lager der Unsrigen gekehrt waren, wir gegen das Lager der Ihrigen. Der Sieg zeigte sich für uns. Witiko befehligte eine größere Zahl Reiter als ich. Da die Feinde zur Flucht drängten, hieß Witiko seine Reiter nach der Seite wenden, daß ich glaubte, er wolle die Feinde umgehen, und in ihrem Rücken ihre Flucht hemmen. Es wurde aber eine Lücke gegen Prag, sie wendeten ihre Pferde, und flohen durch die Lücke in der Richtung gegen Prag hin. Meine und Witikos Reiter riefen Verrat, kamen in Unordnung, und als die Ordnung wieder hergestellt war, hatten die Feinde eine große Strecke vor uns. Witiko übergab seinen Befehl an mich, ich ordnete die Verfolgung an. Witiko ritt als Streiter mit uns. Auf dem Wege fanden wir die hölzernen Häuser des Dorfes Holaubkau brennen. Wir konnten durch den Brand nicht hindurch, und ehe wir einen Umweg entdeckten, war so viele Zeit vergangen, daß die Erreichung der Feinde vereitelt war. Wir kehrten um, Witiko mit uns, und in dem Lager ging er zu dem erlauchten Herzoge Wladislaw. So ist die Sache.«

Nach diesen Worten setzte sich Odolen wieder nieder.

»Witiko, sprich«, sagte der Herzog.

Witiko neigte sich vor dem Herzoge, und sprach: »Ich habe den Kriegsfehler nicht gemacht, daß ich die Flucht der Feinde gegen das Lager der Unsrigen zu hemmen gesucht hätte. Ich wollte sie zu den Ihrigen entfliehen lassen, und es ist gelungen. Weil drei Fürsten selber so weit gegen unser Lager vorgeritten waren, habe ich gedacht, sie müssen etwas Bedeutungsvolles im Sinne haben. Weil sie aber zeigten, daß es nicht auf die Unterwerfung an den erlauchten Herzog Wladislaw abgesehen sei, so konnte es nur sein, daß sie nicht durch Späher und Gerüchte Entmutigung in das Heer Konrads von Znaim[434] kommen lassen wollten, sondern selber vorritten, um nach der Rückkehr Mut und Anspornung zu den Ihrigen zu bringen. Aber unsere Sache war so, daß sie selber gegen ihren Willen die Fruchtlosigkeit weitern Kampfes zu Konrad zurückbringen mußten, und so habe ich sie, daß keine Verzögerung würde, entkommen lassen. Verrat beging ich nicht; denn sonst wäre ich bei den Feinden, ich habe gegen das Kriegsgesetz gefehlt und gegen den hohen Herzog gefehlt, und erwarte die Strafe.«

»Wir kennen, was sich begeben hat«, sagte der Herzog. »Nun sprecht, Männer, ist Witiko strafbar?«

»Witiko ist strafbar, und hat für seine Jugend weise gehandelt«, sagte Zdik, der Bischof von Olmütz.

»Und was spricht mein Bruder Diepold?« fragte der Herzog.

»Ich spreche nicht«, sagte Diepold, »Fürsten aus Přemysls Stamme stehen gegen uns, man soll nicht sagen, daß mich irgend eine Scheelsucht leite.«

»Und Heinrich?« sprach der Herzog.

»Ich rede wie Diepold«, sagte Heinrich.

»Und Bolemil?« fragte der Herzog.

Bolemil sprach: »Wir haben gesagt, daß die Hilfe des Fremden in unserem Streite ein Unglück ist, und daß die Sache sehr schnell entschieden werden sollte. Sie ist entschieden, der Fremde ist fort, und es hat keines Schwertes bedurft. Wie es Gott so gefügt, wer kann entscheiden? Witiko aber hat in dieser Art gehandelt, strafe ihn so hart du darfst, weil er deine Rechte geübt hat.«

»Und was sagt Lubomir?« fragte der Herzog.

Lubomir sprach: »Witiko ist gut wie ein Kind, ich habe ihn wie mein Kind angesehen, da er bei mir gewesen ist, und werde ihn so ansehen, weil er keinen Vater hat.«

»Und Wšebor?« sagte der Herzog.

»Strafe ihn nach Ermessen«, sagte Wšebor.

»Und du, Diwiš?« sagte der Herzog.[435]

»Strafe ihn, wie du es verstehst«, sagte Diwiš.

»Nach deiner Weisheit«, sagte Chotimir.

»Und Daniel?« fragte der Herzog.

»Weil du mich rufst, hoher Herr«, antwortete der Priester Daniel, »so sage ich: ich kenne nicht genau das Streiten; aber der Frieden des Heilandes und seine Liebe zu dem menschlichen Geschlechte soll über allen Ländern schweben.«

»Und was spricht Welislaw?« fragte der Herzog.

Welislaw sagte: »Witiko hat bei Chynow für sein Pferd entschieden gehandelt, daß wir ihm folgen mußten, und hat jetzt für das Land entschieden gehandelt.«

»Und ist einer hier, der Witiko für einen Verräter hält?« fragte der Herzog.

Es antwortete keine Stimme.

»Nun, da ihr schweigt«, sagte der Herzog, so spreche ich, wie folgt: »Witiko, du hast in der Schlacht auf dem Wysoka einen großen Dienst getan, und nach der Schlacht wieder gedient. Als vor einigen Tagen die Führer in diesen Saal kamen, um die Entgeltung der Verdienste zu beraten, und als sie heute kamen, um die Entgeltung zu empfangen, warest du nicht unter ihnen. Du hattest die Führerschaft eines meiner Reiterfähnlein an Odolen gegeben, und die Führerschaft der Waldleute noch nicht übernommen. Dein Entgelt an Gold, Gewändern und Waffen ist in meiner Kammer, und zwei Pferde sind für dich in meinem Stalle. Empfange alles. Bei Pilsen bist du nicht ein Verräter gewesen, und hast nicht Abfall gesonnen; denn das hättest du gesagt, wie du es mir vor zwei Jahren gesagt hast; aber du hast das Kriegsgesetz und mein Recht verletzt, und ich strafe dich; du bleibst so lange von meinem Hofe verbannt, bis ich dich rufe, und zahlst sechshundert Denare in den Schatz des Landes, und weil du deine Pfennige jetzt selber brauchen wirst, so leiht dir meine Kammer die Denare. Jetzt entferne dich.«[436]

Witiko verneigte sich, und verließ den Saal.

»Ich glaube, es war nicht zu hart«, sagte der Herzog.

»Nein, nein«, riefen mehrere Stimmen.

»Nun haben wir noch mit einem Krieger zu sprechen«, sagte der Herzog, »führt Dimut, die streitende Schwester des Wladyken Rowno, herein.«

Zwei junge Ritter des Herzoges gingen durch die Tür hinaus, und geleiteten nach einer kurzen Weile Dimut herein, welcher mehrere Mädchen folgten.

Dimut war in ein weites fließendes Gewand von veilchenblauer Farbe gekleidet, das von einem silbernen Gürtel zusammen gehalten wurde. Die schwarzen Haare waren in einem Silbernetze.

Als sie vor den Herzog gekommen war, sagte er: »Dimut, wir können dir keinen Sitz anbieten. Ein Krieger, der kein Führer ist, muß vor den Führern stehen, und ein Krieger bist du, wenn du auch keine Kriegsgewänder an hast.«

»Ich stehe, Herr«, sagte Dimut.

»Dimut«, sprach der Herzog, »die Bischöfe, Priester, Fürsten, Herren und Lechen dieses Saales erkennen, daß du heldenmütig gewesen bist, wie dein Geschlecht es nicht ist, und daß du Dank und Gaben verdienst. Den Dank sagen wir hier, und in Prag und in dem Lande werden sie es sagen, was du getan hast. An Gaben sind wir arm. Ich gebe dir ein Kriegerkleid, Goldschmuck, ein Schwert, das so klein ist wie das deinige, und ein weißes Pferd, das meine Herzogin mit Silber geschmückt hat. Deinem Bruder habe ich Land an seinem Lande gegeben, und du wirst es mit genießen. Und ich warte, daß dich einer als Hausfrau heim führt, und werde dann sinnen, was euch erfreuen kann. Du mußt jetzt mit deinem Bruder nach Hause gehen, daß du wegen des Verrates, den du an der Veste Rowna geübt hast, gestraft werdest. Wenn du die Strafe abgebüßt hast, komme nach Prag, du gehörst zu[437] der Herzogin, bleibe bei ihr, oder gehe wieder nach Hause, oder komme, so oft du willst.«

»Hoher Herr«, antwortete Dimut, »ich verdiene keinen Dank und keine Gaben, weil ich getan habe, was ich nicht lassen konnte. Was mir deine Huld beschert, dafür gebührt dir der Dank, ich sage ihn, und werde alles mit Freude gebrauchen. Man sagt, du werdest die zerstörten Heiligtümer wieder schöner aufbauen, als sie gewesen sind. Ich werde dann kommen, in ihnen zu beten, und dann werde ich in Ehrfurcht zu der hohen Herzogin gehen.«

»Nun so nimm als Krieger Abschied von den Kriegern, die mit dir gekämpft haben, Dimut«, sagte der Herzog, »und auch von denen, die mit dir gekämpft hätten, wenn sie nicht mit mir nach Deutschland hätten ziehen müssen.«

Die Männer erhoben sich von ihren Sitzen, und näherten sich Dimut.

Diepold reichte ihr die Hand, Heinrich reichte ihr die Hand, das taten auch die Bischöfe und die Äbte, der greise Bolemil, Lubomir, Diwiš, Chotimir, Wšebor, und alle älteren Führer. Die jüngeren Krieger drängten sich herzu, faßten nach ihrer Hand, und sprachen zu ihr. Welislaw sagte: »Du gibst mir noch den Pfeil nicht.«

»In meinem Leben nicht«, sagte Dimut.

Als alle Männer zurück getreten waren, sagte der Herzog: »Nun verschmähe auch meine Hand nicht.«

Er reichte sie ihr.

Dimut faßte sie, und neigte sich mit der Stirne auf sie.

Da sie zurück getreten war, sagte sie: »Herrsche glücklich und gerecht, hoher Herr.«

»Gehe mit Gott, Dimut«, sagte der Herzog, »gebe der Himmel das eine, und vermöge ich das andere.«

Dimut wendete sich, ihre Mädchen umringten sie, und sie gingen aus dem Saale.[438]

»Und nun, hohe Herren«, sagte der Herzog, »gehabt euch wohl als Krieger und nach dem Kriege. Als Freunde kommen wir heute am Abende noch in der Hofburg zusammen, vielleicht führt bald den einen oder den andern sein Wille auf den Heimweg. Möget ihr dort alles gut finden, und bringet meinen Gruß euern Angehörigen und denen, die im Lande um euch wohnen.«

Nach diesen Worten riefen die Männer dem Herzoge ein Lebewohl zu, er dankte entblößten Hauptes, und sie verließen den Saal.

In dem Lager auf dem großen Verkaufsplatze zwischen dem rechten Burgflecken und dem Wyšehrad wurde an dem Tage auch eine große Bewegung. Männer aus den Hofherren des Herzoges waren bei den verschiedenen Abteilungen, die Führer kamen aus der Hofburg zu ihren Kriegern, und man verteilte die Gaben und Geschenke des Herzoges an jeden Mann, der in dem Lager war.

So geschah es auch bei den Männern aus Budissin, welche in der Nähe des Dorfes Buben ihren Platz hatten. Sie empfingen Lohn, daß sie gekommen, und zu dem Streite bereitwillig gewesen waren.

Und so geschah es auch bei den Verteidigern der Stadt Prag. Diepold war bei ihnen, und alle Führer waren bei ihnen, welche den Kampf mit ihnen geteilt hatten. Sie erhielten reiche Geschenke, und die, welche verwundet worden waren, empfingen noch besondere Gaben.

Vor dieser Frist wurde Witiko zu dem Herzoge gerufen. Der Herzog gab ihm die Führerschaft über die Waldleute zurück, und sagte, er möge zu den Seinigen eilen, um bei der Verteilung der Gaben zu sein, welche sie für ihre Taten erhalten sollen.

Witiko dankte, und ritt zu den Männern des Waldes. Da waren schon Hofherren, da war Rowno, Hermann, Wyhon, Diet, Wolf, Wernhard, und alle, die zu führen gehabt hatten. Und die Gaben wurden verteilt. Als Witiko[439] erschien, begann auch die Verteilung bei den Seinigen. Sie war reichlich, und der Kammerschreiber gab ihm auch Geld für diejenigen, die vom Wysoka heim gegangen waren, und für die Angehörigen der Toten. Es war viel Freude und Frohlocken, und sie zeigten sich wechselweise, was sie bekommen hatten.

Der Herzog und die Herzogin ritten in schönen Gewändern mit einem Gefolge, das in prunkenden Kleidern war, zu allen Abteilungen, an welche die Gaben gereicht wurden.

Am Abende dieses Tages waren Festmahle in allen Lagern, es waren Feste in den beiden Burgflecken von Prag, und in dem Burgflecken des Wyšehrad, und es war ein Festmahl in der Hofburg des Herzogs.

Witiko ritt zu dem Festmahle des Herzogs, und wurde von vielen seiner Leute bis zu dem Tore begleitet.

Nach dem Mahle wurde er in das Priesterhaus geführt, in welchem ihm wieder seine Wohnung bereitet worden war, weil man die Lager zu verlassen begann.

Am Morgen des folgenden Tages ging er zu den Seinigen, um sie zu begrüßen, und Anordnungen zu treffen.

Sie standen oder saßen im Sonnenglanze an den Hütten oder Schirmen, die sie auf ihrem Platze errichtet hatten, herum, und sprachen von verschiedenen Dingen. Sie sprachen von dem, was geschehen war, von ihren Geschenken, und zeigten sich dieselben neuerdings wieder, und mancher zählte sein Geld aus einer Hand in die andere. Der Schmied von Plan hatte ein sehr großes und starkes und altes Waffenhemd erhalten, und hatte es über seinen groben Rock angetan. David der Zimmerer, welcher auf dem Berge Wysoka verwundet worden war, trug alle Geräte des Zimmerwerkes herbei, welche klarer und spiegelnder waren, als er je gesehen hatte. Veit Gregor zeigte ein Becken aus Silber, in welches er das heilige Wasser, wenn es im nächsten Frühlinge geweiht sein würde, zu[440] gießen gesonnen sei. Tom Johannes, der Fiedler, saß auf Holzblöcken, welche zum Verbrennen hergerichtet waren. Er hatte eine Geige in der Hand, und betrachtete sie.

»Da hast du ja wieder eine Fiedel«, sagte Witiko.

»Ich habe niemals etwas so Schönes gesehen«, antwortete Tom Johannes, »und wenn ich daran kneipe, so klingt sie, wie gar keine geklungen hat. Ich werde jemanden in Plan unterrichten, daß er sie streichen lerne, damit wir auch hören, wie sie singt.«

»Du wirst sie schon selber streichen, daß sie singt«, sagte Witiko.

»Ach, Witiko«, sprach der Fiedler, »du bist doch ein Tor.«

»Wir werden sehen, ob ich ein Tor bin«, sagte Witiko.

Er zeigte nun auch manches von dem, was er von dem Herzoge erhalten hatte, und es wurden die Pferde herbei geführt, daß die Waldleute sie sähen. Sie waren ganz gleich lichtbraun, und mit Silber gezäumt. Raimund führte sie hierauf wieder in das Priesterhaus.

Jeder der Knaben Osels ritt auf einem weißen Pferdchen herum, das er von dem Herzoge erhalten hatte.

Witiko hieß nun die Seinen sich zum Abzuge in die Heimat rüsten, und sagte, daß er sie bis zu ihren Häusern führen werde.

In dem Lager auf dem großen Marktplatze wurden die Gezelte abgebrochen, und die Krieger bereiteten sich zum Fortziehen. Die Männer von Budissin gingen in der Richtung nach ihrer Heimat davon, und die Lechen ordneten die Ihrigen zum Heimwege, nur diejenigen, welche mit dem Herzoge zu der Hochzeit Heinrichs, des Markrafen von Österreich, nach Frankfurt zu gehen gesonnen waren, richteten ihre Kostbarkeiten zu dem Zuge.

Die Führer gingen gegenseitig zu einander, um Abschied zu nehmen. Sie reichten sich mannigfaltige Geschenke.[441] Witiko ging zu den älteren, und dann zu seinen jungen Freunden. Er brachte manchem etwas mit, und empfing von manchem etwas. Bolemil gab ihm den wohlgegliederten Waffenrock, den Dalimil auf dem Wysoka getragen hatte, daß er ihn als Erinnerung an jenen Tage bewahre, an welchem er die Lücke des Verrates ausgefüllt hat, und dadurch sein Kampfnachbar geworden ist. Lubomir gab ihm ein Schwert mit einem Silbergürtel.

An alle Stellen, auf denen Männer waren, die fort ziehen wollten, wurden Nahrungsmittel gebracht, daß sie sich für ihren Weg versehen konnten.

Der Herzog ordnete noch manches, setzte Diepold zu seinem Stellvertreter ein, und ging mit der Herzogin und mit einem großen Geleite auf seinen Zug zur Hochzeit seines Schwagers Heinrich.

Witiko verkaufte noch das lahme Pferd, welches Raimund während der Belagerung Prags gepflegt hatte, und kaufte für den Knecht Jakob ein anderes.

Dann begannen die Männer des Waldes gegen den Mittag des Landes zu ziehen.

Rowno zog mit den Seinen zuerst davon. Dimut ritt auf ihrem Pferde neben ihm. Das weiße Pferd wurde von einem Manne Rownos geführt. Dann ging Hermann von Attes, dann Wyhon von Prachatic.

Die Leute Witikos richteten auch ihr Letztes zu ihrem Heimzuge. Sie bargen oder nähten gar ihr Hauptgeld in ihre Gewänder, sie füllten ihre Säcke mit Nahrung und anderen Dingen, und hängten daran noch allerlei seltsame Sachen aus der Lagerbeute oder Werkzeuge. Sie kauften Honigbrote und Brote aus Weizenmehl, geflochtene und gebackene Kränzlein für die Kinder, dann Hausgeschirre, besonders gar schöne runde gedrechselte Holzkrüge und anderes Geräte, wohl auch Stoffe zu Schleifen und Latzen. Und dann gingen sie an der Burg Wyšehrad vorüber in der Richtung gegen ihren Wald dahin.[442]

Witiko führte sie auf dem Wege, den er eingeschlagen hatte, da er von Wladislaw fort gegangen war, als derselbe den Herzogstuhl bestiegen hatte. Er ritt in seinem Ledergewande auf seinem grauen Pferde, und jedes der braunen Pferde wurde von einem Knechte geführt. Saumpferde trugen alles größere Gepäcke.

Gegen den Abend des sechsten Tages kamen sie an der Rückseite des Kreuzberges von Plan an. Die Leute hatten auf ihre Zurückkunft gewartet, und von dem Berge gegen den Wald ausgeschaut. Jetzt liefen sie ihnen entgegen. Die Männer aber, die von dem Kriege kamen, hielten vor dem Berge an, setzten sich in das Gras, zogen ihre Stiefel aus, hingen dieselben auf ihre Schäfte oder Stäbe oder Schwerter, und zogen barfüßig in die Kirche. Witiko ritt aber als Führer in seiner Bekleidung vor ihnen, und gab das Pferd vor der Kirche zum Halten. In der Kirche harrte der Pfarrer auf die Männer, segnete sie beim Eingange, sprach dann vor dem Altare ein Dankgebet. Dann wendete er sich um, und hielt eine Festrede. Er ermahnte die Männer, sie sollen Gott preisen, der sie erhalten hat, sollen der Toten gedenken, und sollen durch den erlangten Reichtum nicht übermütig und leichtfertig werden. Beim Ausgange segnete er sie wieder.

Außerhalb der Kirche begannen nun die Männer erst über alles zu sprechen. Die Ihrigen und andere umringten sie, und Freuden und Reden wurden getauscht. Die Männer drängten sich dann zu Witiko, verabschiedeten sich, und zerstreuten sich in ihre Wohnungen.

Witiko ritt in das steinerne Haus.

Er verteilte an diesem Tage noch das Geld, welches ihm der Kammerschreiber für die Streiter auf dem Wysoka und die Angehörigen der Toten mitgegeben hatte, er tröstete die Mutter Norberts und Wolfgangs, und besuchte den Pfarrer.

Am nächsten Morgen ging er auf den Kreuzberg, und[443] sah auf den Wald des schwarzen Sees und auf den Wald des heiligen Thomas.

Quelle:
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 5, Wiesbaden 1959, S. 319-444.
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