Eilfter Absatz

[611] Beschreibet die zeitliche Begrüssung / so zwischen Polyphilo und Macarien schrifftlich geschehen: Lehret die Tugend-Art / welche / in zweyen Gemütern / einerley Würckung übet; und anders mehr / das in den Briefen und deren Erklärung selbsten erörtert wird.


Es ist aber billich zu verwundern / daß Macarie und Polyphilus / zugleich auf eine Zeit / einander zuschreiben entschlossen wurden[611] / entweder daß keinem das Lob des Verzugs / oder die Schuld der Vergessenheit / beyzumessen wäre. Es kam eben / daß Polyphilus verreisen wolte / wiewol die Reise gar kurtz / und mehr ein Spatzier-Ritt zu nennen: doch aber so nöthig war / daß sie ihn bald / an dem Gruß-Brieflein / an Macarien / verhindert. Doch befand er einen solchen Zwang bey sich / der ihm gleichsam / mit einem grossen Verlust / drohete / die Feder zur Hand zu nehmen / und noch vor dem eilfertigen Abzug / ein Brieflein an Macarien abzufertigen: so gut es auch die unbedachtsame Geschwindigkeit zuließ. Eben aber / da sich Polyphilus setzt / dorfft ich leicht sagen wird Macarie / durch gleichen Zwang / niedergesetzt / folgenden Gruß an Polyphilum abzufertigen:


Edler Polyphile!

Das Gedächtnus meiner Zusage / welche ich / bey unserm Abschied / hinterlassen / hat mich angetrieben /denselben / durch dieses kleine Briefflein zu besuchen / und mich seines Wohlergehens zu versichern /nicht zweiflende / er werde solches / nach seiner gewöhnlichen Freundlichkeit / günstig aufnehmen / und ihme / wo nicht angenehm / doch erträglich seyn lassen. Insonderheit / weil mich hierzu veranlasset / sein künstlich-poetisches Buch / dessen Ergötzlichkeit /ich / nun eine geraume Zeit hero / erfreulich genossen: selbiges aber / bey dieser Gelegenheit / neben schuldiger[612] Dancksagung / vor so willige Uberlassung / wieder unverletzt übersende / freundlich bittende / er wolle solches / nicht mit zornigem Gesicht empfangen / oder / wegen des langen Aussenbleibens /scharff bestraffen: sondern gewiß glauben / daß es seinem Befehl sorgfältig beobachtet / und allein /durch mein Saumseligkeit / zu diesem Ungehorsam sey verleitet worden. Weßwegenich mir dann billig die gantze Schuld beymesse / und nur um gelinde Straff bitte; selbige auch von seiner Gütigkeit zu erhalten / keines Weges zweifle. Nun solt ich / seinem Begehren zu Folge / etliche meiner einfältigen Verse /seinen Gedichten beygefüget haben / fürchte aber /durch meine ungelehrte Feder / die Würde dieses Buchs zu vergeringern / und desselben Glantz zu verdunckeln / oder wohl gar / mit meinen unschuldigen Reimen / mehr Schimpff / als Gunst / zu erwerben. Massen ich nimmermehr glauben kan / daß seine Gewogenheit / weil sie auf so grosser Ungleichheit beruhet / lange Zeit dauren könne. Zwar weiß ich wol /was die Gelehrte schreiben / daß die allerstärckeste Liebe sich in der Ungleichheit befinde; weil die Venus / nimmermehr den Gott Martem, so hoch / als den Schäfer Adonen geliebt: Diese Begebnus aber /ist mehr in[613] Ungleichheit des Standes / als des Alters /und auch mehr bey Göttern / als Menschen zu finden. Es sey dann auch bey denen / welche sich / mit ihren Tugenden / den Heydnischen Göttern gleich machen. Unter welche Zahl / so ich euch / Tugend-berühmter Polyphile! auch setzen würde / thät ich nicht mehr /als was seine Verdienste / und mein / in diesem Gerichte / unpartheyisches Urtheil erforderte. Dannenhero ich desto weniger die jenige neide / welche geschickter / als ich / ist / solches Kleinod zu gewinnen. Es sind auch meine Gedichte gantz nicht der Meinung / seine Liebste zu beleidigen / oder ihme seine Freyheit zu rauben / sondern sie stellen allein die Gedancken vor / welche mir / in meiner Einsamkeit Gesellschafft leisten / und dafern ich versichert würde /daß sie / zu Sophoxenien keine verdrüßliche Gäste seyn möchten / müsten sie sich / mit nächsten / dahin abzureisen / fertig halten. Diesesmal bitte ich / Edler Polyphile! Ihr wollet die Künheit dieses Briefleins vergeben / in eurer vorigen Freundschaft verharren /und durch eure annehmliche Gedicht / öffters erfreuen / eure

beständige Freundin:

Macarien.
[614]

Könten wir den Gruß Polyphili auch zugleich mit dem vorgesetzten Gruß der Macarien / an einen Ort setzen / wie sie zu einer Zeit verfasset worden / hätten wir selbigen nicht nachsetzen dörffen: nun aber lässet die schuldige Folge Polyphili / seiner Macarien / den Vorzug gar willig über / und gibt uns / nach jenem /auch sein Brieflein / mit solchen Worten / zu lesen:


Mein Kind!

Ob mich wohl keine Nothwendigkeit der Geschäffte /so wichtig und mächtig die auch sind / abhalten oder verhindern solte / so offt ich Gelegenheit überkomme / meinen Fleiß und Dienst / in ihrem Befehl zu erweisen: hab ich doch / biß daher / und anjetzo / wieder meinen Willen / der Zeit ihren Lauf lassen / und sie / ohne schrifftliche Besuchung / in meinem Hertzen / stillschweigend ehren müssen. Daß aber mein Stillschweigen mich nicht etwa / der Vergessenheit halber / oder sonst eines erkalteten Hertzens / bey ihr anklage: habe ich mit diesen / so wahren / als wenigen Worten / verpflichtet befunden / ihr zu bezeugen /wie ich sie / die meine einige Freude / ja mein Verlangen ist / auch abwesend / in meinem Andencken behalte / und durch keine fremde Bewegung verliere / ja! daß alles / was ich ersinne / einig ihre Gunst / mit ewiger Beständigkeit /[615] verlange / und meine Treu /gleich-gebührender Massen verspreche. Wüste also nicht / was mir beliebters widerfahren könte / als wann auch ich / mit solchem Versprechen / der Gewißheit mich zu trösten hätte: welche mir jedoch / wie ich bitt und hoffe / durch ihre liebwürdige Feder / mit nächsten / wird kündig werden / so bald sie diese meine unwürdige Zeilen einiger Beantwortung würdigen wird. Indessen verbleibe sie / mein Kind! wie sie mir / zu bleiben / versprochen / und versichere sich /daß ehe meine Seele sterben wird / als sie / meines theils / über falsches Versprechen klagen soll. Dafern uns auch das Glück gleich so zu wider wäre / daß wir noch länger uns nicht sehen könten / oder die Gedancken des Hertzens gegenwärtig erklären: lasse sie sich dennoch / mein Kind! nichts betrüben / sondern befriedige sich / mit dem Trost / daß sie mein Hertz wisse und kenne. Eben das will auch ich thun / es rathen andere / was sie wollen. Und weil zwar die entschiedene Oerter / unsere Zusammenkunfft / nicht aber unsre Unterredungen verhindern können / als lasse sie / mein Kind! ihre Feder nicht ruhen / mir zu eröffnen / was ihr Hertz sinne / und ob sie meiner gedencke. Daran wie ich nicht zweiffle; als will ich anjetzo schliessen / und neben jenem /[616] nicht mehr bitten / dann daß sie der Unzierde dieses Briefleins vergessen / und der Kürtze vergeben wolle; welche /theils die wenige Zeit / theils die Vielfältigkeit der Geschäffte / verursachet. Ich verpflichte mich / biß an mein End

Dero

treu-beständigen

Polyphilum.


Was werden doch die beyde Verliebte dencken / wann sie / durch so wunder-würckende Schickung / zugleich erfreuet werden? So nemlich ist eine gttreue Liebe beschaffen / daß kein Theil / dem andern / an Treu und Aufrichtigkeit / weichen will. Wir wollen Polyphilum zu erst besehen / und vernehmen / mit was Freude er den Gruß gelesen. Diese ist unerdencklich. Er hertzte das gehertzte Brieflein mehrmals /dann Buchstaben darinnen zu lesen waren. Er rühmete die Beständigkeit ihrer Treu / und verwunderte den Schatz ihrer Weißheit / zusamt dem herrlichen Reichthum ihres gelehrten Mundes / der / je mehr er die Gaben der zierlichen Reden / und verstandigen Schlüsse heraus gab / je weniger er irgend einen Mangel spürte. Das Ende der ersten Uberlesung / forderte den Anfang der Wiederholung / und weil er / in seiner bekümmerten Hoffnung / keinen bessern Trost erfinden mochte / erhub er sich von Sophexenien / in ein kleines begrüntes Lust-Wäldlein / nahm den Brief mit sich / setzte sich unter eine Eichen / da er sonst den Göttlichen[617] und Natur-Wundern nachzuforschen pflegte / und wiederholte diß ausgezierte und gelehrte Brieflein so offt / daß ers / nach dem / in seinem Gedächtnus / ohne der Augen Gebrauch durchgehen konte. Endlich fieng er von sich selber an / solcher Gestalt dasselbe anzureden:

Du bist ja freylich wohl ein liebes und schönes Brieflein! lieb / wegen der Lieben; schön / wegen der gezierten und verständigen Wort. Dein Anfang zeiget alsbald Liebe / indem er rühmet / das Gedächtnus der Zusage / so meine allerliebste Macarie / bey ihrem Abschiede / mir hinterlassen. Solt ich daher nicht die Gewißheit ihrer Liebe schliessen? Falsche Liebe pflegt viel zu versprechen / und wenig zu halten: aber die Liebe / meiner Geliebten und wieder-liebenden Macarien / erweiset ihre Wort im Werck. Ach Macarie! du vollkommener Schatz aller Tugenden / wie kan sich deine Würde / durch thätige Krafft / so mächtig erweisen? Liebe ist die Königin aller Tugenden / dann wo diese erleschet / da finden wir eitel widerstrebende Laster / und verhässige Widerwertigkeiten: so must du / Tugend-Königin! deine Treue / am ersten / durch diese bewähren. Ja! so must du / Tugend-herrschende Macarie! deine Gewalt / in der Herrlichkeit der Liebe / erweisen / die alle andere Tugenden nach sich ziehet. Ach! unschätzbare Macarie! wer wird sich dir gleichen / in einem solchen Wandel / darinnen kein Sterblicher / ohne Anstoß / durchgehen kan? Du zehlest mich zwar unter die Heydnische Götter / vielleicht weil ich sonsten deiner Liebe unwerth würde geachtet seyn: aber du verwirffst mich wieder unter die Sterbliche / in dem du zweiffelst / ob ich dein Besprechen[618] günstig aufnehmen werde. Was sag ich? Nein / ich irr. So ferne ists / daß Macarie zweiffeln solte / als gewiß sie meiner Liebe versichert ist. Aber die Bitte / daß ich mir ihren Gruß soll erträglich seyn lassen / zeiget / dennoch die Furcht / daß er nicht angenehm seyn werde. Angenehm? ach! verlangte Macarie! dafern das jenige / was wir mit sehnlichem Erwarten verlangen / nicht unangenehm heisset / da wirs mit Freuden erlanget / wird / in Warheit! auch das geringste / so von der ewig-verlangten Macarien / meinem sehnlichen Erwarten wird übersendet werden /gleich so angenehm seyn / als mir das Gedächtnus Macarien ergötzlich ist. Was soll ich ferner sagen? Die gewöhnliche Höflichkeit Macarien / so meiner gebührenden Freundlichkeit zu viel mißbrauchet /heisset sie so reden. Dahin ich eben auch / das unverdiente Lob / meines geringen Poetischen Buchs / deuten muß / in welchem aufrichtige Einfalt / die beste Kunst gewesen / und Bäurische Grobheit / die vornehmste Auszierung / die nicht würdig / daß sie von den Kunst-nehrenden Sinnen / der allerverständigsten Macarien betrachtet / viel weniger / zu einer erfreulichen Ergötzung / erwählet worden Aber das zwinget mich / ihre Höflichkeit / zu glauben / und ihre Beredsamkeit anzunehmen. Jedoch muß ich der Billigkeit /in diesem Fall / auch nicht zuwider handeln / daß ich mehr / dann mir gebühret / nehmen solte. Diß ist der Danck / den mir meine Macarie gibt / beneben der Bitte / daß ich mein Buch / wegen des langen Aussenbleibens / nicht zu hart bestraffen solle. Ach Macarie! jenes verdiene ich nicht: dieses gebühret mir nicht. Kan man auch dancken / wo keine Gutthat genossen? Was hab ich[619] dann / allerliebste Macarie! euch gegeben / daß ihr Danckschuldig erkennet? Wird nicht mir vielmehr / die empfangene Ehr diese Gebühr auflegen / daß sie meine übelgesetzte Reimen / ohne Verdruß lesen mögen / und wider Verdienst / mit ihrem herrlichen Lob / krönen: Ja Macarie! soll ich Danck geben / sie annehmen: ich muß bitten / und mich freuen / daß sie mein allzukühnes Buch / ohne grosse Bestraffung / wieder zuruck geschickt / und nicht viel eher / als einen unangenehmen Gast / mit zornigem Gesicht / verjaget. Wie hast du dich doch / schlechtes Buch! unterstehen dörffen / bey den schonen Händen Macarien so lange zu wohnen: Du hast mir gefolget /der ich auch den Abschied nicht finden können / so offt ich zu ihr kommen. Sag mir aber / so du mir getreu gewesen / hast du meinen Befehl sorgfältig beobachtet? So gibt dir Macarie selbsten das Zeugnus /dem ich glauben muß / und um desto lieber glaube /weil ichs gern glaube. Ich will nicht hoffen / daß du anderst wirst / mit Macarien / geredt haben / als aus Liebe / sonst wolt ich dir deine Untreu bezahlen /auch wirst du / was ihr nicht gefallen / verhelet haben / und sie gebeten / daß sies nicht glaube / oder mehr daran gedencke; weil du nicht allemal gleich meinem Hertzen redest / das seinen freyen Lauf / ohne deine Schrancken / behalten / und dir / wegen deiner verschwatzten Zungen / öffters etwas vertrauet / das es anderst bey sich beschlossen / auf daß die Liebe Macarien / durch dich zwar bezeuget / aber nicht /ohne Zweifel / beschrien werde: Wessen wann du mich versichern wirst / werde ich allen andern Ungehorsam / darzu dich die Saümseligkeit / der sonst fertigen Macarien / dißmal verleitet / als angenehm und begehrt erkennen[620] / der wieder dich / noch die unsträffliche Macarien / einiges Verbrechens beschulden /oder einer Straf / sie sey auch / so gelinde sie wolle /werth erkennen wird. Aber / schönste Macarie! warum bittet sie um eine gelinde Strafe? Womit hat sie wider mich gesündiget? vielleicht / daß sie meiner vergessen / und mich nicht mehr / wie vorhin / liebet? So sehe sie meine Gütigkeit / die / auf ihren Befehl /diese Bitte / an statt der Straf setzet / daß sie meiner gedencken / und mich getreuer lieben wolle. Oder ist sie straffwürdig / daß sie mein einfältiges Buch / mit ihren gezierten Versen / nicht verehret / will ich ihr auch diß vergeben / weil sie meine Einfalt / mit ihren Kunst-Gedichten / nicht beschimpffen mögen. Dann ich doch nicht glauben kan / daß ihr gelehrte Feder anderst schreiben solte / als was Ruhm und Gunst verdienet. Was aber glaubet sie / unglaubige Macarie: Es könne meine Gewogenheit / wegen der Ungleichheit unsrer Jahre / nicht dauren? Wie versteht sie das /verständige Macarie: will sie dann schon sterben /oder ist sie der Gruben so nahe? Ich meyne je / die Zeit ihrer Jahre wird meine nicht um 3. Schritt überschreiten: solte sie dann / liebstes Kind! die 3. Schritt vor mir sterben / wolte ich desto geschwinder eilen /daß ich dieselbe / gleich in ihrem Fall / vollbrächte /und alsdenn / mit ihr / in eine Gruben fiele: so müste dennoch die Ungleichheit unsrer Jahre / auch wider ihren Willen / uns beysammen lassen. Oder ist ein ander Ubel daher zu beförchten? So scheint sie zwar zu schliessen / von der Venus / als wann meine Liebe sich deren nicht gleichen werde: aber was gibt sie vor Ursach? In Warheit! ihre Entschuldigung ist nicht aller Orten gültig / in dem ich mehrmaln[621] das Widerspiel erweisen will. Mein Sinn ist je beschaffen / daß ich lieber eine höhere am Alter / dann eine niedere am Stand lieben will. Dann Liebe / ohne Ehre / ist keine Liebe. Die Bauren-Dirne bleibet wol vor mir: aber ein Damen-Bild / das schön / freundlich / holdselig und Tugendhafft ist / liebe ich / sie sey alt oder jung. Ist nun die Liebe einmal auf Tugend gegründet / bestehet sie / so lang der Grund stehet: diesen aber zu erhalten / ruhet allein in ihrer Gewalt. Es liebe die Venus ihren Schäfer / der jung ist: Ich lasse mir gefallen die mannbare Tugend / und den bejahrten Verstand. Was bewegte die Göttin zu solcher Liebe? nicht der Schäfer / nicht die Jugend: besondern die Schönheit. Meine Macarie ist schöner / als tausend Adonen. Adonis Schönheit verwelckte: meiner allerschönsten Macarien Zierde blühet mit der Tugend / die nicht vergehen kan. Was schadet uns nun die Ungleichheit des Standes / oder der Jahre. Ist die Liebe starck / so auf jener bestehet / so hat mich Macarie / mit Unrecht / in die Zahl der Götter gesetzet / weil ich nicht begehre / daß durch meine Gleichheit / die Liebe Macarien unkräfftig werde. Ich geruhe in ihrem Schluß /und bleibe / bey den Sterblichen / der Adonis / wann ich ja nicht mehr Polyphilus heissen darff / damit ich nicht geringere Jahr führe: bleibe auch sie / allerwürdigste Macarie! unter den Göttinnen / die Venus / und liebe ihren Adonem / so will ich gern bekennen / daß sie mehr durch ihre Verdienste / als mein geringes /doch gerechtes Urtheil / unter die Zahl der Unsterblichen gesetzet sey. Welche wird aber alsdann geschickter seyn / das Kleinod zu gewinnen? Ihr wird alles gebühren /[622] dafern sie nur meine Freyheit / als unwürdig / rauben mag. Ich bin selber gantz ihre /darum sie freylich meine Liebste nicht beleidigen wird / es sey dann / daß sie mich von ihr stosse / und mir den Namen nicht gönnen wolle / daß ich / in dieser Sterblichkeit / von einer Göttin geliebet würde. Doch tröstet mich die Hoffnung / daß sie auch in ihrer vorigen Freundschafft verharren wird / wie sie mich darinnen verharren heisset. Welches alles mir sichern Glauben erwecket / sie werde die Gedichte / als die angenehmste Gäste / mir mit nächstem zuschicken /und die Gedancken / so ihr / in ihrer Einsamkeit / Gesellschafft leisten / erklären: welche ich / in meiner bekümmerten Hoffnung zum Trost / und der Betrübnus zur Ergötzung / wählen werde: auch sie hinwiederum / nicht zwar / wie ich billig solte / mit annehmlichen Gedichten erfreuen: sondern / wie ich müglich kan / mit einfältigen Reimen bemühen / daraus sie erkenne / daß ich der beständigste Freund / meiner beständigen Macarien / leben und sterben werde.

Das waren die Gedancken Polyphili / damit er ihm selber den Brief erklärt. Die Ergötzlichkeit des Lustbringenden Lust-Wädleins / halff nicht wenig zu der Vermehrung seiner Freude / die endlich in eine Begierde ausschlug / Macarien zu sehen / daß er gedachte: ach! möcht ich doch / allerliebstes Kind! dich nur schen / wolt ich mich gerne zu frieden geben: Ich begehrte nichts mehr / als / durch deine Gegenwart / die Herrlichkeit deines Glantzes zu verwundern / wie ich den Pracht deiner Tugend und Weißheit / in diesem Beief / ausgedrücket sehe. Diese Begierde verursachte ihn / daß er / in dem er den Wald durchgieng / und wieder nach Hauß gedachte / folgendes Sonnet verfertigte:
[623]

Ich glaub es endlich wohl / daß unter allen Sinnen /

so viel auch deren seyn; wann sie sind all verliebt /

doch keiner nicht so sehr und schmertzlich sey betrübt /

als eben das Gesicht: das niemals je gewinnen /

und wieder niemand nicht hat je vergnügen können /

wann er nicht / wie er wolt / konnt dessen mächtig seyn /

wornach ihn so verlangt / und durch den Gegen-schein

gewechselt Aug um Aug: wie von der Himmels-Zinnen

die Sonne steigt herab: und wie die Wasser rinnen

gleich gegen ihrem Strahl: auch so der Augen Liecht

durchleuchtet / bleibet hell / und wird verdunckelt nicht /

wann gleich die Finsternüs im Mitten stecket drinnen:

mir ist jetzt eben so / wann ich dich sehen könnt /

wär ich zu frieden schon / ob mir sonst nichts vergönnt.


Eben gieng er mit dem Ende des Sonnets zum Wald aus / da er Sophoxenien ersahe / und weil die Begierde / seine Geliebte zu sehen / immer hefftiger wurde /eilete er / mit geschwindern Tritt / nach Hause / gleich als wolte er sein Begehren vollbringen: unter währendem Gang aber / redete er seine Begierde / mit solchen Worten an:


Es solt ja Wunder seyn / daß eben das Gesichte

die andern Sinne gantz mit ihrem Werck vernichte /

ist das Gesicht vergnügt / hat alles keine Noth /

wanns jenem aber fehlt / ist alle Freude todt.

Drum wünsch ich anders nichts / als / Liebste! dich zusehen /

so offt es nur kan seyn: Ach! könnt es doch geschehen /

daß keine Stunde nicht für über lauffen wolt /

die mir nicht meine Luft zu sehen gönnen solt!

Ich weiß nicht / wie es kommt? Ich habe volle Gnüge /

wann ich mich gegen ihr nur bloß in Demuth biege /

so bald ich sie erseh / hat alles alles gnug /

mein Schmecken / hören / Sehn / mein Fühlen und Geruch.


Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 611-624.
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